Zum Abschied nicht leise, sondern ein krachend:Die Vietnamesen sind in ihr Neujahr gerutscht - und haben mich mitgenommen.
Neujahrsfeierei hier bedeutet: Solange die Geschäfte noch auf waren, quollen sie über mit rot-goldenem Dekokram. Die Stadt brummte, weil jeder schnell noch Geschenke kaufen musste, um seine Liebsten zu beglücken und die Verkehrspolizisten waren besonders eifrig, weil sie noch dringend ihre persönlichen Kassen auffüllen mussten. Auf den Straßen tummelten sich beinahe nur noch Touristen. Die Ruhe vor dem Sturm.
Abends leuchteten die Straßen wie eine riesige Kirmes und auch die Mopeds nahmen ihre hupende und rasende Arbeit wieder auf. Millionen Menschen flanierten, brausten, tranken, quatschten.
Als wir bei dem Restaurant unserer Wahl für den Abend ankamen, saßen davor allerdings nur fünf Herren und wir wussten nicht so recht, ob das nun eine „geschlossene Gesellschaft“ ist… Wir zeigten ihnen die Visitenkarte und versuchten, mit Händen und Füßen herauszufinden, was Sache war. Kurzum: Plötzlich saßen wir auf kleinen Plastikstühlchen auf dem Bürgersteig, hatten ein Bier in der Hand und waren Teil der Party. Die Jungs unterschiedlichster Altersklasse aber allesamt nur mit Brocken Englisch ausgestattet, hatten Spaß daran, uns pantomimisch auzufragen und uns nebenbei Gabeln voll undefinierbarem Essen anzubieten. Immer mit der Bemerkung „Number ONE!“ Nur bei einer gelben, gallertartigen Masse, die uns mit Vogelbewegungen angekündigt wurde, haben wir gestreikt.
Die Fäden hingegen, die verdächtig an Bauwolle aus dem Baumarkt erinnerten und angeblich vom Schwein stammten (welcher Teil des Tier hat Fäden????), schob uns die Restaurantbesitzerin kurzerhand in den Mund. Ständig wurde „Wodka Hanoi!“ nachgeschüttet und die Feierenden riefen fröhlich „Happy New Year- Yo!“
Jetzt sitze ich am Flughafen und beinahe schon wirken diese Erinnerungen surreal. Mein Kopf brummt vor Eindrücken, die ich verarbeiten muss. Es war eine so spannende, lehrreiche, interessante Zeit. Bis bald, Vietnam.
Montag, 31. Januar 2011
Drachenabwurfstation
„Ich verstehe nicht, warum so viel Aufhebens darum gemacht wird“, der ältere Herr aus Deutschland sah mich nach Verständnis heischend an. Gerade hatte ich ihm erzählt, dass ich einen Ausflug in die Ha-Long-Bucht plante – den er bereits hinter sich hatte. Offenbar ohne viele nachhaltige Erinnerungen. Heute kann ich mich nur wundern: Hat der Herr sich die ganze Zeit in seiner Kabine eingeschlossen?
Die Ha-Long-Bucht, ein rund 1.500 km² großes Gebiet im Golf von Tonkin, wurde 1994 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Wer von Hanoi aus sehen will, warum, muss zunächst eine drei- bis vierstündige Fahrt auf sich nehmen, zu der unvermeidlich auch ein Shopping-Stop gehört – praktischerweise in einer Art kumulierter Souvenir-Auswahl aus Lackobjekten, Seidenwaren, gestickten Bildern und Skulpturen (Verschiffung nach Dortmund – ja, das stand wahrhaft auf dem Schild – für sagenhafte 80 Euro). Alles vergessen, als wir am Hafen ankamen und zur Bai Tu Long Dschunke übersetzten, einem kleinen Boot, das aber tatsächlich Einzelkabinen mit Bad und WC plus eine unglaublich freundliche Crew bot.
Der Nebel stand über den Inseln, von denen es insgesamt 2000 geben soll und tauchte diese ohnehin schon unwirkliche Gegend in einen Schleier, einen märchenhaften Mantel und verlieh ihm etwas Surreales und zugleich anziehend Mystisches. Passend zu der Legende, die sich um die Ha Long Bucht rankt: Demnach mussten die Bewohner vor langer Zeit vor den Chinesen beschützt werden und baten die Götter um Hilfe – die prompt Drachen sandten (Ha Long heißt so viel wie „wo der Drache ins Meer steigt“ oder „absteigender Drachen“). Die fliegenden Retter warfen Steine ab – die heutigen Inseln – und bildeten so eine Art Wall um die Hilfesuchenden.
Doch auch für jene, die ungern ins Märchenhafte versinken, ist die Bucht in ihrer Realität spannend: Erst seit zwei Jahren für Tourismus geöffnet, hat sich trotzdem eine recht gut durchorganisierte Mini-Tourismusindustrie entwickelt – sicherlich auch, weil die rund 500 Menschen, die hier leben, sehr arm sind. Wir wurden zu Fünft (!) von einer schmalen Vietnamesin auf einem Bambusboot durch ihr Dorf gerudert: Eine Ansammlung von schwimmenden Häusern, in denen die Menschen in aller Einfachheit leben. Über Generatoren beziehen sie Strom. Ein Raum scheint der Lebensmittelpunkt der gesamten Familie zu sein.
Die Versorgung läuft ebenso über das Wasser, wie wir am Abend feststellten: Frauen fahren mit Ruderbooten durch die Gegend, die bis zum Rand gefüllt sind – in diesem Fall mit allem, was sich ein Touristenherz wünscht: Von Chips über Bier bis zum Softdrink, ein schwimmender Kiosk. Die Frau, die unser Boot ansteuerte, machte mit einem lauten „HEEEE!“ auf sich aufmerksam, als sie mich hinter dem Vorhang meiner Kabine erspäht hatte und gab erst Ruhe, als ich ihr etwas abgekauft hatte. Als es dunkel war, sah ich sie zu ihrem Dorf zurückrudern, nachdem sie auch den anderen ankernden Schlafstätten einen Besuch abgestattet hatte, das Licht ihres Boots schaukelnd.
Die Ha-Long-Bucht, ein rund 1.500 km² großes Gebiet im Golf von Tonkin, wurde 1994 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Wer von Hanoi aus sehen will, warum, muss zunächst eine drei- bis vierstündige Fahrt auf sich nehmen, zu der unvermeidlich auch ein Shopping-Stop gehört – praktischerweise in einer Art kumulierter Souvenir-Auswahl aus Lackobjekten, Seidenwaren, gestickten Bildern und Skulpturen (Verschiffung nach Dortmund – ja, das stand wahrhaft auf dem Schild – für sagenhafte 80 Euro). Alles vergessen, als wir am Hafen ankamen und zur Bai Tu Long Dschunke übersetzten, einem kleinen Boot, das aber tatsächlich Einzelkabinen mit Bad und WC plus eine unglaublich freundliche Crew bot.
