Auf der Buchmesse in Calcutta war es. Samarjit Guha, der Mann meiner Kollegin Aditi von der Times of India, hatte bei Kolkata TV Lieder von Rabindranath Tagore, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt, gesungen und damit das Gespräch zwischen Moderatorin Kanika Rey und der Rezitatorin Ratna Mita bereichert.
Alles auf Bengali natürlich. So daß ich kein Wort verstand. Aber Samarjits warme Stimme hat mich einfach begeistert. Und so will ich schon wissen, worum es eigentlich ging. Zum Beispiel bei “Shukher Mathey Tonayay Dekechi”. Samarjit arbeitet normalerweise beim British Council – genau gegenüber der Times of India in der Camac Street. Wie gut, daß auch sein Kollege Arnab Banerjee mit dabei ist, der mir den Text ins Englische übersetzen kann.
“Das ist ein Gespräch mit Gott”, erklärt mir der junge Mann. Ein Mensch beklage sich darüber, daß er dessen Nähe nur in Zeiten des Glücks erlebt habe, nicht aber, als es ihm dreckig ging. Gott antworte, daß dort, wo auf dem Lebensweg des Menschen nur eine Spur zu sehen sei, er ihn getragen habe.
Moment mal, Moment mal! Das kommt mir doch sehr bekannt vor! Das ist doch fast dasselbe wie das Gedicht “Spuren im Sand”, das in der westlichen Welt ebenfalls sehr bekannt ist, aber der Amerikanerin Margaret Fishback Powers zugeordnet wird. Die soll das Poem 1964 nach einer Lebenskrise verfasst haben. Da freilich hatte Rabindranath Tagore schon 23 Jahre das Zeitliche gesegnet.
Um die “Spuren im Sand” gab es übrigens schon früher Urheberrechtsstreitigkeiten. Fishback Powers musste gerichtlich dafür kämpfen, als Autorin anerkannt zu werden. Einen Hinweis auf die erstaunlichen Parallelen zum literarischen Stolz der Bengalen habe ich aber bislang noch nirgends gefunden. Aber der kann ja jetzt ohnehin nicht mehr klagen.
Sei’s drum: Das Gedicht ist einfach schön. Ordnen wir es daher einfach mal dem gemeinsamen spirituellen Erbe der Menschheit zu. Und es bereichert einen immer wieder. Daher sei hier Margaret Fishback Powers’ Version nochmal veröffentlicht:
Spuren im Sand
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn:
“Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?”
Da antwortete er:
“Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.”
Dienstag, 28. Februar 2012
Der Kampf gegen den Verkehrsinfarkt
Hyderabad soll 220 neue Ampeln bekommen! Umgerechnet rund 10 Millionen Euro will die Stadt für das Projekt ausgeben. LED-Leuchten, Rot- und Grünlicht-Countdown, fernsteuerbar: Innerhalb der nächsten zwölf Monate sollen die modernen Ampeln in Hyderabad aufgestellt werden und wenigstens ein bisschen Ordnung in das Chaos bringen. Zusammengerechnet mit den alten Ampel-Wracks, die in dieser Stadt stehen, würde die Mega-City dann rund 400 Ampeln haben. Ausgerüstet mit Solarzellen sollen die neue Verkehrssignale künftig auch während der zahlreichen Stromausfälle weiter funktionieren. „Dann gibt es definitiv keine Entschuldigung mehr über rot zu fahren”, sagt mir der Hauptkommissar der Verkehrspolizei, C.V. Anand, bei einer Tasse Tee in seinem Büro. „Wir können die Straßenverkehrsordnung somit besser durchsetzen.” Anand lächelt viel, spielt Cricket und Tennis und ist auch sonst ein irgendwie netter Typ. Wahrscheinlich wickelt er mit dieser Masche schon seit Jahren die penetrante Pressemeute um den Finger.

Ich schaue ihm wohl trotzdem etwas zu skeptisch: Nur 220 Ampeln für fast acht Millionen Einwohner mit 2,1 Millionen Fahrzeugen (fast 1,8 Millionen sind davon Motorroller und Motorräder). Wie soll da irgendwer irgendwelche Regeln durchsetzen? In Hamburg sind derzeit rund 1700 Ampeln in Betrieb – für 1,7 Millionen Einwohner und 840.000 Fahrzeuge. 2010 (das sind die aktuellsten Zahlen) starben auf Hamburgs Straßen 22 Menschen. In Hyderabad waren es im selben Jahr 490 Tote (441 in 2011). Warum also nicht mehr Verkehrssignale um das Chaos auf Hyderabads Straßen zu bändigen? „Wenn wir mehr Ampeln bauen würden, würde es zu noch mehr Staus kommen“, sagt Anand und lächelt sein Gewinner-Lächeln. Mich hat dieser Typ schon längst in die Tasche gesteckt. Allerdings muss ich mich ja auch nicht mit ihm streiten.
Für Anand ist die Ampel-Nummer eine Abwägung zwischen mehr Sicherheit und dem totalen Verkehrsinfarkt: Egal wie viel Fahrzeuge auf Hyderabads Straßen unterwegs sind: Der Verkehr fließt -mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17 km/h in der Hauptverkehrszeit. An Kreuzungen ohne Ampel wird nicht gestoppt. Es wird gefahren. Von 3000 Verkehrspolizisten sind 1500 zu jeder Zeit auf der Straße. Sie versuchen, den steten Fluss nicht versiegen zu lassen. Notfalls wird die Ampel eben manuell abgeschaltet und die Autos werden so über die Kreuzung gewunken. Die Priorität ist klar: Bloß kein Stau. Auch bei den neuen Ampeln werden Verkehrspolizisten vor Ort und in der Zentrale die Möglichkeit haben, manuell von Rot auf Grün zu schalten.
Natürlich haben Fußgänger bei diesem Verkehrskonzept das Nachsehen. Allein im Januar starben 17 Fußgänger auf Hyderabads Straßen. Und ihre Situation wird sich in den kommenden Jahren nicht verbessern. Im Gegenteil. „Jeden Tag werden in Hyderabad rund 1000 Fahrzeuge zugelassen und etwa 500 Führerscheine ausgestellt“, sagt G. Panduranga Rao Jt. Comissioner & Secretray der hiesigen Transportbehörde. Seit 2001 habe sich die Anzahl der zugelassenen Fahrzeuge in der Stadt verdoppelt. „Ein Ende ist nicht abzusehen“, sagt Rao. Hauptkommissar Anand wird die nächsten Jahre viel zu tun haben.
Verkehr in einer Nebenstraße von Hyderabad (Videolink)

