Ich nutzte die Gelegenheit, dass mittwochs der Eintritt frei ist, und sah mir die Giacometti-Sammlung im Kunsthaus an. Besonders gut gefiel mir ein Ölgemälde von Giovanni Giacometti, Albertos Vater, auf dem man seinen Sohn sieht, der ganz von nahem seine Mutter studiert, und im Hintergrund die Skulptur, die er gerade von ihr macht. Eindrucksvoll sind auch die Miniatur-Skulpturen, die Giacometti eine Zeit lang anfertigte (anscheinend wollte er die Entfernung in die Skulptur einbringen und machte daher winzig kleine Figürchen auf proportional unproportionalen Sockeln, so sollte der Zuschauer, selbst wenn er ganz dicht davor stünde, das Gefühl haben, sie aus kilometerweiter Entfernung zu sehen), und natürlich der berühmte Hund. Seine monumentalste Skulptur („Große Frau“ oder so ähnlich, Giacomettis Titel sind ebenso karg wie seine Bilder) steht jedoch neben seinen Zeitgenossen. Von vorn gesehen hängt dahinter ein Rothko, rechts, und links ein Barnett Newman, von dem mich vor Jahren in der National Gallery in Washington die Stations of the cross fasziniert hatten. Seitlich, als harrte er auf der Reservebank auf seinen Einsatz, ein Pollock.
Ein Maler, den ich nicht kannte und der mir zudem gefällt (erstgenannte Kategorie ist bei mir sehr weit gefasst, die zweite eher eng), ist Cy Twombly, von dem so etwas wie sehr eindrucksvolle Wellen aus Farben ausgestellt waren (Zeitraum 1984-99 in der Sammlung, die man auf seiner Webseite sehen kann).
Da auch die Audioguides umsonst waren, hörte ich mir die Erklärungen mancher Bilder an, wunderbare Plattitüden, solange man vergisst, dass es Leute gibt, die das ernst nehmen. Von dem ganzen lachhaften Gewäsch behielt ich nur die Geschichte eines Gemäldes von Giovanni Segantini, eine Berglandschaft, von der ich im Internet keine Abbildung finde (sagen wir mal dieser Art, wenn auch sonniger und im Vordergrund mit einem Schäfer, der auf einem Felsblock sitzend schläft, und weidenden Schafen). Um es zu malen, soll der gute Giovanni rund drei Stunden lang durch die Berge gelaufen sein, vorgeblich um den erhöhten Punkt zu erreichen, von wo aus man die Wiesen, den See und im Hintergrund die Bergkette sehen kann. Als die Experten jedoch den genauen Ort suchen wollten, den der Künstler gemalt hatte, merkten sie, dass man da ganz etwas anderes sah.
Schon beim Verlassen des Museums kläfften sich im Eingangsbereich - wohlgemerkt innen - zwei Hunde an (hier kommen die Hunde überall mit rein, auch in die Busse und die Geschäfte, was nicht weiter überrascht, wenn man feststellt, dass sie besser erzogen sind als die meisten Touristen). Die Gespräche in der Halle verstummten wie auf Anweisung eines Dirigenten. Einen Moment lang herrschte Hochspannung. Doch weiter geschah nichts und zum Glück gab es kein Gebeiße zu beklagen.
Übersetzung: Silke Kleemann