Der Nebel stand über den Inseln, von denen es insgesamt 2000 geben soll und tauchte diese ohnehin schon unwirkliche Gegend in einen Schleier, einen märchenhaften Mantel und verlieh ihm etwas Surreales und zugleich anziehend Mystisches. Passend zu der Legende, die sich um die Ha Long Bucht rankt: Demnach mussten die Bewohner vor langer Zeit vor den Chinesen beschützt werden und baten die Götter um Hilfe – die prompt Drachen sandten (Ha Long heißt so viel wie „wo der Drache ins Meer steigt“ oder „absteigender Drachen“). Die fliegenden Retter warfen Steine ab – die heutigen Inseln – und bildeten so eine Art Wall um die Hilfesuchenden.
Doch auch für jene, die ungern ins Märchenhafte versinken, ist die Bucht in ihrer Realität spannend: Erst seit zwei Jahren für Tourismus geöffnet, hat sich trotzdem eine recht gut durchorganisierte Mini-Tourismusindustrie entwickelt – sicherlich auch, weil die rund 500 Menschen, die hier leben, sehr arm sind. Wir wurden zu Fünft (!) von einer schmalen Vietnamesin auf einem Bambusboot durch ihr Dorf gerudert: Eine Ansammlung von schwimmenden Häusern, in denen die Menschen in aller Einfachheit leben. Über Generatoren beziehen sie Strom. Ein Raum scheint der Lebensmittelpunkt der gesamten Familie zu sein.
Die Versorgung läuft ebenso über das Wasser, wie wir am Abend feststellten: Frauen fahren mit Ruderbooten durch die Gegend, die bis zum Rand gefüllt sind – in diesem Fall mit allem, was sich ein Touristenherz wünscht: Von Chips über Bier bis zum Softdrink, ein schwimmender Kiosk. Die Frau, die unser Boot ansteuerte, machte mit einem lauten „HEEEE!“ auf sich aufmerksam, als sie mich hinter dem Vorhang meiner Kabine erspäht hatte und gab erst Ruhe, als ich ihr etwas abgekauft hatte. Als es dunkel war, sah ich sie zu ihrem Dorf zurückrudern, nachdem sie auch den anderen ankernden Schlafstätten einen Besuch abgestattet hatte, das Licht ihres Boots schaukelnd.
Freitag, 28. Januar 2011
Der Tod ist teurer als das Leben
„Was unterscheidet den Menschen vom Tier?“ Unser Guide sah uns an und wartete gespannt auf eine Antwort, während wir ihn recht überrascht ansahen. Plötzlich hatte sich mein Ausflug nach Hué, die alte Kaiser- und frühere Hauptstadt in Zentralvietnam, in einen philosophischen Tauchgang verwandelt.
Und das erwartet man bei einer Tagestour für 8 Dollar in einem großen Reisebus mit 30 Australiern, Deutschen und Malaysiern nicht unbedingt. Doch wir standen inmitten der riesigen Grabanlage von Kaiser Minh Mang – der perfekte Ort, um über Tod, Glauben, Leben zu debattieren, unabhängig, ob man nun Tourist ist oder nicht. „Die meisten würden jetzt antworten: Die Intelligenz“, erlöste unser Guide uns schließlich, „das stimmt aber nicht. Der Mensch will immer mehr, als er braucht. Das Tier hingegen nimmt sich nur, was es zum Leben benötigt. Ein Tiger würde nie mehr essen, als es sein Hunger verlangt.“ Deswegen, erklärte der Guide, komme das Tier im dreiteiligen buddhistischen Lebenskreislauf auch nach dem Menschen und vor dem Himmel – bevor die nächste Runde losgeht. Erlösung aus diesem Zirkel könne ein Buddhist erst erhoffen, wenn er frei von Bedürfnissen sei und so ins Nirvana eingehe.
Ich hatte meinen Fotoapparat vorsichtig in die Tasche gesteckt, irgendwie will man nicht mehr nur Tourist sein, wenn man plötzlich so hineingleitet in asiatische Philosophie. Und das, obwohl zwar die Mehrheit der Vietnamesen behauptet, dem Buddhismus anzugehören, de facto im Leben aber nicht ganz so streng in der Auslegung der Glaubensregeln ist, wie der Kollege Phuong von der vietnamesischen Zeitung mir schmunzelnd erklärte: Räucherstäbchen anzünden ja, auch mit gefalteten Händen vor den Buddhastatuen verbeugen – aber nicht unbedingt zu viele Einschränkungen im Lebensstil.
Wenn es allerdings um den Tod geht, ist es wieder eine andere Sache. „Es gibt sehr viele Regeln, die wir beachten müssen, wenn jemand stirbt“, sagte unser Guide in Hué. Denn die Toten scheinen jede Menge Arbeit nach ihrem Ableben zu haben und brauchen dabei Unterstützung von ihren Hinterbliebenen: Der Verstorbene müsse insgesamt zehn Pforten der Hölle durchschreiten, bevor er im Himmel ankommt. Die ersten sieben schafft er in den 49 Tagen nach seinem Tod – so dass die Familie am 50. ein großes Fest für ihn schmeißt. Nach 100 Tagen schließt sich gleich das nächste an. Und fortan wird der Todestag in jedem Jahr mit einem Familienessen begangen – ein Tag, an dem ein Arbeiter immer frei hat, auch wenn die Firma gerade untergeht. Damit nicht genug, wird die Leiche zunächst begraben – „zum Beispiel im Reisfeld“, erzählte Phuong mir. Verbrennungen sind unüblich und nach drei bis fünf Jahren, je nach Beschaffenheit des Bodens, müssen die Familien die Überreste ausgraben und in einer Art Keramikgrab zur letzten Ruhe betten.
Gemeinschaft und Familie sind eben wichtiger als alles andere. Das gilt auch für die Toten, die sogar im Alltag allgegenwärtig sind: In jeder Wohnung, selbst in jedem Geschäft gibt es einen kleinen Altar mit Fotos der Verstorbenen und Geschenken – Früchten, Getränken etc. – die immer wieder aufgefrischt werden. Außerdem verbrennen die Angehörigen zu Anfang, Mitte und Ende eines Monats Papiergeld, um den Ahnen Liquidität im Jenseits zu verschaffen. „Die Geschenke haben sich der modernen Zeit angepasst“, sagt Ly, die Managerin meines Hotels. „Wir schenken den Verstorbenen Fernseher, Computer, Autos, weil wir wollen, dass sie ein angenehmes Leben haben.“ Wohlgemerkt natürlich in Mini-Varianten. Aber wenn ich an unsere eher spärlichen Besuche an den Gräbern unserer Verwandten denke, bin ich doch beeindruckt von dieser lebendigen Erinnerungskultur. Der Guide in Hué lächelt. „Der Tod ist teurer als das Leben in Vietnam.“
Und das erwartet man bei einer Tagestour für 8 Dollar in einem großen Reisebus mit 30 Australiern, Deutschen und Malaysiern nicht unbedingt. Doch wir standen inmitten der riesigen Grabanlage von Kaiser Minh Mang – der perfekte Ort, um über Tod, Glauben, Leben zu debattieren, unabhängig, ob man nun Tourist ist oder nicht. „Die meisten würden jetzt antworten: Die Intelligenz“, erlöste unser Guide uns schließlich, „das stimmt aber nicht. Der Mensch will immer mehr, als er braucht. Das Tier hingegen nimmt sich nur, was es zum Leben benötigt. Ein Tiger würde nie mehr essen, als es sein Hunger verlangt.“ Deswegen, erklärte der Guide, komme das Tier im dreiteiligen buddhistischen Lebenskreislauf auch nach dem Menschen und vor dem Himmel – bevor die nächste Runde losgeht. Erlösung aus diesem Zirkel könne ein Buddhist erst erhoffen, wenn er frei von Bedürfnissen sei und so ins Nirvana eingehe.