C V Anand
Ich schaue ihm wohl trotzdem etwas zu skeptisch: Nur 220 Ampeln für fast acht Millionen Einwohner mit 2,1 Millionen Fahrzeugen (fast 1,8 Millionen sind davon Motorroller und Motorräder). Wie soll da irgendwer irgendwelche Regeln durchsetzen? In Hamburg sind derzeit rund 1700 Ampeln in Betrieb – für 1,7 Millionen Einwohner und 840.000 Fahrzeuge. 2010 (das sind die aktuellsten Zahlen) starben auf Hamburgs Straßen 22 Menschen. In Hyderabad waren es im selben Jahr 490 Tote (441 in 2011). Warum also nicht mehr Verkehrssignale um das Chaos auf Hyderabads Straßen zu bändigen? „Wenn wir mehr Ampeln bauen würden, würde es zu noch mehr Staus kommen“, sagt Anand und lächelt sein Gewinner-Lächeln. Mich hat dieser Typ schon längst in die Tasche gesteckt. Allerdings muss ich mich ja auch nicht mit ihm streiten.
Für Anand ist die Ampel-Nummer eine Abwägung zwischen mehr Sicherheit und dem totalen Verkehrsinfarkt: Egal wie viel Fahrzeuge auf Hyderabads Straßen unterwegs sind: Der Verkehr fließt -mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17 km/h in der Hauptverkehrszeit. An Kreuzungen ohne Ampel wird nicht gestoppt. Es wird gefahren. Von 3000 Verkehrspolizisten sind 1500 zu jeder Zeit auf der Straße. Sie versuchen, den steten Fluss nicht versiegen zu lassen. Notfalls wird die Ampel eben manuell abgeschaltet und die Autos werden so über die Kreuzung gewunken. Die Priorität ist klar: Bloß kein Stau. Auch bei den neuen Ampeln werden Verkehrspolizisten vor Ort und in der Zentrale die Möglichkeit haben, manuell von Rot auf Grün zu schalten.
Natürlich haben Fußgänger bei diesem Verkehrskonzept das Nachsehen. Allein im Januar starben 17 Fußgänger auf Hyderabads Straßen. Und ihre Situation wird sich in den kommenden Jahren nicht verbessern. Im Gegenteil. „Jeden Tag werden in Hyderabad rund 1000 Fahrzeuge zugelassen und etwa 500 Führerscheine ausgestellt“, sagt G. Panduranga Rao Jt. Comissioner & Secretray der hiesigen Transportbehörde. Seit 2001 habe sich die Anzahl der zugelassenen Fahrzeuge in der Stadt verdoppelt. „Ein Ende ist nicht abzusehen“, sagt Rao. Hauptkommissar Anand wird die nächsten Jahre viel zu tun haben.
Verkehr in einer Nebenstraße von Hyderabad (Videolink)
Endlich Frühling!
Montag, 27. Februar 2012
Die Auto-Orgeln von Hyderabad
Neulich hat mich in der Nacht ein Vogel aufgeweckt. Zumindest klang das Geräusch wie der Paarungsruf eines seltenen asiatischen Vogels. „Uuuhark, Uuuhark, Uuuhark.” Pause. „Uuuhark, Uuuhark, Uuuhark.” Pause. Hat ungefähr zwei Minuten gedauert, dann war Schluss mit Balzen. Jedenfalls dachte ich das.
Auf dem Weg zum Mittagessen ging es dann wieder los. Ganz andere Stelle in der Stadt, mitten am Tag. „Uuuhark, Uuuhark, Uuuhark.” “Was ist das für ein Tier”, habe ich meinen Kollegen Natraj vom "Deccan Chronical" gefragt und bin auf eine Mischung aus Fassungslosigkeit und kindliche Freude gestossen. „Das ist doch kein Tier, Mann”, hat Natraj gesagt. „Das ist das Warnsignal das beim Rückwärtsfahren ertönt.” Und tatsächlich direkt vor uns parkte ein Auto aus.
Das Warnsignal war mir vorher nicht aufgefallen. Dafür ist es tagsüber in Hyderabad einfach zu laut. Hupende Autos, rufende Menschen, muhende Kühe, rasende Busse. „Wir haben dieses Signal an unseren Autos, weil hier beim rückwärtsfahren niemand aufpasst”, hat Natraj gesagt. Nützt aber natürlich auch nichts. Schließlich geht der Balzruf der rückwärtsfahrenden Autos im Lärm einfach unter. Nur in der Nacht, da kann ihn jeder hören.
Mittlerweile habe ich gelernt, dass es das Signal auch in verschiedenen Melodien gibt. “Lambada” zum Beispiel. Was ich noch nicht gehört habe ist “Highway to Hell”. Das sollte hier als Standard-Warnton angeboten werden.
Auf dem Weg zum Mittagessen ging es dann wieder los. Ganz andere Stelle in der Stadt, mitten am Tag. „Uuuhark, Uuuhark, Uuuhark.” “Was ist das für ein Tier”, habe ich meinen Kollegen Natraj vom "Deccan Chronical" gefragt und bin auf eine Mischung aus Fassungslosigkeit und kindliche Freude gestossen. „Das ist doch kein Tier, Mann”, hat Natraj gesagt. „Das ist das Warnsignal das beim Rückwärtsfahren ertönt.” Und tatsächlich direkt vor uns parkte ein Auto aus.
Das Warnsignal war mir vorher nicht aufgefallen. Dafür ist es tagsüber in Hyderabad einfach zu laut. Hupende Autos, rufende Menschen, muhende Kühe, rasende Busse. „Wir haben dieses Signal an unseren Autos, weil hier beim rückwärtsfahren niemand aufpasst”, hat Natraj gesagt. Nützt aber natürlich auch nichts. Schließlich geht der Balzruf der rückwärtsfahrenden Autos im Lärm einfach unter. Nur in der Nacht, da kann ihn jeder hören.
Mittlerweile habe ich gelernt, dass es das Signal auch in verschiedenen Melodien gibt. “Lambada” zum Beispiel. Was ich noch nicht gehört habe ist “Highway to Hell”. Das sollte hier als Standard-Warnton angeboten werden.
Wasser ist zum Waschen da
Nicht alle Kinder und Pubertierende in deutschen Landen empfinden die allergrößte Freude, wenn sie unter die Dusche oder in die Badewanne gehen sollen. Speziell die Jungs. In vielen Familien zählt das Gezerfe darüber schon zum Familienritual.
In Calcutta kann man indes auch das Gegenteil erleben: Dass Menschen sich danach sehnen, ihren Körper einseifen und mit (auch noch kaltem Wasser) übergießen zu können.

