Sunday, 22. April 2012
Wenn Inder mit dem Kopf nicken
An meinem ersten Arbeitstag stellt mir ein etwa 40 Jahre alter Schnauzbartträger eine Flasche Wasser auf den Schreibtisch, senkt den Kopf dabei und lächelt. Kurz danach kommt er wieder mit einer Tasse Chai und einem Teller getrockneter Früchte. "Thank you." Ich bin etwas ratlos. "You're welcome. No problem, Sir", sagt der Mann und nickt das typische indische Kopfnicken. Ein bisschen nach rechts und links, ein bisschen nach oben und unten.
Es dauert noch bis zum Nachmittag bis ich verstehe, dass der Schnauzbartträger zu einem Team Bürodiener gehört. "Office Boys", nennen sie die Männer im mittleren Alter beim "Deccan Chronicle" in Hyderabad. Bedienstete die allerlei Handlangerarbeit ausüben, gibt es in Indien überall. Junge Menschen kaufen sich ein kleines Auto und stellen dann einen Fahrer ein. Familien leisten sich "Servants", meistens Frauen, die putzen, einkaufen und die Kinder hüten. Und selbst in dem kleinsten Büro gibt es mindestens einen Bürodiener - natürlich auch bei der größten englischsprachigen Tageszeitung Südindiens, beim "Deccan Chronicle". Die Zeitung kann sich den Service auch leisten: 1,4 Millionen Druckauflage - Tendenz steigend, randvoll mit Anzeigen. Eine Ausgabe kostet deshalb auf der Straße nur zwei Rupien, umgerechnet drei Cent. In Indien ist das Zeitungsgeschäft noch in Ordnung.
"Wer bringt euch denn dann den Kaffee?", fragen mich die indischen Kollegen mit großen Augen, als ich erzähle, dass es bei uns keine "Office Boys" gibt. "Keiner", antworte ich. "Den Kaffee holen wir uns selbst aus der Küche und das dreckige Geschirr tragen wir auch selbst wieder zurück." Die Kollegen schauen mich stirnrunzelnd an und nicken indisch. Von diesem "indian head bobble" hatte ich davor schon gelesen. Das Kopfnicken das alles bedeuten kann. "Ja", "nein", "vielleicht", "ok": Hängt alles vom Gesprächsrahmen ab. In diesem Fall deute ich das Nicken als "die spinnen, die Deutschen". Sagen würden die indischen Kollegen so etwas natürlich nie. Dazu sind sie viel zu höflich.
"Sure. No Problem", heißt es dann auch aus Höflichkeit immer. Nur: Ist es für die Kollegin wirklich kein Problem, mich zu dem Interviewtermin zu begleiten? Macht es dem Kollegen wirklich nichts aus mich früh morgens mit dem Auto abzuholen? Ist die Einladung zum Abendessen ernst gemeint? "Sure. No Problem", sagt auch mein Austauschpartner Natraj gerne als er vier Wochen später bei der MOPO zu Gast ist. Die fertige Kolumne bis morgen Abend? - "Sure. No Problem." Übermorgen nach der Arbeit ins Kino? "Sure. No Problem." Und dann kommt doch immer alles ganz anders. "Sure. No Problem" ist das indische Kopfnicken als Konversation. Ja? Nein? - Ich weiß es bis heute nicht genau. Das indische Taktgefühl schlägt aber auf jeden Fall einen anderen Beat.
Auch der Arbeitsrhythmus ist deutlich anders. Mein Austauschkollege Natraj arbeitet beim "Deccan Chronicle" als Chef vom Dienst für die Gesamtausgabe. Den Mantel und elf Lokalausgaben hat er im Blick. Seine Arbeit beginnt jeden Tag gegen 16 Uhr. Bis um 0.30 Uhr bastelt er an der Zeitung. Dann geht sie in den Druck. Anders als bei der MOPO, werden danach auch nicht noch einmal einzelne Seiten aufgemacht und für die nächste Ausgabe verändert. Redaktionsschluss ist Redaktionsschluss. Die Reporter dagegen beginnen mit ihrer Arbeit um 11 und gehen gegen 20 Uhr nach Hause. Als ich einmal um halb elf ins Büro komme, weil ich einen Interviewpartner treffen will, schauen mich die Wachleute irritiert an. Bis auf einen Putzmann ist das Großraumbüro menschenleer, die Klimaanlage ist noch ausgeschaltet. 30 Grad und Totenstille. So früh am morgens geht in Hyderabad kein normaler Redakteur zur Arbeit.
Bei allen Unterschieden - am erstaunlichsten ist, das alles gleich ist. 10.000 Kilometer entfernt von Hamburg sitzen die gleichen freundlich-gesprächigen Menschen am Empfang. Im Büro arbeitet der mürrische Typ mit den extrem guten Kontakten und der nicht so guten Schreibe. Nebenan hat der Kollege seinen Schreibtisch der sich bis ins Detail in sein Fachgebiet eingearbeitet hat und gerne möglichst viele Zahlen in seinem Text unterbringt. Aufgeregt und in Echtzeit erzählt der junge Polizeireporter von seinem vergangen Einsatz. In der Raucherecke im Treppenhaus wird gelacht und über einen Kollegen vom Konkurrenzblatt hergezogen. Ich weiß jetzt: Neun Flugstunden um die halbe Welt wird genauso Zeitung gemacht wie zu Hause.
Thursday, 5. April 2012
Kali und Shani
Am Shantiniketan Building, wo das Büro der Times of India ist, hängt am Eingang ein Bild der Göttin Kali, der Calcutta ihren Namen verdankt. Viele Menschen, die in den 16 Stockwerken dort arbeiten, beginnen und beenden ihr Tagwerk, indem sie dort ein kurzes Gebet sprechen.

Am Ballygunge Phari, ganz in der Nähe meines Gästehauses, indem ich sechs Wochen verbracht hatte, ging ich jeden Abend an einem anderen kleinen Bethaus vorbei. Darinnen steht ein ungleiches Pärchen. Kali, die Schutzgöttin der Stadt, und Shani, der Regent des Planeten Saturn.