Ich hatte meinen Fotoapparat vorsichtig in die Tasche gesteckt, irgendwie will man nicht mehr nur Tourist sein, wenn man plötzlich so hineingleitet in asiatische Philosophie. Und das, obwohl zwar die Mehrheit der Vietnamesen behauptet, dem Buddhismus anzugehören, de facto im Leben aber nicht ganz so streng in der Auslegung der Glaubensregeln ist, wie der Kollege Phuong von der vietnamesischen Zeitung mir schmunzelnd erklärte: Räucherstäbchen anzünden ja, auch mit gefalteten Händen vor den Buddhastatuen verbeugen – aber nicht unbedingt zu viele Einschränkungen im Lebensstil.
Wenn es allerdings um den Tod geht, ist es wieder eine andere Sache. „Es gibt sehr viele Regeln, die wir beachten müssen, wenn jemand stirbt“, sagte unser Guide in Hué. Denn die Toten scheinen jede Menge Arbeit nach ihrem Ableben zu haben und brauchen dabei Unterstützung von ihren Hinterbliebenen: Der Verstorbene müsse insgesamt zehn Pforten der Hölle durchschreiten, bevor er im Himmel ankommt. Die ersten sieben schafft er in den 49 Tagen nach seinem Tod – so dass die Familie am 50. ein großes Fest für ihn schmeißt. Nach 100 Tagen schließt sich gleich das nächste an. Und fortan wird der Todestag in jedem Jahr mit einem Familienessen begangen – ein Tag, an dem ein Arbeiter immer frei hat, auch wenn die Firma gerade untergeht. Damit nicht genug, wird die Leiche zunächst begraben – „zum Beispiel im Reisfeld“, erzählte Phuong mir. Verbrennungen sind unüblich und nach drei bis fünf Jahren, je nach Beschaffenheit des Bodens, müssen die Familien die Überreste ausgraben und in einer Art Keramikgrab zur letzten Ruhe betten.
Gemeinschaft und Familie sind eben wichtiger als alles andere. Das gilt auch für die Toten, die sogar im Alltag allgegenwärtig sind: In jeder Wohnung, selbst in jedem Geschäft gibt es einen kleinen Altar mit Fotos der Verstorbenen und Geschenken – Früchten, Getränken etc. – die immer wieder aufgefrischt werden. Außerdem verbrennen die Angehörigen zu Anfang, Mitte und Ende eines Monats Papiergeld, um den Ahnen Liquidität im Jenseits zu verschaffen. „Die Geschenke haben sich der modernen Zeit angepasst“, sagt Ly, die Managerin meines Hotels. „Wir schenken den Verstorbenen Fernseher, Computer, Autos, weil wir wollen, dass sie ein angenehmes Leben haben.“ Wohlgemerkt natürlich in Mini-Varianten. Aber wenn ich an unsere eher spärlichen Besuche an den Gräbern unserer Verwandten denke, bin ich doch beeindruckt von dieser lebendigen Erinnerungskultur. Der Guide in Hué lächelt. „Der Tod ist teurer als das Leben in Vietnam.“
Mittwoch, 19. Januar 2011
Huy und die Herzen
Manchmal und ganz unverhofft verbinden sich unverbundene Erlebnisse zu einer Erzählung oder zumindest zu etwas, das einem roten Faden folgt.
Heute morgen bin ich von Hanoi nach Da Nang geflogen, was zunächst ein Zufall war – weil es keinen Direktflug nach Hue, meinem eigentlichen Ziel gab, Da Nang aber nur knapp 100 Kilometer weit entfernt ist. Zwischen den beiden Orten liegt der sogenannte Wolkenpass, eine gefährliche Route, die zugleich die Trennung zwischen Süd- und Nordvietnam klimatisch und früher auch politisch darstellt – und um ein Land mit seiner Geschichte besser verstehen zu können, hielt ich es doch für eine gute Idee, diese Route zu fahren. Zumal ich so die Chance hatte, Tuan, den Chief editor von Tienphong in Da Nang und für Zentralvietnam kennenzulernen. Sein Büro war klein und mit Pflanzen übersät, an der Wand hing eine Gitarre und irgendein kleines Tier huschte auf dem Boden vorbei, bevor ich es identifizieren konnte. Es war der Tag von Tuans Umzug in sein neues, selbst gebautes Haus, so dass er nur wenig Zeit hatte – wofür er sich mehrfach entschuldigte. Ich hingegen fand es erstaunlich, dass er mich an so einem Tag überhaupt treffen konnte. Er lud mich auf eine Pho Ga, die berühmte Nudelsuppe, ein und wir radebrechten uns so auf Englisch durch das Gespräch. Bis Tuan mir plötzlich erzählte, dass er Gedichte schreibt. Schon sehr lange, wenn ich es richtig verstanden habe. Gedichte, die er auch schon in einem Buch veröffentlicht habe. Inspiriert von Liebe, von Natur, von Menschen. Die Menschen in Vietnam würden seine Gedichte nicht unbedingt verstehen, sie seien sehr abstrakt, erklärte er mir – aber er werde mir ein paar zumailen. Als ich in das Taxi nach Hue stieg, verschwand er einige Minuten, weil er mir gern ein Exemplar seines Buches schenken wollte – aber er fand keines.
Im Taxi saß Huy, der sich mir als „Litto“ vorstellte – abgeleitet von „Little“ und vielleicht auch seiner Vorliebe für die englische Sprache, die er sich schon seit Jahren selbst beigebracht hatte, aus Büchern, von CDs und aus dem Radio; ein ständiger Englisch-Singsang in seinem Leben. Huy ist in Da Nang geboren worden. Er ist verheiratet, seit er 22 Jahre alt ist, und hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter, so scheint es, ist sein Stolz. Sie ist 17 Jahre alt und will bald studieren. Für Huy bedeutet das, fortan sehr viel arbeiten zu müssen: Vier Millionen Dong müsse er für das Studium seiner Tochter aufbringen – das sind 200 Dollar und sicherlich mindestens das Doppelte von seinem Monatsverdienst. Wenigstens ist Huy seit fünf Jahren Taxifahrer; ich mag mir kaum ausmalen, was er verdient hat, als zehn Jahre lang als „cyclo“-Fahrer (ähnlich den Fahrradrikschas) in einer Stadt wie Da Nang arbeitete, die kaum Touristen anzieht. Er nimmt die Arbeit aber offenbar gern für seine Tochter in Kauf, sie will Lehrerin werden, obwohl das in Vietnam bedeutet, zu einem Hungerlohn zu arbeiten. „Sie hat ein gutes Herz“, sagt Huy und lächelt. Es ist ein Satz, der für ihn wichtig ist, eine Messlatte, auch eine Trennlinie. In Da Nang, sagt Huy, lebt er gern, weil es warm ist, nah am Stand ist, und eben auch weil die Menschen ein gutes Herz haben. Als wir in Hue ankommen, erzählt er mir hingegen, dass er die Bewohner der Kaiserstadt nicht so schätzt: „Sie reden viel – aber ihr Herz ist nicht gut.“
Auch im Hotel lassen mich die Herzensgeschichten nicht los. „Valentine“ heißt es und Kenny, der Sohn des Besitzers erzählt mir, dass es am 14. Februar eröffnet wurde, dem Tag der Liebenden. Zwei Jahre hat er das Hotel mit aufgebaut, in dem er nun seit einem Jahr gemeinsam mit seinem Vater arbeitet – während seine Geschwister und seine Mutter in Hanoi leben, seiner Heimatstadt, die er manchmal auch vermisst. Zwischen Herzensangelegenheit und Pflicht.