Szenen wie diese kann man in der Metropole West-Bengalens Tag für Tag beobachten: Männer knien vor den uralten Handpumpen oder primitiven Brunnen aus britischer Zeit und betreiben Körperpflege. Oft schrubben sie auch ihre kleinen Kinder ab, denn sie wollen nicht, daß der Dreck und der Staub hier Macht über sie gewinnt. Selbst wenn sie alle im Dreck am Straßenrand schlafen und der Ruß aus den Auspuffen der Autos oder vom Holzkohlefeuer, mit dem hier gekocht wird, im Laufe des Tages unentrinnbar auf sie herniederrieselt: Zumindest einmal am Tag wollen sie sauber sein. Auch wenn ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen würde, dass das, was da aus der Pumpe quillt, den europäischen Gesundheitsvorschriften entspricht. So mancher dieser Brunnen wäre bei uns wohl schon längst gesperrt worden.

Und mir wird hier vielleicht zum ersten Mal in ganzer Konsequenz bewusst, daß auch Körperhygiene zur Würde eines Menschen gehört. Frauen habe ich übrigens noch keine direkt am Straßenrand beim Waschen gesehen. Ich nehme an, das liegt am Schamgefühl. Vermutlich werden sie mit einem Eimer das Wasser dorthin transportieren, wo sie keiner sieht. Auf dem Land wiederum steigen sie mit Sari in oft entsetzlich aussehende Tümpel mit abgestandenem Wasser. Die Kleider trocknen dann zuhause.
„Wasser ist zum Waschen da“, verkündete ein deutscher Schlager aus den 50er-Jahren. Und zum Zähneputzen sollte man es auch benutzen können. In Calcutta mit seiner völlig veralteten Wasserversorgng, deren Großteil noch aus der Kolonialzeit stammt, ist sauberes Wasser ein knappes Gut.
Gleich am ersten Tag sind mir auf dem Weg vom Flughafen zum Goethe-Institut Tankwagen aufgefallen, die vor einem Aquädukt Schlange standen und dann wie die Dampfloks mit Wasser befüllt wurden.
Denn nicht mal jede Wohnung in Calcutta hat einen Wasseranschluss. Die Lastwagen fahren dann in die Armenviertel, wo die Menschen sich Kanister abfüllen.

Und daher engagiert sich auch der Rotary-Club auf diesem Sektor. Die öffentlichen Anlagen, wo sich jeder mit sauberem Trinkwaser versorgen kann, sind ein Segen für diese Stadt.
In Calcutta kann man indes auch das Gegenteil erleben: Dass Menschen sich danach sehnen, ihren Körper einseifen und mit (auch noch kaltem Wasser) übergießen zu können.

Morgenwäsche am Straßenrand von Calcutta
Szenen wie diese kann man in der Metropole West-Bengalens Tag für Tag beobachten: Männer knien vor den uralten Handpumpen oder primitiven Brunnen aus britischer Zeit und betreiben Körperpflege. Oft schrubben sie auch ihre kleinen Kinder ab, denn sie wollen nicht, daß der Dreck und der Staub hier Macht über sie gewinnt. Selbst wenn sie alle im Dreck am Straßenrand schlafen und der Ruß aus den Auspuffen der Autos oder vom Holzkohlefeuer, mit dem hier gekocht wird, im Laufe des Tages unentrinnbar auf sie herniederrieselt: Zumindest einmal am Tag wollen sie sauber sein. Auch wenn ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen würde, dass das, was da aus der Pumpe quillt, den europäischen Gesundheitsvorschriften entspricht. So mancher dieser Brunnen wäre bei uns wohl schon längst gesperrt worden.

Auf dem Lande wäscht man sich in dreckigen Tümpeln.
Und mir wird hier vielleicht zum ersten Mal in ganzer Konsequenz bewusst, daß auch Körperhygiene zur Würde eines Menschen gehört. Frauen habe ich übrigens noch keine direkt am Straßenrand beim Waschen gesehen. Ich nehme an, das liegt am Schamgefühl. Vermutlich werden sie mit einem Eimer das Wasser dorthin transportieren, wo sie keiner sieht. Auf dem Land wiederum steigen sie mit Sari in oft entsetzlich aussehende Tümpel mit abgestandenem Wasser. Die Kleider trocknen dann zuhause.
„Wasser ist zum Waschen da“, verkündete ein deutscher Schlager aus den 50er-Jahren. Und zum Zähneputzen sollte man es auch benutzen können. In Calcutta mit seiner völlig veralteten Wasserversorgng, deren Großteil noch aus der Kolonialzeit stammt, ist sauberes Wasser ein knappes Gut.
Gleich am ersten Tag sind mir auf dem Weg vom Flughafen zum Goethe-Institut Tankwagen aufgefallen, die vor einem Aquädukt Schlange standen und dann wie die Dampfloks mit Wasser befüllt wurden.
Denn nicht mal jede Wohnung in Calcutta hat einen Wasseranschluss. Die Lastwagen fahren dann in die Armenviertel, wo die Menschen sich Kanister abfüllen.

Vom Rotaryclub gestiftet: Trinkwasserstation in der Park Street im Herzen Calcuttas.
Und daher engagiert sich auch der Rotary-Club auf diesem Sektor. Die öffentlichen Anlagen, wo sich jeder mit sauberem Trinkwaser versorgen kann, sind ein Segen für diese Stadt.
Sonntag, 26. Februar 2012
Vier Kittel kälter
Ja, ich bin wieder in Nürtingen. Schön, daß mich soviele Menschen so herzlich willkommen daheim geheißen haben – sei es nun am Samstag auf dem Nürtinger Wochenmarkt oder am Sonntag in der Stephanuskirche im Roßdorf. Sehr gefreut hat es mich auch, daß die Berichte über Indien auf so großes Interesse gestoßen sind – sei es in der Zeitung oder auch hier im Internet. Es gibt auch noch weiter viel zu erzählen. Und deswegen wird dieses Blog auch nicht eingestellt, nachdem der Alltag am Neckar wieder für mich beginnt.
Heute kommt erst einmal ein Nachtrag, der dem “Funkloch” in der Tee-Metropole Darjeeling geschuldet ist. Geschrieben wurde er am 16. Februar, dem Tag meiner Ankunft dort. Alsdenn, legen wir los:
Auf der Alb sei es einen Kittel kälter als im Neckartal, pflegt der Schwabe zu sagen. So zwei bis drei Grad seien dies umgerechnet. Im Vergleich zur Calcutta, wo es gestern Nachmittag drückend schwül war, ist es hier in Darjeeling im Moment also mindestens vier Kittel kälter. Wenn nicht gar fünf.