Die eine ist zwar auch die Göttin der Zerstörung, aber zugleich steht sie auch für Neubeginn, für Fruchtbarkeit und Erotik (was ja alles positive Dinge sind). Kalis Kleid ist (wie man auf dem Bild oben sieht) rot. Wie das Blut. Auch das Menstruationsblut der Frau.
Ihr Gefährte in diesem Mini-Tempel ist da ein ganz anderes Kaliber: “Shani ist verantwortlich für alles Durcheinander und Unglück im Leben der Menschen”, hat mir schon in Calcutta Basav Bhattacharya, mein Journalistenkollege, mit dem ich oft unterwegs war, erklärt. Er trägt Blau: “Denn alles Böse ist blau.” Sagt Basav. Der Sohn des Sonnengottes Surya und der Chaya („Schatten“) wird von einer Krähe begleitet, und er führt stets Speer und Pfeilbogen mit sich.
Kein Wunder also, dass keiner so recht mit ihm zu tun haben will: “Niemand will ihn in seiner Wohnung haben”, erzählt mir vorhin meine Kollegin Aditi Guha, die zur Zeit bei uns zu Besuch in der Nürtingen Zeitung ist: “Deswegen verehrt man ihn nur am Straßenrand. Niemals daheim.”
Tuesday, 3. April 2012
Grüne Dächer für Indien?
Klar also, daß Umweltthemen für Aditi bei ihrem Besuch am Neckar ganz obenan stehen. Und super, daß Nürtingen in dieser Richtig etwas ganz Besonders zu bieten hat: In Indien sammelt man zwar nun auch Regenwasser und baut Niedrigenergie-Häuser, aber Dachbegrünung kennt man in Calcutta gar nicht. Und in Nürtingen gibt es ja einen der Weltmarktführer auf diesem Sektor – die Firma Zinco, die seit kurzem in der Bachhalde bei Oberensingen beheimatet ist.

Deren Chef, Dieter Schenk, ist leider kurzfristig krank geworden. Aber Wolfgang Ansel, der bei der International Green Roof Association (IGRA) tätig ist, und Roland Appl, seines Leiters Technischer Leiter bei Zinco, nehmen sich gerne Zeit für den Gast aus der 14-Millionen-Metropole in West-Bengalen. Und für Ansel trifft es sich ohnehin großartig: Er bereitet gerade den Auftritt seiner Organisation bei der “Roof India” vor – einer Fachmesse, die demnächst in Chennai stattfindet.
Und er informiert Aditi ausführlich über die Anfangsjahre der Dachbegrünung in Deutschland vor 30, 40 Jahren: “Zu Beginn war es wichtig, dass die Sache bezahlbar wurde, damit die Städte Dachbegrünung auch vorschreiben konnten.” Und der Experte unterstreicht, dass die Unterhaltskosten für grüne Dächer sehr niedrig seien, so daß sie auch etwas für Garagen und Carports seien.
Auch in anderer Richtung kann er die Journalistin aus Indien beruhigen: die Pflanzen, die man für die Dächer auswähle, hielten auch extreme Klimabedingungen aus. Im Falle Calcutta heißt dies: zum Teil extreme Hitze, dann aber auch gewaltige Regenfälle über Monate hinweg. Und die Vorteile für den Subkontinent leuchten der Frau von der Times of India ein: Wasser werde zurückgehalten, die grünen Dächern wirkten kühlend für die Städte, die Biodiversität (Artenvielfalt) werde erhöht, und man erhalte auch einen ökologischen Ausgleich für verbrauchte Flächen.
Indien sei gewiss ein großer Markt mit vielen Bauaktivitäten, ist Ansel überzeugt. Aber das Basiswissen über Dachbegrünung sei nicht so verbreitet wie in Europa: “Da muss man was tun!” Aditi gibt ihm recht: “Ja, das stimmt. Unsere Leute müssen in dieser Richtung ausgebildet werden.” Und sie hat durchaus Hoffnung: “Calcutta ist eine Metropole mit viel Problemen, aber auch viel Potential.” Und sie atmet auf, als die beiden Gesprächspartner ihr versichern, dass man durchaus auch Dächer von Altbauten begrünen könne, wenn entsprechende Voraussetzungen vorlägen.
Roland Appl stellt ihr dann noch die Firma Zinco und deren Neubau in der Bachhalde vor. Die Inderin ist beeindruckt, als sie hört, dass dort mehr Energie produziert als verbraucht und demnächst nicht nur das Dach und die Tiefgarage, sondern auch eine Hauswand begrünt werden soll.
Aditi ist fasziniert. Was sie gehört hat, will sie nun nicht zuletzt dem Chef des Entwicklungsamtes der Metropolregion Calcutta, Vivek Bharadwaj, weitergeben.
Wer weiß, vielleicht ergibt sich ja bald eine ganz neue Verbindung zwischenden Städten am Neckar und am Hugli (respektive Ganges). . .
Saturday, 31. March 2012
Der erste Eindruck von Nürtingen

Daß das Wetter eine solch große Rolle für den Umsatz auf dem Markt spielt, das hatte sich Aditi Guha nicht vorstellen können. Eine Verkäuferin am Stand der Blumen-Mönche hat erwähnt, dass man zwar zufrieden sei, aber sicher mehr Kunden gekommen wären, hätte die Sonne geschienen. “Bei uns gehen die Leute auch bei Regen auf den Markt”, sagt Aditi. Die Erklärung für den Unterschied liefert Jan-Manik Nerurkar, dessen Mutter in Calcutta lebt und den die Liebe als Student nach Nürtingen verschlagen hat: 30 Jahre lebt er nun schon hier, und man fragt sich, ob er denn nun mehr Inder oder mehr Schwabe ist, wenn man ihn erlebt. Er ist auf jeden Fall ein guter Botschafter Indiens in Deutschland und ein guter Botschafter Deutschlands in Indien. Und er wollte die Frau seiner Heimat schon am allerersten Tag ihres Besuches unbedingt treffen.
