Cyberabad
Zeit also für ein Interview-Termin mit Andhra Pradeshs IT-Minister Ponnala Lakshmaiah. Sehr viele Fragen habe ich in meinen Block notiert. Wie er die Verwandlung der hiesigen IT-Industrie von einem reinen Service-Anbieter für den reichen Westen in einen Service-Anbieter für heimische Branchen sieht, zum Beispiel. Und ob das nicht auch eine Gefahr für die boomende Branche ist, weil die dicke Kohle, die kommt ja momentan noch aus dem Westen. Außerdem wäre es sehr interessant gewesen zu erfahren, weshalb nicht mehr Computer und Internetanschlüsse für Schulen bereitgestellt werden und was Lakshmaiah dazu zu sagen hat, dass bislang nur drei Prozent aller indischen Haushalte einen Internetanschluss haben (zum Vergleich: laut aktueller ARD-ZDF Onlinestudie sind 73,3 Prozent aller Deutschen online). Doch dann kommt alles ganz anders.
Großes Hallo, Händeschütteln, Visitenkartenüberreichen. Gleich vier Getreue umschwirren Lakshmaiah in seinem Büro, hinzu kommen Bedienstete die Zettel raus und reinreichen, Häppchen und Diät-Cola bringen. “Lassen Sie uns nach nebenan gehen, da ist es weniger formell”, sagt Lakshmaiah. Nebenan gibt es einen fensterlosen Raum mit Sofas und Sesseln und einem kleinen Couchtisch. Häppchen knabbern, Cola trinken, dazwischen beantworte ich die Fragen des Ministers und seiner Recken. Ja, das sei ein Journalisten-Austauschprogramm. Ja, Indien gefalle mir sehr gut. Ja, das Essen sei ungewohnt scharf. Jedes Mal wenn ich zu meinem Block greife, Luft hole und endlich auch eine Frage stellen will, werden neue Häppchen gereicht. Dann wird über den – zugegebener Maßen – sehr beeindruckenden Werdegang des – zugegebener Maßen sehr freundlichen – Ministers gesprochen. Und dann, na ja dann ist die Zeit leider auch schon rum. Völlig überraschend bekomme ich Geschenke überreicht. Eine goldenen Schale wird mir in die Hände gedruckt, ich bekomme einen langen Schal umgehängt. Der Minister lächelt. Dann klicken die Kameras. "Das ist wirklich eine sehr grosse Ehre", sagt mir später ein Kollege. "Die höchste Stufe der Anerkennung." Der Minister schüttelt mir die Hand. Ich könne ihn ja morgen bei seiner Wahlkampf-Tour in seiner Heimatstadt Warangal besuchen, seine Mitarbeiter würden mich hinfahren und auf der ca. 2,5-stündigen Fahrt könnteich ja mit seinen Experten über meine Fragen sprechen. “Ja klar”, sage ich. “Das freut mich.”

IT-Minister Ponnala Lakshmaiah (links im Bild) überrascht mich (man sieht es) mit einer goldenen Schale und einem Schal
Am nächsten Morgen holt mich Lakshmaiahs Pressesprecher Prasad Rao mit Fahrer und Handlanger ab. Mittlerweile würde es mich nicht wundern, hätte auch Raos Gehilfe noch einen Gehilfen. Kaum haben sich die Autotüren geschlossen, fallen Rao und sein Kompagnon in einen tiefen Schlaf. Schlaglöcher, Hupen, Notbremsen: Egal. Die Jungs ratzen auf der Rückbank. Der versprochene IT-Experte ist übrigens nicht dabei. Der Mann hätte auch nicht mehr wirklich in den kleinen Suzuki Swift gepasst mit dem wir unterwegs sind.
Tempel der 1000 Säulen in Warangal
In Warangal angekommen, laden mich die Herren zum Frühstück ein. Ich treffe Warangals Ex-Bürgermeister und Lokaljournalisten: Großes Hallo, Händeschütteln, Visitenkartenüberreichen. Dann geht es weiter. Minister Lakshmaiah hatte mir Tags zuvor noch gesagt, seine Mitarbeiter könnten mir doch bei der Gelegenheit auch die Attraktionen seiner Heimatstadt zeigen. Und so macht der Pressesprecher des Ministers für mich den Touristenführer. Warangal war die Hauptstadt des hinduistischen Königreiches der Kakatiya Dynastie. Es gibt den Tempel der 1000 Säulen, Ruinen eines beindruckenden Forts und einen großen Hindu-Tempel zu besichtigen.
Ruinen des Hindu-Forts in Warangal
Im Anschluss steht das Mittagessen im Nobelhotel an. Mit am Tisch sitzen drei Journalisten von drei englischsprachigen Tageszeitungen: Großes Hallo, Händeschütteln, Visitenkartenüberreichen. Kein Wort über IT, Cloud Computing oder Internetzugänge wird gewechselt. Stattdessen werde ich zum laufenden Wahlkampf vor Ort (keine Ahnung), zur Agrarpolitik in Europa (leider auch keine Ahnung) und zum indischen Essen (keine Ahnung, aber eine Meinung) befragt.
Nur eineinhalb Stunden später geht es weiter. Dieses Mal zu Minister Lakshmaiah, raus in den Vorort wo der Wahlkampf tobt. Auf einem Feld ist ein großes Zelt aufgebaut. Im Schatten sitzen mehrere hundert Zuhörer auf dem Boden und lauschen den Reden der Politiker auf dem Podium. Es wird geklatscht und gelacht. Leider verstehe ich kein Wort. Alle unterhalten sich in der hiesigen Landessprache Telugu. Plötzlich winkt mich der Minister zu sich nach vorne, fragt mich, ob mir seine Heimat gefallen hat und ob mir Rao auch ja alles ordentlich erklärt habe. Händeschütteln vor Publikum, Kameras klicken, Blitzlichtgewitter. Die internationale Presse ist gekommen um über den Wahlkampf in Warangal zu berichten. Die international Presse, das bin ich. Leute scharen sich um Lakshmaiah und mich. Noch mehr Händeschütteln. Nach dem letzten Foto sagt der Minister, er habe jetzt leider keine Zeit mehr. Schließlich müsse er hier weitermachen. Meine Fragen könne ich ihm ja per E-Mail schicken. Die internationale Presse tritt vom Podium. Rao fasst mich am Arm, zieht mich durch die Menge in Richtung Auto. Leider habe er am Abend wichtige Termine in Hyderabad und deshalb müssten wir jetzt auch dringend los, sagt er. “Ok”, sage ich und steige in das Auto. Kaum hat sich der Wagen in Bewegung gesetzt fallen Rao und sein Mitarbeiter auf der Rückbank in einen tiefen Schlaf.
Wahlkampf in Warangal