Während ich dies schreibe, kommt dich tatsächlich über der Terrrasse des Planter’s Club, wo zu Kolonialzeiten die britischen Teeplantagenbesitzer dem Alkohole frönten, die Sonne zum Vorschein. Nun ist es wieder einen Kittel wärmer. Die Briten sollen übrigens früher bis zum Abend gezecht haben und dann sturzbetrunken aufs hohe Ross gestiegen sein. Die Pferde hätten schon alleine heimgefunden.
Nun, bis abends will ich hier nicht sitzen. Gleich soll mich ein Auto holen und zum Steinthal Tea Estate bringen. Ort, inmitten von Teebüschen, soll dann für die nächsten beiden Nächte mein Domizil sein.
Womit eine Frage beantwortet wäre: Die etwas mehr als zehnstündigeFahrt im Nachtzug vom Bahnhof Sealdeahl in Calcutta nach Siligui hab ich gut überstanden. Abenteuerlicher war schon der Ritt im Jeep-Taxi hier hoch in die Berge. Streckenweise zu elf sind wird dringesessen. Und Michael, ein Musiker aus Buffallo in den USA, der vier Monate durch den Osten Indiens reist, und ich, wurden herzlichst von allen Seiten gedrückt.
Wild ging es zu auf den holprigen Straßen in die Berge. Der Bahnhof lag auf etwa 60 Meter Seehöhe. Jetzt sind es rund 2000. Zuweilen war der Pass so eng, daß ich nicht glaubte, daß hier zwei Autos aneinander vorbei kämen. Es klappte aber doch. Nur Bus habe ich in diesen dreieinhalb Stunden, die wir für die 80 Kilometer brauchten, keinen gesehen. Was mich nicht wundert.
Die Schmalspur-Bahnlinie von Siliguri ist übrigens gesperrt. Wegen Erdrutsch, sagt man mir. Ich habe nicht den Eindruck, daß sie allzu schnell saniert würde. Vielleicht ist das ja auch ein Konjunkturprogramm für Jeep-Taxis.
Was mir während der Fahrt auch noch auffällt: Die Tempel wechseln. Nun dominieren nicht mehr Kali und Krishna, sondern buddhistische Gebetsstätten, auch Klöster dieser Religion sieht man. Die Gegend hier ist nämlich gar nicht so lang besiedelt. Sie war weitgehend menschenleer, als sie die Briten als Sommerfrische entdeckten und vom König von Sikkim pachteten.
Und da Menschen aus Nepal als Wallfahrer über die Berge kamen, fragten sie die Briten, als der Teeanbau vor etwas mehr als 150 Jahren startete, ob sie nicht zum Arbeiten bleiben wollten. Mittlerweile stellen die Nepali übrigens die Bevölkerungsmehrheit. So, der Fahrer ist da. Er wird mich zu einer der ältesten Plantagen bringen, die es hier gibt: Steinthal-Singtom.

Vor etwas mehr als 150 Jahren machte hier ein Pfarrer aus Deutschland Versuche mit Teesträuchern und entschied sich für die chinesische Variante, die (wie sich später herausstellte) erheblich langlebiger ist als das indische Pendant, das zum Beispiel im Flachland von Assam angepflanzt wurde. Steinthals Interesse für Tee verschaffte übrigens den armen Menschen dort eine Perspektive. Es gibt Familien, die nun schon in der vierten oder fünften Generation in der Plantage (im Darjeeling spricht man von “Teegarten”) nicht nur arbeiten, sondern auch leben. In kleinen Häuschen, die im Vergleich zu Calcuttas vielen Halb-Ruinen fast schon luxuriös anmuten. Drumherum halten sie sich ein Schwein und ein paar Hühner. Bescheidener Wohlstand, der aber drauf schließen läßt, daß es den Menschen hier gut geht.
Des Pfarrers Engagement führte auch dazu, daß es in dieser Region überdurchschnittlich viele Christen gibt. In Darjeeling residiert sogar ein katholischer Bischof, der für Darjeeling, Sikkim und Bhutan zuständig ist. Auf etwas mehr als 48 000 Quadratkilometern (etwa so viel wie Niedersachsen hat) gibt es allerdings nur 35 Pfarreien. Zum Vergleich: Rottenburg hat auf knapp 20 000 Quadratkilometern fast 1000.

Aber nicht so sehr Darjeelings Stellung als Bischofssitz ist es, die mich beeindruckt, sondern eher die kleinen Zeichen des Glaubens. Etwa der “Jesus-Brunnen”, der den Menschen inmitten der Plantage Wasser spendet oder das kleine Gebetshaus, in dem man sich trifft und in dem offensichtlich ein reiches Gemeindeleben stattfindet: Als ich durch die Fensterscheiben blicke (die Tür ist leider abgeschlossen) sehe ich eine Menge moderner Instrumente am Altar stehen: Gitarren, aber auch viele Trommeln. Kein Wunder – denn die Kirchen in Indien sind Kirchen der Jugend. Und das spiegelt sich wohl auch in der Musik wieder.
Heute kommt erst einmal ein Nachtrag, der dem “Funkloch” in der Tee-Metropole Darjeeling geschuldet ist. Geschrieben wurde er am 16. Februar, dem Tag meiner Ankunft dort. Alsdenn, legen wir los:
Auf der Alb sei es einen Kittel kälter als im Neckartal, pflegt der Schwabe zu sagen. So zwei bis drei Grad seien dies umgerechnet. Im Vergleich zur Calcutta, wo es gestern Nachmittag drückend schwül war, ist es hier in Darjeeling im Moment also mindestens vier Kittel kälter. Wenn nicht gar fünf.

