Italienische Charme-Offensive in Calcutta: Begleitend zur Kolkata Book Fair in Science City, der größten Publikums-Buchmesse der Welt, auf der man heuer Gastland ist, präsentiert das Generalkonsulat von Bella Italia im Rabindranath Tagore Centrum (nur zehn Gehminuten von unserer Redaktion entfernt) ein “Italienisches Film-Festival” im Mini-Format – Cinema italiana in verschiedensten Varianten.
Zum Auftakt am Montag gab es sogar etwas mit direktem Bezug zu Calcutta: “Gangor” von Italo Spinelli, der bei den Filmfestspielen von Rom 2010 mit stehenden Ovationen bedacht wurde. Hier sieht man ihn übrigens gar nicht als italienischen, sondern als bengalischen Film: Nur der Regisseur ist Europäer, die Schauspieler stammen alle von hier. Und das Thema auch: Ein Fotojournalist will in der Bähe von Calcutta eine Story über die Ausbeutung Frauen auf dem Land drehen und entdeckt dabei Gangor, die für ihn der Inbegriff der uralten indischen Schönheit ist. Es gibt aber kein Happy End. Im Gegenteil: Nachdem der Artikel erschienen ist, löst die Besessenheit des Zeitungsmanns für die Schöne vom Lande eine Katastrophe aus. Und der Journalist wird Teil der Gewalt, die er doch bekämpfen wollte.
Am Dienstag ging’s dann (auf den ersten Blick) gewohnt romantisch zu: “Biaciami Ancora” – den Titel des Streifens von Gabriele Muccino aus dem Jahr 2010 muss man wohl erst gar nicht übersetzen. Aber es geht nicht nur um Küssen und Liebe, sondern auch um Belastung und Trübsale, die viele Männer überfällt, wenn sie mit Mitte 40 plötzlich feststellen, dass ihr Leben nicht unendlich ist. Und Beziehungsprobleme dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen.
Zum Finale heute Abend wird ein etwas älteres Werk gezeigt: Michele Placidos “Un Viaggio Chiamato Amore” (“Eine Reise, die man Liebe nennt”) feierte schon vor zehn Jahren Premiere. Aber das macht ja nix. Das Drama, das sich hier widerspiegelt, spielte sich ohnehin schon vor etwa 100 Jahren ab – die Liebesbeziehung zwischen Sibilla Aleramo und Dino Campana, zwei zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Italien berühmten Autoren.
Gestern war ich selbst vor Ort: bei “L’Abbuffatta” oder “The Binge”. Dass der italienische Titel “Das Fressen” bedeutet und der englische “Das Gelage” ist unerheblich, denn letztlich läuft es ja auf dasselbe hinaus. Mimmo Caloprestis Film begeistert mich mit jeder Minute mehr – denn er ist nicht nur eine eindrucksvolle Hommage ans Kino, sondern auch eine Hymne an die Kraft der Träume. Fast, als ob in diesem Streifen, der an und von der einsamen, stillen Küste Kalabriens handelt und in dem Gerard Depardieu als “Neben-Hauptdarsteller” sich selbst und seinen eigenen Tod spielt (das nötigt mir höchsten Respekt ab) ein grandioser Satz von Marie von Ebner-Eschenbach zu Zelluloid geworden wäre: “Nenne Dich nicht arm, weil Deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind. Wirklich arm ist nur der, der nie geträumt hat!”
Und ich kann nicht anders: Wenn diese Bilder von der Küste Süditaliens, vom Colosseum, von den Bars in Kalabrien an mir vorüberziehen, wenn ich Gerard Depardieu mitten auf der Piazza mit Meerblick mit einer Horde fröhlicher Menschen ringsum exzessiv tafeln und Rotwein trinken sehe (in dem Film übrigens zum letzten Mal), dann kommt es mir in den Sinn – “das ist ja ein Film von daheim”! Obwohl keine einzige Szene in Deutschland spielt und kein einziger Mime deutscher Zunge mit von der Partie ist.
Vielleicht spür ich ja in der Ferne besonders intensiv, dass dieses im Vergleich zu Asien winzige Europa, diese EU, die nicht einmal halb so viel Einwohner hat wie Indien alleine, meine Heimat ist. Und Caloprestis Streifen ist insofern ein Heimat-Film im besten Sinne. Denn ich werde berührt und kann mitfühlen. Und es macht mich traurig, dass wir gerade dabei sind, uns durch die Euro-Krise auseinanderdividieren zu lassen, statt zusammenzustehen und diese Kraft der gemeinsamen Kultur zu spüren und sie auch Wirkung entfalten zu lassen.
Zwei Sätze, die der (zunächst) ausgebrannte Regisseur Neri zu den jungen Leuten sagt, die davon träumen, einen großen Film zu drehen, gehen mir unter die Haut und nicht mehr aus dem Kopf: “Ihr sucht Hauptdarsteller? Dann geht raus auf die Straße Eures Dorfes – im Leben, da findet Ihr sie!”
Recht hat der Mann. Nicht nur im Film. Sondern auch im Journalismus.
Die wahren Hauptdarsteller des Lebens findet man auch nicht bei den Treffen der G20, den Weltwirtschaftskonferenzen in Davos oder den Promi-Partys oder Nord-Süd-Dialogen eines Manfred Schmidt. Sondern auf den Straßen Calcuttas, dem Marktplatz von Karanjali, den Fischerbooten in den Sundarbans oder den Teeplantagen des Darjeeling. Überhaupt: In jedem Ort auf dieser schönen Erde. Und sei er noch so klein. Man muss im Grunde nur vor die Haustür gehen. Dann findet man sie.
Mittwoch, 1. Februar 2012
Kurznachrichten aus Calcutta
Besondere Situation erfordern besondere Mittel. Wegen des vollen Terminkalenders heute mal das Neueste aus Westbengalen im Video-Format – unter anderem aus den Ressorts Sport und Kultur!
Mit 88 Jahren…
Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an”, heißt einer der größten Ohrwürmer Udo Jürgens. Wohl kein 66. Geburtstag in deutschsprachigen Landen kommt ohne den Evergreen aus. Im kleinen westbengalischen Dörfchen Karanjali könnte Avarani Ghosh über diese Theorie des europäische Schlagersängers nur lächeln. Denn sie weiß aus Erfahrung: Auch mitt 88 Jahren ist noch lange nicht Schluss. Sondern man kann sich immer wieder neue Ziele setzen.
Sie selbst erblickte nicht in Karanjali das Licht der Welt. Sie heiratete aus einem Dorf auf der anderen Seite des Hugli (oder Ganges, wie hier alle sagen) dorthin. Eine Tagesreise brauchte sie damals, um zu ihrem Bräutigam zu kommen, mit dem sie sich vor 64 Jahren über den kleinen Ashish freute. Der genießt heute als Nachfolgers seines verstorbenen Vaters nicht zuletzt wegen seines sozialen Engagements hohes Ansehen.
Vor acht Jahren wurde es ihr irgendwie zu langweilig. Außerdem wollte sie, die von vielen nur respektvoll “Großmutter” genannt wird, etwas für ihre geistige Fitness tun. Also fuhr sie ins zweieinhalb Autostunden entfernte Calcutta, wo ihr Enkel lebt und sich im Computerbusinnes selbständig gemacht hat, und besuchte einen Kurs im Puppenmachen. Später nahm sie dann noch Heimunterricht.
“So schwer war das eigentlich gar nicht”, lächelt sie den Gast aus Deutschland an, nachdem er ihr seine Hochachtung dafür zum Ausdruck gebracht hatte. Schon vor 80 Jahren habe sie in der Schule das Nähen mit der Maschine gelernt, und das Sticken dazu. Da sei es jetzt nur noch um die Feinheiten gegangen.
Den Kopf aus Plastik kauft Avarani. An den drapiert sie dann das Haar und verbindet das Haupt schließlich mit dem Körper, den sie aus mit Sägemehl gefüllter Baumwolle genäht hat. Das ganze wird dann auf einer runden Holzscheibe fixiert.

Und dann geht’s ans Nähen. Die ganze Kollektion hat sie übrigens selbst entworfen. Da ist die Milchverkäuferin, die die große Kanne auf dem Kopf trägt. Oder die Aufsteigerin, die in der noblen Gesellschaft ankommen will. Oder die Arrivierte, die gerade dies schon geschafft hat. Oder die Bengalin, die mit einer echten Muschel in der Hand ihr Abendgebet spricht. Übrigens: an der Kleidung sieht man, woher die Damen alle kommen. Denn Avarani Ghosh näht und bestickt nicht nur die Trachten aus ihrer Heimat, sondern hat auch Rajastan, Manipur und andere Landstriche hat im Programm. Welches ihre Lieblingspuppe ist, das kann sie nicht sagen: “Ich mag alle. Das sind alles meine Kinder!”
Ihr Wissen und ihr Können möchte sie nicht für sich behalten. Noch mit 88 hat sie begonnen, junge Mädchen zwischen 22 und 24 Jahren zu unterrichten. Die wollten freilich lieber Plüschtiere als die traditionellen Puppen machen, die verkauften sich bei der jungen Generation besser, schmunzelt “Großmutter” nachsichtig. Ihr Problem ist, dass es an Nähmaschinen mangelt – sowohl für den Unterricht als nachher in den Hütten der Frauen, die dadurch vielleicht ihren Lebensunterhalt verdienen und unabhängig werden könnten. Davon träumt die 88-Jährige.
Vielleicht stehen die Chancen ja gar nicht so schlecht. Neulich hat eine von Avaranis Schülerinnen eine von deren Puppen auf dem Markt in Calcutta verlauft. 500 Rupien gab es dafür. Auf den ersten Blick nicht viel. Aber in Karanjali bekommt man dafür fast einen halben Zentner Reis.
Sie selbst erblickte nicht in Karanjali das Licht der Welt. Sie heiratete aus einem Dorf auf der anderen Seite des Hugli (oder Ganges, wie hier alle sagen) dorthin. Eine Tagesreise brauchte sie damals, um zu ihrem Bräutigam zu kommen, mit dem sie sich vor 64 Jahren über den kleinen Ashish freute. Der genießt heute als Nachfolgers seines verstorbenen Vaters nicht zuletzt wegen seines sozialen Engagements hohes Ansehen.
Vor acht Jahren wurde es ihr irgendwie zu langweilig. Außerdem wollte sie, die von vielen nur respektvoll “Großmutter” genannt wird, etwas für ihre geistige Fitness tun. Also fuhr sie ins zweieinhalb Autostunden entfernte Calcutta, wo ihr Enkel lebt und sich im Computerbusinnes selbständig gemacht hat, und besuchte einen Kurs im Puppenmachen. Später nahm sie dann noch Heimunterricht.
“So schwer war das eigentlich gar nicht”, lächelt sie den Gast aus Deutschland an, nachdem er ihr seine Hochachtung dafür zum Ausdruck gebracht hatte. Schon vor 80 Jahren habe sie in der Schule das Nähen mit der Maschine gelernt, und das Sticken dazu. Da sei es jetzt nur noch um die Feinheiten gegangen.
Den Kopf aus Plastik kauft Avarani. An den drapiert sie dann das Haar und verbindet das Haupt schließlich mit dem Körper, den sie aus mit Sägemehl gefüllter Baumwolle genäht hat. Das ganze wird dann auf einer runden Holzscheibe fixiert.

