Wieder zurück in Deutschland vermisse ich viel. Eine Stadt, ein Land eben nicht als Tourist zu erleben, sondern eingebettet in eine Redaktion, ist ein riesiger Unterschied. Ich kann deshalb das Projekt Journalistenaustausch des Goethe-Instituts nicht hoch genug loben. Es ist weit mehr als ein Tapetenwechsel, es ist ein kompletter Perspektivwechsel. Mir ist klar geworden, wie wenig man in Deutschland den Frust in Italien über die dortige politische Klasse versteht. Ebenso die sozialen Probleme in dem Land, die im Süden noch deutlich gravierender sein dürften. Und ich war zugegebenermaßen auch etwas erstaunt, wie das Auftreten Deutschlands in der Eurokrise in Italien, das hier vermutlich pars pro toto auch für andere Länder steht, wirkt. Die bei vielen Deutschen offenbar tief sitzende Vorstellung, dass man selber im wesentlichen alles richtig macht, und die anderen lediglich von Deutschland, seinem Denken und Handeln zu lernen hätten, ist eine Rollenverteilung, die Europa nicht gut tun kann. Habermas fragte unlängst in einem Vortrag zu Recht: Wollen wir ein deutsches Europa oder ein Deutschland in Europa? Andere Länder diskutieren die Frage, Deutschland nicht.
Es werden viele Erinnerungen bleiben an diese in vielerlei Hinsicht beeindruckende Stadt. Und natürlich an die wundervollen Menschen, die ich hier kennengelernt habe und mit denen ich in Kontakt bleiben möchte. Die sympathischen Kollegen in der Kulturredaktion des Piccolo haben mir drei Wochen lang ein redaktionelles Zuhause gegeben. Sie waren immer ansprechbar und hatten viel Geduld mit meinem angelernten Italienisch. Molto Grazie! Und ein besonderes Grazie geht natürlich auch an Frau Hagemann, die Leiterin des Goethe-Institits in Triest, die mit vielen Anregungen und Hilfestellungen mir vieles erleichtert hat.
Dienstag, 14. Mai 2013
Grazie Piccolo, grazie Goethe-Institut
Ein badischer Abend in Triest
Der deutsche Schriftsteller Veit Heinichen hat Triest Proteo Laurenti geschenkt, diesen sympathischen Kommissar, der sich inzwischen in vielen Ländern großer Beliebtheit erfreut. In zehn Sprachen wurden die Krimis übersetzt und mit Henry Hübchen in der Hauptrolle für die ARD verfilmt. Seit 15 Jahren wohnt er in Triest, inzwischen liiert mit der Triestiner Starköchin Ami Scabar, mit der er zusammen ein Buch über die "Stadt der Winde" herausgegeben hat. In ihrem gleichnamigen Restaurant sitzen wir, draußen auf der Terrasse, genießen den weiten Blick und das feine Essen. Eigentlich ein Abend, an dem ich als Journalist ganz viel hätte erfahren können über einen Mann, der auszog, um zu schreiben, und eine Stadt, die ihn anzog, um in ihr und über sie zu schreiben. Freilich habe ich viel über ihn erfahren, aber das stand irgendwie gar nicht im Vordergrund. Denn da wir aus der gleichen, durchaus etwas eigenwilligen Ecke Südbadens stammen, in der die Menschen auch einen ziemlich eigenwilligen Dialekt sprechen, und da wir auch noch etwa gleich alt sind, wurde der Abend zu einem wunderbaren Erlebnis. Wir haben uns, wie alte Schulfreunde, viel von früher erzählt, obwohl wir uns zum ersten Mal begegnet sind ...