Koloniale Atmosphäre auf der Terrasse des Planter's Club in Darjeeling.
Während ich dies schreibe, kommt dich tatsächlich über der Terrrasse des Planter’s Club, wo zu Kolonialzeiten die britischen Teeplantagenbesitzer dem Alkohole frönten, die Sonne zum Vorschein. Nun ist es wieder einen Kittel wärmer. Die Briten sollen übrigens früher bis zum Abend gezecht haben und dann sturzbetrunken aufs hohe Ross gestiegen sein. Die Pferde hätten schon alleine heimgefunden.
Nun, bis abends will ich hier nicht sitzen. Gleich soll mich ein Auto holen und zum Steinthal Tea Estate bringen. Ort, inmitten von Teebüschen, soll dann für die nächsten beiden Nächte mein Domizil sein.
Womit eine Frage beantwortet wäre: Die etwas mehr als zehnstündigeFahrt im Nachtzug vom Bahnhof Sealdeahl in Calcutta nach Siligui hab ich gut überstanden. Abenteuerlicher war schon der Ritt im Jeep-Taxi hier hoch in die Berge. Streckenweise zu elf sind wird dringesessen. Und Michael, ein Musiker aus Buffallo in den USA, der vier Monate durch den Osten Indiens reist, und ich, wurden herzlichst von allen Seiten gedrückt.
Wild ging es zu auf den holprigen Straßen in die Berge. Der Bahnhof lag auf etwa 60 Meter Seehöhe. Jetzt sind es rund 2000. Zuweilen war der Pass so eng, daß ich nicht glaubte, daß hier zwei Autos aneinander vorbei kämen. Es klappte aber doch. Nur Bus habe ich in diesen dreieinhalb Stunden, die wir für die 80 Kilometer brauchten, keinen gesehen. Was mich nicht wundert.
Die Schmalspur-Bahnlinie von Siliguri ist übrigens gesperrt. Wegen Erdrutsch, sagt man mir. Ich habe nicht den Eindruck, daß sie allzu schnell saniert würde. Vielleicht ist das ja auch ein Konjunkturprogramm für Jeep-Taxis.
Was mir während der Fahrt auch noch auffällt: Die Tempel wechseln. Nun dominieren nicht mehr Kali und Krishna, sondern buddhistische Gebetsstätten, auch Klöster dieser Religion sieht man. Die Gegend hier ist nämlich gar nicht so lang besiedelt. Sie war weitgehend menschenleer, als sie die Briten als Sommerfrische entdeckten und vom König von Sikkim pachteten.
Und da Menschen aus Nepal als Wallfahrer über die Berge kamen, fragten sie die Briten, als der Teeanbau vor etwas mehr als 150 Jahren startete, ob sie nicht zum Arbeiten bleiben wollten. Mittlerweile stellen die Nepali übrigens die Bevölkerungsmehrheit. So, der Fahrer ist da. Er wird mich zu einer der ältesten Plantagen bringen, die es hier gibt: Steinthal-Singtom.

Von einem deutschen Pfarrer ins Leben gerufen: die Teeplantage von Steinthal-Singtam in Darjeeling.
Vor etwas mehr als 150 Jahren machte hier ein Pfarrer aus Deutschland Versuche mit Teesträuchern und entschied sich für die chinesische Variante, die (wie sich später herausstellte) erheblich langlebiger ist als das indische Pendant, das zum Beispiel im Flachland von Assam angepflanzt wurde. Steinthals Interesse für Tee verschaffte übrigens den armen Menschen dort eine Perspektive. Es gibt Familien, die nun schon in der vierten oder fünften Generation in der Plantage (im Darjeeling spricht man von “Teegarten”) nicht nur arbeiten, sondern auch leben. In kleinen Häuschen, die im Vergleich zu Calcuttas vielen Halb-Ruinen fast schon luxuriös anmuten. Drumherum halten sie sich ein Schwein und ein paar Hühner. Bescheidener Wohlstand, der aber drauf schließen läßt, daß es den Menschen hier gut geht.
Des Pfarrers Engagement führte auch dazu, daß es in dieser Region überdurchschnittlich viele Christen gibt. In Darjeeling residiert sogar ein katholischer Bischof, der für Darjeeling, Sikkim und Bhutan zuständig ist. Auf etwas mehr als 48 000 Quadratkilometern (etwa so viel wie Niedersachsen hat) gibt es allerdings nur 35 Pfarreien. Zum Vergleich: Rottenburg hat auf knapp 20 000 Quadratkilometern fast 1000.

Wasser für die Menschen im Teegarten: der Jesus-Brunnen.
Aber nicht so sehr Darjeelings Stellung als Bischofssitz ist es, die mich beeindruckt, sondern eher die kleinen Zeichen des Glaubens. Etwa der “Jesus-Brunnen”, der den Menschen inmitten der Plantage Wasser spendet oder das kleine Gebetshaus, in dem man sich trifft und in dem offensichtlich ein reiches Gemeindeleben stattfindet: Als ich durch die Fensterscheiben blicke (die Tür ist leider abgeschlossen) sehe ich eine Menge moderner Instrumente am Altar stehen: Gitarren, aber auch viele Trommeln. Kein Wunder – denn die Kirchen in Indien sind Kirchen der Jugend. Und das spiegelt sich wohl auch in der Musik wieder.
Samstag, 25. Februar 2012
Bonbibi schützt vor Tigern
Zu den populärsten Göttinnen Indiens zählt sie nicht. Das aber liegt daran, das Bonbibi ein recht begrenztes Zuständigkeitsgebiet hat: den Dschungel in den Sundarbans. Dort aber finden sich zuhauf Tempel für sie. Denn Bonbibi soll vor Tigern schützen. Und die sind dort nicht nur eine virtuelle Gefahr. Sondern eine höchst konkrete Bedrohung.