Puppenmachen als Passion: Avarani Ghosh mit ihrer Milchverkäuferin.
Und dann geht’s ans Nähen. Die ganze Kollektion hat sie übrigens selbst entworfen. Da ist die Milchverkäuferin, die die große Kanne auf dem Kopf trägt. Oder die Aufsteigerin, die in der noblen Gesellschaft ankommen will. Oder die Arrivierte, die gerade dies schon geschafft hat. Oder die Bengalin, die mit einer echten Muschel in der Hand ihr Abendgebet spricht. Übrigens: an der Kleidung sieht man, woher die Damen alle kommen. Denn Avarani Ghosh näht und bestickt nicht nur die Trachten aus ihrer Heimat, sondern hat auch Rajastan, Manipur und andere Landstriche hat im Programm. Welches ihre Lieblingspuppe ist, das kann sie nicht sagen: “Ich mag alle. Das sind alles meine Kinder!”
Ihr Wissen und ihr Können möchte sie nicht für sich behalten. Noch mit 88 hat sie begonnen, junge Mädchen zwischen 22 und 24 Jahren zu unterrichten. Die wollten freilich lieber Plüschtiere als die traditionellen Puppen machen, die verkauften sich bei der jungen Generation besser, schmunzelt “Großmutter” nachsichtig. Ihr Problem ist, dass es an Nähmaschinen mangelt – sowohl für den Unterricht als nachher in den Hütten der Frauen, die dadurch vielleicht ihren Lebensunterhalt verdienen und unabhängig werden könnten. Davon träumt die 88-Jährige.
Vielleicht stehen die Chancen ja gar nicht so schlecht. Neulich hat eine von Avaranis Schülerinnen eine von deren Puppen auf dem Markt in Calcutta verlauft. 500 Rupien gab es dafür. Auf den ersten Blick nicht viel. Aber in Karanjali bekommt man dafür fast einen halben Zentner Reis.
Dienstag, 31. Januar 2012
Ganesh
Unzähligen Götter kann man in Indien im allgemeinen und in Calcutta im besonderen begegnen. Aber dennoch haben die Inder auch in dieser Beziehung ihre Lieblinge. Außer Saraswati, deren Fest am Wochenende groß gefeiert wurde, gilt dies ganz besonders für Ganesh – den Gott, der sich im Elefanten manifestiert. Im fast jedem Haus und auch in vielen Büros findet man kleine Statuen oder Bilder von ihm.
“Gebieter der Scharen” ist einer seiner Namen. “Entferner der Hindernisse” ein anderer. So nimmt es nicht Wunder, dass er auch für Gesundheit und Wohlstand steht, wie mir Basav Bhattacharya, mit dem ich das kleine Dörfchen Karanjali besucht habe und der mir mit seinem enormen Wissen zur Seite stand und steht, erklärt. Ganeshs Begleiter aus dem Tierreich ist übrigens die Ratte, in der die Inder Intelligenz und Stärke verkörpert sehen.

Dass Ganesh halb Tier, halb Mensch ist, deuten viele als Zeichen für die Einheit des Universums: Der Elefantenkopf verkörpere den Makrokosmos, der menschliche Körper den Mikrokosmos. Und da er im Grunde viel Ähnlichkeit mit Lakshmi hat, die wir vor kurzem in diesem Blog vorgestellt haben, werden die beiden in der indischen Mythologie auch oft als Bruder und Schwester dargestellt, sagt mir Basav.
Für die, die Ganesh für den Höchsten halten, ist dessen Fest, das je nach Stand des Mondkalenders zwischen Mitte August und Mitte Dezember gefeiert wird, natürlich das Größte. Besonders in Stuttgarts Partnerstadt Mumbai (früher: Bombay) geht es da hoch her.
“Gebieter der Scharen” ist einer seiner Namen. “Entferner der Hindernisse” ein anderer. So nimmt es nicht Wunder, dass er auch für Gesundheit und Wohlstand steht, wie mir Basav Bhattacharya, mit dem ich das kleine Dörfchen Karanjali besucht habe und der mir mit seinem enormen Wissen zur Seite stand und steht, erklärt. Ganeshs Begleiter aus dem Tierreich ist übrigens die Ratte, in der die Inder Intelligenz und Stärke verkörpert sehen.

Ganesh steht in fast jeder indischen Wohnung.
Dass Ganesh halb Tier, halb Mensch ist, deuten viele als Zeichen für die Einheit des Universums: Der Elefantenkopf verkörpere den Makrokosmos, der menschliche Körper den Mikrokosmos. Und da er im Grunde viel Ähnlichkeit mit Lakshmi hat, die wir vor kurzem in diesem Blog vorgestellt haben, werden die beiden in der indischen Mythologie auch oft als Bruder und Schwester dargestellt, sagt mir Basav.
Für die, die Ganesh für den Höchsten halten, ist dessen Fest, das je nach Stand des Mondkalenders zwischen Mitte August und Mitte Dezember gefeiert wird, natürlich das Größte. Besonders in Stuttgarts Partnerstadt Mumbai (früher: Bombay) geht es da hoch her.
Montag, 30. Januar 2012
Nürtinger Nachbarn
Welche Kreise ein solches Blog doch zieht! “Ich bin zurzeit in Calcutta, da wäre es doch toll, wenn wir uns mal sehen könnten”, schrieb mir Jan-Manik Nerurkar, als er zuerst noch daheim im Schwabenland in der Zeitung von diesem vom Goethe-Institut möglich gemachten Austausch erfahren und dann in Indien, wo er in Coimbatore in dessen Süden für Daimler geschäftlich zu tun hatte, die ersten Beiträge las.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Nur um mit dem Redakteur seiner Heimatzeitung ein Bier zu trinken, flog er dann doch nicht fast über ganz Indien hinweg. Er wurde vielmehr in der Stadt am Ganges geboren, wo er dann auch seine Ingenieurausbildung absolvierte. 1972 verschlug es ihn wegen eines Praktikums “beim Heller” nach Nürtingen – der Liebe wegen blieb er dann in Deutschland und wohnt noch heute am Neckarstrand. In Calcutta freilich lebt seine 80-jährige Mutter Joyce, und deswegen zieht es ihn alle paar Monate auch dorthin.
Wegen der vielen Abendtermine, die ich hier habe, und meines Ausflugs aufs Land hätten wir uns um ein Haar verpasst. Aber am Nationalfeiertag klappte es dann doch noch. Wobei wir feststellten, dass wir in Calcutta fast Nachbarn sind: Jan Nerurkar konnte zu Fuß zum Treffpunkt am Restaurant “Kwality”, wo ich mein Abendesssen einzunehmen pflege, kommen – für Calcutta eine fast unvorstellbare Nähe.
Wobei wir feststellen mussten, dass wir leider Pech hatten: In anderen Ländern mag es an solch einem Tag hoch hergehen – im “Kwality” freilich waren die Türen verrammelt. Also, auf zu einem Spaziergang: in einer Bar (fünf Gehminuten entfernt) standen wir erneut vor verschlossenen Türen. Wir wollten fast schon aufgeben, als wir im vierten Stock über einem hochnoblen Schmuckladen eine Lounge entdeckten.

Da immerhin erhielten wir Einlass – unter ausdrücklichem Hinweis, das heute kein Alkohol ausgeschenkt werde. Was soll’s! Der Ginger Strawberry Mocktail war zwar etwas süßlich, aber schon ganz in Ordnung.
Etwas verstörend fanden wir indes das Designer-Ambiente, das gar nicht zu Indien passen will, und die buchstäblich ohrenbetäubende Musik, gegen die wir anbrüllen müssen. Auch die Jungs mit den Wasserpfeifen an den Nebentischen kommen mir nicht ganz koscher vor.
Sei’s drum! In all dem Radau verstehe ich dann doch, was Jan-Manik an seiner indischen Heimatstadt bemerkenswert findet – auch wenn er nun schon fast zwei Drittel seines Lebens in Nürtingen verbracht hat. Drei Dinge sind das:
1. “Dass das Chaos hier funktioniert.”
2. “Dass hier rund 20 Millionen auf engstem Raum zusammenleben und dennoch wenig an Kriminalität passiert.”
3. “Dass man hier ganz Indien in einer einzigen Stadt findet. Alle Volksgruppen sind hier vertreten.”
Dann verlassen wir diese merkwürdige Bar. Jan-Manik muss am nächsten Tag wieder nach Südindien. Konkret gesagt: nach Tamil Nadu. Unser Gespräch werden wir in Nürtingen fortsetzen.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Nur um mit dem Redakteur seiner Heimatzeitung ein Bier zu trinken, flog er dann doch nicht fast über ganz Indien hinweg. Er wurde vielmehr in der Stadt am Ganges geboren, wo er dann auch seine Ingenieurausbildung absolvierte. 1972 verschlug es ihn wegen eines Praktikums “beim Heller” nach Nürtingen – der Liebe wegen blieb er dann in Deutschland und wohnt noch heute am Neckarstrand. In Calcutta freilich lebt seine 80-jährige Mutter Joyce, und deswegen zieht es ihn alle paar Monate auch dorthin.
Wegen der vielen Abendtermine, die ich hier habe, und meines Ausflugs aufs Land hätten wir uns um ein Haar verpasst. Aber am Nationalfeiertag klappte es dann doch noch. Wobei wir feststellten, dass wir in Calcutta fast Nachbarn sind: Jan Nerurkar konnte zu Fuß zum Treffpunkt am Restaurant “Kwality”, wo ich mein Abendesssen einzunehmen pflege, kommen – für Calcutta eine fast unvorstellbare Nähe.
Wobei wir feststellen mussten, dass wir leider Pech hatten: In anderen Ländern mag es an solch einem Tag hoch hergehen – im “Kwality” freilich waren die Türen verrammelt. Also, auf zu einem Spaziergang: in einer Bar (fünf Gehminuten entfernt) standen wir erneut vor verschlossenen Türen. Wir wollten fast schon aufgeben, als wir im vierten Stock über einem hochnoblen Schmuckladen eine Lounge entdeckten.