Irgendwie bis heute auch Österreich
Im gut gefüllten Autobus bin ich Richtung Redaktion unterwegs. Zwei Frauen neben mir plaudern eher leise, ebenso drei Jugendliche. Da ertönt die österreichische Nationalhymne, recht laut, sodass alle für einen Augenblick verstummen. Ein Mann mittleren Alters beginnt etwas hektisch in der Innenseite seines Jacketts nach dem Handy zu gramen. Es dauert eine Weile, bis er die Hymne verstummen lässt und "pronto" zum Telefonieren ist. Er spricht Italienisch, ist von hier. Und wahrscheinlich einer der vielen, die auch heute noch lieber zu Österreich als zu Italien gehören würden. Anfangs habe ich es nicht wirklich geglaubt, dass viele Triestiner sich heute noch schwer tun mit der italienischen Staatsbürgerschaft. 500 Jahre Österreich hinterlassen in Triest viele Spuren. Die Stadt ist bis heute ein Stück Mitteleuropas geblieben.
Montag, 6. Mai 2013
Eine überraschende Nachricht
Ein Journalist im Ausland nimmt vor allem dann, wenn er die Landessprache nicht beherrscht, den ersten Kontakt mit dem Taxifahrer auf, der ihn vom Flughafen abholt. In diesem Moment stehen die Eindrücke noch auf null. Wenn du in Freiburg im Breisgau anzukommen, landest du an einem Dreiländereck: Schweiz (Basel), Frankreich (Mühlhausen) und Deutschland (Freiburg). Nichts könnte symbolträchtiger für ein Europa auf der schwierigen Suche nach Identität sein, in dem die Wirtschaftskrise alle bekannten Fortschritts- und Wohlstandsmodelle des Westens zerstört hat. Natürlich erzählt der Taxifahrer von seinem Land, dem Iran, und davon, wie er sich seit über zwanzig Jahren perfekt in Deutschland integriert hat. Leider seien Arbeitsangebote für Einwanderer rar und meist auf die Gastronomie beschränkt, beklagt er. Auf der Fahrt nach Freiburg taucht eine fast schon strahlende süddeutsche Stadt auf, die rund um die Gleise der Stadtbahn und die Fahrradwege errichtet zu sein scheint. Die deutsche Großindustrie ist meilenweit weg. Hier lässt sich das Gefühl einer wirtschaftlichen Supermacht kaum nachfühlen, die sich weigert, von der Schuldenkrise betroffenen Ländern wie Italien und Spanien als Amme zu dienen. Wir würden dem iranischen Taxifahrer gern antworten, dass Italien nicht Griechenland, und dass seine Wirtschaft solide ist. Wenig später suchen wir den Kontakt zu den Kollegen von der „Badischen Zeitung", bei der wir jetzt dank des schönen Projekts des Goethe-Instituts arbeiten werden. Die baden-württembergische Zeitung ist an zwei Orten präsent. Die Reporter arbeiten in einem schönen Gebäude in der Altstadt mit einem öffentlichen Newsroom, der eine gute Idee für Besucher ist. Der Hauptsitz der Zeitung liegt weniger zentral in einem modernen und repräsentativen Gebäude. Der Freund und Kollege Karl, der gerade nach einer Erfahrung beim „Piccolo" aus Triest zurück ist, stellt uns einen Schreibtisch in der Nähe der Wirtschaftsredaktion zur Verfügung. Wenig später teilt er mir eine Nachricht mit, die mich auffahren lässt und die offenbar auch die Kollegen von der „Badischen Zeitung" betrifft. Unglaublich, Giulio Andreotti ist gestorben. Karl fragt mich zu meiner Überraschung, ob ich etwas schreiben will. Und wenig später sitze ich plötzlich da und zerbreche mir den Kopf, um den Freiburger Lesern mit einem gewissen Maß an Kühnhiet die umstrittenste Persönlichkeit der italienischen Politik aller Zeiten verständlich zu machen. "All the news that’s fit to print”, sagen die von der „New York Times".