Heute morgen bin ich von Hanoi nach Da Nang geflogen, was zunächst ein Zufall war – weil es keinen Direktflug nach Hue, meinem eigentlichen Ziel gab, Da Nang aber nur knapp 100 Kilometer weit entfernt ist. Zwischen den beiden Orten liegt der sogenannte Wolkenpass, eine gefährliche Route, die zugleich die Trennung zwischen Süd- und Nordvietnam klimatisch und früher auch politisch darstellt – und um ein Land mit seiner Geschichte besser verstehen zu können, hielt ich es doch für eine gute Idee, diese Route zu fahren. Zumal ich so die Chance hatte, Tuan, den Chief editor von Tienphong in Da Nang und für Zentralvietnam kennenzulernen. Sein Büro war klein und mit Pflanzen übersät, an der Wand hing eine Gitarre und irgendein kleines Tier huschte auf dem Boden vorbei, bevor ich es identifizieren konnte. Es war der Tag von Tuans Umzug in sein neues, selbst gebautes Haus, so dass er nur wenig Zeit hatte – wofür er sich mehrfach entschuldigte. Ich hingegen fand es erstaunlich, dass er mich an so einem Tag überhaupt treffen konnte. Er lud mich auf eine Pho Ga, die berühmte Nudelsuppe, ein und wir radebrechten uns so auf Englisch durch das Gespräch. Bis Tuan mir plötzlich erzählte, dass er Gedichte schreibt. Schon sehr lange, wenn ich es richtig verstanden habe. Gedichte, die er auch schon in einem Buch veröffentlicht habe. Inspiriert von Liebe, von Natur, von Menschen. Die Menschen in Vietnam würden seine Gedichte nicht unbedingt verstehen, sie seien sehr abstrakt, erklärte er mir – aber er werde mir ein paar zumailen. Als ich in das Taxi nach Hue stieg, verschwand er einige Minuten, weil er mir gern ein Exemplar seines Buches schenken wollte – aber er fand keines.
Im Taxi saß Huy, der sich mir als „Litto“ vorstellte – abgeleitet von „Little“ und vielleicht auch seiner Vorliebe für die englische Sprache, die er sich schon seit Jahren selbst beigebracht hatte, aus Büchern, von CDs und aus dem Radio; ein ständiger Englisch-Singsang in seinem Leben. Huy ist in Da Nang geboren worden. Er ist verheiratet, seit er 22 Jahre alt ist, und hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter, so scheint es, ist sein Stolz. Sie ist 17 Jahre alt und will bald studieren. Für Huy bedeutet das, fortan sehr viel arbeiten zu müssen: Vier Millionen Dong müsse er für das Studium seiner Tochter aufbringen – das sind 200 Dollar und sicherlich mindestens das Doppelte von seinem Monatsverdienst. Wenigstens ist Huy seit fünf Jahren Taxifahrer; ich mag mir kaum ausmalen, was er verdient hat, als zehn Jahre lang als „cyclo“-Fahrer (ähnlich den Fahrradrikschas) in einer Stadt wie Da Nang arbeitete, die kaum Touristen anzieht. Er nimmt die Arbeit aber offenbar gern für seine Tochter in Kauf, sie will Lehrerin werden, obwohl das in Vietnam bedeutet, zu einem Hungerlohn zu arbeiten. „Sie hat ein gutes Herz“, sagt Huy und lächelt. Es ist ein Satz, der für ihn wichtig ist, eine Messlatte, auch eine Trennlinie. In Da Nang, sagt Huy, lebt er gern, weil es warm ist, nah am Stand ist, und eben auch weil die Menschen ein gutes Herz haben. Als wir in Hue ankommen, erzählt er mir hingegen, dass er die Bewohner der Kaiserstadt nicht so schätzt: „Sie reden viel – aber ihr Herz ist nicht gut.“
Auch im Hotel lassen mich die Herzensgeschichten nicht los. „Valentine“ heißt es und Kenny, der Sohn des Besitzers erzählt mir, dass es am 14. Februar eröffnet wurde, dem Tag der Liebenden. Zwei Jahre hat er das Hotel mit aufgebaut, in dem er nun seit einem Jahr gemeinsam mit seinem Vater arbeitet – während seine Geschwister und seine Mutter in Hanoi leben, seiner Heimatstadt, die er manchmal auch vermisst. Zwischen Herzensangelegenheit und Pflicht.
Sonntag, 16. Januar 2011
Atemlos
Hätte es einen gegeben, könnte man jetzt schreiben: Der Vorhang ist gefallen. Die Premiere des Parzival-Projekts "Der durch das Tal geht" wurde vom Publikum mit für vietnamesische Verhältnisse großem Applaus gefeiert. Am Ende habe ich mich selbst schon ein wenig atemlos gefühlt angesichts der Entwicklung, die diese Inszenierung selbst in der kurzen Zeit, in der ich sie gesehen habe, noch gemacht hat. "Jeder Tag war anders und ein Sprung", sagt auch Chefdramaturg Christoph Maier-Gehring.
Ein entscheidender Sprung war natürlich die Generalprobe am Donnerstag, einen Tag vor der Premiere. Viele aufgeregte Familienangehörige, aber auch viele Fans von den Darstellern drängen sich ins Opernhaus und lauschen, eingehüllt in dicke Daunenjacken. Bevort sie aber überhaupt lauschen können, ist da Stille. Ungute Stille. Der Ton ist ausgefallen. Regisseurin Beverly Blankenship rennt nach vorn, testet, ruft- und plötzlich klappt es wieder. Ein Extra-Applaus dafür. Und vermutlich ein Herzstillstandsmoment für alle Beteiligten.
Die Probe lässt noch Luft nach oben. Einsätze, Licht, Ausdruck, Gesang zeigen Verbesserungspotential.Ein Prozess, an dem der Herr von der Zensurbehörde teilhaben möchte, der im Publikum sitzt. Nach der Vorstellung hockt Regisseurin Bevery Blankenship neben ihm und hört sich seine Kommentare an. In ihrem Gesicht ist abzulesen, dass sie kaum weiß ob lachen oder weinen, so ungewohnt ist die Situation. Worte wie "Scheiße" oder "Pisspott" sollten gestrichen werden. Das Licht sei noch nicht ausgereift. Die Schauspieler sollten ihren Text besser auswendig lernen. Und die Szene, in der Parzival General Ither tötet, um seine rote Rüstung zu bekommen und dabei von seinem Fleisch isst, sei zu grausam. "Das war eine Begegnung der dritten Art", sagt Beverly Blankenship später.
Nächster Tag, Premierentag. Feierlicher Empfang.
