Das hätten sich die drei Minister des indischen Bundesstaates Karnataka auch nicht träumen lassen, dass sie so schnell so weltberühmt werden: Laxman Savadi (zuständig für die Landesbeteiligungen), Krishna Palemar (dem sowohl Häfen als auch Wissenschaft und Technologie zugeordnet sind) und C.C. Patil (sinnigerweise Chef des Ressorts für Frauen und Kinder) wurden dabei ertappt, wie sie sich im Parlament in Bangalore per Handy Pornofilme reinzogen. Natürlich nicht zum Vergnügen, sondern rein dienstlich. Sie gehören schließlich zur Hindu-Partei BJP, die sich immer und überall für Sittenstrenge einsetzt, und wollten sich mit dem Video nur auf eine Debatte über die schändlichen Folgen von Techno-Partys vorbereiten. Zurückgetreten sind sie dennoch alle drei.
Sei’s drum: Eigentlich aber ein guter Anlass, um das Verhältnis der Menschen in Calcutta zum Sex zu reden. Zumal mir Basav Bhattacharya, der Journalist und Vater vieler sozialer Projekte, mit dem ich gestern in seinem Heimat-Stadtteil South Calcutta unterwegs war, zufälligerweise am Tag, als der Skandal ruchbar wurde, einiges darüber erzählt hat.
Wir schlenderten nämlich durch die Budengassen in der Nähe des großen Tempels der Göttin Kali – das Viertel also, das für viele das alte Herz Calcuttas ausmacht.
Basav zieht mich zu einem der Verkaufsstände und zeigt auf etwas, das hier allüberall zu sehen ist. “Weißt Du, was das ist?”, fragt Basav. Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass es sich dabei um eine Darstellung dessen ist, was den Mann zum Mann und die Frau zur Frau macht, handelt – aber kann das andererseits auch nicht glauben, nachdem selbst die Reklame hier auf züchtige Bekleidung größten Wert legt, in den Filmen allenfalls geküsst werden darf (das ist buchstäblich das höchste der Gefühle) und ich in den drei Wochen hier in dieser Riesenstadt ganze fünf indische Frauen in Kleid oder Rock gesehen habe (und auch die nicht im Büro oder auf offener Straße, sondern im “Shisha” – was sich zwar Nachtclub nennt, aber bei uns wohl allenfalls als Mischung aus Hotelbar und Disco durchgehen würde).
Was ich vermute, kann also nicht sein. Weil ich mich nicht blamieren will, schweige ich lieber. Und Basav nickt mit dem Kopf, als ob er ahnte, was ich denke: “Genau! Das ist das Shiva Lingam. Das kombiniert die männlichen und die weiblichen Geschlechtsorgane und steht bei uns in jeder Wohnung.”
Mit dem Phallus- und Vagina-Symbol verehrten die Menschen in Calcutta den Gott Shiva wesentlich lieber denn als ganze Figur. Mit diesem Zeichen symbolisiere und huldige man Fruchtbarkeit sowie die Vereinigung von Mann und Frau.
Vor allem Frauen (ob nun verheiratetet oder ledig) träufelten jeden Morgen eine Mischung aus Milch und Wasser drauf, sagt Basav – als Sinnbild für den Höhepunkt der sexuellen Vereinigung. “Sie wollen, dass ihre jetzigen oder künftigen Männer so schön wie Shiva sind”, schmunzelt Basav: ”Und natürlich auch, dass sie wie Shiva…” Wie soll man das jetzt (um)schreiben?
Naja, Sie wissen schon, was ich meine!
Nur ein paar Schritte von der Budengasse mit den Devotionalien an die vielen Götter der Hindus beginnt Kalighat Har Kata Gol, die “Gasse der geschabten Knochen” (wie der Name der Straße übersetzt lautet). Dort, wo sich früher die Metzger konzentrierten, geht es nun um Fleischeslust der anderen Art: Auch Calcutta hat sein Rotlicht-Viertel, und zwar schon seit urdenklichen Zeiten.
Das ist eine Art indische Schizophrenie: “Prostitution ist bei uns verboten. Obwohl wir sie schon immer hatten”, sagt Basav: “Früher nannte man die Prostituierten Kurtisanen.” Und in den Speiselokalen oder sonstigen öffentlichen Räumen sind auch eine Menge alter bengalischer Malereien aufgehängt, wo genau dies thematisiert wird. Von den Familien, die an der Har Kata Gol wohnen, habe wohl jede zumindest solch eine Vergangenheit, wenn nicht gar eine Gegenwart, höre ich.