Freitag, 26. April 2013
Der Macho ist tot
In Deutschland, glaube ich, gibt es immer noch das Vorurteil, viele italienische Männer seien Machos. Ich habe deshalb mal meine Kollegin Arianna gefragt, ob das so noch stimmt. "Nein", lächelt sie, "der Macho ist tot. Es gibt nur noch Ex-Machos." Arianna, eine Frau, die in der Mitte des Lebens steht, muss es wissen, denke ich. Sie arbeitet in der immer noch von Männern dominierten Welt des Piccolo und kann sich da, wie mir scheint, ganz gut behaupten. Die Männer in Italien hätten sich komplett geändert, sagt sie. Laute, dominant auftretende und muskelbepackte Männer könnten heute bei vielen italienischen Frauen, deren Rolle sich in den vergangenen Jahren stark verändert habe, nicht mehr landen. Und im Süden Italiens? Naja, lächelt sie wieder, da mag es teilweise noch ein bisschen anders sein. Aber Berlusconi ist doch ein Macho, oder etwa nicht? "Nein", sagt Arianna und amüsiert sich über meinen etwas verduzten Blick. "Berlusconi ist ein Narzisst." Freilich seien Frauen für ihn nur Objekte. Sie dienten ihm aber nur dazu, sich in ihnen selbst zu bespiegeln. Da mir Lucia, eine andere Kollegin, wimpernhärchengenau die gleiche Antwort gegeben hat, wird es so sein.
Donnerstag, 25. April 2013
Luftwechsel
Es gibt Menschen, die brauchen, um Grundsätzliches im Leben zu ändern, dazu einen besonderen Ort und eine besondere Zeit. Ich habe mir dafür meinen Aufenthalt in Triest ausgesucht. Auch den genauen Ort hatte ich nach meinen ersten Rundgängen durch die Stadt schnell gefunden: den Molo Audace, diesen weit ins Meer ragenden Kai. Ich habe einem Kollegen des Kulturressorts von meinem Vorhaben erzählt. Der lächelte milde und erzählte mir, dass der in Italien sehr verehrte Triestiner Schriftsteller Italo Svevo das Gleiche am gleichen Ort vorhatte. Er habe es mehrmals versucht, es sei ihm aber nie gelungen. Ist das nun ein schlechtes Vorzeichen? Nein, dachte ich mir. Wenn ich schon nicht so schreiben kann wie Italo Svevo, dann gelingt mir vielleicht wenigstens dies besser.
Keiner mag Merkel
Egal, mit wem ich rede: Keiner mag Merkel. Ob das Leute sind, die sich im linken, rechten, grünen, grillen oder gar keinem politischem Spektrum verorten, ist völlig unerheblich. Merkel ist bei den Italienern unten durch. Sie personifiziert das Spardiktat. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die meisten Italiener Politik sehr stark personifizieren. Auch im eigenen Land. Manchmal kommt es mir vor, als ob mehr über die Köpfe als über Inhalte und mögliche inhaltliche Schnittflächen von Parteien diskutiert wird. Die italienische Politik funktioniert anders als die eher konsensorientierte in Deutschland.
Obwohl mir eigentlich egal sein kann, was Italiener über Merkel denken, ertappe ich mich dabei, wie ich die Kanzlerin verteidige, auf ihre Fähigkeit zuzuhören, zu moderieren und Kompromisse zu schmieden hinweise. Und dass ein Kanzler Steinbrück weniger Verständnis für die Anliegen Italiens hätte, wie er ja mit seinen überheblichen Clown-Äußerungen schon unter Beweis gestellt hat. Einerseits kann ich ja erleichtert sein, dass die Italiener sich über Merkel beklagen und nicht über die Deutschen. Andererseits befürchte ich, dass sie zwar Merkel sagen, aber die Deutschen meinen. Die Euro-Krise ist eben nicht nur in erster Linie eine Staatsschuldenkrise, wie man in Deutschland annimmt, sondern auch eine politische Krise Europas. Das nehmen viele in Deutschland nur nicht wahr.
