Aber konnte man wirklich alles aufzeichnen, was man tat?
César Aira, Varamo
Gustavo, der mich auf Geheiß der Schweizer Botschaft vom Flughafen abholt, ist seit dreiundzwanzig Jahren Taxichauffeur, und ebenso lange scheint die Frontscheibe seines ansonsten makellosen Renaults nicht mehr gewaschen worden zu sein. Buenos Aires präsentiert sich mir durch den dreifachen Schleier schlaf-verklebter Kontaktlinsen, der salzverkrusteten Windschutzscheibe und des öffentlichen Nebels – starke Farben an Lastwagen und Weltformatplakaten geben mir Anhaltspunkte zu Existenz und Position der Außenwelt.
Kürzlich habe er beim Waschen seines Taxis hinter dem Fahrersitz ein Perlenarmband gefunden, berichtet Gustavo vergnügt, nachdem die Formalitäten erledigt sind (Sprachwahl, Herkunft, Aufgaben am Zielort). Er hielt das Armband für künstlichen Schmuck und gab es einer fünfjährigen Enkelin als Spielzeug. Ein paar Tage später habe ein Freund der Familie behauptet, das Armband sei echt. Sein Sohn sei in eine große Aufregung geraten und wollte es einem Juwelier zeigen, aber er, Gustavo, habe darauf bestanden, das Armband, egal welchen Wert es besitze, der Enkelin zurückzugeben, die tagein, tagaus damit spiele.
Dass uns alle Fahrzeuge überholen, hat damit zu tun, dass wir als einzige die 80 km/h Geschwindigkeitsbegrenzung beachten. Nach dem Passieren der Autobahn-Zahlstelle fährt Gustavo freihändig, bis die Geldscheine sorgfältig längsgefaltet im Geldbeutel versorgt sind.
Die zu erledigenden Aufgaben eines Writers-in-Residence in Buenos Aires sollten sich nach Ratschlag meines Chauffeurs auf drei Dinge beschränken: Den Tango erlernen, sich in der Wissenschaft des Fußballs weiterbilden und Dulce de Leche genießen. Vielleicht sind diese drei Branchen die einzigen, in denen Argentinier heute noch mit großer Empfindlichkeit auf ihre Vorherrschaft bedacht sind. Dass England die bessere Marine stellt, scheint wenigstens Gustavo gleichgültig; dass die jungen Argentinier, die ich im Flugzeug getroffen habe, lieber mit Iberia als mit Aerolineas Argentinas fliegen, nimmt er gelassen zur Kenntnis. Habe ich jedoch die Vermessenheit einzuwerfen, ob denn nicht momentan Afrika die interessanteren Fußballer stellte als Argentinien, ob nicht möglicherweise in Belgien ebenso suggestive Süßspeisen kreiert würden, und ob nicht Paris die heimliche Tango-Hauptstadt der Welt sei, regt sich sofort und energisch das nationale Ehrgefühl.
„Do you know César Aira?“
„Quién? No.“
Fahren wir an einer Kirche vorbei, bekreuzigt sich Gustavo. Auf der halbstündigen Fahrt vom Flughafen bis zur Ecke Juncal y Anchorena geschieht dies fünfmal. Um herauszufinden, wie fromm Gustavo im Vergleich zu seinen Berufsgenossen ist, nehme ich mir vor, möglichst bald vor einer Kirche Aufstellung zu nehmen und das Gebaren der hiesigen Taxifahrer zu beobachten. Erst aber lädt mich Gustavo vor meinem Departamento ab; wir wünschen uns gegenseitig viele ergiebige Begegnungen für die Dauer unserer restlichen Leben.
Beim ersten großen Einkauf im Disco Supermarkt (WC-Papier, Kaffee, Dulce de Leche) stellt sich mir die Frage, warum sowohl auf der Nordhalbkugel wie auf der Südhalbkugel die Einkaufswägelchen so konstruiert sind, dass jeweils ein Rad stur in eine völlig andere Richtung läuft als die drei übrigen.