Gong. Die Zuschauer strömen. Eine Vietnamesin im weißen Pelz rauscht an mir vorbei. Hinter mir sitzt ein Tourist aus Amerika. Später lerne ich eine Pianistin aus Jakarta kennen. Die Welt zu Gast in Vietnam. Und der alte Theaterglaube bewahrheitet sich: Wenn die Generalprobe schief läuft, wird die Premiere ein Erfolg. Tänzer, Schauspieler, Sänger stürzen sich mit aller Kraft, Leidenschaft und Kreativität in das Stück, an einigen Stellen lauscht das Publikum atemlos.Jubel für die beiden Parzival-Protagonisten Bhui Nhu Lai (Schauspieler) und Pham Tri Thanh (Tänzer) sowie die Merline Nguyen Trung Hieu (Schauspieler) und Vu Manh Hung (Sänger). Jubel auch für Beverly Blankenship, Tankred Dorst und Pierre Oser, die allesamt froh sind, sich und dem Stück in seiner Urfassung treu geblieben zu sein.
Was folgt ist: Erleichterung. Aufatmen. Endlich auch für Produktionsleiterin Huynh Thi Thu Huong Entspannung. Eine tolle Premierenparty im Innenhof des Goethe-Instituts mit Lichterglanz und mediterraner Atmosphäre.
Als mich das Taxi nachts um halb zwei absetzt, erkenne ich mein Hotel zunächst gar nicht hinter der heruntergelassenen Rollade. Die Straße ist ausgestorben, ich klingele. Und der Mitarbeiter, der eigens seine Bettstatt im Foyer aufgebaut hat, um auf mich zu warten, öffnet mir. Husch husch.
Ein entscheidender Sprung war natürlich die Generalprobe am Donnerstag, einen Tag vor der Premiere. Viele aufgeregte Familienangehörige, aber auch viele Fans von den Darstellern drängen sich ins Opernhaus und lauschen, eingehüllt in dicke Daunenjacken. Bevort sie aber überhaupt lauschen können, ist da Stille. Ungute Stille. Der Ton ist ausgefallen. Regisseurin Beverly Blankenship rennt nach vorn, testet, ruft- und plötzlich klappt es wieder. Ein Extra-Applaus dafür. Und vermutlich ein Herzstillstandsmoment für alle Beteiligten.
Die Probe lässt noch Luft nach oben. Einsätze, Licht, Ausdruck, Gesang zeigen Verbesserungspotential.Ein Prozess, an dem der Herr von der Zensurbehörde teilhaben möchte, der im Publikum sitzt. Nach der Vorstellung hockt Regisseurin Bevery Blankenship neben ihm und hört sich seine Kommentare an. In ihrem Gesicht ist abzulesen, dass sie kaum weiß ob lachen oder weinen, so ungewohnt ist die Situation. Worte wie "Scheiße" oder "Pisspott" sollten gestrichen werden. Das Licht sei noch nicht ausgereift. Die Schauspieler sollten ihren Text besser auswendig lernen. Und die Szene, in der Parzival General Ither tötet, um seine rote Rüstung zu bekommen und dabei von seinem Fleisch isst, sei zu grausam. "Das war eine Begegnung der dritten Art", sagt Beverly Blankenship später.
Nächster Tag, Premierentag. Feierlicher Empfang.
Gong. Die Zuschauer strömen. Eine Vietnamesin im weißen Pelz rauscht an mir vorbei. Hinter mir sitzt ein Tourist aus Amerika. Später lerne ich eine Pianistin aus Jakarta kennen. Die Welt zu Gast in Vietnam. Und der alte Theaterglaube bewahrheitet sich: Wenn die Generalprobe schief läuft, wird die Premiere ein Erfolg. Tänzer, Schauspieler, Sänger stürzen sich mit aller Kraft, Leidenschaft und Kreativität in das Stück, an einigen Stellen lauscht das Publikum atemlos.Jubel für die beiden Parzival-Protagonisten Bhui Nhu Lai (Schauspieler) und Pham Tri Thanh (Tänzer) sowie die Merline Nguyen Trung Hieu (Schauspieler) und Vu Manh Hung (Sänger). Jubel auch für Beverly Blankenship, Tankred Dorst und Pierre Oser, die allesamt froh sind, sich und dem Stück in seiner Urfassung treu geblieben zu sein.
Was folgt ist: Erleichterung. Aufatmen. Endlich auch für Produktionsleiterin Huynh Thi Thu Huong Entspannung. Eine tolle Premierenparty im Innenhof des Goethe-Instituts mit Lichterglanz und mediterraner Atmosphäre.
Als mich das Taxi nachts um halb zwei absetzt, erkenne ich mein Hotel zunächst gar nicht hinter der heruntergelassenen Rollade. Die Straße ist ausgestorben, ich klingele. Und der Mitarbeiter, der eigens seine Bettstatt im Foyer aufgebaut hat, um auf mich zu warten, öffnet mir. Husch husch.
Donnerstag, 13. Januar 2011
Erfahrung mit Ansage
Eigentlich war es ja mit Ansage. Ich hatte schon vor meinem Abflug diverse Medikamente gegen Durchfall und Magenschmerzen
eingepackt. Weil die Lektüre diverser Reiseführer nahelegt, dass so etwas in einem Land wie Vietnam einfach passieren kann.
Und am Anfang war ich auch sehr vorsichtig: Wasser zum Zähneputzen nur aus der Flasche, selbst das zum Tee kochen. Und
Essen nur in Restaurants oder selbst gekocht.
Irgendwann aber hatte ich ein wenig die Nase voll. Ein Kollege, der kurz vorher in Vietnam Urlaub machte, hatte von den großartigen kulinarischen Experimenten auf der Straße geschwärmt. Und auch im Lonely Planet heißt es, dass man sich ruhig mal an eine der Garküchen trauen soll - sonst hätte man wirklich etwas verpasst. Und ich finde, es bringt auch nichts, allem immer nur misstrauisch zu begegnen.
Als mich Hung dann nach einem Ausflug mit seinen Kollegen zum Mittagessen in eine dieser Garküchen brachte, habe ich mich sehr gefreut - schließlich wissen die Vietnamesen am besten, wo es gutes Essen gibt. Das Ambiente war schlicht, das Essen dafür umso üppiger. Zweierlei Suppen, verschiedenste Fleischbällchen, Gehacktes im Teigmantel, verschiedene Sorten von Gemüse, natürlich Reis und schließlich Schnecken. Die ich noch nie im Leben gegessen habe. Weil ich auch kein Feigling sein wollte, gab ich mir einen Ruck und biss hinein.
Ich sage es mal so: Es wird wohl die letzte Schnecke gewesen sein, die ich in meinem Leben gegessen habe.
Ansonsten aber war alles köstlich. Und wahnsinnig günstig: Das Essen für vier Personen kostete gerade einmal 10 Euro.
Der Tag ging weiter, der Magen war gefüllt, der Abend kam. Und mit ihm plötzlich auch heftige Magenkrämpfe.Hatte ich so bisher auch nicht, warf ein paar Medikamente ein und dachte: das geht gleich weg. Versuchte zu schlafen. Keine Chance.
Immer schlimmere Schmerzen. Und langsam auch ein bisschen Panik, wie ich zugeben muss. Denn ich hatte schon viele Gespräche über die schlechte
medizinische Versorgung in Vietnam geführt. Hung hatte mir von drei Menschen pro Krankenhausbett erzählt. Ich wollte nicht zum Arzt. Aber die Schmerzen gingen nicht weg.