Obwohl mir eigentlich egal sein kann, was Italiener über Merkel denken, ertappe ich mich dabei, wie ich die Kanzlerin verteidige, auf ihre Fähigkeit zuzuhören, zu moderieren und Kompromisse zu schmieden hinweise. Und dass ein Kanzler Steinbrück weniger Verständnis für die Anliegen Italiens hätte, wie er ja mit seinen überheblichen Clown-Äußerungen schon unter Beweis gestellt hat. Einerseits kann ich ja erleichtert sein, dass die Italiener sich über Merkel beklagen und nicht über die Deutschen. Andererseits befürchte ich, dass sie zwar Merkel sagen, aber die Deutschen meinen. Die Euro-Krise ist eben nicht nur in erster Linie eine Staatsschuldenkrise, wie man in Deutschland annimmt, sondern auch eine politische Krise Europas. Das nehmen viele in Deutschland nur nicht wahr.
Mittwoch, 24. April 2013
Der Tag nach der Wahl
Die Kollegen, die schon in der Redaktion sind, haben eher kleine Augen. Kein Wunder, denn sie haben bis nachts um 2 gearbeitet. Lange war offen, wer die Wahlen in der Region Friaul Julisch Venetien für sich entscheidet. Am Ende siegte die Kandidatin des PD im "Foto-Finish", wie der Piccolo am nächsten Tag titelte. Das bedeutet Machtwechsel in der Region, in der die Berlusconi-Partei PdL bisher das Sagen hatte. Das Kulturressort war vollzählig, um wie auch andere Ressorts den Kollegen der Politik zuzuarbeiten. Überhaupt: Die Krise der Politik hält Italien noch immer in Atem. Im Piccolo sind die Politikseiten seit nunmehr zwei Monaten jeden Tag mit dem Stichwort "La crisi politica" überschrieben - in roten Lettern, so als sollte man sie als Mahnmal verstehen. Enden wird diese alltägliche Aufmachung erst, wenn Italien endlich eine Regierung hat, sagte mir ein Kollege. Wie es aussieht, könnte sie jetzt vielleicht zustandekommen. Wie lange sie hält, ist eine andere Frage. Ob dann wieder eine Zeit mit roten Lettern kommt?
Eine ordentliche Stadt
Klischees über chaotischen Verkehr oder vermüllte Gehsteige, die mancher Deutsche von Italien hat, werden in Triest nicht bedient. Im Gegenteil. Die Stadt ist auffallend sauber. An nahezu jeder Ecke stehen Abfallbehälter, die ich nie überfüllt gesehen habe wie so oft in Deutschland. Auch im Verkehr sind die Triestiner äußerst diszipliniert. Als Fußgänger muss man sich einem Zebrastreifen nur nähern, da bremsen Autofahrer schon ab. Hupen hört man auch selten. Beeindruckend finde ich die Disziplin der Fahrgäste im Bus. Sie steigen nur bei den vorderen und hinteren Türen ein und in der Mitte wieder aus. Bereits eine Station vor dem Ausstieg sammeln sich alle, die den Bus verlassen wollen, in der Mitte. Ich weiß nicht, ob es da einen Zusammenhang gibt, aber irgendwie scheint es mir ins Bild zu passen, dass es in Triest wenig Kriminalität gibt. Die statistischen Werte sind jedenfalls niedrig. Auch die in eingen italienischen Städten obligatorischen Handtaschendiebe sind hier nicht unterwegs.