Hoch über dem Schmuckladen hatte dann doch eine Bar offen.
Da immerhin erhielten wir Einlass – unter ausdrücklichem Hinweis, das heute kein Alkohol ausgeschenkt werde. Was soll’s! Der Ginger Strawberry Mocktail war zwar etwas süßlich, aber schon ganz in Ordnung.
Etwas verstörend fanden wir indes das Designer-Ambiente, das gar nicht zu Indien passen will, und die buchstäblich ohrenbetäubende Musik, gegen die wir anbrüllen müssen. Auch die Jungs mit den Wasserpfeifen an den Nebentischen kommen mir nicht ganz koscher vor.
Sei’s drum! In all dem Radau verstehe ich dann doch, was Jan-Manik an seiner indischen Heimatstadt bemerkenswert findet – auch wenn er nun schon fast zwei Drittel seines Lebens in Nürtingen verbracht hat. Drei Dinge sind das:
1. “Dass das Chaos hier funktioniert.”
2. “Dass hier rund 20 Millionen auf engstem Raum zusammenleben und dennoch wenig an Kriminalität passiert.”
3. “Dass man hier ganz Indien in einer einzigen Stadt findet. Alle Volksgruppen sind hier vertreten.”
Dann verlassen wir diese merkwürdige Bar. Jan-Manik muss am nächsten Tag wieder nach Südindien. Konkret gesagt: nach Tamil Nadu. Unser Gespräch werden wir in Nürtingen fortsetzen.
Samstag, 28. Januar 2012
Tag der Republik – auf dem Lande
Obwohl der Anlass erst zwei Jahrzehnte zurück liegt, pflegen wir Deutschen ja einen eher schwierigen Umgang mit unserem Nationalfeiertag. Die meisten freuen sich zwar, dass der 3. Oktober frei ist, aber sonst möchte man bitteschön möglichst nicht belästigt werden. Auch in Nürtingen hüllt sich die Stadt in Schweigen, und die Parteien scheinen die Lust am Tag der deutschen Einheit auch verloren zu haben. In den ersten Jahren hat die CDU noch was gemacht, aber mittlerweile herrscht durch die Bank Funkstille. Schade eigentlich.
Da könnte man fast neidisch werden, wenn man auf das kleine Dörfchen Karanjali in Westbengalen blickt. Dort habe ich diese Woche sogar drei Feiern zum Tag der Republik erlebt, obwohl der Tag, ab dem Englands König George VI. (der Vater von Queen Elizabeth) nicht mehr Kaiser von Indien war und die Verfassung des 1947 unabhängig gewordenen Staates in Kraft trat, schon 62 Jahre zurückliegt.
Für die Inder ist das (aller internen Unterschiede und Zwistigkeiten zum Trotz) ein wichtiger Tag. Im Schulhof von Karanjali sind morgens um 8.30 Uhr Hunderte von Kindern angetreten, und der Schulchor hat schon Tage zuvor fleißig geübt – auch ein Lied des Literatur-Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore übrigens.
Los geht es allerdings mit “Vande Mataram”: “Ich verneige mich vor Dir, o Mutter Indien!”. Bankim Chandra Chattopadhyay hat dieses Gedicht vor rund 150 Jahren in Calcutta geschrieben und darin sein Heimatland gepriesen – ”reich an Wasser, reich an Früchten, gekühlt von den Winden des Südens und gefüllt mit den Erträgen der Ernte”.
Ashish Ghosh, Spross einer traditionsreichen Großbauernfamilie und in Karanjali auch noch in der Republik hoch angesehen, hält gemeinsam mit Rakhi Bhattacharya, der Schulleiterin, die indische Flagge. Er ist eingeladen, als Ehrengast die Fahne zu hissen: Das Orange oben ist eigentlich die Farbe des Safrans, und der steht für Weisheit. Das Weiß in der Mitte symbolisiert Reinheit und Wahrheit, und das Grün unten soll sowohl den Wohlstand Indiens als auch dessen Felder und Wälder widerspiegeln. Auf dem Weiß ist auch noch das Rad des altindischen Kaisers Ashoka drapiert. Pro Stunde des Tages hat es eine Speiche, und soll die ständige Bewegung nach vorne versinnbildlichen: “Es dreht sich nie zurück”, erklärt mir Basav Bhattacharya, der mich hierher gebracht hat und mich begleitet.
Auch Texte aus dem Sanskrit werden werden der Zeremonie rezitiert und gesungen. Die sind über 3000 Jahre alt, und man spürt, wie sehr sich die Republik Indien bemüht, ihre Wurzeln deutlich und sie auch den Menschen von heute erlebbar zu machen. Scohn die Kinder sollen wissen, auf welchem Fundament sie stehen.
“Mir hat das Vande Mataram mein Vater beigebracht”, erzählt mir Basav, während wir vom Schulhof zum Markt spazieren. Der musste während der Rebellion gegen die Briten in den 1940er-Jahren untertauchen: “Ich sollte wissen, was eine Freiheitsbewegung bedeutet.” Denn dieser Ruf an “Mutter Indien” gab den Kämpfern gegen die Kolonialmacht Kraft. Basav wurde 1959 geboren, hat diese schlimmen Zeiten nicht persönlich mitgemacht: “Aber ich habe mein Vater angesichts dessen schon gefragt, warum er mich dann ausgerechnet an eine englische Schule schickt.” Und was sagte der? “Er wollte mir ein Wissen öffnen – zu einer anderen Sprache, einer anderen Kultur. Er war überzeugt, dass mir das im Leben helfen würde.” Aus Basavs Sicht hat sein Vater Recht behalten: “Die meisten meiner Vettern sprechen heute kaum oder gar nicht Englisch. Die haben nur eine bengalische Schule besucht.” Denen fehle was, ist der gelernte Journalist, PR-Berater und WWF-Aktivist überzeugt.
Mittlerweile sind wir in Ashish Ghoshs Büro auf den Markt (wo ihm noch viele der Hütten gehören) angekommen. Da spielt sich eine regelrecht rührende Szene ab: Dort zieht der frühere Lehrer Arobindu Haldar (auch er heute noch eine Respektsperson) die Flagge hoch. Der 71-Jährige war als Kind Zeitzeuge jener schlimmen Jahre. Als das orange-weiß-grüne Tuch am Mast flattert, beginnt er die Nationalhymne zu singen – übrigens auch ein Lied Rabindranath Tagores:
“Herrscher über den Geist des Volkes, Heil Dir,
Indiens Schicksalslenker!
Im Punjab, Sindh, in Gujarat, Maratha,
Dravida, Utkal und Bengalen,
über das Vindhya-Gebirge, den Himalaya, durch die Yamuna, den Ganges,
über die hohen Wogen des Ozeans,
Dein glückverheißender Name möge erwachen.
Sie erbitten deinen glückverheißenden Segen,
Sie singen dein Siegeslied.
Glückbringer des Volkes, Heil Dir,
Indiens Schicksalslenker!
Heil Dir! Heil Dir! Heil Dir!”
Mit “Jana Gana Mana” hatte Tagore übrigens die Briten und deren König George V. bei dessen Besuch 1911 ausgetrickst. Die weißen Helden das Lied für eine Huldigung ihres Monarchen. Aber für den Poeten war nicht der, der sich Kaiser von Indien nannte, Indiens Schicksalslenker. Sondern Gott.
Wir müssen weiter. Diesmal nur etwa 200 Meter. Auf dem Platz, auf dem samstags und dienstags der große Markt stattfindet, steigt vor dem Tempel der Göttin Kali zum dritten Mal Indiens Fahne gen Himmel. Und plötzlich sind auch wieder Kinder zur Stelle, die schon bei der Zeremonie auf dem Schulhof gesungen hatten. Der Tag der Republik scheint auch ihnen Spaß zu machen.
Da könnte man fast neidisch werden, wenn man auf das kleine Dörfchen Karanjali in Westbengalen blickt. Dort habe ich diese Woche sogar drei Feiern zum Tag der Republik erlebt, obwohl der Tag, ab dem Englands König George VI. (der Vater von Queen Elizabeth) nicht mehr Kaiser von Indien war und die Verfassung des 1947 unabhängig gewordenen Staates in Kraft trat, schon 62 Jahre zurückliegt.
Für die Inder ist das (aller internen Unterschiede und Zwistigkeiten zum Trotz) ein wichtiger Tag. Im Schulhof von Karanjali sind morgens um 8.30 Uhr Hunderte von Kindern angetreten, und der Schulchor hat schon Tage zuvor fleißig geübt – auch ein Lied des Literatur-Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore übrigens.
Los geht es allerdings mit “Vande Mataram”: “Ich verneige mich vor Dir, o Mutter Indien!”. Bankim Chandra Chattopadhyay hat dieses Gedicht vor rund 150 Jahren in Calcutta geschrieben und darin sein Heimatland gepriesen – ”reich an Wasser, reich an Früchten, gekühlt von den Winden des Südens und gefüllt mit den Erträgen der Ernte”.
Ashish Ghosh, Spross einer traditionsreichen Großbauernfamilie und in Karanjali auch noch in der Republik hoch angesehen, hält gemeinsam mit Rakhi Bhattacharya, der Schulleiterin, die indische Flagge. Er ist eingeladen, als Ehrengast die Fahne zu hissen: Das Orange oben ist eigentlich die Farbe des Safrans, und der steht für Weisheit. Das Weiß in der Mitte symbolisiert Reinheit und Wahrheit, und das Grün unten soll sowohl den Wohlstand Indiens als auch dessen Felder und Wälder widerspiegeln. Auf dem Weiß ist auch noch das Rad des altindischen Kaisers Ashoka drapiert. Pro Stunde des Tages hat es eine Speiche, und soll die ständige Bewegung nach vorne versinnbildlichen: “Es dreht sich nie zurück”, erklärt mir Basav Bhattacharya, der mich hierher gebracht hat und mich begleitet.
Auch Texte aus dem Sanskrit werden werden der Zeremonie rezitiert und gesungen. Die sind über 3000 Jahre alt, und man spürt, wie sehr sich die Republik Indien bemüht, ihre Wurzeln deutlich und sie auch den Menschen von heute erlebbar zu machen. Scohn die Kinder sollen wissen, auf welchem Fundament sie stehen.
“Mir hat das Vande Mataram mein Vater beigebracht”, erzählt mir Basav, während wir vom Schulhof zum Markt spazieren. Der musste während der Rebellion gegen die Briten in den 1940er-Jahren untertauchen: “Ich sollte wissen, was eine Freiheitsbewegung bedeutet.” Denn dieser Ruf an “Mutter Indien” gab den Kämpfern gegen die Kolonialmacht Kraft. Basav wurde 1959 geboren, hat diese schlimmen Zeiten nicht persönlich mitgemacht: “Aber ich habe mein Vater angesichts dessen schon gefragt, warum er mich dann ausgerechnet an eine englische Schule schickt.” Und was sagte der? “Er wollte mir ein Wissen öffnen – zu einer anderen Sprache, einer anderen Kultur. Er war überzeugt, dass mir das im Leben helfen würde.” Aus Basavs Sicht hat sein Vater Recht behalten: “Die meisten meiner Vettern sprechen heute kaum oder gar nicht Englisch. Die haben nur eine bengalische Schule besucht.” Denen fehle was, ist der gelernte Journalist, PR-Berater und WWF-Aktivist überzeugt.
Mittlerweile sind wir in Ashish Ghoshs Büro auf den Markt (wo ihm noch viele der Hütten gehören) angekommen. Da spielt sich eine regelrecht rührende Szene ab: Dort zieht der frühere Lehrer Arobindu Haldar (auch er heute noch eine Respektsperson) die Flagge hoch. Der 71-Jährige war als Kind Zeitzeuge jener schlimmen Jahre. Als das orange-weiß-grüne Tuch am Mast flattert, beginnt er die Nationalhymne zu singen – übrigens auch ein Lied Rabindranath Tagores:
“Herrscher über den Geist des Volkes, Heil Dir,
Indiens Schicksalslenker!
Im Punjab, Sindh, in Gujarat, Maratha,
Dravida, Utkal und Bengalen,
über das Vindhya-Gebirge, den Himalaya, durch die Yamuna, den Ganges,
über die hohen Wogen des Ozeans,
Dein glückverheißender Name möge erwachen.
Sie erbitten deinen glückverheißenden Segen,
Sie singen dein Siegeslied.
Glückbringer des Volkes, Heil Dir,
Indiens Schicksalslenker!
Heil Dir! Heil Dir! Heil Dir!”
Mit “Jana Gana Mana” hatte Tagore übrigens die Briten und deren König George V. bei dessen Besuch 1911 ausgetrickst. Die weißen Helden das Lied für eine Huldigung ihres Monarchen. Aber für den Poeten war nicht der, der sich Kaiser von Indien nannte, Indiens Schicksalslenker. Sondern Gott.
Wir müssen weiter. Diesmal nur etwa 200 Meter. Auf dem Platz, auf dem samstags und dienstags der große Markt stattfindet, steigt vor dem Tempel der Göttin Kali zum dritten Mal Indiens Fahne gen Himmel. Und plötzlich sind auch wieder Kinder zur Stelle, die schon bei der Zeremonie auf dem Schulhof gesungen hatten. Der Tag der Republik scheint auch ihnen Spaß zu machen.
Saraswati
Heute ist ein großes Fest in Kolkata. Eine Puja. Viele Kinder in Deutschland dürften da aber ganz und gar nicht neidisch werden: denn gefeiert wird Saraswati – die Göttin des Lernens.