Um 23 Uhr rief mir der freundliche Hotelangestellte ein Taxi zu einem internationalen Medical Center. Ich presste den Mund zusammen.
Erleichterung im Medical Center, das sauber und professionell wirkte. Auf dem Fragebogen kreuzte ich an, ob ich in bar oder per Kreditkarte bezahlen wollte. Und wurde dann von einem sehr netten Arzt untersucht. Diagnose: Lebensmittelvergiftung. Injektion plus eine Stunde ab an den Tropf. Gerädert und mit Antibiotika in einem Täschchen stieg ich ins Taxi zurück ins Hotel, wo der Hotelangestellte extra gewartet hatte und mir eilends die Tür aufmachte. Ich fiel ins Bett. What a night!
Seitdem aber weiß ich, dass die Vietnamesen sogar elektrische Heizkissen haben, deren Flüssigkeit im Inneren man durch Anschluss an die Steckdose aufheizt - ist ja auch eine Erfahrung.
eingepackt. Weil die Lektüre diverser Reiseführer nahelegt, dass so etwas in einem Land wie Vietnam einfach passieren kann.
Und am Anfang war ich auch sehr vorsichtig: Wasser zum Zähneputzen nur aus der Flasche, selbst das zum Tee kochen. Und
Essen nur in Restaurants oder selbst gekocht.
Irgendwann aber hatte ich ein wenig die Nase voll. Ein Kollege, der kurz vorher in Vietnam Urlaub machte, hatte von den großartigen kulinarischen Experimenten auf der Straße geschwärmt. Und auch im Lonely Planet heißt es, dass man sich ruhig mal an eine der Garküchen trauen soll - sonst hätte man wirklich etwas verpasst. Und ich finde, es bringt auch nichts, allem immer nur misstrauisch zu begegnen.
Als mich Hung dann nach einem Ausflug mit seinen Kollegen zum Mittagessen in eine dieser Garküchen brachte, habe ich mich sehr gefreut - schließlich wissen die Vietnamesen am besten, wo es gutes Essen gibt. Das Ambiente war schlicht, das Essen dafür umso üppiger. Zweierlei Suppen, verschiedenste Fleischbällchen, Gehacktes im Teigmantel, verschiedene Sorten von Gemüse, natürlich Reis und schließlich Schnecken. Die ich noch nie im Leben gegessen habe. Weil ich auch kein Feigling sein wollte, gab ich mir einen Ruck und biss hinein.
Ich sage es mal so: Es wird wohl die letzte Schnecke gewesen sein, die ich in meinem Leben gegessen habe.
Ansonsten aber war alles köstlich. Und wahnsinnig günstig: Das Essen für vier Personen kostete gerade einmal 10 Euro.
Der Tag ging weiter, der Magen war gefüllt, der Abend kam. Und mit ihm plötzlich auch heftige Magenkrämpfe.Hatte ich so bisher auch nicht, warf ein paar Medikamente ein und dachte: das geht gleich weg. Versuchte zu schlafen. Keine Chance.
Immer schlimmere Schmerzen. Und langsam auch ein bisschen Panik, wie ich zugeben muss. Denn ich hatte schon viele Gespräche über die schlechte
medizinische Versorgung in Vietnam geführt. Hung hatte mir von drei Menschen pro Krankenhausbett erzählt. Ich wollte nicht zum Arzt. Aber die Schmerzen gingen nicht weg.
Um 23 Uhr rief mir der freundliche Hotelangestellte ein Taxi zu einem internationalen Medical Center. Ich presste den Mund zusammen.
Erleichterung im Medical Center, das sauber und professionell wirkte. Auf dem Fragebogen kreuzte ich an, ob ich in bar oder per Kreditkarte bezahlen wollte. Und wurde dann von einem sehr netten Arzt untersucht. Diagnose: Lebensmittelvergiftung. Injektion plus eine Stunde ab an den Tropf. Gerädert und mit Antibiotika in einem Täschchen stieg ich ins Taxi zurück ins Hotel, wo der Hotelangestellte extra gewartet hatte und mir eilends die Tür aufmachte. Ich fiel ins Bett. What a night!
Seitdem aber weiß ich, dass die Vietnamesen sogar elektrische Heizkissen haben, deren Flüssigkeit im Inneren man durch Anschluss an die Steckdose aufheizt - ist ja auch eine Erfahrung.
Sonntag, 9. Januar 2011
HIV/Aids in Vietnam
Das ethnologische Museum in Hanoi liegt ein wenig außerhalb; die Fahrt lässt Raum für Gedanken. In die ich noch tiefer versinke, als ich mir die Sonderausstellung angesehen habe: „Pain and Hope“ problematisiert das Thema HIV/Aids in Vietnam. Laut Broschüre des Goethe-Instituts hat die Quote der Erkrankten weiter zugenommen, allerdings langsamer als in den ersten Jahren der Ausbreitung, auch wenn die Infektionsrate in der Risikopopulation (Drogen, Prostitution) nach wie vor hoch sei. Vor gut 20 Jahren, 1990, wurde der erste Fall – in der Ausstellung heißt die Frau Phuong Minh – diagnostiziert. In sehr berührenden Zitaten berichtet sie von der Ausgrenzung und der extremen Ablehnung die sie erfahren hat; eine Puppe trägt ein Seidenkostüm als Sinnbild dafür, dass sie durch das Kaufen schöner Kleidung versucht hat, ihren Schmerz wenigstens kurzzeitig zu vergessen.
Denn HIV-Infizierte wurden verteufelt als Menschen, die ein böses, liederliches Leben geführt haben mussten – ein Vorurteil, das auch heute noch nicht völlig ausgeräumt zu sein scheint. Ärzte werden zitiert, die mit Steinen beworfen wurden, als herauskam, dass sie Erkrankte behandeln – andere räumen unumwunden ein, dass sie verschweigen, wenn sie HIV-Infizierte beraten. So extrem scheinen mancherorts die Vorurteile, dass ein junger Mann sich in sein Zimmer eingesperrt hat und das Essen durch eine Katzenklappe gereicht bekommt, in dem immer gleichen Geschirr. Ein anderer hat sich mit seiner Frau in ein Zelt ausquartiert und, um seine Eltern nicht zu verletzen und zu verunsichern, die Wahrheit für sich behalten und behauptet, dies aus Gründen der Coolness zu tun. Besonders schrecklich war die Geschichte des Mannes, der seinen Sohn begraben musste: Die Leiche transportierte er auf dem Fahrrad des Nachbarn – der daraufhin so viel Angst vor einer Infektion hatte, dass er das Rad einen Monat lang täglich reinigte und stundenlang in die Sonne stellte.
Es gibt aber auch Fortschritte und Hoffnungsschimmer: 2002 wurde das erste Testcenter in Vietnam eingerichtet – mittlerweile gebe es beinahe 300 in 63 Städten und Gemeinden. Die Zahl derjenigen die es besuchen, sei wegen der Furcht vor Ausgrenzung allerdings noch gering. Laut Ausstellung ist 2006 zudem ein Gesetz zur HIV/Aids-Prävention verabschiedet worden.