Dienstag, 23. April 2013
Ein Verrückter am Canal Grande
Als ich in einem Café am Canal Grande sass, der das Meer einige hundert Meter in die Stadt hineinbringt, sah ich einen Mann, der sich zielstrebig einen Weg durch die flanierenden Menschen bahnte. Er war allein, sprach laut und energisch und er gestikulierte heftig mit den Armen. Ein Verrueckter, dachte ich, und mir fiel ein, dass Triest der Ausgangspunkt einer tiefgreifenden Reform in der Psychiatrie gewesen war. Franco Basaglia war es, der die Schliessung der Anstalten fuer psychisch Kranke und deren Rueckfuehrung in die Gesellschaft erreichte. Dieser Gedanke erschien mir aber irgendwie verwerflich und deshalb habe ich ihn auch sogleich wieder verworfen. Als sich der Mann mit der durchdringenden Stimme und den fuchtelnden Armen naeherte, sah ich, dass in seinem Ohr ein Kabel steckte, das zu einer Brusttasche seines Jacketts fuehrte. Also kein Verrueckter! Nur einer, der telefoniert. Vielleicht, dachte ich, koennte dem Mann ja geholfen werden, wenn es eine Art Kopfbedeckung gaebe, auf der eine nach vorne gerichtete Bogenlampe installliert waere, an deren Ende sich eine auf ihn gerichtete Kamera befaende. Dann naemlich koennte der Gespraechsteilnehmer auch seine empathische Gestik sehen. Sogar nachts, er muesste dazu nur die Lampe anmachen.
Leerstehende Palazzi
Triest ist auch eine Stadt der Palazzi. Die imposanten Gebaeude verstroemen viel Charme, sie sind aber auch Indikatoren der Krise. Denn nicht wenige Palazzi stehen leer. Auch zwei schoene Palazzi, auf die ich von meinem Appartement aus blicke. Nur im Erdgeschoss sind Geschaefte. Ihre Fassaden leiden ebenso darunter wie die Augen des Betrachters, der das nicht fassen kann. Freilich gibt es Gruende fuer diese Misere. Wie so oft sind sie oekonomischer Natur. Zum einen geht die Zahl der Einwohner in Triest seit Jahren kontinuierlich zurueck. In den 60er Jahren lebten noch etwa 280000 Menschen in der Stadt, heute sind es um die 200000. Ein anderer Grund ist die Wirtschaftskrise und die damit verbundene Arbeitslosigkeit. Beides bekommt Triest besonders stark zu spueren.
Andererseits hat die fuenftgroesste Versicherungsgesellschaft der Welt, die Assicurazioni Generali, ihren Sitz in Triest. Sie residiert am Corso Cavour, Teil des am Meer entlang fuehrenden Boulevards. Ihr Emblem ist ein gefluegelter Loewe. Er prangt - eher unauffaellig - an zahlreichen Palazzi in der Stadt, die im Besitz der Versicherung sind. Insofern ist es fuer Triest eigentlich ein Segen, ein so reiches Unternehmen vor Ort zu haben. Die Schattenseite, so ist mir erklaert worden, sind die teilweise viel zu hohen Mieten in manchen Generali-Palaesten. Sie sind so hoch, dass sich immer weniger Selbststaendige oder Unternehmen - von Famlien ganz zu schweigen - dort Rauemlichkeiten leisten koennen. Ein besonders prachtvoller und im Inneren kunstvoll ausgestatteter Palazzo an der Piazza della Repubblica, der der im 19. Jahrhundert in Triest gegruendeten Versicherungsholding RAS gehoerte, steht seit der Uebernahme durch die deutsche Allianz leer. Was keine Rendite bringt, ist wertlos - so einfach und grausam ist eben oft die Denke in den Chefetagen der Konzerne. Sinn fuer das Schoene sucht man da meist vergebens.