Bei vielen Handwerkern herrschte in den letzten Tagen Hochbetrieb. Auch im kleinen Dörfchen Karanjali am Rande des Nationalpark Sundarbans, wo ich vor kurzem zwei Tage verbrachte. Unzählige Figuren wurden gefertigt und selbst von dort auf die Märkte von Calcutta gebracht. Dort kaufen sie die Menschen und stellen sie in ihre Gärten oder Wohnungen oder auf ihre Terrassen, um Saraswati heute an Vasant Panchami zu verehren.
Blau ist der See, der sich unter ihr weitet – er steht für das “Urwasser”, denn Saraswati gilt (gemeinsam mit ihrem Mann Brahma) auch als Schöpferin des Universums. Und jede Saraswati-Figur braucht noch drei weitere Dinge: eine Gebetskette, ein Buch (Symbol für die Jahrtausende alten Veden) und die Vina – ein uraltes Saiteninstrument, das auch heute noch erklingt. Ihr Begleittier ist der Schwan, manchmal auch die Gans.
Angesichts der Beinamen wundert man sich nicht, warum Saraswati als Göttin des Lernens gilt: Als “Vac” (Wort) steht sie für die perfekte Rede, zudem nennt man sie “Mahavidya” – große Weisheit. Die spiegelt sich auch in dem Lotos wider, auf dem sie sitzt. Und ihre strahlend weißen Kleider bedeuten Reinheit.
Die Figuren für zuhause werden übrigens aus Heu und Schlamm gefertigt. Ein Jahr stehen sie dann in den Wohnungen. Wenn ihre Nachfolgerin kommt, bringt man sie zum Ganges (als den die Menschen hier übrigens sehr wohl auch den Hugli bezeichnen) oder eben den nächsten heiligen Fluss, wie mir meine Kollegin Debolina Sen gerade erklärt. Dann löst sich Saraswati auf und kehr wieder heim: ins Urwasser.

Endspurt: An Saraswati wird letzte Hand angelegt
Bei vielen Handwerkern herrschte in den letzten Tagen Hochbetrieb. Auch im kleinen Dörfchen Karanjali am Rande des Nationalpark Sundarbans, wo ich vor kurzem zwei Tage verbrachte. Unzählige Figuren wurden gefertigt und selbst von dort auf die Märkte von Calcutta gebracht. Dort kaufen sie die Menschen und stellen sie in ihre Gärten oder Wohnungen oder auf ihre Terrassen, um Saraswati heute an Vasant Panchami zu verehren.
Blau ist der See, der sich unter ihr weitet – er steht für das “Urwasser”, denn Saraswati gilt (gemeinsam mit ihrem Mann Brahma) auch als Schöpferin des Universums. Und jede Saraswati-Figur braucht noch drei weitere Dinge: eine Gebetskette, ein Buch (Symbol für die Jahrtausende alten Veden) und die Vina – ein uraltes Saiteninstrument, das auch heute noch erklingt. Ihr Begleittier ist der Schwan, manchmal auch die Gans.
Angesichts der Beinamen wundert man sich nicht, warum Saraswati als Göttin des Lernens gilt: Als “Vac” (Wort) steht sie für die perfekte Rede, zudem nennt man sie “Mahavidya” – große Weisheit. Die spiegelt sich auch in dem Lotos wider, auf dem sie sitzt. Und ihre strahlend weißen Kleider bedeuten Reinheit.
Die Figuren für zuhause werden übrigens aus Heu und Schlamm gefertigt. Ein Jahr stehen sie dann in den Wohnungen. Wenn ihre Nachfolgerin kommt, bringt man sie zum Ganges (als den die Menschen hier übrigens sehr wohl auch den Hugli bezeichnen) oder eben den nächsten heiligen Fluss, wie mir meine Kollegin Debolina Sen gerade erklärt. Dann löst sich Saraswati auf und kehr wieder heim: ins Urwasser.
Sehr sehr wichtig
Der Mensch lernt nie aus im Leben. Immer wieder begegnet einem etwas Neues. Und man lernt hinzu und wird gescheiter. So wie ich am Rande des Konzerts des Deutschen Filmorchesters Babelsberg im Auditorium des Science Center in Calcutta.
“Sie können ganz vorne sitzen”, hat man mir gesagt. Nicht auf den für die Presse eigentlich reservierten Plätzen auf der Seite, sondern in der Mitte, mit bestem Blick auf den aus England stammenden Dirigenten Matt Dunkley und sein renommiertes Ensemble. Welche Freude!
Zumal die Sitze in diesem riesigen Saal extrem bequem sind. Man kann sie sogar wie im Flugzeug nach hinten klappen (oder besser gesagt: stufenlos sanft nach hinten gleiten lassen). Fast wie im Fernsehsessel kommt man sich da vor. Zumal man in der ersten Reihe noch eine enorme Beinfreiheit hat. Das fühlt sich so wohlig an, dass man angesichts der angenehm warmen Klänge dort oben aufpassen muss, dass man nach einem ereignisreichen Tag nicht einschläft. Gottlob lässt es das Orchester auf der Bühne aber so richtig krachen. Manchmal lässt von der Macht der Töne her Richard Wagner grüßen.
So richtig wohlig fühle ich mich da, nachdem ich den ganzen Tag auf den Beinen war. Ich lehne mich zurück und lasse den Blick leicht nach hinten links schweifen. Da stechen mir ein paar an die Rückenlehne gepinnte Zettel ins Auge: VVIP stet da.