Die Fischer, die sich bei Flut in die kleinen Kanäle des Nationalparks trauen, die Honigsammler, die im Mangrovenwald den süßen Saft ernten wollen – sie alle wissen nicht, ob sie abends wieder heimkommen. Die Macht des Tigers ist hier allgegenwärtig. Und daher wird Bonbibi nicht nur von den Hindus verehrt, sondern sogar von den Moslems, die sich hier (in der Regel nach ihrer Flucht aus dem nahen Bangla Desh) niedergelassen haben. Und auch die Anhänger der Naturrreligionen, die Adivasi, fürchten das mächtige Tier.
An Bonbibis Seite findet man in den kleinen (oft aus Bambus errichteten) Tempeln häufig ihren Zwillingsbruder Shaha Jangoli. In den Sundarbans ranken sich eine Menge Legenden um die beiden.
An Bonbibis Seite findet man in den kleinen (oft aus Bambus errichteten) Tempeln häufig ihren Zwillingsbruder Shaha Jangoli. In den Sundarbans ranken sich eine Menge Legenden um die beiden. Und manchmal wird neben ihnen auch noch ein Tiger dargestellt – der soll Dakshin Rai darstellen. Einst soll er ein brahmanischer Weise gewesen sein, dann aber aus Gier beschlossen haben, Menschen zu verspeisen. Als er einen jungen Mann auffressen möchte, betet der zu Bonbibi. Die eilt flugs samt Shaha Jangoli herbei und besiegt den Bösen.
Übrigens: Bonbibis Schutz hilft nur, wenn die Menschen keine Spuren im Urwald hinterlassen. Und daher verzichten die Fischer und Honigsammler doch tatsächlich dort auf das ansonsten in Indien so beliebte Spucken auf den Boden…

Seite an Seite: Bonbibi, ihr Zwillingsbruder Shaha Jangoli und ihr Widersacher Dakshin Rai (in Gestalt eines Tigers)
Die Fischer, die sich bei Flut in die kleinen Kanäle des Nationalparks trauen, die Honigsammler, die im Mangrovenwald den süßen Saft ernten wollen – sie alle wissen nicht, ob sie abends wieder heimkommen. Die Macht des Tigers ist hier allgegenwärtig. Und daher wird Bonbibi nicht nur von den Hindus verehrt, sondern sogar von den Moslems, die sich hier (in der Regel nach ihrer Flucht aus dem nahen Bangla Desh) niedergelassen haben. Und auch die Anhänger der Naturrreligionen, die Adivasi, fürchten das mächtige Tier.
An Bonbibis Seite findet man in den kleinen (oft aus Bambus errichteten) Tempeln häufig ihren Zwillingsbruder Shaha Jangoli. In den Sundarbans ranken sich eine Menge Legenden um die beiden.
An Bonbibis Seite findet man in den kleinen (oft aus Bambus errichteten) Tempeln häufig ihren Zwillingsbruder Shaha Jangoli. In den Sundarbans ranken sich eine Menge Legenden um die beiden. Und manchmal wird neben ihnen auch noch ein Tiger dargestellt – der soll Dakshin Rai darstellen. Einst soll er ein brahmanischer Weise gewesen sein, dann aber aus Gier beschlossen haben, Menschen zu verspeisen. Als er einen jungen Mann auffressen möchte, betet der zu Bonbibi. Die eilt flugs samt Shaha Jangoli herbei und besiegt den Bösen.
Übrigens: Bonbibis Schutz hilft nur, wenn die Menschen keine Spuren im Urwald hinterlassen. Und daher verzichten die Fischer und Honigsammler doch tatsächlich dort auf das ansonsten in Indien so beliebte Spucken auf den Boden…
Freitag, 24. Februar 2012
Subhash Chandra Bose
Bei manchen Dingen fragt man sich, warum sie so sind, wie sie sind. Ich zum Beispiel frage mich, ob es Zufall ist, dass ich bisher noch nie was von Subhash Chandra Bose gehört habe, obwohl doch Zeitgeschichte im Allgemeinen und die Jahre von Beginn des Ersten bis Ende des Zweiten Weltkrieges durchaus mein Steckenpferd sind. Sie kennen den Mann auch nicht? Dann herzlich willkommen im Club!
Aber es ist ja immerhin besser, etwas spät zu erfahren, als gar nicht. Mir ist Subhash Chandra Bose im kleinen westbengalischen Dörfchen Karanjali zum ersten Mal ins Bewusstsein gerückt. Auch da war er auf vielen Plakaten zum Nationalfeiertag, die ich später auch in Kolkata entdeckt habe, zusammen mit Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru zu sehen, die auch in Deutschland als Helden der Befreiung Indiens vom britischen Kolonialjoch wohl jeder kennt. Auf dem Subkontinent ist ihnen Subhash Chandra Bose indes mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar einen Tick voraus. Oscar-Preisträger und Kult-Komponist A. R. Rahman (“Slumdog Millionaire”) hat dem früheren Oberbürgermeister von Calcutta, der von den Briten mehrfach ins Gefängnis gesteckt und unter Hausarrrest gestellt wurde, gar eine Suite geschrieben, die beim Konzert des Filmorchesters Babelsberg hier im Stadtteil Science City vor kurzem vom Publikum umjubelt wurde.
Boses Unbekanntheit in Deutschland rührt vermutlich daher, dass er (sagen wir mal so) “die falschen Freunde hatte”. Bose war nämlich völlig anderer Meinung als Mahatma Gandhi, der die Engländer friedlich aus dem Land ekeln wollte. Er wollte den Weg der Gewalt gehen. Und tat das auch, indem er in Singapur die Indische National-Armee gründete und damit Richtung Heimatland marschierte – als Hilfstruppe der Japaner, die 1943 noch weite Teile Asiens besetzt hielten.