Andererseits hat die fuenftgroesste Versicherungsgesellschaft der Welt, die Assicurazioni Generali, ihren Sitz in Triest. Sie residiert am Corso Cavour, Teil des am Meer entlang fuehrenden Boulevards. Ihr Emblem ist ein gefluegelter Loewe. Er prangt - eher unauffaellig - an zahlreichen Palazzi in der Stadt, die im Besitz der Versicherung sind. Insofern ist es fuer Triest eigentlich ein Segen, ein so reiches Unternehmen vor Ort zu haben. Die Schattenseite, so ist mir erklaert worden, sind die teilweise viel zu hohen Mieten in manchen Generali-Palaesten. Sie sind so hoch, dass sich immer weniger Selbststaendige oder Unternehmen - von Famlien ganz zu schweigen - dort Rauemlichkeiten leisten koennen. Ein besonders prachtvoller und im Inneren kunstvoll ausgestatteter Palazzo an der Piazza della Repubblica, der der im 19. Jahrhundert in Triest gegruendeten Versicherungsholding RAS gehoerte, steht seit der Uebernahme durch die deutsche Allianz leer. Was keine Rendite bringt, ist wertlos - so einfach und grausam ist eben oft die Denke in den Chefetagen der Konzerne. Sinn fuer das Schoene sucht man da meist vergebens.
Sonntag, 21. April 2013
Freier Stuhl ist nicht gleich freier Platz
Wir wollten noch einen Espresso trinken, bevor die Wahlkampfveranstaltung an der Piazza delle Borsa losging. "Da sind noch viele Plätze frei", sagte ich zu der Kollegin und zeigte auf leere Stühle im Straßencafé. "Ich geh mal fragen, ob wir uns dazusetzen können", sagte ich. Die Kollegin griff mir in den Arm und hielt mich zurück. "Das macht man hier nicht", sagte sie. Freier Stuhl ist nicht gleich freier Platz. Ach so. Wusste ich nicht. Und in dachte: Da haben die Gastronomen in Deutschland doch verdammtes Glück mit ihrer Kundschaft, die sich freiwillig zusammenpfercht, bis der letzte Stuhl besetzt ist. Andererseits hocken die Italiener aber nicht stundenlang vor einem Cappuccino oder einem Bier. Sie trinken etwas und gehen wieder. Und so mussten wir auch nicht lange warten, bis ein "richtiger Platz" frei wurde.
Freitag, 19. April 2013
Grillo in Triest
Schon die Ankunft des Mannes, der seit Wochen die italienische Politik aufmischt, war ungewoehnlich. Beppe Grillo kam mit einem Boot an und stieg am Molo Audace aus, begruesst von zahlreichen Menschen, die eigens zum Kai gekommen waren. In einem Wohnmobil fuhr er dann im Schritttempo zur Piazza della Borsa, die etwa 300 Meter vom Meer entfernt liegt. Dort redeten zunaechst die regionalen Kandidaten des Movimento 5 Stelle, waehrend Grillo im Wohnmobil blieb. Die Menschen auf dem Platz - es haben sich ziemlich viele eingefunden - plauderten gelassen und ignorierten die Vorredner weitgehend.
Als dann Grillo die aufgebaute Tribuene betrat, waren alle ploetzlich still. Klar, die Menschen sind wegen ihm gekommen. Und er legt gleich los, von 0 auf 200 in Bruchteilen von Sekunden. Ich habe noch nie zuvor einen derart explosiven Auftritt eines Menschen gesehen. Grillo war wie ein Vulkan, der ohne Unterlass eruptiert. Er schleuderte einen gluehenden Steinbrocken nach dem anderen gegen die in Italien so verhasste politische Klasse. Das kam natuerlich an. Immer wieder brandete Applaus aus. Endlich, so denken viele Italiener, ist da einer, der dem Establishment ordentlich einschenkt, der es vor sich hertreibt, der dessen Verlogenheit entbloesst. Ich glaube, das ist im Moment seine eigentliche Funktion. Als Regierenden kann ich ihn mir kaum vorstellen. Meine Kollegen vom Piccolo kritisieren heftig, dass Grillo sich grundsaetzlich weigert, mit italienischen Journalisten zu reden. Interviews macht er nur mit der auslaendischen Presse.
