
In diesem Gebäude arbeitet die Redaktion von To Vima. Auch andere Magazine, Zeitungen und Onlinemedien der Verlagsgruppe sind hier untergebracht.
To Vima ist eine der führenden Zeitungen in Griechenland. Sonntags erscheint eine gedruckte Ausgabe und an allen anderen Tagen schreiben die Redakteure für die gleichnamige Nachrichtenwebsite. "Es reicht, wenn Du um drei in der Redaktion bist", sagte mir Achilles Hekimoglou, der Redakteur, der mich und ZEIT ONLINE im April in Berlin besuchen wird. "Es gibt einen Ministreik von Journalisten von 12 bis 15 Uhr."
"Become a journalist and sleep late" A lot @tovimagr start work no earlier than noon, stay until late at night. Now sleep tight #nahaufnahme
— Sven Stockrahm (@svensonst) 12. Februar 2013Wie die meisten Griechen, die noch Arbeit haben, wurden auch die Gehälter der Redakteure stark gekürzt. Sonderabgaben und höhere Steuern belasten die Menschen zusätzlich. Das schürt auch die Spannungen in der Gesellschaft. Gewalt und Prügeleien mit der Polizei waren in den vergangenen zwei Jahren nicht selten die Folge. Schauplatz war meist der Syntagmaplatz vor dem einstigen Königspalast, der das Parlament beherbergt.
Hier wird die Krise auch für mich am Dienstagabend sichtbar. Vor dem Parlament sehe ich Anhänger der Bewegung unabhängiger Bürger. Sie protestieren. Gegründet wurde die Bewegung 2010 unter dem Namen Spitha (Funke) von dem bekannten Komponisten Mikis Theodorakis. Zuletzt hetzte Spitha vor allem gegen Abgeordnete, die für das Sparpaket stimmten. Sie wurden bespuckt und beschimpft.

Anhänger von Spitha protestieren auf dem Syntagmaplatz.
"Die Leute in Griechenland leiden", sagt Dimitris Thanos. Ich treffe den Forscher an einem der wenigen Orte, die bislang kaum von Sparmaßnahmen und Kürzungen betroffen sind. Die Bioacademy in Athen ist eine Insel für die Wissenschaft. Hier wird etwa daran gearbeitet, Experimente aus dem Labor in die Praxis zu bringen. Egal, ob es etwa um die Diagnose oder das Verständnis von Krankheiten geht oder die Medikamentenforschung. Finanziert wird das Institut mit Mitteln aus dem EU-Forschungsetat, zudem verdient es an einigen Patenten und einer kleinen Praxis für Krebsdiagnostik.
Thanos senkt die Stimme, wenn er über die Krise spricht. "Bildung- und Gesundheitswesen sowie der öffentliche Dienst sind zusammengeschrumpft", erzählt er. "Auch das hat zu einer angestauten Wut geführt". Und die richtet sich nun gegen alle. "Ich befürchte, das könnte noch explodieren". Die Leute seien gewillt zu sparen, Einschnitte hinzunehmen. Aber die Grenzen seien erreicht. Noch würden die Menschen versuchen, zurechtzukommen.
Auch ich werde überall freundlich aufgenommen, die Leute sind hilfsbereit und zuvorkommend. Zwar reißen viele sarkastische Sprüche über die deutsche Kanzlerin und ihre Politik. Doch feindselig sind die Menschen nicht, denen ich begegne.
Thanos kam vor zehn Jahren zurück nach Griechenland, er hatte zuvor in New York an der Columbia Universität geforscht. Nun sieht er viele Forscher in Griechenland gehen. Wirklich zuversichtlich ist er nicht, dass sich die Bioacademy weiterhin der Krise entziehen kann. Die Förderungen laufen in den nächsten drei Jahren aus. Zwar ist die Qualität der Forschung hoch, aber die Frage ist, wer sie sich in Zukunft leisten will.

Schmierereien an einem Gebäude reflektieren auch den Zorn der Menschen.
Morgen stehen in Athen die Busse still. Die Fahrer legen die Arbeit nieder. Dies kommt oft vor. Vor zwei Wochen streikten auch die U-Bahn-Mitarbeiter fünf Tage lang. Sie wollten die Kürzungen ihrer Gehälter und damit steigende Kosten für Kranken- und Rentenversicherungen nicht länger hinnehmen. Die Regierung griff besonders hart durch, nachdem sie sich weigerte, den Forderungen nachzugeben. Polizisten sollten die Streikenden zwingen, die Metro wieder in Gang zu bringen. Schließlich endete der Streik.
Nächste Woche Mittwoch gibt es zudem wieder einen Generalstreik. Erst zwei Monate ist der letzte her. Die Busse werden fahren. Sie bringen die Menschen zum Syntagmaplatz, zu den Demonstrationen. Sie werden wohl auch in Zukunft vorerst Teil von Athen bleiben.




