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    <title>Ralf Mielke, Chennai - Nahaufnahme - Journalistenaustausch</title>
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    <pubDate>Thu, 08 Dec 2011 09:59:31 GMT</pubDate>

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    <title>Musik</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Am Freitag war es soweit: Das Lied “Why this Kolaveri di?” riss die Zehn-Millionen-Klicks-Marke auf Youtube. Das Stück, Soundtrack eines im nächsten Jahre erscheinenden Films, ist damit endgültig der Internethit der Saison. Am Sonnabend gaben - unter nicht so großer, aber dennoch sehr freundlicher Beobachtung - die Schüler der Chennaier Musikschule Unwind ihr Adventskonzert. Am Sonntag schließlich trat das Stuttgarter Kammerorchester in einem Konzertsaal in Chennai mit Werken von Bach, Vivaldi und Mozart auf, und am Montag besuchte ich die angesehenste Akademie für karnatische Musik und südindischen Tanz. Vier Geschichten voller Musik:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufreger:Seit drei Wochen ist das Lied in aller Munde: &quot;Why this Kolaveri di?&quot;, etwa &quot;Warum bereitest Du mir solch einen Kummer, Mädchen&quot;, bricht im Internet nahezu alle indischen Rekorde. Mehr als zehn Millionen Mal haben sich User das Video des Songs angeschaut. Es handelt vom Liebesleid eines jungen Mannes und ist in einer Mischung aus Englisch und Tamil verfasst, Tanglish. Interpretiert wird es von einem bekannten tamilischen Schauspieler, der den Text nach eigenen Angaben in ein paar Minuten improvisiert hat. Der Film dazu mit dem Titel &quot;3&quot; soll im nächsten Jahr erscheinen. Wer mehr über das Lied, den Film, seine Macher, den Komponisten und den Sänger erfahren möchte, kann sich auf &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Why_This_Kolaveri_Di&quot;&gt;Wikipedia&lt;/a&gt; informieren. Es gibt tatsächlich schon einen ausführlichen Eintrag auf Deutsch. Ganz ehrlich aber, der Song ist ziemlich langweilig, vergleichbar mir einem deutschen Schnulzschlager der schlichteren Sorte. Die Melodie aber ist so eingängig, dass das Lied in Büros gesummt wird, es dröhnt aus Läden in den Einkaufsmeilen, Comedians machen sich darüber lustig - und Eltern Sorgen. Denn, und damit scheint eine moralische Grenze überschritten zu sein, auf Schulhöfen singen Heranwachsende &quot;Why this Kolaveri di&quot; tatsächlich ihren Mitschülerinnen vor. In den Pausen. Gefährdet das womöglich die Unschuld der jungen Frauen? Das war eine ernsthaft diskutierte Frage in indischen Zeitungen. Die Schulbehörde mahnte, dieses ungebührliche Verhalten müsse unterbunden werden. Unverantwortlich das Ganze. Aber es melden sich auch Stimmen der Vernunft: Hauptsache, so sagen sie, das Lied werde nicht auch noch im Unterricht gesungen. Indischer Pragmatismus!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Das Vorsingen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
Seit 14 Jahren lernen Kinder und Jugendliche im Unwind Center singen und Instrumente spielen. Die von einem aus den USA in seine Heimat zurückgekehrten Geschäftsmann gegründete Musikschule hat sich ein hübsches Motto gegeben: Lächle, das Leben ist wundervoll. Was man angesichts des oft gar nicht so wundervollen Lebens, das sich auf Chennais Straßen und daneben abspielt, als Zynismus verstehen könnte, wären die Unwind-Lehrer nicht auf eine sympathische Art beseelt von der Arbeit mit ihren Schülern. Zu besichtigen war das am ersten Sonnabend im Dezember. Weihnachtskonzert im Museum Theatre, einem kleinen schönen Konzertsaal mit richtiger Bühne. Darauf standen Jungs und Mädchen mit Nikolausmützen, umrahmt vom Unwind-Chor und einigen Lehrern, die Keyboard und Gitarre spielten. Im Publikum Eltern, Geschwister, Freunde, Bekannte, alle sehr gewillt, die jungen Musiker gebührend zu feiern. Die wiederum sangen mit großer Inbrunst &quot;O Come al ye faithful&quot;, &quot;Last Christmas&quot; von Wham und etliches mehr, zwischendurch spielte ein Trio ein Medley