Wie gesagt: Prostitution ist verboten. In der Theorie. In der Praxis aber wächst sie weiter an. “Die Armut treibt die Leute dazu”, sagt mir Mandira Mitra, Basavs Mitarbeiterin. Übrigens suchen nicht nur junge Frauen auf diese Art und Weise, zu ein paar Rupien zu kommen. Mit der Globalisierung hat auch die Homosexualität, früher strenges Tabu in Indien, Einzug gehalten.
Geschäftsleute auf Reisen machen einen Großteil der Kunden von Frauen und Männern aus, die hoffen, auf diese Art und Weise dem Elend zu entkommen. Und nicht zuletzt Lkw-Fahrer, deren Touren über den Subkontinent oft zwei, drei Monate dauern, bis sie wieder daheim bei ihren Frauen sind. Nicht zuletzt diese beiden Gruppen tragen dazu bei, die Seuche der modernen Zeit durch ganz Indien zu tragen.
Wobei ich der Aids-Statistik, die unter anderem im World Fact Book der CIA abgedruckt ist, ganz und gar nicht traue. Im Jahr 2009 (das sind die jüngsten Daten) sollen in Deutschland zum Beispiel 0,1 Prozent der Erwachsenen HIV-infiziert gewesen sein. Das ist noch glaubhaft. Auch die 1,1 Prozent in der Ukraine, wo der Nürtinger Frieder Alberth so engagiert gegen diese Krankheit gekämpft hat. In Indien soll diese Rate aber seit 2001 sogar zurückgegangen sein – von 0,9 auf 0,3 Prozent!
Und noch eins: Deutschlands 0,1 Prozent machen etwa 67 000 Infizierte aus. In der Ukraine redet man von 350 000 Angesteckten. Selbst wenn man die offiziellen Zahlen für Indien als korrekt unterstellt, wären das immer noch 2,5 Millionen (das wären mehr als in Sachsen-Anhalt wohnen, wo Nürtingens Partnerstadt Zerbst liegt). Wobei man sich fragen muss, wohin dann binnen zehn Jahren 5 Millionen Kranke verschwunden sein sollen? Geheilt können sie ja schließlich nicht sein. Man kann nur vermuten: Sie sind gestorben, ohne große Therapie (respektive mit gar keiner).
Und zudem sagen mir mittlerweile immer mehr Inder, dass unter den offiziellen 1,2 Milliarden Bürgern die Ärmsten der Armen in den Slums noch gar nicht mitgezählt sind. Wenn Mandira und Basav recht haben, dann tickt indes gerade da die größte Zeitbombe.
Da kann einem angst und bange werden.
“Sufi Sutra” – unter diesem Motto wurde Kolkata drei Tage lang zum Nabel der spitutuellen Musik in Indien. Doch wenn es nach Amitava Bhattacharya, dem Organisator des Festivals geht, ist das noch nicht genug: Er möchte Calcutta zum Weltzentrum der spirituellen Musik machen. Und damit auch sein Projekt “Art for Life” voran bringen.
Dessen Konzept ist einfach und begeisternd zugleich: Bhattacharya hat es keine Ruhe gelassen, dass es gerade im ländlichen Indien herausragende Musiker gibt, die sich aber nicht ihrer wahren Begabung widmen können, sondern niedere Arbeiten verrichten müssen, um ihre Familien überhaupt über die Runden zu bringen.
“Banglanatak” (übersetzt: “Bengalische Trommler”), wie seine Organisation heißt, spürt diese Talente auf, fördert sie, organisiert auch Austauschprogramme mit der westlichen Welt und kümmert sich auch sonst um Auftritte für sie. Mittlerweile hat er schon 3200 Musiker (natürlich nicht nur Solisten, sondern auch in Ensembles) in seiner Kartei. Früher hätten die gerade mal 400 Rupien (6,50 Euro) im Monat zur Verfügung gehabt, bei “Art for Life” – das sich übrigens nicht auf Musik beschränkt, sondern auch Künstlern und Kunsthandwerkern eine Plattform bietet – verdienten sie mittlerweile zwischen 65 und 550 Euro. Das ist schon ein Sprung.