Als dann Grillo die aufgebaute Tribuene betrat, waren alle ploetzlich still. Klar, die Menschen sind wegen ihm gekommen. Und er legt gleich los, von 0 auf 200 in Bruchteilen von Sekunden. Ich habe noch nie zuvor einen derart explosiven Auftritt eines Menschen gesehen. Grillo war wie ein Vulkan, der ohne Unterlass eruptiert. Er schleuderte einen gluehenden Steinbrocken nach dem anderen gegen die in Italien so verhasste politische Klasse. Das kam natuerlich an. Immer wieder brandete Applaus aus. Endlich, so denken viele Italiener, ist da einer, der dem Establishment ordentlich einschenkt, der es vor sich hertreibt, der dessen Verlogenheit entbloesst. Ich glaube, das ist im Moment seine eigentliche Funktion. Als Regierenden kann ich ihn mir kaum vorstellen. Meine Kollegen vom Piccolo kritisieren heftig, dass Grillo sich grundsaetzlich weigert, mit italienischen Journalisten zu reden. Interviews macht er nur mit der auslaendischen Presse.
Donnerstag, 18. April 2013
Der ominöse scontrino
Eigentlich ist es ein ganz normaler Vorgang, dass man eine Quittung bekommt, wenn man etwas eingekauft oder irgendwo gegessen oder nur einen Espresso getrunken hat. Das ist in Italien genauso wie in Deutschland. Dennoch hat es mit dem scontrino in Italien mehr auf sich. Immer wieder wurde ich gebeten, den scontrino bitte an mich zu nehmen und bei mir zu behalten. In einer Bar schräg gegenüber von meinem Appartment weist sogar ein messingfarbenes Schild daraufhin. Einmal hat mir ein Kellner den scontrino, den ich an der Kasse habe liegen lassen, gebracht, als ich bereits das Lokal verlassen hatte und schon auf der Straße war. Man mag sich als Deutscher darüber wundern, aber dieser kleine Zettel kann einem großen Ärger bereiten, nämlich dann, wenn man ihn nicht mehr hat. Ein Kollege des Piccolo hat mir erzählt, dass er einmal Arzneimittel in einer Apotheke gekauft hatte. Gedankenlos habe er, nachdem er die Apotheke wieder verlassen hatte, den scontrino zerknüllt und wohl seinen Kindern, die mit ihm waren, zum Spielen gegeben. Da kam ein Mann aus etwa 20, 30 Metern Entfernung auf ihn zu, zückte seinen Ausweis von der Guardia di Finanza und wollte den ominösen scontrino sehen. Er war in Zivil und musste den Kollegen beobachtet haben. Der scontrino ließ sich beim besten Willen nicht mehr finden. Und so sind alle zusammen zurück in die Apotheke, wo der Beamte genauestens den Kassenstand des Apothekers prüfte. Er sah, dass alles korrekt bezahlt und abgerechnet wurde, und war's zufrieden. Aus meinem Italienisch-Lehrbuch habe ich mir den Satz "Conservo sempre lo scontrino" deshalb besonders gut merken können, weil ich ihn so blöd fand. Jetzt verstehe ich ihn.
Mittwoch, 17. April 2013
Frauen, die rauchen
In Deutschland erklärten mir Frauen, dass sie nicht auf der Straße rauchen wollen. Jedenfalls nicht beim Gehen. Warum das so sei, konnten sie mir nicht sagen. Es schicke sich halt nicht. Erst daraufhin fiel mir auf, dass in der Tat nur wenige Frauen - von jungen abgesehen - auf der Straße rauchen. In Triest ist das nicht so. Ich sehe viele Frauen jeden Alters, die beim Shoppen, Spazierengehen oder hastigen Erledigungsgang zur Zigarette greifen. Warum das hierzulande so und in Deutschland anders ist, weiß ich nicht. Befreien sich italienische Frauen da gerade von einer Konvention? Oder ist das einfach so, und niemand weiß warum? Ich weiß es jedenfalls nicht, aber es ist mir aufgefallen.
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