aus moderner Rock- und Popmusik, zum Schluss sang der ganze Saal &quot;Stille Nacht&quot;. Für den deutschen Gast, der gerade noch bei 30 Grad schwitzend durch einen lauten, versmogten und unchristlichen Stadtdschungel gelaufen war, bot das ein bisschen viel vorweihnachtliche Andacht. Der sympathisch unperfekte Auftritt der jungen Musiker, die am Ende glücklich ihren ersten Bühnenauftritt hinter sich gebracht hatten, wischte die unguten Gedanken aber rasch wieder aus dem Sinn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Die Klassiker&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
Um der lauten und heißen Stadt für eine kurze Weile zu entfliehen, ist die Terrasse des Goethe-Instituts nicht der schlechteste Ort. Am Sonntag erfrischen sich dort die Musiker des Stuttgarter Kammerorchesters mit Wein, Bier und südindischen Speisen nach einem Konzert, das sie kurz zuvor in der Sir Mutha Venkatasubba Rao Concert Hall (versuchen Sie mal, das schnell nachzusprechen) beendet haben. Das Publikum feierte sie dafür, wie sie an diesem Abend Werke von Corelli, Vivaldi, Bach, Mozart, Grieg und – als Zugabe – einen Marsch von Fritz Kreisler spielten. Die Kritikerin des Hindu schrieb später von einer glänzenden, strahlenden Aufführung. Vier Konzerte hat das Stuttgarter Streicherensemble während dieser Tournee, seiner dritten durch Indien, gegeben. Chennai liegt zum ersten Mal auf der Route. Von dort geht es noch in der Nacht zurück nach Deutschland. Die kleine Stärkung vor der langen Reise kommt den Musikern also gelegen. Mit den Kollegen vom Indischen Symphonieorchester aus Mumbai, die beim Konzert zuvor mitgewirkt haben, stehen sie beisammen und stoßen mit Wein auf den gelungenen Abend an. Europäische klassische Musik werde in Indien immer populärer, erzählt einer von ihnen. Die indischen Gäste, die mit den Künstlern hier auf der Terrasse ins Gespräch kommen, äußern sich begeistert über Bach und Mozart und die anderen. Das besonderes Interesse der Gäste erregt an diesem Abend der aus Ungarn stammender Cellist, an dessen beseeltem Spiel sich das Publikum sehr erfreut hat. Mit wunderbarem Akzent spricht er nun über Grieg und die Romantik, den Wiener Geiger Fritz Kreisler, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein gefeierter Violinvirtuose war, und über die Frage, warum das Spiel eines Cellos die Zuhörer immer so tief zu berühren vermag. Er lächelt dabei versonnen. Die laute, heiße Stadt ist in dem Moment sehr weit weg. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Unterm Banyambaum&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
Um Viertel nach acht morgens sollte ich am Treffpunkt sein, hatte mich die Kollegin gebeten. Sie würde mich dann auf den Campus des Rukmini Devi College of Fine Arts begleiten. Das College ist die erste Adresse für südindischen Tanz und karnatische Musik, außerdem werden hier Malerei, Bildende Kunst und Design gelehrt. Um halb neun stehe ich unter einem Banyambaum neben rund hundert Schülern und einem Dutzend Lehrern, die hier ihre Morgenandacht abhalten und den Gott Shiva anrufen. Danach beginnt der Unterricht - zuerst Gesang, Percussion, indische Geige, später Tanz - in den auf dem weitläufigen Campus verteilten Klassenräumen. Aus dem fensterlosen kleinen Häuschen schallt Musik über das Gelände, die sich mit dem Gezwitscher der Vögel in den Bäumen vermischt. Das College wird von der Kalakshetra Foundation unterhalten, die Tänzerin Rukmini Devi, 1904 in Madurai geboren, hat es einst gegründet. Heute durchlaufen etwa 500 Schülerinnen und Schüler das vierjährige Studium. Das alles erzählt mir Olena, eine in München aufgewachsene Ukrainerin, die gerade die Abschlussklasse besucht, Schwerpunkt südindischer Tanz, Bharatanatyam. Im April absolviert sie das Arangetram, was man vielleicht am ehesten mit Bühnenreife übersetzen kann. Das Arangetram ist der erste Solotanz einer Tänzerin. Anschließend darf sie auftreten und Unterricht erteilen. Olena hat mich angesprochen, als ich auf einer Bank saß und dem Singen und Trommeln aus den Klassenräumen lauschte. Sie tanzt seit sie vier ist. Als Jugendliche erwachte das Interesse an Indien und dem indischen Tanz in ihr. Also kam sie, nach der Schule in Deutschland, vor bald vier Jahren her. Nach dem Abschluss will sie erst mal zurück nach München, anschließend aber wieder nach Indien, in den Norden, weiter lernen. Ihr Ziel: eine Tanz- und Musikschule ein bisschen in der Art des Rukmini Devi College in Deutschland. &quot;Meinst Du, das kriege ich hin?&quot;, fragt sie. Ich weiß es nicht, aber ich werde ihr fest die Daumen drücken.&lt;br /&gt;
 
