Das ethnologische Museum in Hanoi liegt ein wenig außerhalb; die Fahrt lässt Raum für Gedanken. In die ich noch tiefer versinke, als ich mir die Sonderausstellung angesehen habe: „Pain and Hope“ problematisiert das Thema HIV/Aids in Vietnam. Laut Broschüre des Goethe-Instituts hat die Quote der Erkrankten weiter zugenommen, allerdings langsamer als in den ersten Jahren der Ausbreitung, auch wenn die Infektionsrate in der Risikopopulation (Drogen, Prostitution) nach wie vor hoch sei. Vor gut 20 Jahren, 1990, wurde der erste Fall – in der Ausstellung heißt die Frau Phuong Minh – diagnostiziert. In sehr berührenden Zitaten berichtet sie von der Ausgrenzung und der extremen Ablehnung die sie erfahren hat; eine Puppe trägt ein Seidenkostüm als Sinnbild dafür, dass sie durch das Kaufen schöner Kleidung versucht hat, ihren Schmerz wenigstens kurzzeitig zu vergessen.
Denn HIV-Infizierte wurden verteufelt als Menschen, die ein böses, liederliches Leben geführt haben mussten – ein Vorurteil, das auch heute noch nicht völlig ausgeräumt zu sein scheint. Ärzte werden zitiert, die mit Steinen beworfen wurden, als herauskam, dass sie Erkrankte behandeln – andere räumen unumwunden ein, dass sie verschweigen, wenn sie HIV-Infizierte beraten. So extrem scheinen mancherorts die Vorurteile, dass ein junger Mann sich in sein Zimmer eingesperrt hat und das Essen durch eine Katzenklappe gereicht bekommt, in dem immer gleichen Geschirr. Ein anderer hat sich mit seiner Frau in ein Zelt ausquartiert und, um seine Eltern nicht zu verletzen und zu verunsichern, die Wahrheit für sich behalten und behauptet, dies aus Gründen der Coolness zu tun. Besonders schrecklich war die Geschichte des Mannes, der seinen Sohn begraben musste: Die Leiche transportierte er auf dem Fahrrad des Nachbarn – der daraufhin so viel Angst vor einer Infektion hatte, dass er das Rad einen Monat lang täglich reinigte und stundenlang in die Sonne stellte.
Es gibt aber auch Fortschritte und Hoffnungsschimmer: 2002 wurde das erste Testcenter in Vietnam eingerichtet – mittlerweile gebe es beinahe 300 in 63 Städten und Gemeinden. Die Zahl derjenigen die es besuchen, sei wegen der Furcht vor Ausgrenzung allerdings noch gering. Laut Ausstellung ist 2006 zudem ein Gesetz zur HIV/Aids-Prävention verabschiedet worden.
Wie das Auswärtige Amt angibt, liegt die Zahl der Infizierten nach vorsichtigen Schätzungen landesweit bei über 300.000.
Sonntag, 9. Januar 2011
HIV/Aids in Vietnam
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