“Sie können ganz vorne sitzen”, hat man mir gesagt. Nicht auf den für die Presse eigentlich reservierten Plätzen auf der Seite, sondern in der Mitte, mit bestem Blick auf den aus England stammenden Dirigenten Matt Dunkley und sein renommiertes Ensemble. Welche Freude!
Zumal die Sitze in diesem riesigen Saal extrem bequem sind. Man kann sie sogar wie im Flugzeug nach hinten klappen (oder besser gesagt: stufenlos sanft nach hinten gleiten lassen). Fast wie im Fernsehsessel kommt man sich da vor. Zumal man in der ersten Reihe noch eine enorme Beinfreiheit hat. Das fühlt sich so wohlig an, dass man angesichts der angenehm warmen Klänge dort oben aufpassen muss, dass man nach einem ereignisreichen Tag nicht einschläft. Gottlob lässt es das Orchester auf der Bühne aber so richtig krachen. Manchmal lässt von der Macht der Töne her Richard Wagner grüßen.
So richtig wohlig fühle ich mich da, nachdem ich den ganzen Tag auf den Beinen war. Ich lehne mich zurück und lasse den Blick leicht nach hinten links schweifen. Da stechen mir ein paar an die Rückenlehne gepinnte Zettel ins Auge: VVIP stet da.

VVIP - Was soll denn das sein?
Was soll denn das sein? Eine Firma? Zumindest kenne ich so was nicht. Und der Sponsor des Abends ist ja die Stuttgarter Lapp-Gruppe. Eine indischer, bengalischer, chinesischer oder tibetischer Name? Auch eher unwahrscheinlich. Denn erstens ist selbst für diese Sprachen die Buchstabenkombination relativ ungewöhnlich und zweitens müsste ja dann die ganze Verwandtschaft des Herrn Vvip mitkommen – so viele Plätze sind da reserviert.
VIP, das sagt mir was. Very important person. Jemand ganz wichtiger also. Aber VVIP? Da könnte ich mir höchstens noch eine Very very important Person vorstellen. Jemand ganz ganz Wichtiges also. Und Sucheta Hossain vom Goethe-Institut bestätigt mir später meine Vermutung: “Genau so ist es!”
VVIP zu sein, das ist ja fast das Optimalste. Da fehlt nur noch ein Schritt zum Alleroptimalsten. Und ich, der ich noch der Einzigste bin, dem es vergönnt ist, sogar noch eine Reihe weiter vorn zu sitzen – bin ich jetzt eine VVVIP? Das würde meinem Ego gewaltig schmeicheln. Gottseidank befindet sich keine Reihe mehr vor mir. Denn sonst säße ja ein VVVVIP vor mir und ich wäre buchstäblich zweitrangig. Noch mal Glück gehabt!
Mal ganz im Ernst: Nicht nur für die VIPs und VVIPs hat das Konzert nichts gekostet. Sondern alle, die kommen wollten, hatten freien Eintritt, auch die Schüler und Studenten des Goethe-Instituts. Und das wurde auf großen Plakaten auch angekündigt.
Dieser Abend war in der Tat eine großartige Werbung für das von Staatsministerin Cornelia Pieper (einer großen Freundin Nürtingens übrigens, denn die Frau aus Sachsen-Anhalt kennt sich auch in der Partnerstadt Zerbst bestens aus) im Herbst in New Delhi eröffnete deutsch-indische Jahr. Aus Anlass des 60. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Republik Indien und der Bundesrepublik wird es gefeiert. Und auch für die deutsche Kultur war der Abend eine prima Visitenkarte.
Das Filmorchester Babelsberg entpuppte sich als ein toller Botschafter unseres Landes. Es lohnt sich übrigens, auch mal in dessen Homepage reinzuschauen: www.filmorchester.de.
