
Willkommen im Sundarban Tiger Camp: Tagsüber sangen nur die Vögel
Das alles hat in den Sundarbans eigentlich prima geklappt. Bis auf letzteres. Und dabei hatte es im Sundarban Tiger Camp im Nationalpark eigentlich ganz prima begonnen. Ein gutes Essen, ein für indische Verhältnisse außergewöhnlich schönes und vor allem sauberes Zimmer, angenehme Gespräche mit netten Mitreisenden – die besten Vorussetzungen also, um wie in Abrahams Schoß zu schlummern. Daß in der Nähe noch ein Hindu-Fest zu Gange war, das stört nicht groß beim Einschlafen. Das wird ja bald aufhören, spätestens um Mitternacht.
Um 1 herrscht zwar immer noch munteres Treiben, aber was soll’s. Das ist schließlich manchmal auch daheim in der Heiligkreuzstraße der Fall. Also einfach weiterschlafen.
Um kurz nach 2 (beim nächsten Aufwachen) schmunzle ich dann: Nur noch ein einziger hat durchgehalten. Und wiederholt mir aus meiner Jugend-Zeit und Disc-Jockey-Tagen wohlbekannte Worte: “Hare Rama , Rama Krishna!” Was George Harrison mit “My Sweet Lord” zu einem Welthit verhalf, wiederholt der Mann aus den Sunderbans in der Endlosschleife. Von Gedanken an die wonnevolle Jugendzeit beseelt, dämmere ich wieder weg.
Aber um 3.25 Uhr wache ich wieder auf – und mein unbekannter Freund ist immer noch mit “Hare Krishna” zugange. Wie mir scheint, direkt unter meinem Fenster. Aber das kann nicht sein. Vermutlich hat er eben ein besonders lautes Organ. Und durch das ständige Aufwachen bin ich nun vielleicht auch etwas genervter als um Mitternacht. Sei es, wie es will: der Gute entwickelt sich für mich langsam zum Alptraum.
Ich wälze mich hin und her, rechne ständig nach, wie lange ich jetzt noch schlafen könnte, wenn ich denn schlafen könnte, versuche es mit autogenem Training -aber alles hat gegen “Hare Krishna” keine Chance. Die Minuten verrinnen, ich werde immer verzweifelter, aber ich will ja nicht jemand gegenüber aggressiv sein, der seiner Spiritualität Ausdruck verleiht und offensichtlich um Schutz in der Nacht oder etwas anderes Wichtiges bittet. Sonst würde er ja nicht so lange durchhalten. Immerhin waren zwei Tage zuvor die Tiger im Dorf. Hat man uns gesagt. Was aber tun?
Gottseidank habe ich mein iPad dabei und lese in meiner Not uralte “Spiegel”-Artikel aus dem Frühling 2011, die jetzt für mich neu sind, weil sie mich damals nicht interessierten und ich sie einfach übersprungen habe. So kriege ich wenigstens mit, welch interessante Filme ich damals nicht gesehen habe.
Alles hat eben sein Gutes. Und so mache ich mich langsam, so gegen 4.30 Uhr, mit dem Unabwendbaren vertraut: Offensichtlich handelt es sich um ein Ritual, und “Hare Krishna” muss wohl erklingen, bis die Sonne aufgeht. Der unermüdliche Sänger scheint ohnehin in Trance und kommt damit mit der Situation weit besser als ich zurecht. Ich staune, wie er in immer neuen Varianten die Tonleiter rauf- und runterklettert und mir wird klar, daß George Harrisons Version doch sehr an den westlichen Ton-Geschmack angeglättet war.
Aber mit der Zeit werde ich friedlicher, was immerhin der Intention des Ex-Beatles entspricht. Das beruhigt mich ungemein, und ich erkenne neidlos an, welche “Mords-Kuttel”, wie der Schwabe zu sagen pflegt, der Gute da unten hat. Sonst hätte er ja nicht über vier Stunden als Solist durchgehalten. Und mein Erfolgserlebnis hab ich ja auch: Pünktlich mit dem ersten Sonnenstrahl wird (wie von mir erahnt) der Gesang zuerst besonders intensiv und verstummt dann. Gegen 5.45 Uhr.
Nun habe ich meine Ruhe und nicke ein. Die Vögel im Garten, die “Hare Krishna” übergangslos abgelöst haben, singen mir ein wundervolles Schlaflied.
Um 6 Uhr sind die guten Geister der Lodge da. Und servieren den Guten-Morgen-Tee.