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    <pubDate>Thu, 08 Dec 2011 10:56:20 +0100</pubDate>
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    <title>Eine Hand wäscht  - des anderen Auto</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Die OECD meldet, der Unterschied zwischen Arm und Reich habe nochmals zugenommen. Nicht in Indien, man kann sich wirklich kaum vorstellen, wie der noch größer werden könnte, sondern in den westlichen Industrienationen, auch in Deutschland. Das hätten jüngste Studien ergeben. In Indien ist der Unterschied zwischen den Reichen und Wohlhabenden auf der einen Seite und den Geringverdienenden und den wirklich Armen auf der anderen jederzeit mit Händen zu greifen. Slums wuchern am Straßenrand, gegenüber preist ein Möbelgeschäft seine Sonderangebote an, stehen eingezäunte Wohnhäuser für Mittelschichtler oder zeigt eine Galerie Fotokunst aus Indien, alles jeweils auf ein paar hundert Quadratmetern. Während der Normalverdiener seinen Imbiss an der Straße einnimmt (was auch meine Kollegen vom Hindu lieber vermeiden), entstehen immer mehr exklusive Restaurants in Chennai. Und wo die einen ihr Geld damit verdienen, in offenen Autorikschas Passagiere durch den stinkenden Verkehr zu lotsen, da lassen sich andere in ihrem eigenen Auto von einem Fahrer ins Büro chauffieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch die höheren Posten in The Hindu. Während die Abteilungs- und Verlagsleiter in ihren Büros den Geschäften nachgehen, warten ihre Fahrer im Hof darauf, dass sie ihren Arbeitgeber wieder nach Hause oder sonst wohin bringen können - und machen ihrerseits Geschäfte. Wie so oft in Indien hat sich aus der Situation &quot;Viel Zeit, wenig Geld&quot; ein aus Fahrerperspektive florierendes Business ergeben. Denn in ihrer Wartezeit waschen sie die Autos anderer Hindu-Mitarbeiter und kassieren dafür Extra-Geld. 600 Rupien, knapp unter zehn Euro, zahlt eine Kollegin im Monat dafür, dass einer der vielleicht ein Dutzend Fahrer, die täglich auf dem Hindu-Gelände ihre Zeit mit Warten und Wagenwaschen verbringen, ihr Fahrzeug zwei, drei Mal pro Woche wienert. Gestern sah ich einen jungen Mann, der hingebungsvoll die Fußmatte eines Kleinwagens schrubbte. Und an jeder Ecke hantiert jemand mit einem Fensterleder und sorgt für klare Sicht durch die Frontscheibe eines Mittelklassewagens. Dass sich die Lücke zwischen Arm und Reich auf diese Weise ein wenig schließt, scheint mir dennoch ausgeschlossen zu sein. Vielleicht sollte die OECD eine Studie in Auftrag geben.&lt;br /&gt;
 
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    <pubDate>Thu, 08 Dec 2011 10:50:38 +0100</pubDate>
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    <title>Dancing Queens and Kings</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Am Abend gehe sie mit Freunden zum Salsatanzen, sagt die Kollegin. Ob ich auch tanze? Ein bisschen Walzer, entgegne ich, und einen ganz brauchbaren Foxtrott. Ich solle mitkommen, sagt sie, es werde lustig. Sie habe lang nicht mehr getanzt, ich würde schon sehen, alles ganz entspannt. Um acht treffen wir uns in einer Hotelbar, eine Freundin der Kollegin ist da, sie ist Filmemacherin, stammt aus Sri Lanka und kümmert sich mit einem Verein um Slumkinder und Flüchtlinge von der Insel vor Südostindien. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir reden beim Bier über Korruption und die Versuche der Regierung, sie einzudämmen. Es geht um die geringen Löhne von Beamten und Polizisten und um die eigene Einstellung. Seit langer Zeit schon wird im Parlament über ein Gesetz debattiert, das Lokpal, initiiert von der Bürgerbewegung des Antikorruptionskämpfers Anna Hazare. In der vergangenen Woche stand die Frage im Zentrum der politischen Verhandlungen, ob knapp 600.000 Beamte und Angestellte der unteren Verwaltung unter das Gesetz fallen sollen oder nicht. Nach einigem Hin und Her lautet der jüngste Stand: sie sollen nicht. Ob es am Ende dabei bleibt? Keine Ahnung, sagt die Kollegin. Wer weiß schon, ob das Lokpal überhaupt irgendwann zustande kommt. Die Regierung könne noch so viele Gesetze verabschieden und Kommissionen einsetzen, meint die Filmemacherin, die Korruption fange bei den Leuten an. Doch wer vor der Wahl stehe, entweder eine vergleichsweise kleine Summe unter der Hand zu zahlen, um einen Stempel, eine Erlaubnis oder eben keinen Strafzettel zu bekommen, oder nicht zu zahlen und auf alles - Stempel, Erlaubnis und auch noch den Strafzettel - ewig zu warten: Was tue der wohl?! &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeit zum Aufbruch. Es ist neun, Salsa-Zeit, ein anderes Hotel. Es geht eine Treppe hinunter in die Kellerbar. Schwarzlicht, Lederhocker, in einer Ecke der DJ, am Ende des Raums der Tresen, vorn die Tanzfläche, darauf und darum herum viele junge Leute, sehr viele. Salsa, so hat mir die Kollegin erzählt, ist seit ein paar Jahren äußerst angesagt. Sie selbst hat mit Freunden vor einiger Zeit einen Workshop in Bangalore besucht. Der Tanz ist ein leicht verruchtes Vergnügen, und deshalb im eher prüden Indien unter jungen Erwachsenen so beliebt. Ältere und Eltern rümpfen schon mal die Nase darüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gut, dass sie nicht sehen, was sich da auf der Tanzfläche und daneben abspielt. Paare, eng umschlungen, die Hüften wiegend, Tänzer, die sich lasziv an ihre Partnerin schmiegen, die Bewegungen sind erotisch aufgeladen, es wird schnell und sehr gekonnt getanzt. Die Stimmung ist mit ausgelassen unzulänglich beschrieben, überall frohe und strahlende Gesichter. Abseits der Tanzfläche ist von erotischer Spannung dabei nichts zu spüren, niemand hält Händchen, wenn sich selbst hier ein Paar küsste, es wäre der Gossip des Abends. Andernorts wäre es sogar ein Skandal.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Kollegin und ihre Freundin sind begehrte Tanzpartnerinnen. Ich verstehe sofort, warum. Sie tanzen Salsa, Merengue, Jive. In der Bar kennt man sich. Niemals würde ein indischer Mann auf die Idee kommen, eine ihm fremde Frau anzusprechen. Das ziemt sich nicht. Und könnte eine Menge Ärger heraufbeschwören. Freunde, Verwandte, selbst Kollegen wachen sehr über die Integrität ihrer weiblichen Begleitung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie es aussieht, bin ich der einzige, der Salsa und Co. nicht beherrscht. Ich versuche ein paar Tanzschritte mit der Filmemacherin, sie hat sich erbarmt. Als sie sich zu drehen beginnt, komme ich aus dem Takt, sie lächelt. Und lässt sich von einem besseren Tänzer entführen. &lt;br /&gt;
 
    </content:encoded>

    <pubDate>Thu, 08 Dec 2011 10:47:57 +0100</pubDate>
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    <title>Die Augen Vishnus</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Ein heißer Vormittag in Chennai. Auf etwa halbem Weg vom Verlagshaus des Hindu an der Straße Anna Salai zum Marina Beach liegt inmitten kleiner Gassen der Parthasarathy-Tempel. Er ist dem Gott Vishnu, dem Alldurchdringenden, geweiht, genauer gesagt seiner Manifestation, Lord Krishna, der hier, um die Verwirrung komplett zu machen, Venkata Krishnan genannt wird. Hindus verehren Vishnu als den Bewahrer der Schöpfung. Krishna, der Schwarze, ist hinduistischem Glauben zufolge der achte von zehn Avataren, in deren Gestalt Vishnu auf der Erde erschien. Der Parthasarathy-Tempel ist der älteste der Stadt, erbaut vor mehr als einem Dutzend Jahrhunderten. Zwei