Als ich ankomme (es ist ein sonniger, warmer Sonntag), sind alle auf den Straßen. Auf dem Marktplatz gibt es ein mittelalterlich wirkendes Fest mit Bierständen, Kindern und Clowns, einer Bühne, auf der eine andere Rock-Band (genauso schlecht wie die in Stuttgart) ebenfalls auf Englisch singt, während einige Radfahrer, die als Radfahrer verkleidet sind, am Platz vorbeisausen und wie wild in die Pedale treten, um ein – nach meinem Erachten - sinnloses Rennen zu gewinnen. Ich verspüre plötzlich den Wunsch, nach Hause zu gehen (auch wenn ich nicht weiß, wo „Zuhause“ überhaupt ist). Es gelingt mir zumindest, der Menge zu entfliehen, indem ich einigen Personen und den Sicherheitsmännern ausweiche, und in die Miniaturwelt der Spielzeuge eintauche, die für die Kinder ein Abbild der Realität darstellen und in der es sogar verkleidete Radfahrer gibt, die jedoch glücklicherweise nicht dieselben verkleideten Radfahrer sind, vor denen ich mich eben gerettet habe.
Ich bin schon etwas ruhiger, als ich in den Bus zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände steige (da soll mal einer sagen, im Deutschen gebe es keine langen Wörter, diese Wörter gleichen Vipern...). Ich hätte erahnen sollen, dass sich hinter diesem Namen etwas Entsetzliches verbirgt, aber habe es nicht getan... Während der etwa 15-minütigen Fahrt habe ich mich darauf gefreut (wie man so schön sagt), denn ich dachte, dass ich in diesem Zentrum – das erst kürzlich eingeweiht worden ist –, die Dokumente der Prozesse sehen würde, die zweifellos als Modell für unseren Prozess gegen die Militärjunta diente. Weit gefehlt. Was ich dort vorfand, glich der Architektur eines Albtraums: Dort stand der Komplex, den der Führer sich im Größenwahn für seine berauschenden Feste errichten ließ. Ein Rausch, um es auf den Punkt zu bringen, an dem die gesamte Gesellschaft teilnahm. Wir Argentinier wissen, wovon ich spreche.
Faszination und Gewalt: vier Stunden ohne Pause, gefüllt mit Informationen über den Aufstieg, die Blütezeit und den Fall der Nazis. In Leni Riefenstahls Film Triumph der Wahrheit, den ich ganz gesehen habe, entdeckte ich, dass der Platz, auf dem Hitler die Deutschen in Scharen zusammenkommen ließ, auf dem er seine Reden hielt und die SS-Geschwader im Gleichschritt vorbeimarschierten, während die Jugendlichen, die Frauen und Kinder ihn verzückt bewunderten, derselbe (ja, derselbe) Platz war, auf dem ich zuvor die als Radfahrer verkleideten Radfahrer gesehen hatte.
Nürnberg war allem Anschein nach das Herz des Nazi-Theaters; das politische und geografische Zentrum, an dem die „Sympathisanten” des Regimes zusammentrafen. Hierher wurden sie von der Partei gebracht, die ihnen Brot und Spiele bot.
Ich weiß, dass ich mich darauf beschränken soll, über Stuttgart zu schreiben, aber betrifft das etwa nicht Stuttgart? Betrifft das nicht uns alle? Ich frage mich, bis zu welchem Grad der Überdruss, das Elend und die unschlagbare Leere der menschlichen Existenz stets die Wurzel der politischen Begeisterung und der Verzückung ist, die die messianischen Projekte auslösen. Ich glaube nicht, dass es ein beängstigenderes Antlitz der menschlichen Verwundbarkeit gibt. Der Keim lebt. Das konnte ich mit eigenen Augen auf der runden und leeren Rennbahn der Radfahrer sehen.
Übersetzung: Christin Kleinhenz