Was soll denn das sein? Eine Firma? Zumindest kenne ich so was nicht. Und der Sponsor des Abends ist ja die Stuttgarter Lapp-Gruppe. Eine indischer, bengalischer, chinesischer oder tibetischer Name? Auch eher unwahrscheinlich. Denn erstens ist selbst für diese Sprachen die Buchstabenkombination relativ ungewöhnlich und zweitens müsste ja dann die ganze Verwandtschaft des Herrn Vvip mitkommen – so viele Plätze sind da reserviert.
VIP, das sagt mir was. Very important person. Jemand ganz wichtiger also. Aber VVIP? Da könnte ich mir höchstens noch eine Very very important Person vorstellen. Jemand ganz ganz Wichtiges also. Und Sucheta Hossain vom Goethe-Institut bestätigt mir später meine Vermutung: “Genau so ist es!”
VVIP zu sein, das ist ja fast das Optimalste. Da fehlt nur noch ein Schritt zum Alleroptimalsten. Und ich, der ich noch der Einzigste bin, dem es vergönnt ist, sogar noch eine Reihe weiter vorn zu sitzen – bin ich jetzt eine VVVIP? Das würde meinem Ego gewaltig schmeicheln. Gottseidank befindet sich keine Reihe mehr vor mir. Denn sonst säße ja ein VVVVIP vor mir und ich wäre buchstäblich zweitrangig. Noch mal Glück gehabt!
Mal ganz im Ernst: Nicht nur für die VIPs und VVIPs hat das Konzert nichts gekostet. Sondern alle, die kommen wollten, hatten freien Eintritt, auch die Schüler und Studenten des Goethe-Instituts. Und das wurde auf großen Plakaten auch angekündigt.
Dieser Abend war in der Tat eine großartige Werbung für das von Staatsministerin Cornelia Pieper (einer großen Freundin Nürtingens übrigens, denn die Frau aus Sachsen-Anhalt kennt sich auch in der Partnerstadt Zerbst bestens aus) im Herbst in New Delhi eröffnete deutsch-indische Jahr. Aus Anlass des 60. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Republik Indien und der Bundesrepublik wird es gefeiert. Und auch für die deutsche Kultur war der Abend eine prima Visitenkarte.
Das Filmorchester Babelsberg entpuppte sich als ein toller Botschafter unseres Landes. Es lohnt sich übrigens, auch mal in dessen Homepage reinzuschauen: www.filmorchester.de.
“Sie können ganz vorne sitzen”, hat man mir gesagt. Nicht auf den für die Presse eigentlich reservierten Plätzen auf der Seite, sondern in der Mitte, mit bestem Blick auf den aus England stammenden Dirigenten Matt Dunkley und sein renommiertes Ensemble. Welche Freude!
Zumal die Sitze in diesem riesigen Saal extrem bequem sind. Man kann sie sogar wie im Flugzeug nach hinten klappen (oder besser gesagt: stufenlos sanft nach hinten gleiten lassen). Fast wie im Fernsehsessel kommt man sich da vor. Zumal man in der ersten Reihe noch eine enorme Beinfreiheit hat. Das fühlt sich so wohlig an, dass man angesichts der angenehm warmen Klänge dort oben aufpassen muss, dass man nach einem ereignisreichen Tag nicht einschläft. Gottlob lässt es das Orchester auf der Bühne aber so richtig krachen. Manchmal lässt von der Macht der Töne her Richard Wagner grüßen.
So richtig wohlig fühle ich mich da, nachdem ich den ganzen Tag auf den Beinen war. Ich lehne mich zurück und lasse den Blick leicht nach hinten links schweifen. Da stechen mir ein paar an die Rückenlehne gepinnte Zettel ins Auge: VVIP stet da.

VVIP - Was soll denn das sein?
Was soll denn das sein? Eine Firma? Zumindest kenne ich so was nicht. Und der Sponsor des Abends ist ja die Stuttgarter Lapp-Gruppe. Eine indischer, bengalischer, chinesischer oder tibetischer Name? Auch eher unwahrscheinlich. Denn erstens ist selbst für diese Sprachen die Buchstabenkombination relativ ungewöhnlich und zweitens müsste ja dann die ganze Verwandtschaft des Herrn Vvip mitkommen – so viele Plätze sind da reserviert.
VIP, das sagt mir was. Very important person. Jemand ganz wichtiger also. Aber VVIP? Da könnte ich mir höchstens noch eine Very very important Person vorstellen. Jemand ganz ganz Wichtiges also. Und Sucheta Hossain vom Goethe-Institut bestätigt mir später meine Vermutung: “Genau so ist es!”
VVIP zu sein, das ist ja fast das Optimalste. Da fehlt nur noch ein Schritt zum Alleroptimalsten. Und ich, der ich noch der Einzigste bin, dem es vergönnt ist, sogar noch eine Reihe weiter vorn zu sitzen – bin ich jetzt eine VVVIP? Das würde meinem Ego gewaltig schmeicheln. Gottseidank befindet sich keine Reihe mehr vor mir. Denn sonst säße ja ein VVVVIP vor mir und ich wäre buchstäblich zweitrangig. Noch mal Glück gehabt!
Mal ganz im Ernst: Nicht nur für die VIPs und VVIPs hat das Konzert nichts gekostet. Sondern alle, die kommen wollten, hatten freien Eintritt, auch die Schüler und Studenten des Goethe-Instituts. Und das wurde auf großen Plakaten auch angekündigt.
Dieser Abend war in der Tat eine großartige Werbung für das von Staatsministerin Cornelia Pieper (einer großen Freundin Nürtingens übrigens, denn die Frau aus Sachsen-Anhalt kennt sich auch in der Partnerstadt Zerbst bestens aus) im Herbst in New Delhi eröffnete deutsch-indische Jahr. Aus Anlass des 60. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Republik Indien und der Bundesrepublik wird es gefeiert. Und auch für die deutsche Kultur war der Abend eine prima Visitenkarte.
Das Filmorchester Babelsberg entpuppte sich als ein toller Botschafter unseres Landes. Es lohnt sich übrigens, auch mal in dessen Homepage reinzuschauen: www.filmorchester.de.
Freitag, 27. Januar 2012
“Hier spricht Calcutta!”
Mein Festnetz-Telefon geht langsam kaputt. Ich könnte mir ein Siemens kaufen. Wenn das auch wieder kaputt ist, kann ich eine Service-Hotline anrufen und lande – in Kolkata!
Siemens hat dort nämlich (wie viele Unternehmen aus aller Welt) ein riesiges Call-Center eingerichtet. Immerhin 300 Menschen arbeiten dort. Sie haben keinen angenehmen Job: Wenn irgendwo in Deutschland etwas nicht so funktioniert, müssen sie das ausbaden. Sie kriegen die Wut ab. Und viele merken gar nicht, dass sie gar nicht mit einem Deutschen reden, sondern ihr Gesprächspartner 7500 Kilometer weit entfernt sitzt und Inder ist, erzählt Durbha Alivelu, die im Goethe-Institut in Kolkata Deutsch unterrichtet. Dass das gar nicht auffällt, spricht eine deutliche Sprache: Der Deutschunterricht in Kolkata muss exzellent sein.
Etwa 20 Studenten aus Kolkata werden demnächst Teil eines außergewöhnlichen Call-Centers. Zwischen dem 17. und dem 25. Februar telefonieren sie mal sieben, mal fünf Stunden lang mit Auckland in Neuseeland. Aber da sind keine Telefone kaputt. Sondern dort findet das New Performance Festival mit Theatergruppen aus aller Welt statt. Und die jungen Leute vertreten mit „Call cutta in a box“ das renommierte Ensemble Rimini Protokoll aus Berlin.

Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel hatten schon 2005 internationales Aufsehen erregt: Damals ließen sie noch Menschen quasi aus einem Call-Center „ferngesteuert“ durch das Straßengewirr Kolkatas (und später Berlins) irren, aber auf die Dauer wurde das zu aufwändig, wie Martin Wälde, der Leiter des Goethe-Instituts in Kolkata (damals wie heute Partner des Projekts) bei der Vorstellung der Truppe sagt, die für Kolkata beim Festival in Auckland im Einsatz ist. Die zweite Version von „Call cutta“ sei nicht vergleichbar mit der Erstauflage, aber auch sie bringe viele Menschen zusammen und ermögliche eine neue Sicht auf Kolkata.
„Call cutta in a box“ funktioniert so: Das Publikum kauft Eintrittskarten – aber nicht für ein Theater, sondern für ein Bürohochhaus. Die Leute sitzen dort auch nicht zu Hunderten, sondern allein in einem Zimmer. Und in dem klingelt dann das Telefon. Der Dialog beginnt wie eine Art Bewerbungsgespräch, aber dann entwickelt sich von Minute zu Minute mehr menschliche Nähe. Und im letzten Drittel des Gesprächs kann man sich dann sogar sehen – per Webcam.
Wie gut das klappt, weiß Dicky Banerjee, ein Videofilmer aus Kolkata, der schon von Anfang an dabei ist. Technisch sei die Welt mittlerweile überall gleich, sagt er. Nur die persönliche Beziehung schaffe Individualität. Und dann spüre man Nähe über Tausende von Kilometern. Denn Technik trenne die Menschen, Gefühle aber verbänden sie miteinander. Denn worum es wirklich gehe, das sei überall gleich: „Schmerz ist Schmerz, Liebeskummer ist Liebeskummer. Und Freude ist Freude.“
Siemens hat dort nämlich (wie viele Unternehmen aus aller Welt) ein riesiges Call-Center eingerichtet. Immerhin 300 Menschen arbeiten dort. Sie haben keinen angenehmen Job: Wenn irgendwo in Deutschland etwas nicht so funktioniert, müssen sie das ausbaden. Sie kriegen die Wut ab. Und viele merken gar nicht, dass sie gar nicht mit einem Deutschen reden, sondern ihr Gesprächspartner 7500 Kilometer weit entfernt sitzt und Inder ist, erzählt Durbha Alivelu, die im Goethe-Institut in Kolkata Deutsch unterrichtet. Dass das gar nicht auffällt, spricht eine deutliche Sprache: Der Deutschunterricht in Kolkata muss exzellent sein.
Etwa 20 Studenten aus Kolkata werden demnächst Teil eines außergewöhnlichen Call-Centers. Zwischen dem 17. und dem 25. Februar telefonieren sie mal sieben, mal fünf Stunden lang mit Auckland in Neuseeland. Aber da sind keine Telefone kaputt. Sondern dort findet das New Performance Festival mit Theatergruppen aus aller Welt statt. Und die jungen Leute vertreten mit „Call cutta in a box“ das renommierte Ensemble Rimini Protokoll aus Berlin.