reich verzierte, kunstvoll gemeißelte Türme ragen in den Himmel, von weitem sichtbares Zeichen des heiligen Bezirks. Den dürfen Gläubige ebenso wie Besucher nur barfuß betreten. Sandalen und Schuhe stellen die meisten einfach vor dem Eingang ab. Für zehn Rupien kann man sein Schuhwerk aber auch in ein Regalfach legen. Dort wird es dann von einer alten Frau gut bewacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Steinboden vor dem Tempel glüht unter den Füssen. Mit schnellen Schritten geht es in den Tempel hinein. In den Höfen sitzen Menschen, manche dösen in der Hitze. Oder meditieren sie? Andere werfen sich vor eine dem Gott geweihten Statue auf den Boden. Ein paar Schritte weiter bohren Arbeiter ein Loch. Auf metallenen Schalen brennen Kerzen. Breite Gänge, den Seitenschiffen in Kirchen nicht unähnlich, führen um das Allerheiligste im Zentrum des Tempels herum, an Wände sind Steintafeln angebracht, auf denen in tamilischer Schrift Vishnu gepriesen wird. In einer Nische steht eine große Waage mit Schalen, auf denen bequem Menschen Platz nehmen könnten. Sie dienen dazu, Spenden von Reis oder anderen Nahrungsmitteln zu wiegen. Wer etwa Unheil von seinem Kind oder seiner Gattin abwenden oder eine Krankheit besiegen will, ruft die Götter um Hilfe an und verspricht, wenn sein Flehen erhört wird, eine Spende in Höhe des Gewichts des Kindes oder der Gattin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Art Atrium kommt den Besuchern ein gerade vermähltes Paar entgegen. Zwei Musiker begleiten die festlich geschmückte Braut und ihren Bräutigam. Einer bläst die Nageshwaram, das traditionelle südindische Blasinstrument, der andere schlägt auf der Thavil den Rhythmus. Die Musik durchdringt den Lärm im Tempel leicht. Brahmanische Priester eilen vorbei. Sie tragen den Dohti, jenes klassische Beinkleid des Mannes, das an einen Rock erinnert und das man noch oft auf den Straßen Chennais sieht, und ein schmales, weißes Band wie eine Schärpe über Brust und Bauch als Zeichen ihrer Brahmanenschaft. Die Priester verbringen ihr gesamtes Leben im Tempel, junge und alte unter einem Dach. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleich beginnt der Einlass in das Allerheiligste, in dem Hindus Vishnu anbeten und von einem Priester den Segen empfangen. Der Vishnu-Tempel ist der einzige in Chennai, in dem auch Nicht-Hindus Zutritt dazu haben. Eine lange Schlange hat sich vor dem Eingang gebildet. Es ist heiß. Es wird gedrängelt. Etwas abseits hat sich eine weitere Reihe gebildet, sie ist kürzer, es ist die Fast Lane. Wer 50 Rupien zahlt, ist schneller bei Gott. Drinnen geht alles wie am Fließband. Frauen treiben die Gläubigen an. Vor der Krishna-Statue auf einem Podest in einem Schrein verbeugen sie sich, ein Priester nimmt Geldspenden entgegen, segnet mitgebrachte Tulsi-Zweige oder opfert sie der Gottheit. Das Tulsi-Kraut ist ein Verwandter des Basililkums. Es gilt in Indien als heilig. Im Allerheiligsten ist es laut, es wird verhandelt, wer welches Tulsi-Büschel wann bekommt, Ausgestreckte Hände. Winken, Rufe. Mit dem gesegneten Kraut in der Hand geht es wieder hinaus, ans Licht, auf die Straße. Unter den Füssen glühen immer noch die Steine. Aber nach einem Blick in Vishnus Augen fühlt es nicht mehr ganz so heiß an. &lt;br /&gt;
 
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    <pubDate>Wed, 07 Dec 2011 11:10:36 +0100</pubDate>
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    <title>Fantasiepreise</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Das Feilschen um den Fahrpreis gehört in Chennai zum guten Ton. Rikschafahrer sind für Westeuropäer dabei die größte Herausforderung. Denn natürlich wollen sie von einem Ortsunkundigen, den sie darüber hinaus noch für einen wohlhabenden Wessi halten, mehr haben als von einem Einheimischen. Außerdem beeinflussen Klima, Verkehr und Tageszeit den Fahrpreis erheblich. Das heißt: Wenn es regnet, wird es teurer, in der Rush hour wird es teurer, abends wird es teurer. Alles andere ist der Fantasie des