Die “Sufi Sutra” dient offensichtlich der Eigenwerbung für dieses auch von der Unesco anerkannte Projekt. Im Mohar Kunj einem wunderschönen (und vor allem: sauberen) Park in der Nähe des Victoria Memorials, ist eine große Open Air-Bühne aufgebaut, sind Stühle für etwa 2000 Menschen vorhanden (solange der Abend noch einigermaßen lau ist, sind die bei freiem Eintritt auch fast alle besetzt), noch im entferntesten Winkel des Parks kann man auf Großleinwänden das Geschehen verfolgen. Die Creme de la Creme der bengalischen Volksmusik – wie Ustad Amjad Ali Khan (ein Meister der Sarod, der indischen Laute) oder Tanmoy Bose (ein brillianter Tabla-Spieler) – und sonstige Ehrengäste sitzen in zwei Polsterbank-Reihen ganz vorne.
Sie erleben acht Ensembles aus sechs Ländern, die beim “Sufi Sutra” die Kraft der Humanität und des Friedens feiern wollen – mit spiritueller Musik, aber jenseits konkreter Religionen. Die Melodien sollen nicht trennen, sondern zusammenführen. Denn Calcutta habe immer an die Pluralität der Gedanken geglaubt, heißt es im Programmheft.
Den Auftakt macht Gastgeber West-Bengalen. Die Bauls und Fakirs aus Nadia und Murshidabad erweisen sich als gute Einheizer. Das Publikum hat gleich was, womit es sich identifizieren kann, und die Gruppe begeistert auch dadurch, dass jeder sowohl im Hintergrund spielt als auch als Solist vorne agieren darf.
Söndörgö, die Gäste aus Ungarn, lassen freilich daran zweifeln, ob sie in ein spirituelles Konzept hineinpassen. Was sie spielen, ist Balkan-Folklore vom Feinsten – was aber dadurch ins Sufi Sutra-Schema hineingepresst wird, dass sich die Gruppe auch musikalisch für eine Versöhnung von Serben und Kroaten einsetzen wolle. Klasse Weltmusik zweifelsohne, selbst Anklänge an den Sirtaki sind dabei, und das Publikum spendet auch (für indische Verhältnisse) enormen Applaus. Gut also, dass die Veranstalter ihr Motto nicht allzu ernst genommen haben.
Beim-Schluss-Act des ersten Tages passt es wiederum ganz genau: Marouane Hajj und sein Ensemble Akhawane zelebrieren den Lobpreis Allahs überaus beeindruckend. Das Mantra zu ehren des Schöpfers kann zugleich beruhigen und unter die Haut gehen. Aber dann wird es dann doch zu kalt. Immer mehr Menschen (darunter ich im kurzärmeligen Hemd) verlassen kurz nach 22 Uhr den Mohar Kunj. An Marouane Hajj und seiner Musik lag dies freilich garantiert nicht.
Europas zweiter Vertreter ist am nächsten Abend der Orient West Choir – aus Dänemark. Ein höchst bemerkenswertes Ensemble ist da aus Skandinavien angereist. Es versucht, die musikalischen Verbindungen zwischen den drei monotheistischen Religionen dieser Erde aufzuspüren und leben zu lassen – und schafft es, mit der Musik eine Brücke zwischen Juden, Moslems und Christen zu schlagen. Vielleicht noch darüber hinaus, denn den Bengalen hier gefällt nicht zuletzt der von einer Tänzerin auch optisch umgesetzte Loblied auf die Bäume.
European Song-Contest Aserbaidschan verblüfft einmal mehr: Das Staatsensemble für alte Musikinstrumente entführt in einer Klangwelt, die zunächst uralt scheint, aber einfach zeitlos klingt und mitunter auf Instrumenten gespielt wird, die ich noch nie gesehen, geschweige denn gehört habe. Und die Kostüme dazu sind auch einfach herrlich. Kein Wunder, dass die Menschen hier ebenso begeistert sind wie das Publikum in Stuttgart, wo die Truppe 2008 ein Konzert gab.
Dann muss ich aber heim. Denn am nächsten Morgen geht es früh raus. Der Bus in den Nationalpark Sundarbans wartet nicht.
Und so verpasse ich die Ägypter der der El Kawmeya Folklore Music Troupe sowie die Nizami Khusro Bandhu aus Delhi und die Kashmir Music Society.
Aber auch so war es schön, mal in andere musikalische einzutauchen, die man in Deutschland kaum kennt. Ich bin gespannt, ob Amitava Bhattacharyas Traum von Calcutta als Welthauptstaft der spirituellen Musik in Erfüllung geht (wobei es der Ausfruck “Weltmusik” auch täte).
Ich drücke ihm auf den jeden Fall die Daumen.