Studenten aus Calcutta werden zu Schauspielern.
Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel hatten schon 2005 internationales Aufsehen erregt: Damals ließen sie noch Menschen quasi aus einem Call-Center „ferngesteuert“ durch das Straßengewirr Kolkatas (und später Berlins) irren, aber auf die Dauer wurde das zu aufwändig, wie Martin Wälde, der Leiter des Goethe-Instituts in Kolkata (damals wie heute Partner des Projekts) bei der Vorstellung der Truppe sagt, die für Kolkata beim Festival in Auckland im Einsatz ist. Die zweite Version von „Call cutta“ sei nicht vergleichbar mit der Erstauflage, aber auch sie bringe viele Menschen zusammen und ermögliche eine neue Sicht auf Kolkata.
„Call cutta in a box“ funktioniert so: Das Publikum kauft Eintrittskarten – aber nicht für ein Theater, sondern für ein Bürohochhaus. Die Leute sitzen dort auch nicht zu Hunderten, sondern allein in einem Zimmer. Und in dem klingelt dann das Telefon. Der Dialog beginnt wie eine Art Bewerbungsgespräch, aber dann entwickelt sich von Minute zu Minute mehr menschliche Nähe. Und im letzten Drittel des Gesprächs kann man sich dann sogar sehen – per Webcam.
Wie gut das klappt, weiß Dicky Banerjee, ein Videofilmer aus Kolkata, der schon von Anfang an dabei ist. Technisch sei die Welt mittlerweile überall gleich, sagt er. Nur die persönliche Beziehung schaffe Individualität. Und dann spüre man Nähe über Tausende von Kilometern. Denn Technik trenne die Menschen, Gefühle aber verbänden sie miteinander. Denn worum es wirklich gehe, das sei überall gleich: „Schmerz ist Schmerz, Liebeskummer ist Liebeskummer. Und Freude ist Freude.“
Donnerstag, 26. Januar 2012
Gesundheit und Wohlstand
Keine Angst! Die Tiger haben mich nicht gefressen. Und auch kein Krokodil hat nach mir geschnappt. Wir waren auch nur am Rand der Sundarbans. Zwar schon im Nationalpark. Aber nur in der Randzone. So wie der Albtrauf bei Neuffen, Beuren und Kohlberg ja auch Randzone des Biosphärengebiets Schwäbische Alb ist. Zu den Mangrovenwäldern ist es noch ein Stück, aber wenn es irgend geht, möchte ich das nächste Woche noch machen.
Dennoch waren diese beiden Tage in Karanjali eine erfüllte Zeit. Über die noch viel in Blog und Zeitung zu berichten sein wird. Vor allem über die intensiven Gespräche mit den Menschen, dank der ich auch das ländliche Indien inclusive seiner Probleme und Schönheiten kennenlernen durfte. Was mich besonders faszinierte: die Menschen dort geben auf Äußerlichkeiten nichts. Und das Dorfleben macht auf mich einen sehr intakten Eindruck. Man kennt sich, und man hilft einander. Und die Gemeinschaft trägt offensichtlich sogar über Jahrhunderte hindurch, auch wenn sich die Zeiten geändert haben.
Mein Gastgeber Ashish Gosh wohnt in einem 250 Jahre alten Haus, das allerdings schon viel viel bessere Zeiten gesehen hat. Aber dennoch genießt er denselben Respekt wie seine Vorväter.
Wir reden viel miteinander, auch Basav, der mich zu dieser Fahrt aufs Land eingeladen hat, gibt mir wertvolle Informationen über Geschichte, Politik und soziale Situation in Indien allgemein und in Bengalen im besonderen.
Ich frage viel, und anscheinend tut es den Gastgebern gut, dass man sich für sie und ihr Dorf interessiert. Als wir schon fast am Aufbrechen sind, lässt mir “Mister Gosh”, wie er auch von Basav voller Respekt genannt wird, eine kleine Eule aus Holz bringen: “Sie ist das Symbol der Göttin Lakshmi”, erzählt mir Basav. Da die Eule viel Ratten fresse und man daher viel Reis für sich behalten könne, stehe sie für Wohlstand. Und für Gesundheit noch dazu. Da fällt mir spontan das Lied “Viel Glück und viel Segen auf all Deinen Wegen” ein, das wir daheim immer zu Geburtstagen singen: “Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei.”

In Bengalen und in ganz Indien habe Lakshmi einen hohen Stellenwert, sagt mir Basav noch, während ich mich (wie hier üblich) zum Dank mit gefalteten Händen leicht nach vorne beuge: “Ob arm oder reich – jeder hat eine Lakshmi-Figur in seinem Haus und verehrt sie.”
Wir müssen gehen. Runter zum Auto. Es wird Nacht, und eine Fahrt im Dunkel nach Kolkata ist kein Zuckerschlecken. Basav ist nicht zu beneiden.
Ich packe die kleine Eule in meinen Rucksack und bin sehr gerührt über dieses Zeichen der Verbundenheit zweier angeblich so ferner Kulturen.
Dennoch waren diese beiden Tage in Karanjali eine erfüllte Zeit. Über die noch viel in Blog und Zeitung zu berichten sein wird. Vor allem über die intensiven Gespräche mit den Menschen, dank der ich auch das ländliche Indien inclusive seiner Probleme und Schönheiten kennenlernen durfte. Was mich besonders faszinierte: die Menschen dort geben auf Äußerlichkeiten nichts. Und das Dorfleben macht auf mich einen sehr intakten Eindruck. Man kennt sich, und man hilft einander. Und die Gemeinschaft trägt offensichtlich sogar über Jahrhunderte hindurch, auch wenn sich die Zeiten geändert haben.
Mein Gastgeber Ashish Gosh wohnt in einem 250 Jahre alten Haus, das allerdings schon viel viel bessere Zeiten gesehen hat. Aber dennoch genießt er denselben Respekt wie seine Vorväter.
Wir reden viel miteinander, auch Basav, der mich zu dieser Fahrt aufs Land eingeladen hat, gibt mir wertvolle Informationen über Geschichte, Politik und soziale Situation in Indien allgemein und in Bengalen im besonderen.
Ich frage viel, und anscheinend tut es den Gastgebern gut, dass man sich für sie und ihr Dorf interessiert. Als wir schon fast am Aufbrechen sind, lässt mir “Mister Gosh”, wie er auch von Basav voller Respekt genannt wird, eine kleine Eule aus Holz bringen: “Sie ist das Symbol der Göttin Lakshmi”, erzählt mir Basav. Da die Eule viel Ratten fresse und man daher viel Reis für sich behalten könne, stehe sie für Wohlstand. Und für Gesundheit noch dazu. Da fällt mir spontan das Lied “Viel Glück und viel Segen auf all Deinen Wegen” ein, das wir daheim immer zu Geburtstagen singen: “Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei.”

Die Eule – Symbol der Göttin Lakshmi
In Bengalen und in ganz Indien habe Lakshmi einen hohen Stellenwert, sagt mir Basav noch, während ich mich (wie hier üblich) zum Dank mit gefalteten Händen leicht nach vorne beuge: “Ob arm oder reich – jeder hat eine Lakshmi-Figur in seinem Haus und verehrt sie.”
Wir müssen gehen. Runter zum Auto. Es wird Nacht, und eine Fahrt im Dunkel nach Kolkata ist kein Zuckerschlecken. Basav ist nicht zu beneiden.
Ich packe die kleine Eule in meinen Rucksack und bin sehr gerührt über dieses Zeichen der Verbundenheit zweier angeblich so ferner Kulturen.
Mittwoch, 25. Januar 2012
Nationalfeiertag
Morgen ist der 26. Januar. Einer von drei Nationalfeiertagen Indiens. Neben dem Unabhängigkeitstag am 15. August und dem Geburtstag Mahatma Gandhis (dem 2. Oktober). Am Freitag gedenkt man des Tages im Jahre 1950, an dem die Republik ausgerufen wurde. Bis dahin war der König von England formell als Kaiser von Indien noch Staatsoberhaupt.
Ich muss heute früh raus. Obwohl es gestern nach einem ereignisreichen Tag reichlich spät wurde. Nachmittags erst zur Eröffnung der Buchmesse (der größten Indiens), wobei es allerdings noch nicht viel zu berichten gab, denn es wurden zwar eine Menge Festreden und Grußworte gehalten, aber in den Hallen ringsum ebenso eifrig gehämmert und gezimmert. Kaum einer von den Aberhunderten Ständen waren fertig.
Danach nur quer über die Straße ins Auditorium von Science City zum Highlight des Goethe-Instituts von Kolkata zum deutsch-indischen Jahr: das Filmorchester Babelsberg spielt Werke des indischen Komponisten und Oscar-Preisträgers A. R. Rahman. Das Grußwort für den Hauptsponsor hält ein Neckartailfinger – Dr. Roland Kern, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Stuttgarter Lapp-Gruppe. So klein ist doch die Welt! Und wie gut, dass da die Lokalzeitung vor Ort war!
Über das Konzert wird noch zu berichten sein. Spät ist es auf jeden Fall geworden, und heim musste ich ja auch noch. Nur ein paar Stunden Schlaf, dann diesen Eintrag in den Blog geschrieben, und gleich (morgens um 7.30 Uhr) holt mich Basav Bhattacharya ab, der eigentlich Chef einer PR-Firma ist, sich aber auch sehr für Sozialprojekte engagiert.
Den Nationalfeiertag werde ich nutzen, um eins davon zu besichtigen: Heute und morgen sind wir im Dörfchen Karanjali im Ganges-Delta. Ich werde unter anderem eine Schule besuchen, den morgendlichen Markt erleben und überhaupt das Leben auf dem Land, jenseits des Häusermeers Calcuttas, kennenlernen.
Schön soll es dort auch sein: Karanjali liegt im Nationalpark Sundarbans mit den größten Mangrovenwäldern der Welt. Bob Roy von der Times of India hat mich allerdings gewarnt: Ich solle nur mit dem Boot unterwegs sein und nie meine deutsche Sehnsucht nach dem Wald zu Fuß ausleben. Im Wasser lauerten Krokodile, im Forst jede Menge Giftschlangen (unter anderem Kobras), und jedes Jahr würden um die 100 Bauern vom Tiger gefressen.
Na das kann ja heiter werden. Aber dennoch freu ich mich drauf. Und hoffe natürlich, dass wir uns am Freitag wiederlesen.
Ich muss heute früh raus. Obwohl es gestern nach einem ereignisreichen Tag reichlich spät wurde. Nachmittags erst zur Eröffnung der Buchmesse (der größten Indiens), wobei es allerdings noch nicht viel zu berichten gab, denn es wurden zwar eine Menge Festreden und Grußworte gehalten, aber in den Hallen ringsum ebenso eifrig gehämmert und gezimmert. Kaum einer von den Aberhunderten Ständen waren fertig.
Danach nur quer über die Straße ins Auditorium von Science City zum Highlight des Goethe-Instituts von Kolkata zum deutsch-indischen Jahr: das Filmorchester Babelsberg spielt Werke des indischen Komponisten und Oscar-Preisträgers A. R. Rahman. Das Grußwort für den Hauptsponsor hält ein Neckartailfinger – Dr. Roland Kern, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Stuttgarter Lapp-Gruppe. So klein ist doch die Welt! Und wie gut, dass da die Lokalzeitung vor Ort war!
Über das Konzert wird noch zu berichten sein. Spät ist es auf jeden Fall geworden, und heim musste ich ja auch noch. Nur ein paar Stunden Schlaf, dann diesen Eintrag in den Blog geschrieben, und gleich (morgens um 7.30 Uhr) holt mich Basav Bhattacharya ab, der eigentlich Chef einer PR-Firma ist, sich aber auch sehr für Sozialprojekte engagiert.
Den Nationalfeiertag werde ich nutzen, um eins davon zu besichtigen: Heute und morgen sind wir im Dörfchen Karanjali im Ganges-Delta. Ich werde unter anderem eine Schule besuchen, den morgendlichen Markt erleben und überhaupt das Leben auf dem Land, jenseits des Häusermeers Calcuttas, kennenlernen.
Schön soll es dort auch sein: Karanjali liegt im Nationalpark Sundarbans mit den größten Mangrovenwäldern der Welt. Bob Roy von der Times of India hat mich allerdings gewarnt: Ich solle nur mit dem Boot unterwegs sein und nie meine deutsche Sehnsucht nach dem Wald zu Fuß ausleben. Im Wasser lauerten Krokodile, im Forst jede Menge Giftschlangen (unter anderem Kobras), und jedes Jahr würden um die 100 Bauern vom Tiger gefressen.
Na das kann ja heiter werden. Aber dennoch freu ich mich drauf. Und hoffe natürlich, dass wir uns am Freitag wiederlesen.
Dienstag, 24. Januar 2012
Praktikum gesucht
Eigentlich waren sie schwer im Stress. Kämpften für ihre Schule bei den College-Meisterschaften von Calcutta um Siege in der Leichtathletik. Avinash Pathak zum Beispiel gewann Gold über 100 Meter – in 12,5 Sekunden. “Gold” ist hier nicht übertrieben. Denn die Sieger-Zeremonie läuft genauso ab wie bei Olympischen Spielen. Obwohl (außer den Athleten) kaum Zuschauer da sind. Sei’s drum: Ein freundlicher alter, schon etwas tatterig wirkender Mann, bekommt von einem hübschen jungen Mädchen die Medaillen auf einem Tablett gereicht und hängt sie dann den ersten drei um den Hals.
Avinash hat mich mit seinen Freunden direkt in den Innenraum gebracht, als ich etwas verwirrt vor dem Eingang des Salt Lake City Stadiums, der größten Arena von ganz Asien stand, und nicht wusste, wohin ich sollte. Die Sicherheitsleute haben wir nicht groß gefragt, sondern sind einfach durchgelaufen. Nun schaue ich vor dem Fußballspiel zwischen East Bengal Calcutta und Hindustan Aeronautics Bangalore noch eine Weile den Wettkämpfen der jungen Leute zu. Etwa den 400 Metern der Frauen – einer beinharten Strecke, deren Siegerin den anderen m mindestens 30 Meter enteilt ist.
Aber sofort nach Ende ihrer Wettkämpfe sind Avinash und seine Freunde wieder da und umringen den Mann aus Deutschland, wollen wissen, was ich hier tue, wie mir Indien im allgemeinen und Calcutta im Speziellen gefallen. Und möchten abends mit mir um die Häuser ziehen. In ihrer Schule, dem Gurunak Institute of Hotel Management in Sudhpur, sei heute ein Party mit Rock-Musik, da gehe es gewaltig ab. Danach könne man noch die Bars in der Umgebung testen, das sei doch alles genau richtig für mich. Aber ich weiß nicht so recht: Erstens will ich heute noch was in meinen Blog schreiben, und zweitens schmeicheln sie mir dann doch einen Tick zu viel. Der eine hält mich für 35, der andere für 20 – was vermutlich eine Beleidigung für meinen Sohn Benedikt wäre. So viel Komplimente braucht einer, der straff auf 60 zugeht, dann doch nicht mehr.