“Die Leute hier haben mehr Geld”, erklärt er Aditi: “Die können auch mal für eine ganze Woche einkaufen und brauchen nicht jeden Tag auf den Markt.” So kann man es auch sehen. Auf jeden Fall dürfen die Möglichkeiten, Vorräte aufzubewahren, besser sein, als in Bengalen, wo es durchgehend wärmer ist und zudem Kühlschränke Luxus sind.
Aditi fällt es auch auf, dass am Eierstand alle frischen Eier braun sind und sich kein einziges weißes drunter findet. Und die bunten kennt sie schon gar nicht, und so notiert sie den Osterbrauch aus Deutschland sofort auf ihrem Block.
Zu den Dingen, die Aditi gleich am ersten Tag begeistern, zählt, dass hier alles so gut organisiert ist: “Und alles ist so sauber. Das ist einfach brilliant!” Als ihr ihr Landsmann von der schwäbischen Kehrwoche erzählt (und davon, dass hier jeder für das Stück Straße vor seiner Haustür verantwortlich ist), ist sie Feuer und Flamme und findet, daß man so was eigentlich auch in Calcutta einführen sollte.
Als sie sich in der Buchhandlung Zimmermann umsieht, kommt die Inderin ebenfalls ins Schwärmen. Auch findet sie, dass die Mischung zwischen Tradition und Moderne in diesem Städtchen einfach wunderschön ist: “Das hat schon was ganz eigenes hier.”
Auch dass die Menschen hier so gut miteinander verbunden seien, beeindruckt sie: Dass ganze Familien zusammen auf den Markt kämen, dass die einen dann Käse oder Gemüse kauften und sich die anderen im Media-Markt nach den neuesten Computerspielen umschauen, um sich danach wieder auf dem Schillerplatz zu treffen – das begeistert sie.
Und Pia Schwarz, eine junge Grötzingerin, die in Tübingen Jura studiert und nebenher im Café Zimmermann als Bedienung jobbt, erweist sich als tolle touristische Botschafterin Nürtingens. Als sie mitkriegt, dass wir uns auf Englisch unterhalten, bringt sie sofort und ungefragt eine Speisekarte in englischer Sprache. Das ist einfach klasse, und genau so muss es einfach sein! Von dieser jungen Frau könnten noch manche was lernen.

Während wir da so eine Stunde am Rande des Schillerplatzes sitzen, entdecken die beiden aus Südasien (zurecht) ihre Begeisterung für ihre Heimat wieder. “Aus Indien stammen alle Dinge, die die moderne Welt am Laufen halten”, sagt Jan-Manik (ein absolutes Sorachgenie, denn er spricht nicht nur fast alle Sprachen Europas, sondern auch Chinesisch und Koreanisch). Beispiele gefällig? “Die Zahlen (inclusive der Null), die Astronomie, viele Musikindustrie, die erste Medizin überhaupt (Ayurveda), Seide (“das haben wir zwar von den Chinesen geklaut, aber wir machen es besser).” Und Aditi setzt noch eins drauf: “Die Tonleiter.” In Europa kennt zwar (fast) jeder “Do, re, mi, fa, so”, aber das indische “Sa – Re – Ga – Na- Pa – Dha – Ni – Sa” ist viel viel älter.
Aber dann bricht Jan-Manik auch noch eine Lanze für seine neue Heimat: “Was in der Urzeit der Menschen Indien für die Welt war, war Deutschland zu Beginn der Neuzeit.” Musterbeispiel Buchdruck, aber auch viele Erfindungen und philosophische Ideen. Damit hat er ideal die Brücke vom Hugli zum Neckar geschlagen.
Was viele hierzulande nicht wissen dürften: Indien kannte lange Zeit keine Soldaten. Kaiser Ashoka (dessen Wappen, das Rad, noch heute in der indischen Flagge zu sehen ist) hatte das Militär abgeschafft. Lange lebte man gut damit, doch als 1000 Jahre später die Araber kamen und das Land eroberten, erwies es sich nicht als die unbedingt pfiffigste Idee. Dieses Trauma wirkt heute noch weiter. Denn nun hat Indien (nach China) die zweitgrößte Armee der Welt. Aber die generell pazifistische Einstellung der Inder führt Aditi heute noch auf Ashoka zurück.
So gibt es sehr viel zu erzählen, und die Zeit vergeht wie im Fluge. Nachmittags stand noch der Ausflug in die Kreishauptstadt Esslingen an, wo meine Tochter Annika Linsenmaultäschle mit Gemüsesoße und Salaten für den Gast aus Indien gekocht hat. Und auch hier kommt Aditi aus ihrer Begeisterung nicht heraus: Zum einen über das Familienleben im Schwabenland (denn auch mein Enkel Levi überwindet seine Fremdelphase und bedenkt die Inderin mit strahlendem Lachen, und sein Papa Michael hat ja ohnehin immer viel Witziges zu erzählen), zum anderen über die saubere Luft, die es tatsächlich ermöglicht, die Sonne und den blauen Himmel überm Neckar zu sehen (was in Calcutta eine Seltenheit ist). Auch dass die Scheiben im Regionalexpress sauber und der Zug sogar pünktlich ist, genießt fast den Tang einer Sensation.

Als “entspannt, freundlich und herzlich” hat Aditi die Nürtingen am ersten Tag erlebt, sagt sie immer wieder. Fröhlich geht sie ins Bett. Morgen, am Sonntag, steht das nächste Abenteuer an: der Brezelmarkt in Altenriet.
Saturday, 17. March 2012
Chai in der Untertasse
Alle Bestandteile werden zusammen aufgekocht. Teeblätter, Milch, Zucker, Gewürze. Es gibt weder ein festes Rezept noch eine spezielle Zubereitungsmethode – aber jede Familie und jeder Chai-Laden hütet sein Rezept wie einen Schatz. Meistens wird der Tee mit Kardamom gewürzt, ich habe aber auch schon Chai mit einer deutlichen Ingwernote gefunden. In Chai-Läden kocht das Gebräu oft stundenlang, in Familien wird der Tee aufgekocht und dann mit ausladenden Bewegungen mehrmals zwischen zwei Tassen hin und her geschenkt. Dadurch wird die Milch im Tee etwas aufgeschäumt.