Zuvor hatte er allerdings einige Zeit in Deutschland verbracht. Und damit wären wir wohl bei des Pudels Kern. Er machte Adolf Hitler den Hof, weil er sich erhoffte, mit Deutschlands Diktator gemeinsam die Briten zu verjagen. Doch der hielt ihn hin, weigerte sich erstaunlicherweise, eine Erklärung zur Unabhängigkeit Indiens abzugeben (vermutlich, weil die Inder seinen Rassen-Ideologie nicht entsprachen), nahm aber die Gründung der “Indischen Legion”, die sich aus den Reihen indischer Kriegsgefangenen rekrutierte, dankend an. Die wurde unter anderem in Annaburg (etwa 70 Kilometer von Nürtingens Partnerstadt Zerbst in Sachsen-Anhalt gelegen) ausgebildet und dann der Waffen-SS unterstellt.
Boses Rückreise nach Fernost lief übrigens unter abenteuerlichen Umständen ab: Am 8. Februar 1943 legte er mit einem U-Boot in Kiel ab und wurde damit gen Madagaskar geschippert, in dessen Nähe ihn dann am 28. April die Japaner übernahmen – wieder mit einem U-Boot. In Singapur ging es dann wieder Wochen später an Land.
Mit seiner INA, die auch heute noch in Indien höchstes Ansehen genießt, überschritt er im Jahre 1944 von Birma die Grenze seines Heimatlandes. Als jedoch seine Schutzmacht Japan kapitulierte, war es auch mit der gewaltsamen Befreiung Indiens vorbei. Auch die INA gab auf.
Da war Bose schon tot. Oder nicht? Es hieß, er sei am 18. August 1945 auf dem Flug nach Tokio über Taiwan abgestürzt. Seine Leiche wurde indes nie gefunden – was in Indien zu vielen Mythen führt. Auch in Deutschland waren in den Nachkriegszeiten ja viele überzeugt, “der Führer” lebe noch. In Argentinien. Oder sonstwo.
“Führer” wurde übrigens auch Subhash Chandra Bose genannt. Auf Bengali: “Netaji“.
Mittelbar hat seine INA übrigens doch zum Abzug der Briten aus ihrer Kolonie beigetragen: In der Armee rebellierten die indischen Soldaten, in der Navy gab es eine Meuterei, weil sich die Inder in diesen Truppen weigerten, auf ihre Landsleute von der INA zu schießen. Auf den Schlachtfeldern in Birma kam es gar zu Verbrüderungsszenen. Und so mußte die Weltmacht auch auf diese Weise einsehen, daß sie die indische Sache nicht mehr unter Kontrolle halten konnte.
Boses Nähe zu Hitler sehen die Inder von heute vermutlich ebenso gelassen wie dessen Zeitgenossen. Der habe eben unter dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” gehandelt, höre ich immer wieder. Und Basav Bhattacharya, der mich nach Karanjali begleitet hat, sagt denn auch: “Uns war eben jeder Recht, der uns gegen die Engländer half.” Der Reputation des Freiheitskämpfers hat dies in seiner Heimat keinen Abbruch getan.
Übrigens: Der Flughafen von Calcutta, von dem aus ich jetzt gleich starte, heißt – Netaji Subhash Chandra Bose! Sogar den “Führer” haben sie also drin gelassen.
Aber es ist ja immerhin besser, etwas spät zu erfahren, als gar nicht. Mir ist Subhash Chandra Bose im kleinen westbengalischen Dörfchen Karanjali zum ersten Mal ins Bewusstsein gerückt. Auch da war er auf vielen Plakaten zum Nationalfeiertag, die ich später auch in Kolkata entdeckt habe, zusammen mit Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru zu sehen, die auch in Deutschland als Helden der Befreiung Indiens vom britischen Kolonialjoch wohl jeder kennt. Auf dem Subkontinent ist ihnen Subhash Chandra Bose indes mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar einen Tick voraus. Oscar-Preisträger und Kult-Komponist A. R. Rahman (“Slumdog Millionaire”) hat dem früheren Oberbürgermeister von Calcutta, der von den Briten mehrfach ins Gefängnis gesteckt und unter Hausarrrest gestellt wurde, gar eine Suite geschrieben, die beim Konzert des Filmorchesters Babelsberg hier im Stadtteil Science City vor kurzem vom Publikum umjubelt wurde.
Boses Unbekanntheit in Deutschland rührt vermutlich daher, dass er (sagen wir mal so) “die falschen Freunde hatte”. Bose war nämlich völlig anderer Meinung als Mahatma Gandhi, der die Engländer friedlich aus dem Land ekeln wollte. Er wollte den Weg der Gewalt gehen. Und tat das auch, indem er in Singapur die Indische National-Armee gründete und damit Richtung Heimatland marschierte – als Hilfstruppe der Japaner, die 1943 noch weite Teile Asiens besetzt hielten.

Der "Führer" wird auch heute noch hoch verehrt: Subhash Chandra Bose
Zuvor hatte er allerdings einige Zeit in Deutschland verbracht. Und damit wären wir wohl bei des Pudels Kern. Er machte Adolf Hitler den Hof, weil er sich erhoffte, mit Deutschlands Diktator gemeinsam die Briten zu verjagen. Doch der hielt ihn hin, weigerte sich erstaunlicherweise, eine Erklärung zur Unabhängigkeit Indiens abzugeben (vermutlich, weil die Inder seinen Rassen-Ideologie nicht entsprachen), nahm aber die Gründung der “Indischen Legion”, die sich aus den Reihen indischer Kriegsgefangenen rekrutierte, dankend an. Die wurde unter anderem in Annaburg (etwa 70 Kilometer von Nürtingens Partnerstadt Zerbst in Sachsen-Anhalt gelegen) ausgebildet und dann der Waffen-SS unterstellt.
Boses Rückreise nach Fernost lief übrigens unter abenteuerlichen Umständen ab: Am 8. Februar 1943 legte er mit einem U-Boot in Kiel ab und wurde damit gen Madagaskar geschippert, in dessen Nähe ihn dann am 28. April die Japaner übernahmen – wieder mit einem U-Boot. In Singapur ging es dann wieder Wochen später an Land.
Mit seiner INA, die auch heute noch in Indien höchstes Ansehen genießt, überschritt er im Jahre 1944 von Birma die Grenze seines Heimatlandes. Als jedoch seine Schutzmacht Japan kapitulierte, war es auch mit der gewaltsamen Befreiung Indiens vorbei. Auch die INA gab auf.
Da war Bose schon tot. Oder nicht? Es hieß, er sei am 18. August 1945 auf dem Flug nach Tokio über Taiwan abgestürzt. Seine Leiche wurde indes nie gefunden – was in Indien zu vielen Mythen führt. Auch in Deutschland waren in den Nachkriegszeiten ja viele überzeugt, “der Führer” lebe noch. In Argentinien. Oder sonstwo.
“Führer” wurde übrigens auch Subhash Chandra Bose genannt. Auf Bengali: “Netaji“.
Mittelbar hat seine INA übrigens doch zum Abzug der Briten aus ihrer Kolonie beigetragen: In der Armee rebellierten die indischen Soldaten, in der Navy gab es eine Meuterei, weil sich die Inder in diesen Truppen weigerten, auf ihre Landsleute von der INA zu schießen. Auf den Schlachtfeldern in Birma kam es gar zu Verbrüderungsszenen. Und so mußte die Weltmacht auch auf diese Weise einsehen, daß sie die indische Sache nicht mehr unter Kontrolle halten konnte.
Boses Nähe zu Hitler sehen die Inder von heute vermutlich ebenso gelassen wie dessen Zeitgenossen. Der habe eben unter dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” gehandelt, höre ich immer wieder. Und Basav Bhattacharya, der mich nach Karanjali begleitet hat, sagt denn auch: “Uns war eben jeder Recht, der uns gegen die Engländer half.” Der Reputation des Freiheitskämpfers hat dies in seiner Heimat keinen Abbruch getan.
Übrigens: Der Flughafen von Calcutta, von dem aus ich jetzt gleich starte, heißt – Netaji Subhash Chandra Bose! Sogar den “Führer” haben sie also drin gelassen.
Donnerstag, 23. Februar 2012
In letzter Minute
Es geht eben nichts über einen gesunden Nervenkitzel! Diesen Beitrag schreibe ich im Nachtzug von New Jalpaiguri (oder ganz kurz NJP, wie die Inder sagen) nach Calcutta. Seit 28 Minuten rollt er. Das muss extra erwähnt werden, denn lange Zeit sah es gar nicht so aus, als würde ich das schaffen. Und das, obwohl ich ein dickes Sicherheitspolster eingebaut hatte.
Um 8 Uhr abends verlässt der Postexpress den Bahnhof von NJP. Da muss es doch dicke reichen, wenn ich das Share-Taxi um 1 mittags nehme. Immerhin sind es gerade mal 113 Kilometer von Sikkims Hauptstadt Gangtok dorthin, und ich mache mir schon Gedanken, wie ich an einen Tipp für ein schönes Lokal mit heimischer Küche komme, wo ich noch mein Nachtmahl zu mir nehmen kann, bevor ich in den Zug steige.
Den Morgen hab ich also noch frei. Ich bekomme mein Frühstück aufs Zimmer serviert, denn das Restaurant im Hotel Tibet hat heute geschlossen. Den Grund dafür bekomme ich quasi auf dem Tablett serviert: Tibetische Neujahrskekse sowie eine Brühe, die ich nicht so recht einordnen kann. “Das ist wie tibetisches Bier”, sagt mir der Kellner: “Das müssen Sie an Neujahr einfach probieren.” Und das um kurz nach 9! Ich tu ihm dennoch den Gefallen. Wie Bier schmeckte es zwar nicht, aber gar nicht so übel. Der Herr Ober freut sich auf jeden Fall über das Lob.
Ich packe meine Sachen und entschließe mich, noch dem Zoo einen Besuch abzustatten. Ein Gemälde tags zuvor beim Mittagessen mit Sundip in Namchi hat mir richtig Lust drauf gemacht. Bis dahin wußte ich nämlich noch gar nicht, daß es auch einen roten Panda gibt. Und der soll dort in Gangtok zu sehen sein.

