Nationalistisch? Patriotisch? Staatsbürgerlich? Marsch am #Independence Day in #Vilnius. #Litauen #nahaufnahme twitter.com/mogriebeler/st…
— Monika Griebeler (@mogriebeler) 11. März 2013Das ist für mich nach diesem Tag die Frage: Wo ist die Grenze zwischen Patriotismus, Nationalismus und schlichtem Stolz, ein "eigenes" Land zu haben, nachdem man 50 Jahre lang okkupiert war?
Am 11. März feiert Litauen die Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit. (Fast) alle haben frei. Viele gehen in die Stadt, die litauische Flagge am Revers oder gleich großformatig in der Hand. Und sie marschieren durch die Innenstadt. 2008, gleich beim ersten Mal, hatten Teilnehmer des Marsches rassistische Parolen skandiert. Seitdem sind üblicherweise Nationalisten, Neo-Nazis mit dabei. Kein Wunder also, dass es jedes Mal im Vorfeld große Diskussionen gibt.
Die wurden in diesem Jahr durch zwei Dinge befeuert. Zum einen: In einem Interview mit der Chefredakteurin von Delfi.lt nannte Staatspräsidentin Grybauskaitė die Teilnehmer "patriotische Jugend". Jeder, mit dem ich darüber sprach, hielt diese Einschätzung für unverantwortlich. Und, zweitens, ein Gericht hatte den Marsch über den Vilnius'schen Prachtboulevard Gedimino Prospekt verboten. Stattdessen hätten die Leute an der Uferstraße auf der anderen Seite des Flusses Neris marschieren können.
Wollten sie aber nicht. Und so trafen sich Hunderte - Gerichtsentscheid hin oder her - auf dem Platz an der Kathedrale: viele alte Leute, einige Jugendliche, Parlamentsabgeordnete, zahlreiche Journalisten. Und solche Typen (und Frauen!), denen ich nicht allein im Dunkeln begegnen wollte: kahlrasierte Schädel, massive Stiefel, schwarze Klamotten. Nazis. Auch einer der Organisatoren passte in diese Reihe. Einige der Typen wurden interviewt - auch einer, dessen Partei wegen ihrer Gesinnung verboten wurde, wenn ich es richtig verstanden habe. In Deutschland würde man solchen Leuten eher keine Sendezeit geben. Mit Irren kann man nicht argumentieren. Kritisch beäugt wurde die ganze Versammlung von der Polizei. Ein Großaufgebot vor Ort, mit Kameras, Pferden, dicht geschlossenen Reihen grimmig dreinschauender Einsatzkräfte. "Halten Sie sich an die Regeln", sagte die Polizei über Lautsprecher durch. Gegen den Marsch selbst, der dann startete, unternahm jedoch keiner was.
"Lietuva! Lietuva!" - fast wie Fußballfangesänge hallte es von den Hauswänden wider. Klang es bedrohlich? Oder einfach nur stolz? Es kommt drauf an, wer schrie und wie. Rechtsextrem sicher diejenigen, die die Endung abwandelten und "Lietuva Lietuviams!" riefen: "Litauen den Litauern!" Der Unterschied ist kaum zu hören, ich konnte ihn aber ein paar Mal an den Lippen ablesen. Und: Nazis sehen beim Schreien immer so aggressiv aus. Können die nicht anders?
Das Gegenprogramm: "Litauen für alle! Litauen für alle!" Zweistimmig gerufen von einem kleinen Häufchen Jugendlicher, die den Marsch am Straßenrand verfolgten. Finde ich persönlich schöner, definitiv nicht bedrohlich. Beachtet wurden sie leider kaum. Mediale Aufmerksamkeit bekam immerhin ein junger Mann für seine wundervolle Idee, einfach vor der ganzen Bagage herzumarschieren, den Blick stolz nach vorne, mit ernstem Gesichtsausdruck und geradem Kreuz, in den Händen ein Schild: "Zirkus", stand darauf. Yay!
Insgesamt erinnerte mich die Veranstaltung überwiegend mehr an einen Sonntagsspaziergang durch die Innenstadt. Der endete nach knapp einer Stunde am Platz vor dem KGB-Museum, natürlich, mit Reden und der Nationalhymne.
Die Gefahr liegt vermutlich darin, dass sich alles so mischt. Dass Nazis Teil der Gruppe sind. Dass einige der Organisatoren kein unterstützenswertes Gedankengut vertreten - und den Rechtsstaat missachten. Das darf nicht sein, finde ich. Das muss man kritisieren, boykottieren, bloßstellen. Rechtsextremisten dürfen sich nicht durchsetzen - ob sie nun als Nationalisten oder Patrioten daherkommen. Aber das ist ja eigentlich klar.