Dann beginnt das eigentliche Chai-Ritual: Obwohl in fast allen Chai-Läden große „Rauchen verboten“-Schilder hängen, wird sich erstmal eine Fluppe angesteckt. Da ist es ganz praktisch, das vor wirklich jedem (ich habe in Hyderabad keine Ausnahme entdeckt) Chai-Laden ein kleiner Kippen-Kiosk steht. Hier gibt es Zigaretten. In Schachteln oder als Einzelstücke. An der Aussenwand des Kippen-Kiosks ist normalerweise ein kokelndes Stückchen Seil aufgehängt – als Dauerfeuerzeug.
Die Kippe brennt, jetzt wird dem Kellner ein kräftiges „Strong! Strong! Strong!“ entgegengerufen und Platz genommen. Meistens hat sich auf den Tischen bereits ein dünner Chai-Film gebildet, der langsam fest trocknet. Das liegt an dem Teich in der Untertasse. Zum Ritual gehört nämlich, die Tasse aus der Untertasse zu heben, den Chai, der am Tassenboden hängt, behutsam an der Untertasse abzustreifen, die Tasse dann auf den Tisch zu stellen und mit einer langsamen kreisförmigen Bewegung anschließend, die letzten Chai-Reste vom Tassenboden zu entfernen. Dann tropft auch nichts wenn man im nächsten Schritt die Tasse langsam zum Mund führt, und mit möglichst lautem Schlürfen der erste Schluck getrunken wird. Tatsächlich ist es eher eine Mischung aus pusten und trinken. Daher auch das Geräusch. Nach dem ersten Schluck können dann die Gespräche beginnen. Über Politik zum Beispiel. Eigentlich nur über Politik. Aber nicht zu intensiv. Schließlich ist das hier ein Chai-Laden. Und da steht der Chai im Mittelpunkt und sonst nichts.
Thursday, 15. March 2012
Der großzügige Minister: Geschichte eines Interview-Versuches
Zeit also für ein Interview-Termin mit Andhra Pradeshs IT-Minister Ponnala Lakshmaiah. Sehr viele Fragen habe ich in meinen Block notiert. Wie er die Verwandlung der hiesigen IT-Industrie von einem reinen Service-Anbieter für den reichen Westen in einen Service-Anbieter für heimische Branchen sieht, zum Beispiel. Und ob das nicht auch eine Gefahr für die boomende Branche ist, weil die dicke Kohle, die kommt ja momentan noch aus dem Westen. Außerdem wäre es sehr interessant gewesen zu erfahren, weshalb nicht mehr Computer und Internetanschlüsse für Schulen bereitgestellt werden und was Lakshmaiah dazu zu sagen hat, dass bislang nur drei Prozent aller indischen Haushalte einen Internetanschluss haben (zum Vergleich: laut aktueller ARD-ZDF Onlinestudie sind 73,3 Prozent aller Deutschen online). Doch dann kommt alles ganz anders.
Großes Hallo, Händeschütteln, Visitenkartenüberreichen. Gleich vier Getreue umschwirren Lakshmaiah in seinem Büro, hinzu kommen Bedienstete die Zettel raus und reinreichen, Häppchen und Diät-Cola bringen. “Lassen Sie uns nach nebenan gehen, da ist es weniger formell”, sagt Lakshmaiah. Nebenan gibt es einen fensterlosen Raum mit Sofas und Sesseln und einem kleinen Couchtisch. Häppchen knabbern, Cola trinken, dazwischen beantworte ich die Fragen des Ministers und seiner Recken. Ja, das sei ein Journalisten-Austauschprogramm. Ja, Indien gefalle mir sehr gut. Ja, das Essen sei ungewohnt scharf. Jedes Mal wenn ich zu meinem Block greife, Luft hole und endlich auch eine Frage stellen will, werden neue Häppchen gereicht. Dann wird über den – zugegebener Maßen – sehr beeindruckenden Werdegang des – zugegebener Maßen sehr freundlichen – Ministers gesprochen. Und dann, na ja dann ist die Zeit leider auch schon rum. Völlig überraschend bekomme ich Geschenke überreicht. Eine goldenen Schale wird mir in die Hände gedruckt, ich bekomme einen langen Schal umgehängt. Der Minister lächelt. Dann klicken die Kameras. "Das ist wirklich eine sehr grosse Ehre", sagt mir später ein Kollege. "Die höchste Stufe der Anerkennung." Der Minister schüttelt mir die Hand. Ich könne ihn ja morgen bei seiner Wahlkampf-Tour in seiner Heimatstadt Warangal besuchen, seine Mitarbeiter würden mich hinfahren und auf der ca. 2,5-stündigen Fahrt könnteich ja mit seinen Experten über meine Fragen sprechen. “Ja klar”, sage ich. “Das freut mich.”

Am nächsten Morgen holt mich Lakshmaiahs Pressesprecher Prasad Rao mit Fahrer und Handlanger ab. Mittlerweile würde es mich nicht wundern, hätte auch Raos Gehilfe noch einen Gehilfen. Kaum haben sich die Autotüren geschlossen, fallen Rao und sein Kompagnon in einen tiefen Schlaf. Schlaglöcher, Hupen, Notbremsen: Egal. Die Jungs ratzen auf der Rückbank. Der versprochene IT-Experte ist übrigens nicht dabei. Der Mann hätte auch nicht mehr wirklich in den kleinen Suzuki Swift gepasst mit dem wir unterwegs sind.