Wie das Auswärtige Amt angibt, liegt die Zahl der Infizierten nach vorsichtigen Schätzungen landesweit bei über 300.000.
Denn HIV-Infizierte wurden verteufelt als Menschen, die ein böses, liederliches Leben geführt haben mussten – ein Vorurteil, das auch heute noch nicht völlig ausgeräumt zu sein scheint. Ärzte werden zitiert, die mit Steinen beworfen wurden, als herauskam, dass sie Erkrankte behandeln – andere räumen unumwunden ein, dass sie verschweigen, wenn sie HIV-Infizierte beraten. So extrem scheinen mancherorts die Vorurteile, dass ein junger Mann sich in sein Zimmer eingesperrt hat und das Essen durch eine Katzenklappe gereicht bekommt, in dem immer gleichen Geschirr. Ein anderer hat sich mit seiner Frau in ein Zelt ausquartiert und, um seine Eltern nicht zu verletzen und zu verunsichern, die Wahrheit für sich behalten und behauptet, dies aus Gründen der Coolness zu tun. Besonders schrecklich war die Geschichte des Mannes, der seinen Sohn begraben musste: Die Leiche transportierte er auf dem Fahrrad des Nachbarn – der daraufhin so viel Angst vor einer Infektion hatte, dass er das Rad einen Monat lang täglich reinigte und stundenlang in die Sonne stellte.
Es gibt aber auch Fortschritte und Hoffnungsschimmer: 2002 wurde das erste Testcenter in Vietnam eingerichtet – mittlerweile gebe es beinahe 300 in 63 Städten und Gemeinden. Die Zahl derjenigen die es besuchen, sei wegen der Furcht vor Ausgrenzung allerdings noch gering. Laut Ausstellung ist 2006 zudem ein Gesetz zur HIV/Aids-Prävention verabschiedet worden.
Wie das Auswärtige Amt angibt, liegt die Zahl der Infizierten nach vorsichtigen Schätzungen landesweit bei über 300.000.
Donnerstag, 6. Januar 2011
Unverhofft kommt die Miss
Mein erster Tag bei der Zeitung Tienphong Daily bekommt unverhofften Promi-Bonus. Denn ohne es zu ahnen, als ich morgens um 8.15 Uhr mit Hung das Gebüde betrete, werde ich an diesem Tag zum ersten Mal in meinem Leben eine Miss Vietnam bzw. erstmals überhaupt eine Landesmiss interviewt haben.
Vor der schönen Dame aber habe ich erst ein kurzes Kennenlerngespräch mit Chefredakteur Đoàn Công Huynh und nehme an der morgendlichen Ressortleiterkonferenz teil - der einzigen des Tages bei Tienphong, da die Redakteure die vorherige Struktur von drei Sitzungen am Tag als zu blockierend für das Schreiben empfunden haben.Tienphong erscheint in ganz Vietnam und hat über 100 000 Leser, die meisten davon in Hanoi. Bei einem Preis von 3000 Dong (circa 25 000 sind 1 Euro) ist logisch, dass sich die Zeitung über Anzeigen finanziert. Anders als in Deutschland scheinen die Sorgen in Sachen Verjüngung der Leserschaft kein großes Problem - der Durchschnitt liegt bei 40 Jahren. Allerdings herrscht auch hier wie anscheinend überall auf der Welt Ratlosigkeit, wie Print überleben soll, wenn Online gratis alle Informationen bietet.
Die Struktur der Mitarbeiter hingegen unterscheidet sich von dem, was ich aus Deutschland kenne: Es gibt kaum Freie; der Zugang zu einem Presseausweis scheint größtenteils auf die Festangestellten beschränkt. Allein 50 Reporter beschäftigt Tienphong in Hanoi, über 100 Mitarbeiter hat die Zeitung in der Hauptstadt. Der Verdienst der Journalisten ist zweigeteilt: Sie bekommen ein Grundgehalt - das aufgestockt wird je nachdem wie viele Artikel pro Monat sie veröffentlicht haben. Was veröffentlicht bzw. verändert oder gestrichen wird, entscheidet das Editiorial Department.
Hauptthema bei der Morgenkonferenz sind der Verkehr und die unzähligen Staus in der Hauptstadt - vor allem aber die Kälte. Die Redakteure sitzen mit dicken Jacken und Schals am Tisch, manche niesen, und jeder Einzelne kommentiert die für Vietnam ungewöhnlich kühlen Temperaturen. Heizungen sind in dem Land völlig unüblich.
Per Telefonat lädt der Chefredakteur mich im Anschluss zu einer großen Pressekonferenz im Haus ein: Tienphong organisiert am 9. Januar den "Roten Sonntag", an dem die Jugend aufgefordert wird, Blut zu spenden, weil dies in Krankenhäusern Mangelware ist - eine jährliche Intiative, die von hiesigen Popstars und eben der Miss Vietnam unterstützt wird und an der sich selbst die Redakteure mit einer Blutspende beteiligen. Der Moderator der PK will meinen Namen wissen, ich gebe ihm meine Visitenkarte - und ein paar Minuten später stößt Hung mich plötzlich an und sagt, ich müsse aufstehen, der Moderator habe mich soeben vorgestellt. Ich werde knallrot, hüpfe hoch, verbeuge mich ein wenig und stammele, wofür ich erstaunlicherweise Applaus bekomme und prompt fotografiert werde!
Miss Vietnam schlägt sich da viel souveräner, als sie im zugigen Flur lächelnd neben mir sitzt, Augen und Lippen rosa glitzernd, und sich geduldig meine englischen Fragen über die Rolle der Frau und ihre Zukunftspläne übersetzen lässt...
Vor der schönen Dame aber habe ich erst ein kurzes Kennenlerngespräch mit Chefredakteur Đoàn Công Huynh und nehme an der morgendlichen Ressortleiterkonferenz teil - der einzigen des Tages bei Tienphong, da die Redakteure die vorherige Struktur von drei Sitzungen am Tag als zu blockierend für das Schreiben empfunden haben.Tienphong erscheint in ganz Vietnam und hat über 100 000 Leser, die meisten davon in Hanoi. Bei einem Preis von 3000 Dong (circa 25 000 sind 1 Euro) ist logisch, dass sich die Zeitung über Anzeigen finanziert. Anders als in Deutschland scheinen die Sorgen in Sachen Verjüngung der Leserschaft kein großes Problem - der Durchschnitt liegt bei 40 Jahren. Allerdings herrscht auch hier wie anscheinend überall auf der Welt Ratlosigkeit, wie Print überleben soll, wenn Online gratis alle Informationen bietet.
Die Struktur der Mitarbeiter hingegen unterscheidet sich von dem, was ich aus Deutschland kenne: Es gibt kaum Freie; der Zugang zu einem Presseausweis scheint größtenteils auf die Festangestellten beschränkt. Allein 50 Reporter beschäftigt Tienphong in Hanoi, über 100 Mitarbeiter hat die Zeitung in der Hauptstadt. Der Verdienst der Journalisten ist zweigeteilt: Sie bekommen ein Grundgehalt - das aufgestockt wird je nachdem wie viele Artikel pro Monat sie veröffentlicht haben. Was veröffentlicht bzw. verändert oder gestrichen wird, entscheidet das Editiorial Department.