Rikschafahrers überlassen. Ich frage nun immer eine Kollegin, wie viel sie für eine bestimmte Strecke zahlen würde. Vom Hotel zum Büro in The Hindu sollten es nicht mehr als 80 Rupien sein (knapp 1,20 Euro für etwa acht Kilometer), vom Goethe-Institut zum Hotel 100, vom Büro zur nächsten Einkaufsmall 40, von dort zum Elliot’s Beach 150 Rupien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Taktik des Fahrgastes gehört es, die erste Forderung des Fahrers “It’s onefifty, Sir, come, come” (150 Rupien also) mit einem erstaunten Blick sowie einer wegwerfenden Handbewegung zu kommentieren und dann seinerseits einen Preis deutlich darunter anzubieten: “I’ll give you 60”. Um zu zeigen, was er davon hält, lacht der Fahrer daraufhin laut auf. Die Entfernung so weit, das Wetter so schlecht: “Onetwenty”. Nie im Leben, höchstens 80, no way. Der Fahrer schwankt. Um ihm den Ernst der Lage zu verdeutlichen, wendet sich der potenzielle Fahrgast nun ab – auf der Suche nach der nächsten Rikscha. An besten, er winkt schon mal mit der Hand. Dann kann es passieren, dass der Fahrer einem “Okay, onehundred” hinterherruft, und der Deal doch noch zustande kommt. Ohne Quittung, ohne Taxameter (die wenigsten haben einen funktionierenden), ohne Garantie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwa 100.000 Autorikschas, eine inoffizielle Zahl, fahren durch Chennai. Autorikschafahrer ist für Männer aus unteren sozialen Schichten ein erstrebenswerter Job. Wer viel fährt und hart arbeitet, kann bis zu 25.000 Rupien im Monat damit verdienen, etwa 360 Euro, abzüglich der Kosten für Benzin, Wartung und eventuell Miete für das Auto. Das Durchschnittseinkommen der Fahrer liege sicher bei über 10.000 Rupien, schätzt ein Kollege aus der Lokalredaktion des Hindu. Aber auch das ist inoffiziell. Manch einer gebe sich mit weniger zufrieden, dafür würde er eben weniger fahren. Alkohol sei ein Problem.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Markt der Autorikschas ist nur schwach organisiert und kaum kontrolliert. Es gibt keine großen Unternehmen. Privatleute, zum Beispiel Polizisten, kaufen Fahrzeuge und vermieten sie an die Fahrer. Es ist ein Investment, manche besitzen vier, fünf Rikschas, kaum mehr, aber auch das ist inoffiziell. Seit einer Lockerung der Zulassungsregeln gehören immer mehr Rikschas den Fahrern selbst. Sie feilschen sozusagen auf eigene Rechnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Westeuropäer sollte man wissen, wann man verhandeln und wann man den Preis einfach akzeptieren sollte. An einem Abend, es regnete, stand ich abends nach einer Veranstaltung an der Straße und hielt Ausschau nach einer Rikscha. Die erste hielt, “twohundred, Sir”, erklärte der Fahrer, nachdem ich ihm mein Ziel genannt hatte. Ich ließ ihn ziehen. Der nächste forderte 150, Ich versuchte zu feilschen, er fuhr einfach weiter. Der nächste wollte – es kam kein nächster. Ein indischer Freund brachte mich schließlich mit seinem Moped bis an die Hauptstraße. Kaum war ich abgesessen, öffneten sich die Schleusen. Es regnete wasserfallartig. An der Hauptstraße nahm ich durchnässt die erstbeste Rikscha – ich zahlte freiwillig 150 Rupien für die Hälfte des verbliebenen Weges.&lt;br /&gt;
 
    </content:encoded>

    <pubDate>Thu, 01 Dec 2011 09:33:17 +0100</pubDate>
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    <title>Regentanz</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Seit fuenf Tagen regnet es nun schon. Zwischen Oktober und Dezember ist Monsun-Zeit in Tamil Nadu, doch die Heftigkeit der Schauer finden selbst die Kollegen von The Hindu bemerkenswert. Schuld ist ein Wirbelsturm ueber dem Indischen Ozean, der seinem Namen alle Ehre macht. Er wirbelt in regelmaessigen Rhythmus feuchte Luft an die Kueste. Es regnet Katzen und Hunde, wuerden die Briten sagen, die hier in Chennai als Kolonialherren ja lange Zeit das Sagen hatten. An den Stadtraendern sind Strassen unbefahrbar, Wege unterbrochen, Orte abgeschnitten. In den zentraler gelegenen Vierteln der Stadt ist der Verkehr noch moeglich, wenn auch beschwerlich. Strassen stehen halb unter Wasser, wenn nicht, saeumen Schlagloecher den Weg. Mobile Einsatztrupps versuchen sie zu stopfen, indem sie Bauschutt und zertruemmerte Ziegelsteine hineinschaufeln. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor den Geschaeften, Schulen und Hotels, den Wohnhaeusern und Baracken aus einfachstem Gemaeuer oder als Zeltkonstruktion, planen- oder stohbedeckt, die hier zum Strassenbild gehoeren, befreien Frauen die Wege mit schlichtem Reisgbesen von Dreck und Schlamm. Die meisten Menschen stoert der Regen kaum. Sie waten barfuss durch die Pfuetzen, Kinder spielen am Strassenrand, vor den mobilen Imbisstaenden warten Kunden geduldig. Nur wenige Fussgaenger schuetzen sich mit einem Regenschirm. Mopedfahrer ziehen sich Plastiktueten ueber den Kopf – einen Helm traegt fast niemand – oder setzen Badekappen auf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Kollegin warnt mich, zu Fuss durch ueberschwemmte Strassen zu laufen. Nicht, dass ich das vorgehabt haette! Sie sagt, dass die Behoerden gelegentlich die Gullideckel entfernen, man also bei einem falschen Schritt in der Tiefe versinken koenne. Einem Freund sei das passiert. Bis zu den Hueften habe er im Wasser gesteckt.&lt;br /&gt;
 
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    <pubDate>Wed, 30 Nov 2011 09:45:08 +0100</pubDate>
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    <title>Wahrnehmungsstörung</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Gegenüber meinem Hotel ist ein italienisches Restaurant. Es wird gern von jungen Leuten besucht, weil die Preise moderat sind und die Musik westlich ist. Es ist merkwürdig, in Chennai in der Bar Veneto zu sitzen und eine Minestrone zu essen. Sie schmeckt gut, um nicht zu sagen lecker. Zweimal bringt der Kellner Brot. Die Bar liegt etwas von der Straße entfernt. In Berlin würde man Hinterhof sagen. Von hier sieht der Gast den Matsch, Schlamm und Dreck nicht, der sich, nach Tagen des Regens, auf und an der Straße breit macht. Ganz zu schweigen vom ganz normalen Müll. Obwohl es im Stadtteil T. Nagar diesbezüglich noch moderat zugeht, die Müllhaufen in der Regel überschaubar sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Minestrone spaziere ich ein wenig die Straße entlang. Nach den ersten Tagen habe ich mich daran gewöhnt, dass Autorikschas an mir zentimetereng vorbeibrausen, Radfahrer mich als Slalomstange ansehen und andere Fußgänger jede Lücke nutzen, um sich an mir vorbeizuschlängeln. So wenig sie mich dabei wahrzunehmen scheinen, scheinen sie die Bettler am Straßenrand zu bemerken. Oder doch, schon, un- oder unterbewusst. Mit geübten Bewegungen umkreisen sie gerade einen Versehrten, der versucht, von einer Straßenseite auf die andere zu kommen, in dem er sich, gestützt auf die Arme, halb sitzend, halb hockend nach vorne robbt. So weit ich es sehen kann, sitzt sein rechter unterer Unterschenkel in einem sehr unnatürlichen Winkel am Rest seines Beines. Sein Oberkörper ist nackt. Mehr nehme ich auch nicht wahr. Ich bin noch rasch an ihm vorbeigehuscht. &lt;br /&gt;
 
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    <pubDate>Wed, 30 Nov 2011 09:41:42 +0100</pubDate>
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    <title>Krise, welche Krise?!</title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Alkohol und die Inflation sind große Themen in Indien. Der Alkohol schon länger, die Inflation erst seit kurzer Zeit. Ich las heute in einer der großen indischen Zeitungen (wobei hier fast alle Zeitungen groß sind), dass die Zentralbank drei Milliarden Rupien in den Markt gepumpt habe. Der Wechselkurs der Rupie fällt gegenüber dem Dollar, das Handelsdefizit tue sein übriges, die Preise steigen. Die Eurokrise kommt auf Umwegen auch in Indien an. Da muss halt jeder sehen, wo er bleibt. Und an dem Punkt kommt der Alkohol ins Spiel. Natürlich ist er auch keine Lösung, jedenfalls nicht für den, der ihn trinkt. Aber wer ihn verkauft ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Indien gibt es Alkohol in den Permit Rooms, Räumen also, in denen der Verkauf alkoholischer Getränke gestattet ist. Ganz in der Nähe meines Hotels in Stadtteil T. Nagar habe ich einen dieser Rooms entdeckt. Nach Tagen der Abstinenz (und vor allem der Unkenntnis, wie und wo ich überhaupt eine Flasche King Fisher Bier bekommen könnte), bin  ich zur Den-Bar gegangen. Es regnete. Die Bar lag im Keller eines Restaurants und war für abends acht Uhr nicht wirklich gut besucht. Vier Kellner kamen auf einen Gast, mich. Ich fragte nach drei Flaschen King Fisher Bier. Die Kellner schauten sich an. Ich sagte, zum MItnehmen ins Hotel. Sie schauten und wackelten mit den Köpfen. Einer sagte: Macht 140 pro Flasche. Etwa zwei Euro. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch da setzte plötzlich die Inflation ein. 150 rief sein Kollege, der sich auf den Weg zum Kühlschrank machte. Ich überschlug schon die Summe, insgesamt also 450 Rupien, da erinnerte sich der dritte an den richtigen Preis, 160 Rupien. Ich fand das angemessen. Ich hatte etwas über Preissteigerung gelernt und außerdem einen gemütlichen Abend im Hotel - und das alles für sieben Euro. Wer will da von einer Krise sprechen.&lt;br /&gt;
 
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    <pubDate>Wed, 30 Nov 2011 09:41:15 +0100</pubDate>
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    <title></title>
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    <author>nospam@example.com (Ralf Mielke, Chennai)</author>
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    Vor dem indischen Essen hatten mich alle Kollegen und Freunde, die je auf dem Subkontinent waren, gewarnt. Einerseits vor der Schärfe, die dem europäischem Gaumen, so klang das in ihren Beschreibungen, Verbrennungen mindestens ersten Grades zufügen würden, anderseits wegen der, nun ja, problematischen Keime, die sich gelegentlich auf und in Getränken und Speisen breit machten. Mit beidem, der Schärfe und den Keimen, habe ich schon Bekanntschaft gemacht. Was soll ich sagen: Ich habe es überlebt. Toi toi toi. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was in den Erzählungen der Kollegen keine Rolle spielte, ist eine weitere Besonderheit der indischen Küche: Man nimmt sie mit den Fingern zu sich. In der Kantine von The Hindu (in der ein Essen etwa eine Rupie kostet, weil der Verleger die Mahlzeiten großzügig bezuschusst) sitzen zur Mittagszeit die Kolleginnen und Kollegen vor ihren blechernen Tabletts, auf denen sie Reis mit Gemüse, Dal und Saucen aller Art kunstvoll vermischen und in kleinen Portionen mit der rechten Hand noch weitaus kunstvoller zum Mund führen. Ich dagegen sitze und staune. Allerdings haben die Kollegen viel Feingefühl. Damit ich nicht ungelenk wie ein Kleinkind in meinem Mahl herumpatschte, haben sie einen Löffel für mich organisiert, einen Teelöffel. Mit ihm schubse ich das Gemüse auf den Reis, mixe das das Ganze mit Saucen und brauche dafür doppelt so lange wie meine Tischgenossen mit der Hand. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wenig lächerlich kommt man sich schon dabei vor. Die Steigerung davon erlebte ich jetzt allerdings auf einer brahmanischen Hochzeit. An langen Tafeln servierten Kellner Reis und Beilagen auf ausgebreiteten Palmblättern. Männer in Hemd und Krawatte, Frauen in festlichen Saris saßen um mich herum und aßen gut gelaunt und geschmeidig die klassischen südindischen Speisen. Dem Gast aus Deutschland hatte man zwei kleine Plastiklöffel neben das Palmblatt gelegt, mit denen er die einzelnen Zutaten auf der grünen Bio-Unterlage hin und her schob, die Portionen von dem einen auf den anderen Löffel hebend. Die Kellner lächelten. Ich weiß nicht, vielleicht täusche ich mich ja: Aber ich glaube, in ihrem Lächeln lag eine ganze Menge Mitleid mit dem unkundigen Fremden.&lt;br /&gt;
 
    </content:encoded>

    <pubDate>Fri, 25 Nov 2011 09:30:08 +0100</pubDate>
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