In Warangal angekommen, laden mich die Herren zum Frühstück ein. Ich treffe Warangals Ex-Bürgermeister und Lokaljournalisten: Großes Hallo, Händeschütteln, Visitenkartenüberreichen. Dann geht es weiter. Minister Lakshmaiah hatte mir Tags zuvor noch gesagt, seine Mitarbeiter könnten mir doch bei der Gelegenheit auch die Attraktionen seiner Heimatstadt zeigen. Und so macht der Pressesprecher des Ministers für mich den Touristenführer. Warangal war die Hauptstadt des hinduistischen Königreiches der Kakatiya Dynastie. Es gibt den Tempel der 1000 Säulen, Ruinen eines beindruckenden Forts und einen großen Hindu-Tempel zu besichtigen.
Im Anschluss steht das Mittagessen im Nobelhotel an. Mit am Tisch sitzen drei Journalisten von drei englischsprachigen Tageszeitungen: Großes Hallo, Händeschütteln, Visitenkartenüberreichen. Kein Wort über IT, Cloud Computing oder Internetzugänge wird gewechselt. Stattdessen werde ich zum laufenden Wahlkampf vor Ort (keine Ahnung), zur Agrarpolitik in Europa (leider auch keine Ahnung) und zum indischen Essen (keine Ahnung, aber eine Meinung) befragt.
Nur eineinhalb Stunden später geht es weiter. Dieses Mal zu Minister Lakshmaiah, raus in den Vorort wo der Wahlkampf tobt. Auf einem Feld ist ein großes Zelt aufgebaut. Im Schatten sitzen mehrere hundert Zuhörer auf dem Boden und lauschen den Reden der Politiker auf dem Podium. Es wird geklatscht und gelacht. Leider verstehe ich kein Wort. Alle unterhalten sich in der hiesigen Landessprache Telugu. Plötzlich winkt mich der Minister zu sich nach vorne, fragt mich, ob mir seine Heimat gefallen hat und ob mir Rao auch ja alles ordentlich erklärt habe. Händeschütteln vor Publikum, Kameras klicken, Blitzlichtgewitter. Die internationale Presse ist gekommen um über den Wahlkampf in Warangal zu berichten. Die international Presse, das bin ich. Leute scharen sich um Lakshmaiah und mich. Noch mehr Händeschütteln. Nach dem letzten Foto sagt der Minister, er habe jetzt leider keine Zeit mehr. Schließlich müsse er hier weitermachen. Meine Fragen könne ich ihm ja per E-Mail schicken. Die internationale Presse tritt vom Podium. Rao fasst mich am Arm, zieht mich durch die Menge in Richtung Auto. Leider habe er am Abend wichtige Termine in Hyderabad und deshalb müssten wir jetzt auch dringend los, sagt er. “Ok”, sage ich und steige in das Auto. Kaum hat sich der Wagen in Bewegung gesetzt fallen Rao und sein Mitarbeiter auf der Rückbank in einen tiefen Schlaf.
Monday, 12. March 2012
Gute Nacht
Auf den zweiten Blick jedoch tobt auch nachts das Leben in Hyderabad. Am Bahnhof Secunderabad verkaufen Händler Zigaretten und Chai. In zwei Hauseingänge am Bahnhofsvorplatz gedrängt und mit einer kleinen Funzel beleuchtet, locken sie zahlreiche Nachtschwärmer an. Reisende, die auf den ersten Zug warten, ein paar Junge Männer, die von einer Hochzeit kommen. Eigentlich darf hier um diese Uhrzeit gar nichts mehr verkauft werden. Deshalb wird auch schnell die Glühlampe aus- und die Herdplatte abgedreht als sich ein Polizei-Jeep im Schritttempo nähert. Langsam, unaufgeregt schlendern die Kunden weiter. Die Chai-Pappbecher und die Zigaretten noch in der Hand. Der Zigaretten-Händler kommt noch mal davon. Der Chai-Verkäufer hat weniger Glück. Die Polizisten lassen die Fenster des Jeeps herunter, rufen ihn beim Vornamen und winken ihn an die Heckklappe. Der Chai-Mann steigt ein, die Klappe schließt sich, langsam rollt der Streifenwagen davon. „In einer halben Stunde ist er wieder da, sagt der Zigaretten-Verkäufer. „Die schütteln jetzt 100 Rupien aus ihm heraus und bringen ihn wieder zurück.“ The Chai must go on.
Im Bahnhof warten derweil Hunderte auf den ersten Zug des neuen Tages. Sie schlafen auf dem Boden der Vorhalle oder direkt auf dem Bahnsteig. Ein kleines Restaurant verkauft Frühstück und Abendessen zugleich. Ein Güterzug rollt langsam durch den Bahnhof. 55 leere Kohle-Waggons. Die Passage dauert fast drei Minuten. Dann ist es wieder still am Bahnsteig.
Im Restaurant „Pickles“ gegenüber der „Deccan Chronicle“-Redaktion ist auch um halb drei morgens noch Hochbetrieb. Fast alle Tische sind besetzt. Es wird gegessen und getrunken, als wäre es acht Uhr abends. Stammkunden bekommen sogar noch Bier und harten Alkohol. Die offizielle Sperrstunde ist da schon seit dreieinhalb Stunden Geschichte. Normalerweise ist in Hyderabad um 23 Uhr Schluss mit Alkohol. Normalerweise. Tatsächlich bekommt man natürlich auch in Hyderabad zu jeder Tages- und Nachtzeit Alkohol. In einer kleinen Seitenstraße unweit des „Pickles“ wird aus einer alten Garage heraus Alkohol verkauft. Durch kleine Löcher in der Wand wird das Geld in die Garage und die Flaschen herausgereicht. Vor den Löchern herrscht reger Betrieb. „Wichtig ist nur, nicht mit der Flasche in der Hand in einem der Löcher stecken zu bleiben“, sagt einer. „Erklär das dann mal der Polizei.“
Sunday, 11. March 2012
Der brennende Berg von Hyderabad
Hier im Nordwesten der Stadt liegt der Müll der indischen Acht-Millionen-Metropole. Jeden Tag wächst der rauchende Berg um 4000 Tonnen. Rund 1,5 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr. Früher, vor 15 Jahren, in der Zeit vor der Mega-Müllkippe, war die Gegend mit dem kleinen See ein beliebtes Ausflugsziel der Großstädter. Heute ist das Grundwasser verseucht, der See ist biologisch tot, die Dörfer sterben. Wer es sich leisten konnte, ist schon lange weg gezogen. Die Familien, die geblieben sind, kämpfen um ihre Existenz. Die Männer der Dörfer finden keine Ehefrauen mehr. Traditionell zieht die Ehefrau ins Haus und zur Großfamilie des Ehemannes. Doch welche Familie will ihre Tochter schon in ein Dorf am Fuße des rauchenden Müllberges ziehen lassen?
