Tobias Megerle
Museen und Galerien sind Rückzugsorte aus der Hektik der Großstadt. Wahrscheinlich bin ich das vergangene Jahr nicht so oft in Ausstellungen gewesen wie jetzt in diesen paar Wochen in Mumbai. Weil die Stadt eben voller und hektischer ist als jede andere Stadt, die ich bisher erlebt habe.
In der National Gallery Of Modern Art wird eine Retrospektive von Homai Vyarawalla gezeigt. Die Fotografin - geboren 1913 - war die erste Frau, die sich mit Sari bekleidet mit ihrer Kamera in das Zeitgeschehen stürzte. Und in was für eines: Sie erlebte die letzten Tage des Britischen Empires und den Aufstieg einer neuen Nation. Sie fotografierte die Großen und Mächtigen, aber auch die Mitte der Gesellschaft in der 60er und 70er Jahren in Mumbai und Delhi.
Es gibt aber nicht nur die großen Museen, sondern auch kleine Galerien. Das ist für Mumbai viel erstaunlicher, als es für unsereins scheinen mag. Aber Mumbai hat ein eminentes Platzproblem. Raum kostet. Die Mietpreise in der Stadt sind mit denen in London, New York oder Tokio vergleichbar. Heute wurde eine neue Statistik veröffentlich: Die Immobilienpreise sind in Shanghai um 21 Prozent angestiegen, gleich dahinter kommt Mumbai mit 20 Prozent.
The Loft ist einer dieser raren Off-Spaces. Hier wird gerade „The Final Cut“ gezeigt, eine Ausstellung initiiert und kuratiert von Tobias Megerle. Seit zwei Jahren lebt er nun in Mumbai - und auch ihm sind die eindrucksvollen Holzschnitzer, die am Straßenrand in Mahim ihre Werkstätten haben, aufgefallen. Sie alle kommen aus einem „Dorf“ in Nordindien, wie die Holzschnitzer es selbst bezeichnen. Dieses Dorf Saharanpur hat immerhin eine halbe Million Einwohner. Ursprünglich haben sie dort Holzhäuser geschnitzt, als es keine Arbeit mehr für sie gab, kamen sie nach Mumbai, die Migrantenstadt, die so viele Menschen anzieht.
Auch Tobias Megerle. Er wollte die Tradition der Holzschnitzer mit etwas Westlichem verbinden. Warum also nicht Skateboards? Keiner der Holzschnitzer hat jemals zuvor eine Skateboard gesehen. Die erste Reaktion? „Wir können alles schnitzen.“ Als Tobias Megerle aber von der Idee erzählte, dass sie alles machen dürfen, dass dies dann in einer Galerie ausgestellt werden würde, wussten sie nicht so recht, was sie davon halten sollten. Zwölf von ihnen machten mit, zwölf wunderbare Exponate sind entstanden. Die Skateboards sind zugleich auch ein Statement. Man kann erahnen, warum es diese Sport-Trend-Art nie nach Mumbai geschafft hat. Es gibt verstopfte Straßen und Löcher im Asphalt, keine Freiflächen und keine öffentlichen Plätze. Dafür ist Kunst hier an jeder Straßenecke. Wie etwa in den offenen Werkstätten von Mahim.
Irfan Khan, einer der Holzschnitzer.
