Um Missverständnissen vorzubeugen: Nur um mit dem Redakteur seiner Heimatzeitung ein Bier zu trinken, flog er dann doch nicht fast über ganz Indien hinweg. Er wurde vielmehr in der Stadt am Ganges geboren, wo er dann auch seine Ingenieurausbildung absolvierte. 1972 verschlug es ihn wegen eines Praktikums “beim Heller” nach Nürtingen – der Liebe wegen blieb er dann in Deutschland und wohnt noch heute am Neckarstrand. In Calcutta freilich lebt seine 80-jährige Mutter Joyce, und deswegen zieht es ihn alle paar Monate auch dorthin.
Wegen der vielen Abendtermine, die ich hier habe, und meines Ausflugs aufs Land hätten wir uns um ein Haar verpasst. Aber am Nationalfeiertag klappte es dann doch noch. Wobei wir feststellten, dass wir in Calcutta fast Nachbarn sind: Jan Nerurkar konnte zu Fuß zum Treffpunkt am Restaurant “Kwality”, wo ich mein Abendesssen einzunehmen pflege, kommen – für Calcutta eine fast unvorstellbare Nähe.
Wobei wir feststellen mussten, dass wir leider Pech hatten: In anderen Ländern mag es an solch einem Tag hoch hergehen – im “Kwality” freilich waren die Türen verrammelt. Also, auf zu einem Spaziergang: in einer Bar (fünf Gehminuten entfernt) standen wir erneut vor verschlossenen Türen. Wir wollten fast schon aufgeben, als wir im vierten Stock über einem hochnoblen Schmuckladen eine Lounge entdeckten.

Hoch über dem Schmuckladen hatte dann doch eine Bar offen.
Da immerhin erhielten wir Einlass – unter ausdrücklichem Hinweis, das heute kein Alkohol ausgeschenkt werde. Was soll’s! Der Ginger Strawberry Mocktail war zwar etwas süßlich, aber schon ganz in Ordnung.
Etwas verstörend fanden wir indes das Designer-Ambiente, das gar nicht zu Indien passen will, und die buchstäblich ohrenbetäubende Musik, gegen die wir anbrüllen müssen. Auch die Jungs mit den Wasserpfeifen an den Nebentischen kommen mir nicht ganz koscher vor.
Sei’s drum! In all dem Radau verstehe ich dann doch, was Jan-Manik an seiner indischen Heimatstadt bemerkenswert findet – auch wenn er nun schon fast zwei Drittel seines Lebens in Nürtingen verbracht hat. Drei Dinge sind das:
1. “Dass das Chaos hier funktioniert.”
2. “Dass hier rund 20 Millionen auf engstem Raum zusammenleben und dennoch wenig an Kriminalität passiert.”
3. “Dass man hier ganz Indien in einer einzigen Stadt findet. Alle Volksgruppen sind hier vertreten.”
Dann verlassen wir diese merkwürdige Bar. Jan-Manik muss am nächsten Tag wieder nach Südindien. Konkret gesagt: nach Tamil Nadu. Unser Gespräch werden wir in Nürtingen fortsetzen.