1,5 Millionen Tonnen Müll pro Jahr: Das ist unvorstellbar viel. Im Vergleich mit Hamburg relativiert sich die Zahl allerdings schnell. Die Haushalte der Hansestadt produzieren jährlich rund 815.000 Tonnen Müll - etwa halb so viel wie die Haushalte Hyderabads. Doch in der indischen Mega-City leben vier Mal so viele Menschen wie in Hamburg.
Dass Hamburg trotzdem sauber und aufgeräumt wirkt und Hyderabad an vielen Stellen dreckig und staubig ist, liegt am System: Bis der Abfall in Hyderabad endlich die Müllkippe erreicht hat, hat er einen langen weg hinter sich. 20.000 Männer und Frauen mit insgesamt 970 Müllautos kämpfen in der Metropole täglich gegen den Abfall. Anders als in Hamburg wird der Müll nicht schon in den Haushalten getrennt, in kleinen Tonnen vor der Haustür entsorgt und dann direkt von der Stadtreinigung mit Müllautos abgeholt. In Hyderabad holen täglich rund 5000 Kleinunternehmer den Abfall mit Fahrrad-Dreirädern vor der Haustür ab. Sie arbeiten auf eigene Rechnung und werden direkt von den Haushalten bezahlt. Das Müll-Fahrrad bekommen sie von der Stadt gestellt. Umgerechnet bis zu 80 Cent erhält ein Müll-Rad-Fahrer pro Monat und Haushalt für seine Arbeit. Die Abfall-Kleinunternehmer trennen den Müll, verkaufen Papier, Plastik und Glas und bringen den Rest zu großen Abfallcontainern die überall in der Stadt aufgestellt sind. 3800 gibt es davon, 8000 wären nötig um die Straßen Hyderabads wirklich sauber zu halten. Doch jedes Mal wenn die Stadt einen neuen riesigen Sammel-Abfallcontainer aufstellen will, rebellieren die Anwohner. Keiner will die stinkenden Monster vor seiner Haustür haben. Die, die aufgestellt sind, quellen dafür über. An manchen Orten steht ein voller Sammelcontainer in einem kniehohen Abfallberg. Der Wind und streunende Hunde besorgen den Rest.
Den rauchenden Müllberg vor den Toren Hyderabads hat mittlerweile eine private Firma von der Stadt übernommen. Der indische Konzern Ramky will die Gegend wieder zu einem Ausflugsziel machen – und natürlich kräftig am Abfall verdienen. „Das hier ist der Rohstoff der Zukunft“, sagt Ramky-Berater Christopher Stapelton. Der Australier ist seit drei Monaten in Hyderabad um die Verwandlung des brennenden Berges in eine moderne Abfallverwertungsanlage zu begleiten. „Dass der Berg brennt, zeigt, dass er voller Energie steckt“, sagt Stapelton. Ramky will nicht nur an den Rohstoffen im Abfall verdienen, sondern auch mit neuen Müllverbrennungsanlagen Strom für die Mega-City erzeugen. „Dadurch, dass die Menschen alles Wertvolle aus dem Müll holen, hat Indien schon jetzt eine der höchsten Recycling-Quoten der Welt“, sagt Stapelton und zeigt auf den riesigen Berg. „Was übrig bleibt ist zum großen Teil organisch.“ Doch selbst hier versuchen die Anwohner noch möglichst viel aus dem Abfall herauszuholen. Sie sind es, die den riesigen Berg immer wieder anzünden. In der Asche suchen sie vor allem nach Metallen. Eine lebensgefährliche Arbeit. In der vergangenen Woche rutschte ein Teil des riesigen Abfallberges ab. Drei Frauen starben unter der Mülllawine. Ihre Leichen wurden bis heute nicht gefunden.
Ramky hat mittlerweile begonnen das riesige Areal einzuzäunen. Der Konzern will keine Toten mehr – und keine Schatzsucher auf seinem Rohstoffberg. „Wir wollen, dass die Leute für uns arbeiten. Unter sicheren Bedingungen.“, sagt Stapelton. Trotz anfänglicher Konflikte, hat die Firma mittlerweile viele Anwohner eingestellt. Innerhalb eines halben Jahres hat Ramky eine Teerstraße auf den Gipfel des Berges, Müllsortieranlagen, Bürogebäude, Grünanlagen und eine Dorfschule bauen lassen. An weiteren Verbrennungs- und Sortieranlagen sowie an Generatorenhäusern wird gerade gebaut. „Wir wollen das hier zu einem modernen Vorzeigeprojekt für alle Entwicklungsländer machen“, sagt Stapelton. „Warum sollten die die gleichen Fehler machen, die die westlichen Länder mit ihrem Müll bereits gemacht haben.“ Den großen Müllberg will Ramky Stück für Stück begrünen, das Grundwasser mit moderner Technik säubern. „In fünf Jahren ist das hier wieder ein Ort, den man gerne besucht“, sagt Stapelton. Die Dorfbewohner am Fuße des Berges können das noch nicht so richtig glauben. „Sie haben die Straße und die Mauer gebaut, aber von der giftigen Luft werden wir immer noch krank“, sagt eine Frau und schüttelt den Kopf. Auf der anderen Seite der staubigen Dorfstraße steht ein Mann in qualmender Asche und sucht nach Aluminium-Resten.