Hauptthema bei der Morgenkonferenz sind der Verkehr und die unzähligen Staus in der Hauptstadt - vor allem aber die Kälte. Die Redakteure sitzen mit dicken Jacken und Schals am Tisch, manche niesen, und jeder Einzelne kommentiert die für Vietnam ungewöhnlich kühlen Temperaturen. Heizungen sind in dem Land völlig unüblich.
Per Telefonat lädt der Chefredakteur mich im Anschluss zu einer großen Pressekonferenz im Haus ein: Tienphong organisiert am 9. Januar den "Roten Sonntag", an dem die Jugend aufgefordert wird, Blut zu spenden, weil dies in Krankenhäusern Mangelware ist - eine jährliche Intiative, die von hiesigen Popstars und eben der Miss Vietnam unterstützt wird und an der sich selbst die Redakteure mit einer Blutspende beteiligen. Der Moderator der PK will meinen Namen wissen, ich gebe ihm meine Visitenkarte - und ein paar Minuten später stößt Hung mich plötzlich an und sagt, ich müsse aufstehen, der Moderator habe mich soeben vorgestellt. Ich werde knallrot, hüpfe hoch, verbeuge mich ein wenig und stammele, wofür ich erstaunlicherweise Applaus bekomme und prompt fotografiert werde!
Miss Vietnam schlägt sich da viel souveräner, als sie im zugigen Flur lächelnd neben mir sitzt, Augen und Lippen rosa glitzernd, und sich geduldig meine englischen Fragen über die Rolle der Frau und ihre Zukunftspläne übersetzen lässt...
Mittwoch, 5. Januar 2011
Hupoi
Hanoi ist ein Hupenmeer. Jeder Mensch, der hier lebt, scheint irgendwo, irgendwann, irgendwie eine Hupe zu besitzen, die er konstant einsetzt. Ein ständiges „Ich bin hier“, ein Fluss aus Geräuschen. Die Vietnamesen selbst scheinen das ewige „möpmöööp“ schon gar nicht mehr zu hören. Im Gegenteil wunderte sich Hung, der mir heute einige spannende Ausschnitte von Hanoi gezeigt hat, eher darüber, wenn ein Taxifahrer einmal vergaß zu hupen. Fast schon scheint das Hupen mir eine Versicherung der eigenen Existenz. Ich hupe, also bin ich.
Nach den ersten Stunden Hanoi hupt es auch in meinem Kopf, schwirren die Gedanken nur so umher, weiß ich kaum, wohin mit den vielen Eindrücken. Das Leben hier, so scheint es mir, findet auf der Straße statt. „Alles ist öffentlich, alles zugänglich“, kommentierte Hung meine erstaunten Blicke, als ich Menschen auf den Bordsteinen sah, auf winzigen Plastikstühlen hockend, die eifrig aßen, telefonierten, plauderten, Tee tranken. Bewegung zu Fuß kann nur im Slalom-Schritt stattfinden. Denn auch die Mopedfahrer lieben den Bordstein, sie fahren sogar in Geschäfte. Als ich Geld umtauschte, wunderte ich mich über die kleine Rampe, die hoch in den Laden führte, für einen Rollstuhl aber zu schmal war – bis mich ein Rollerfahrer beinahe umfuhr.
Auf den Straßen habe ich zur Stoßzeit einen unüberblickbaren Strom dieser kleinen Flitzer gesehen. Und mit offenem Mund beobachtet, welches Geschick die Vietnamesen an den Tag legen, um diesen winzigen Platz möglichst effektiv zu nutzen. Ich habe einen schmalen Mann gesehen, der einen riesigen Flachbildfernseher auf seinen Sitz geschnallt hatte. Ein anderer drohte beinahe von dem meterhohen Turm aus Paketen und Papieren erschlagen zu werden, der sich hinter ihm auftürmte. Sogar eine Frau mit einer Popcornmaschine raste an mir vorbei. Und immer wieder linste mir, eingezwängt zwischen zwei Erwachsenen, ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen aus dem schmalen Schlitz entgegen, dem Helm und Atemschutzmaske noch Raum gewährten – bevor die Eltern den Motor heulen ließen und irgendwo in dem Strom aus Taxen und Mopeds verschwanden…
Nach den ersten Stunden Hanoi hupt es auch in meinem Kopf, schwirren die Gedanken nur so umher, weiß ich kaum, wohin mit den vielen Eindrücken. Das Leben hier, so scheint es mir, findet auf der Straße statt. „Alles ist öffentlich, alles zugänglich“, kommentierte Hung meine erstaunten Blicke, als ich Menschen auf den Bordsteinen sah, auf winzigen Plastikstühlen hockend, die eifrig aßen, telefonierten, plauderten, Tee tranken. Bewegung zu Fuß kann nur im Slalom-Schritt stattfinden. Denn auch die Mopedfahrer lieben den Bordstein, sie fahren sogar in Geschäfte. Als ich Geld umtauschte, wunderte ich mich über die kleine Rampe, die hoch in den Laden führte, für einen Rollstuhl aber zu schmal war – bis mich ein Rollerfahrer beinahe umfuhr.
Auf den Straßen habe ich zur Stoßzeit einen unüberblickbaren Strom dieser kleinen Flitzer gesehen. Und mit offenem Mund beobachtet, welches Geschick die Vietnamesen an den Tag legen, um diesen winzigen Platz möglichst effektiv zu nutzen. Ich habe einen schmalen Mann gesehen, der einen riesigen Flachbildfernseher auf seinen Sitz geschnallt hatte. Ein anderer drohte beinahe von dem meterhohen Turm aus Paketen und Papieren erschlagen zu werden, der sich hinter ihm auftürmte. Sogar eine Frau mit einer Popcornmaschine raste an mir vorbei. Und immer wieder linste mir, eingezwängt zwischen zwei Erwachsenen, ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen aus dem schmalen Schlitz entgegen, dem Helm und Atemschutzmaske noch Raum gewährten – bevor die Eltern den Motor heulen ließen und irgendwo in dem Strom aus Taxen und Mopeds verschwanden…
Montag, 3. Januar 2011
Gleich ist es soweit
Noch sitze ich an meinem Schreibtisch im Ruhrgebiet, schaue aus dem Fenster auf eine verschneite Landschaft. In wenigen Stunden ist alles anders. Hanoi. Millionen Menschen. 14 Grad und Regen. Meine gepackten Koffer liegen hinter mir und warten darauf, endlich geschlossen zu werden. Etwas Neues darf sowieso nicht in sie hinein. Das Mindestgewicht ist bestimmt schon überschritten. 20 Kilo für gut einen Monat - das ist verdammt wenig. Zumal die gefühlte Hälfte schon für Geschenke draufgeht. Denn von Hungs Besuch in Dortmund habe ich mitgenommen, wie wichtig es für die Vietnamesen ist, kleine Präsente mitzubringen. Er hat mich und meinen Mann überhäuft und selbst jedem Mitglied in der Redaktion eine Kleinigkeit geschenkt. Eine sehr schöne Tradition. Aber auch eine, die organisatorisch, finanziell, gepäcktechnisch aufwendig ist. Jetzt ist mein Koffer also halbvoll mit Milka Schokolade und allerlei schönen Dingen, die ein wenig Ruhrgebiet sind. Und bei mir - da schlägt das Herz und ich bin wahnsinnig aufgeregt.
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