Aber trotzdem sind sie ja ganz nett, und wir unterhalten uns gut. Wobei sie in manchem schon etwas merkwürdige Vorstellungen haben. Zum Beispiel, dass die deutschen Mädchen wohl kein solches Problem damit hätten, wenn man sie anfasse, wie die indischen Girls. Als ich ihnen sage, dass sie dann vermutlich genauso eine gescheuert bekämen wie in ihrer Heimat, gucken sie ganz verwundert.
Träumen von einem Praktikum in Deutschland: Avinash, Pritam, Ralkesh, Himanshu und Manisch (von links).
Manish, Himanshu, Rakesh, Pritom und Avinash wollen ins Hotelfach. Eineinhalb Jahre haben sie auf ihrem College schon hinter sich – und eineinhalb Jahre liegen noch vor ihnen. In großen und renommierten Häusern haben sie schon Praktika über viereinhalb Monate absolviert: im 125 Jahre alten Oberoi Grand in Calcutta mit dem Charme der Kolonialzeit, im Radisson Blu in der Nähe des Flughafens von Delhi, im Taj in Bangalore.
Aber alle träumen dennoch denselben Traum: ein Praktikum in Deutschland oder im restlichen Europa machen zu dürfen. “Wir können überall eingesetzt werden”, versprechen sie: “Im Service, im Putzdienst, an der Rezeption oder in der Küche.”
Nun, ein Hotel hab ich keins. Aber vielleicht weiß ein Leser dieses Blogs, ob es nicht nur deutsch-indische Austauschprogramme für Journalisten gibt, sondern auch für Hotelfachschüler. Manchmal tut sich ja völlig unerwartet ein Türchen auf.
Avinash hat mich mit seinen Freunden direkt in den Innenraum gebracht, als ich etwas verwirrt vor dem Eingang des Salt Lake City Stadiums, der größten Arena von ganz Asien stand, und nicht wusste, wohin ich sollte. Die Sicherheitsleute haben wir nicht groß gefragt, sondern sind einfach durchgelaufen. Nun schaue ich vor dem Fußballspiel zwischen East Bengal Calcutta und Hindustan Aeronautics Bangalore noch eine Weile den Wettkämpfen der jungen Leute zu. Etwa den 400 Metern der Frauen – einer beinharten Strecke, deren Siegerin den anderen m mindestens 30 Meter enteilt ist.
Aber sofort nach Ende ihrer Wettkämpfe sind Avinash und seine Freunde wieder da und umringen den Mann aus Deutschland, wollen wissen, was ich hier tue, wie mir Indien im allgemeinen und Calcutta im Speziellen gefallen. Und möchten abends mit mir um die Häuser ziehen. In ihrer Schule, dem Gurunak Institute of Hotel Management in Sudhpur, sei heute ein Party mit Rock-Musik, da gehe es gewaltig ab. Danach könne man noch die Bars in der Umgebung testen, das sei doch alles genau richtig für mich. Aber ich weiß nicht so recht: Erstens will ich heute noch was in meinen Blog schreiben, und zweitens schmeicheln sie mir dann doch einen Tick zu viel. Der eine hält mich für 35, der andere für 20 – was vermutlich eine Beleidigung für meinen Sohn Benedikt wäre. So viel Komplimente braucht einer, der straff auf 60 zugeht, dann doch nicht mehr.

Träumen von einem Praktikum in Deutschland: Avinash, Pritam, Ralkesh, Himanshu und Manisch (von links).
Aber trotzdem sind sie ja ganz nett, und wir unterhalten uns gut. Wobei sie in manchem schon etwas merkwürdige Vorstellungen haben. Zum Beispiel, dass die deutschen Mädchen wohl kein solches Problem damit hätten, wenn man sie anfasse, wie die indischen Girls. Als ich ihnen sage, dass sie dann vermutlich genauso eine gescheuert bekämen wie in ihrer Heimat, gucken sie ganz verwundert.
Träumen von einem Praktikum in Deutschland: Avinash, Pritam, Ralkesh, Himanshu und Manisch (von links).
Manish, Himanshu, Rakesh, Pritom und Avinash wollen ins Hotelfach. Eineinhalb Jahre haben sie auf ihrem College schon hinter sich – und eineinhalb Jahre liegen noch vor ihnen. In großen und renommierten Häusern haben sie schon Praktika über viereinhalb Monate absolviert: im 125 Jahre alten Oberoi Grand in Calcutta mit dem Charme der Kolonialzeit, im Radisson Blu in der Nähe des Flughafens von Delhi, im Taj in Bangalore.
Aber alle träumen dennoch denselben Traum: ein Praktikum in Deutschland oder im restlichen Europa machen zu dürfen. “Wir können überall eingesetzt werden”, versprechen sie: “Im Service, im Putzdienst, an der Rezeption oder in der Küche.”
Nun, ein Hotel hab ich keins. Aber vielleicht weiß ein Leser dieses Blogs, ob es nicht nur deutsch-indische Austauschprogramme für Journalisten gibt, sondern auch für Hotelfachschüler. Manchmal tut sich ja völlig unerwartet ein Türchen auf.
Montag, 23. Januar 2012
Im Fernsehen

Gopal Roy von Star Ananda interviewt den schwäbischen Fußball-Experten
Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, als ich von Nürtingen nach Calcutta aufbrach: zur (relativen) indischen Fernseh-Berühmtheit zu werden.
Am Samstag hatte ich das I-League-Match zwischen dem Heim-Team East Bengal und den Gästen von Hindustan Aero aus Bangalore verfolgt. Von der Pressetribüne aus. Schon da wurde ich des öfteren nach meiner Meinung gefragt. Schließlich handelt es sich bei der I-League um das indische Pendant zur deutschen Bundesliga.
Meine Kommentare wurden schon während des Spiels höchst interessiert und begeistert verfolgt. Witz und Esprit hätten sie fasziniert, sagten mir die indischen Kollegen, und so wurden nach der Pressekonferenz nach dem 2:0 nicht nur die beiden Trainer James Morgan und Ramalingam Thyagraj von Journalistan umringt, sondern der Mann aus dem Schwabenland, der natürlich im T-Shirt seines Leib-und-Magen-Vereins seit Jugend an – des 1. FC Kaiserslautern selbstverständlich – das Match verfolgt hatte.
Auch dabei wurde gefachsimpelt, und am Ende bat Gopal Roy von Star Ananda, einem der beliebtesten TV-Sender Westbengalens, den deutschen Experten vor die Kamera. Noch am selben Abend wurde dessen Kommentar zum Match sowie die Informationen über den vom Goethe-Institut ermöglichten Austausch zwischen der Times of India in der Sendung “X-tra time” zur indischen Nachrichten-Primetime um 22.30 Uhr ausgestrahlt. Dies nicht zuletzt den Kollegen zur Kenntnis, die in der Redaktion stets so lustvoll über meine angebliche Unkenntnis in Fußballdingen ablästern. Die werden mir sicher verzeihen, dass ich angesichts dessen nach dem Interview schon ein bissle in mich hineingegrinst habe.
Aber jetzt im Ernst: Darin spiegelt sich nicht zuletzt die unerhört hohe Wertschätzung wider, die der deutsche Fußball im Moment in Indien genießt. Nicht mehr die einstige Kolonialmacht England ist Vorbild, sondern Jogi Löws Jungs. Wenn von denen die Rede ist, dann leuchten die Augen. Und immer wieder höre ich: “Hoffentlich schafft Ihr es im Sommer bei der Europameisterschaft!”
Samstag, 21. Januar 2012
Handwerkskunst
In Frankreich ist es eine Touristenattraktion: eine mittelalterliche Burg wird mit alten Handwerkstechniken wieder aufgebaut. In Calcutta aber ist das keine Show, sondern Alltag. Und es betrifft auch keine historischen Gebäude, sondern Neubauten mitten in einer Millionen-Metropole. Das ist oft atemberaubend, aber immer aller Ehren wert. In Abwandlung eines deutschen Kinderliedes könnte man sagen: “Wer will fleißige Handwerker seh’n, der muss zu den Indern geh’n.”