Thursday, 8. March 2012
Happy Holi
Am Anfang sieht es jedoch kurz so aus als würde das indische Frühlingsfest für mich komplett ausfallen. Die Straßen Hyderabads sind leer. Kaum Menschen, wenige Autos und Motorräder. Ein paar Typen die Kokosnüsse von einem großen Laster in einen kleinen umladen. Mehr nicht. Kinder und Jugendliche, die sich grölend mit Farben bewerfen, finde ich auf meinem Spaziergang durch den Stadtteil Secunderabad nicht.
Dabei ist Holi eines der ältesten und beliebtesten Feste Indiens. Im Norden des Landes wird es in manchen Regionen bis zu zehn Tage lang gefeiert. Angeblich sind an diesem Tag alle Schranken durch Kaste, Geschlecht, Alter und Status aufgehoben. Viele Farben, die später in ausgelassen Farbschlachten verwendet werden, werden vorher auf dem Altar geweiht. Segenswünsche oder zumindest ein „Happy Holi“ überbringen sich fast alle hier.
Den Grund für die menschenleeren Straßen verrät mir mein „Deccan Chronicle“-Kollege Natraj: Die Abschlussarbeiten des ausgehenden Schuljahres stehen bevor. Die sind so wichtig, dass viele Kinder zu Hause bleiben und lernen. Damit ich doch noch eine richtige Holi-Party mitbekomme, nimmt mich Natraj mit nach Hause. Dort im Hinterhof fliegen die Fetzen und die Farben. Zwei Stunden haben die Kinder der Nachbarschaft. Dann soll es zurück an den Schreibtisch gehen. Zwei Stunden und der „Uncle from Germany“ im weißen T-Shirt. Happy Holi.
Wednesday, 7. March 2012
Muhammad Ali fährt Autorikscha
Ringsherum tobt der Verkehr, Autofahrer hupen. Falls die zwei sich prügeln wollen, sollen sie das doch bitte am Straßenrand machen und ihre Fahrzeuge gleich mitnehmen, ruft einer auf Englisch aus einem Auto. Muhammad Ali steuert seine Rikscha lächelnd an den beiden Streithähnen vorbei, hält mitten auf der Straße an und sagt zu mir: "One moment, Sir." Ich lehne mich aus der Rikscha um besser sehen zu können was jetzt passiert.
Aufrecht und zielstrebig schreitet Ali ins Gefecht. Oder besser: Zwischen das Gefecht. Er fasst den Motorradfahrer an der Hand, spricht mit ihm und lächelt. Dann nimmt er den Autofahrer an den Schultern und führt ihn behutsam zurück zum Auto, öffnet die Fahrertür und setzt ihn hinein. "No speed, no danger, Sir", sagt Ali als er sich wieder in die Rikscha setzt und ordentlich Gummi gibt. Dass er am Schluss für etwa 12 Kilometer 200 Rupien will, finde ich zwar überhaupt nicht in Ordnung. Aber ich weiß: Diesem lächelnden, bärtigen Typen kann eh keiner was abschlagen. Muhammad Ali muss der reichste Autorikscha-Fahrer Hyderabads sein.
Tuesday, 6. March 2012
Angehender Straßenkämpfer
Auch Raju will dabei sein. Der 34-Jährige Ingenieur will sich in drei Wochen zur Fahrprüfung anmelden. Seit einer Woche nimmt er Fahrstunden bei M. D. Taj. Der sehr dicke Fahrlehrer besitzt drei Autos mit sehr großen Beulen und ohne Seitenspiegel. Zusammen machen sich Raju und Taj auf den Weg durch Hyderabads Verkehr. Der Motor jault, das Auto ruckelt. Der Fahrlehrer greift mit der rechten Hand seinem Schüler ins Steuer, mit der linken Hand hält er sich sein Handy ans Ohr: „Wichtiges Telefonat“, sagt er. Raju weicht den Motorrollern aus und versucht möglichst weit links zu bleiben. Aber links, da sind die Fußgänger, die kleinen Marktstände – und die anderen Motorroller. Schon in seiner fünften Fahrstunde weiß Raju: Am besten ordentlich hupen. Genau sieben Kilometer ruckelt das verbeulte Auto so durch die Straßen Hyderabads, dann ist die Fahrstunde vorbei – nach etwa 15 Minuten. 26 Fahrstunden á sieben Kilometer. Das ist hier die Norm. Danach geht’s für die Fahrschüler zum Prüfungsparcour. Raju steigt aus dem Fahrschulauto und verabschiedet sich bei seinem Lehrer. Dann steigt er auf sein Motorrad und verschwindet, sich an Autos vorbeischlängelnd, im dichten Verkehr der Mega-City.
Sunday, 4. March 2012
Eine verbrannte Braut pro Stunde
Im Jahr 2010 kam es in Indien in 8391 registrierte Fällen zu Braut-Verbrennungen - statistisch gesehen bedeutet das, dass fast stündlich eine Frau verbrannt wird. Frauenrechtsorganisationen glauben, dass auf jeden registrierten Fall 250 nicht registrierte kommen und dass weniger als 10 Prozent der gemeldeten Fälle dann auch strafrechtlich verfolgt wird. Im Jahr 2010 kam es in nur 3,6 Prozent aller Fälle zu einer Anklage.
Regelmäßig trifft sich in Hyderabad eine große Gruppe engagierter Menschen zur Diskussion. Mittelschicht-Bürger, Intellektuelle, Studenten. Es geht um Nahverkehrsthemen, Herausforderungen der Großstadtarchitektur oder um die Zukunft der Mega-Städte. Gestern ging es um Mitgift. Und von den etwa 140 regelmäßigen Teilnehmern kam nur die Hälfte. Die Veranstalter sind ein bisschen überrascht. "Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten", sagt eine von ihnen. "Entweder sie wollten nicht darüber reden, weil sie selbst Mitgift gegeben oder genommen haben oder sie sehen Mitgift nicht als ein Problem unserer Gesellschaft und halten es nicht für notwendig darüber zu diskutieren. Sie halten es für eine Tradition."
