Der Bagger trifft immer wieder die Müllsammler
Zum Beispiel Eca, 21, seit drei Jahren Müllsammlerin, sie wohnt direkt in einer kleinen Hütte neben der „Landfill“, wie Müllkippen auf englisch bezeichnenderweise genannt werden. Das Land wird aufgefüllt. Eca arbeitet acht Stunden, von 8 Uhr früh bis 17 Uhr, mit einer Stunde Pause. Sie verdient 40.000 bis 50.000 Rupien am Tag, umgerechnet 3 bis 4 Euro. Die Höhe hängt von der Menge des getrennten Mülls ab. Am meisten bringen die Plastikflaschen, aber es gibt eben Hunderte andere, die ebenfalls danach suchen, fühlen, picken.
Ich hab eines der Bilder von der Müllkippe auf Facebook gepostet und einer meiner Freunde kommentierte, im Vergleich zu einigen wirklich armen muss es doch Rudi ganz gut gehen. In der Tat gibt es in Jakarta Menschen, die von 10.000 bis 15.000 Euro am Tag leben. Geht ja auch irgendwie. Nasi Goreng für 5000 Rupien, Brötchen für 1000, Wasser für 2000. Man kommt schon irgendwie durch. Schlafen kann man ja draußen, ist ja ohnehin warm.
Wirklich sparen können die Müllsammler auch nicht wirklich. Sie müssen für ihre Hütte Miete zahlen und die Mahlzeiten werden ihnen auch vom Lohn abgezogen. Das ist alles ziemlich furchtbar, aber irgendwie wusste man das schon alles. Ich kannte auch schon die Bilder von den Menschen, die in Lumpen über die Müllberge laufen.
Der Unterschied war der Gestank, bei dem ich immer wieder einen unglaublich starken Brechreiz unterdrücken musste. Also immer noch gerade so, sozusagen. Es roch süß irgendwie, aber halt wie vergammeltes Obst süß riecht, dazu Fleisch und alles andere auch. Ich hatte einmal gelesen, dass Geruchspartikel im Prinzip kleine Partikel der Gegenstände sind, die ihn aussenden. Super, genau jetzt daran zu denken. Der Geruch legte sich auf alles und die schwere feuchte Luft machte das Atmen nur noch durch den Mund möglich.
Und dann die Geschichten der einzelnen Müllsammler. „Die Mütze? Die hab ich im Müll gefunden.“ – „Letztens sind wieder mehrere bei einem Unfall gestorben.“ – „Ich hab schon ein paar Mal tote Babys im Müll gefunden.“ Das hatte unter anderem auch Eca gesagt. Klar, Babys, Hunde, Katzen, Schlangen, nunja, Schlangen was seltener. Vielleicht habe ich sie auch nur falsch verstanden. „Ular“ heißt Schlange und „ulat“ heißt Würmer. Und irgendwie sind Würmer wahrscheinlicher...
Wie auch immer. Egal, was ich machte, egal, wie viele der Müllsammler ich egal wie lange interviewte – die Situation wurde nicht weniger absurd. Da bin ich also, der Müllbergtourist in diesem Gestank mit meinen 80-Euro-Schuhen, die ich danach sauberschrubben musste, begleitet von einem Sicherheitsmann der Müllberg-Aufsicht. Das muss sich anfühlen für die Arbeiter wie der Besuch eines Touristen, der ihre Arbeit für so wahnsinnig berichtenswert hält.
Das Ende der Mülltour führte mich an eine Schule, die für die Kinder der Müllsammler aufgemacht wurde. Die Schüler lernen lesen, schreiben und es soll einige pro Jahr geben, die auch an die höheren Schulen geschickt werden. „Aber wenn der Wind ungünstig steht“, sagt der Lehrer, „können wir hier eigentlich nicht arbeiten.“ Die Kinder riechen das schon gar nicht mehr, aber die freiwilligen Lehrer bekommen Brechreiz.
Eca hat noch keine Kinder, hat sie gesagt. Aber einen Freund, der ist auch Müllsammler. Sie wollen hier irgendwann einmal mal weg, klar. Aber das Geld reicht gerade, um ein bisschen was zu sparen für die Heimreise. Dort müssen sie dann auch ihren Eltern Geld übergeben. Dann kommen sie zurück und alles geht von vorn los. Plastik, Obstschalen, Zeitschriften, Kleidung, tote Lebewesen. Wie sie das alles aufgezählt hat, nickte sie mich an, schaute noch einmal auf, dann pickte sie schon wieder wie geistesabwesend eine Plastikflasche auf. Ich hatte sie mit meinen Fragen irgendwie schon wieder nur aufgehalten.