Direkt neben dem Goethe-Institut an der Ballygunge Circular Road entsteht zurzeit ein Neubau. Die Mauer seines Vorgängers steht noch, das riesige Eisentor ist geschlossen. Dahinter reckt sich ein Gerüst aus Bambus in den Himmel, das hierzulande wohl viele als “primitiv” bezeichnen würden. In Wirklichkeit aber ist es ein wahres Kunstwerk. Und standfest noch darüber hinaus.
Es trägt nämlich nicht nur einen einsamen Mann, sondern auch die Rolle eines Flaschenzugs, auf dem immer wieder ein Werkzeug hochgezogen wird, das an eine Ramme erinnert, wie sie im Straßenbau eingesetzt wird. Der Mann oben auf dem Gerüst positioniert das Eisenteil und lässt es nach höchstens einer Sekunde zielgenau wieder nach unten sausen. Zwischendurch hat er noch Zeit, dem Menschen aus Deutschland zuzuwinken, der da staunend auf der anderen Straßenseite steht.
Als sich kurze Zeit später das Eisentor öffnet, weil einer der hier allgegenwärtigen Sicherheitsleute etwas zu besprechen hat, nutze ich die Chance, hineinzuspicken. Und sehe, dass mit dieser urtümlichen Technik eine mächtige Stahlstütze für das Fundament ins Erdreich gerammt wird. Mich begeistert das, die Arbeiter strahlen über meine per Zeichensprache zum Ausdruck gebrachte Anerkennung. Aber meine Kamera darf ich dann doch nicht in Betrieb nehmen. “No photos”, sagt der Security-Mann freundlich, aber bestimmt – und macht mir das Tor vor der Nase zu. Und daher muss es beim Foto von der anderen Straßenseite bleiben, das die Leistung der Männer indes allenfalls halb deutlich werden lässt.
Mancher mag das, was sie tun, als “rückständig” belächeln. Ich aber ziehe meinen Hut davor. Ganz tief. Denn so was muss bei uns in Deutschland erst einmal einer hinkriegen.

Direkt neben dem Goethe-Institut an der Ballygunge Circular Road entsteht zurzeit ein Neubau. Die Mauer seines Vorgängers steht noch, das riesige Eisentor ist geschlossen. Dahinter reckt sich ein Gerüst aus Bambus in den Himmel, das hierzulande wohl viele als “primitiv” bezeichnen würden. In Wirklichkeit aber ist es ein wahres Kunstwerk. Und standfest noch darüber hinaus.
Es trägt nämlich nicht nur einen einsamen Mann, sondern auch die Rolle eines Flaschenzugs, auf dem immer wieder ein Werkzeug hochgezogen wird, das an eine Ramme erinnert, wie sie im Straßenbau eingesetzt wird. Der Mann oben auf dem Gerüst positioniert das Eisenteil und lässt es nach höchstens einer Sekunde zielgenau wieder nach unten sausen. Zwischendurch hat er noch Zeit, dem Menschen aus Deutschland zuzuwinken, der da staunend auf der anderen Straßenseite steht.
Als sich kurze Zeit später das Eisentor öffnet, weil einer der hier allgegenwärtigen Sicherheitsleute etwas zu besprechen hat, nutze ich die Chance, hineinzuspicken. Und sehe, dass mit dieser urtümlichen Technik eine mächtige Stahlstütze für das Fundament ins Erdreich gerammt wird. Mich begeistert das, die Arbeiter strahlen über meine per Zeichensprache zum Ausdruck gebrachte Anerkennung. Aber meine Kamera darf ich dann doch nicht in Betrieb nehmen. “No photos”, sagt der Security-Mann freundlich, aber bestimmt – und macht mir das Tor vor der Nase zu. Und daher muss es beim Foto von der anderen Straßenseite bleiben, das die Leistung der Männer indes allenfalls halb deutlich werden lässt.
Mancher mag das, was sie tun, als “rückständig” belächeln. Ich aber ziehe meinen Hut davor. Ganz tief. Denn so was muss bei uns in Deutschland erst einmal einer hinkriegen.
Freitag, 20. Januar 2012
Rupie an den Kopf
Die Armut begleitet einen in Calcutta auf Schritt und Tritt. Man kann ihr nicht entrinnen. Höchstens, wenn man sich in den von Mauern und Stacheldraht gesicherten und rund um die Uhr von bewaffneten Security-Leuten bewachten vornehmen Tennis- und Cricket-Clubs einschließt. Ansonsten vermag das Auge den Armen nicht zu entrinnen, und es brennt sich einem regelrecht ins Bewusstsein ein, auf welch hohem Niveau wir daheim in Deutschland alle jammern.
Manches kann einem das Herz zerreißen (und davon wird in diesem Blog noch zu erzählen sein). Kein Wunder also, dass es Menschen gibt, die betteln. Die meisten sitzen still und kraftlos am Straßenrand oder der Kreuzung. Aber es gibt auch welche, die offensiv – ja zuweilen sogar aggressiv – auf einen zugehen. Dann nämlich, wenn sie mich als Touristen erkennen.
Soll man denen etwas geben oder nicht? Die meisten Inder sagen “Nein”. “Wenn Sie einem was geben, stehen gleich fünf weitere um Sie herum!”, hat mich zum Beispiel Sucheta Hossain, die beim Goethe-Institut das Projekt betreut und sich engagiert darum kümmert, dass ich mich schnell zurecht finde, schon auf der Fahrt zum Flughafen in mein Quartier gewarnt.
Gerade eben hab ich allerdings diese Warnung in den Wind geschlagen. Ich war mit Arnab vom Grafik-Team der Times of India unterwegs. Ich habe mein Akku-Ladegerät in Nürtingen vergessen, brauchte Ersatz. Zehn Minuten Fußmarsch bis zum Laden, kein Problem für mich.
Vor dem Laden dann ein Obsthändler, ich kriege Lust auf Vitamine, Arnab verhandelt mit ihm, weil aus seiner Sicht der Preis viel zu hoch ist. Schon nach einem Satz seines indischen Landsmanns geht der Mann mit dem Obst mit dem Preis kräftig runter. Ich kaufe Kap-Stachelbeeren und Erdbeeren aus Indien, und schon während der Verhandlungen zerrt mich eine Frau mit einem Baby auf dem Arm laufend am Ärmel und klagt (wohl zurecht, wie ich mir denke) über ihre Armut.
Warnungen hin oder her: Ich lass mich erweichen und geb ihr die Münze vom Wechselgeld. Da geht das Klagen in Schimpfen (konkreter gesagt: Beschimpfen) über, Arnab drängt mich sanft, aber bestimmt, von ihr weg (wie dies die Bodyguards der Politiker auch so gut drauf haben), dann wird das Lamento noch lauter. Als wir drei bis vier Schritte weg sind, trifft mich ein Zwei-Rupien-Stück am Kopf. Im Fußball wäre das Spiel jetzt wohl abgebrochen worden, hier geht es weiter. Ein Passant (auch er Inder) bückt sich und gibt mir das Stück mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns im Gesicht in die Hand.
“Gib solchen Leuten nie mehr was!”, sagt Arnab. Und ich frage mich lautlos, wie arm wohl jemand tatsächlich ist, wenn er andere mit Münzen bewerfen kann.
Manches kann einem das Herz zerreißen (und davon wird in diesem Blog noch zu erzählen sein). Kein Wunder also, dass es Menschen gibt, die betteln. Die meisten sitzen still und kraftlos am Straßenrand oder der Kreuzung. Aber es gibt auch welche, die offensiv – ja zuweilen sogar aggressiv – auf einen zugehen. Dann nämlich, wenn sie mich als Touristen erkennen.
Soll man denen etwas geben oder nicht? Die meisten Inder sagen “Nein”. “Wenn Sie einem was geben, stehen gleich fünf weitere um Sie herum!”, hat mich zum Beispiel Sucheta Hossain, die beim Goethe-Institut das Projekt betreut und sich engagiert darum kümmert, dass ich mich schnell zurecht finde, schon auf der Fahrt zum Flughafen in mein Quartier gewarnt.
Gerade eben hab ich allerdings diese Warnung in den Wind geschlagen. Ich war mit Arnab vom Grafik-Team der Times of India unterwegs. Ich habe mein Akku-Ladegerät in Nürtingen vergessen, brauchte Ersatz. Zehn Minuten Fußmarsch bis zum Laden, kein Problem für mich.
Vor dem Laden dann ein Obsthändler, ich kriege Lust auf Vitamine, Arnab verhandelt mit ihm, weil aus seiner Sicht der Preis viel zu hoch ist. Schon nach einem Satz seines indischen Landsmanns geht der Mann mit dem Obst mit dem Preis kräftig runter. Ich kaufe Kap-Stachelbeeren und Erdbeeren aus Indien, und schon während der Verhandlungen zerrt mich eine Frau mit einem Baby auf dem Arm laufend am Ärmel und klagt (wohl zurecht, wie ich mir denke) über ihre Armut.
Warnungen hin oder her: Ich lass mich erweichen und geb ihr die Münze vom Wechselgeld. Da geht das Klagen in Schimpfen (konkreter gesagt: Beschimpfen) über, Arnab drängt mich sanft, aber bestimmt, von ihr weg (wie dies die Bodyguards der Politiker auch so gut drauf haben), dann wird das Lamento noch lauter. Als wir drei bis vier Schritte weg sind, trifft mich ein Zwei-Rupien-Stück am Kopf. Im Fußball wäre das Spiel jetzt wohl abgebrochen worden, hier geht es weiter. Ein Passant (auch er Inder) bückt sich und gibt mir das Stück mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns im Gesicht in die Hand.
“Gib solchen Leuten nie mehr was!”, sagt Arnab. Und ich frage mich lautlos, wie arm wohl jemand tatsächlich ist, wenn er andere mit Münzen bewerfen kann.
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