Die Journalistin Kalpana Sharma hat an der Diskussion teilgenommen. Seit den 70er Jahren kämpft Sharma für Frauenrechte in Indien. Im "Hindu" erscheint ihre landesweit bekannte und beachtete Kolumne "The Other Half". Bei Thema Mitgift sieht sie schwarz, auch wenn sie das so nicht sagen würde. "Die registrierten Fälle von Brautverbrennungen haben sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt", sagt sie. Mitgift sei in Indien zu einem festen Bestandteil der Gesellschaft geworden und allgemein akzeptiert. "Sogar Autofirmen werben mittlerweile indirekt dafür, dass ihre Autos die perfekte Mitgift seien", sagt Sharma. Tatsächlich läuft derzeit im Fernsehen ein Skoda-Spot in Dauerschleife in dem das Auto zum Mittelpunkt einer Hochzeitsgesellschaft wird. "Das setzt Familien weiter unter Druck", sagt Sharma."Wenn eine Frau verbrannt wird, weil sie nicht genug Mitgift in die Ehe bringt, was sagt das über den Status der Frauen in der indischen Gesellschaft?"
Friday, 2. March 2012
Der Zickzack-Zeichner
Wednesday, 29. February 2012
Die Spuren im Sand
Alles auf Bengali natürlich. So daß ich kein Wort verstand. Aber Samarjits warme Stimme hat mich einfach begeistert. Und so will ich schon wissen, worum es eigentlich ging. Zum Beispiel bei “Shukher Mathey Tonayay Dekechi”. Samarjit arbeitet normalerweise beim British Council – genau gegenüber der Times of India in der Camac Street. Wie gut, daß auch sein Kollege Arnab Banerjee mit dabei ist, der mir den Text ins Englische übersetzen kann.
“Das ist ein Gespräch mit Gott”, erklärt mir der junge Mann. Ein Mensch beklage sich darüber, daß er dessen Nähe nur in Zeiten des Glücks erlebt habe, nicht aber, als es ihm dreckig ging. Gott antworte, daß dort, wo auf dem Lebensweg des Menschen nur eine Spur zu sehen sei, er ihn getragen habe.
Moment mal, Moment mal! Das kommt mir doch sehr bekannt vor! Das ist doch fast dasselbe wie das Gedicht “Spuren im Sand”, das in der westlichen Welt ebenfalls sehr bekannt ist, aber der Amerikanerin Margaret Fishback Powers zugeordnet wird. Die soll das Poem 1964 nach einer Lebenskrise verfasst haben. Da freilich hatte Rabindranath Tagore schon 23 Jahre das Zeitliche gesegnet.
Um die “Spuren im Sand” gab es übrigens schon früher Urheberrechtsstreitigkeiten. Fishback Powers musste gerichtlich dafür kämpfen, als Autorin anerkannt zu werden. Einen Hinweis auf die erstaunlichen Parallelen zum literarischen Stolz der Bengalen habe ich aber bislang noch nirgends gefunden. Aber der kann ja jetzt ohnehin nicht mehr klagen.
Sei’s drum: Das Gedicht ist einfach schön. Ordnen wir es daher einfach mal dem gemeinsamen spirituellen Erbe der Menschheit zu. Und es bereichert einen immer wieder. Daher sei hier Margaret Fishback Powers’ Version nochmal veröffentlicht:
Spuren im Sand
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn:
“Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?”
Da antwortete er:
“Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.”
Tuesday, 28. February 2012
Der Kampf gegen den Verkehrsinfarkt

Ich schaue ihm wohl trotzdem etwas zu skeptisch: Nur 220 Ampeln für fast acht Millionen Einwohner mit 2,1 Millionen Fahrzeugen (fast 1,8 Millionen sind davon Motorroller und Motorräder). Wie soll da irgendwer irgendwelche Regeln durchsetzen? In Hamburg sind derzeit rund 1700 Ampeln in Betrieb – für 1,7 Millionen Einwohner und 840.000 Fahrzeuge. 2010 (das sind die aktuellsten Zahlen) starben auf Hamburgs Straßen 22 Menschen. In Hyderabad waren es im selben Jahr 490 Tote (441 in 2011). Warum also nicht mehr Verkehrssignale um das Chaos auf Hyderabads Straßen zu bändigen? „Wenn wir mehr Ampeln bauen würden, würde es zu noch mehr Staus kommen“, sagt Anand und lächelt sein Gewinner-Lächeln. Mich hat dieser Typ schon längst in die Tasche gesteckt. Allerdings muss ich mich ja auch nicht mit ihm streiten.
Für Anand ist die Ampel-Nummer eine Abwägung zwischen mehr Sicherheit und dem totalen Verkehrsinfarkt: Egal wie viel Fahrzeuge auf Hyderabads Straßen unterwegs sind: Der Verkehr fließt -mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17 km/h in der Hauptverkehrszeit. An Kreuzungen ohne Ampel wird nicht gestoppt. Es wird gefahren. Von 3000 Verkehrspolizisten sind 1500 zu jeder Zeit auf der Straße. Sie versuchen, den steten Fluss nicht versiegen zu lassen. Notfalls wird die Ampel eben manuell abgeschaltet und die Autos werden so über die Kreuzung gewunken. Die Priorität ist klar: Bloß kein Stau. Auch bei den neuen Ampeln werden Verkehrspolizisten vor Ort und in der Zentrale die Möglichkeit haben, manuell von Rot auf Grün zu schalten.
Natürlich haben Fußgänger bei diesem Verkehrskonzept das Nachsehen. Allein im Januar starben 17 Fußgänger auf Hyderabads Straßen. Und ihre Situation wird sich in den kommenden Jahren nicht verbessern. Im Gegenteil. „Jeden Tag werden in Hyderabad rund 1000 Fahrzeuge zugelassen und etwa 500 Führerscheine ausgestellt“, sagt G. Panduranga Rao Jt. Comissioner & Secretray der hiesigen Transportbehörde. Seit 2001 habe sich die Anzahl der zugelassenen Fahrzeuge in der Stadt verdoppelt. „Ein Ende ist nicht abzusehen“, sagt Rao. Hauptkommissar Anand wird die nächsten Jahre viel zu tun haben.
Verkehr in einer Nebenstraße von Hyderabad (Videolink)