Der Taxifahrer verlangt zwar aus meiner Sicht unverschämt viel (250 Rupien oder 4 Euro oder sechs Kilo Reis für zwei Stunden), aber was soll ich machen? Zudem dachte ich eigentlich, daß der Zoo in der Stadt Gangtok sein muss. Aber es geht Serpentinen um Serpentinen bergauf, einmal mehr wird das Hochfest der Schlaglöcher gefeiert – und dan bremst uns auch noch ein Demonstrationszug aus. Etwa 1000 Tibeter protestieren zu Neujahr gegen die Unterdrückung ihrer Landsleute durch China: “Free Tibet!” Aus Solidarität warte ich natürlich gerne.
Die Kurven-Orgie danach scheint kein Ende zu nehmen, und als wir endlich im Zoo angekommen sind, bleibt im Grunde nur noch eine halbe Stunde. Also heißt es: Im Schweinsgalopp durch den Tiergarten! Gottseidank habe ich ein gutes Orientierungsvermögen und weiß zudem genau, was ich sehen will. Meine Erfahrung aus den Tiroler Bergen hilft mir zudem, die 150 Höhenmeter bis zum Schneeleoparden zügig zu überwinden.
Und da liegt er doch tatsächlich vor mir. Ich muss an das Gespräch ein paar Tage zuvor im Öko-Tourismus-Dorf von Tinchuley denken. “Ein Leopard ist nicht zu vergleichen mit einem bengalischen Tiger”, haben mir Dipendra Gurung und seine beiden Onkel da gesagt: “Ein Tiger frisst auch Menschen. Der Leopard ist aber nicht mehr als eine größere Katze.” Naja, ganz kann ich das nicht glauben. Aber die drei sind ja Gorkha und damit Angehörige eines Kriegervolkes. Denen macht so schnell nichts Angst.

Ich aber gehe schon ein paar Schritte zurück, als sich die große Katze schnell und geschmeidig auf mich zubewegt. Obwohl ich hinter dem Zaun ja eigentlich sicher bin. Doch was ich dann erlebe, bestätigt, die Gorkha-Theorie: Der Leopard schnurrt und reibt sein Haupt dann genauso wohlig auf dem Boden und an einem Pfosten wie früher mein Mohrle und jetzt die Lina. Und dann wirft der Herr oder die Dame (so genau kann ich das auf die Schnelle nicht feststellen) sich auch noch traumhaft in Positur. Ein Super-Model!
Das kann man vom roten Panda nicht gerade behaupten, der ein paar Mezer tiefer in einem Riesen-Gehege träge auf einem hohen Baumstumpf direkt in der Mitte hockt. Da muss das Zoom der Kamera schon alles geben, damit ich auch noch ein bissle davon festhalten kann. Aber immerhin: Aus der Ferne habe ich ihn mal gesehen.

Meine Jogging-Tour auf 2200 Meter Höhe geht wieder in Richtung Parkplatz. Ich bin zehn Minuten vor der Zeit da, also kann ich noch zu den Vögeln, die sich hier in der Natur erstaunlich rar machen. Silber- und Goldfasan defilieren vor mir, und dann höre ich aus einem Gehege um die Ecke komische Laute. Ich sehe nach und vor mir steht – ein roter Panda! Sein Pfleger, ein freundlicher Nepali, lockt ihn mit Futter auch dorthin, wo ich einigermaßen durch den Zaun fotografien kann. Einfach Klasse!
Von diesem Erfolgserlebnis beflügelt lasse ich mich 600 Höhenmeter nach unten zum Taxi-Stand bringen. Ich sitze hinten rechts. Scheint mein Stammplatz in den Bergen zu sein, irgendwie haben sich die Taxifahrer da abgesprochen. Drei junge Leute quetschen sich neben mich, aber diesmal sind wir nur zu neunt – und nicht 21 wie auf der Hinfahrt. Da kommt man sich ja richtig einsam vor!

Gut gelaunt geht es nun zu Tale. Aber schon nach 20 Minuten kommt der erste unfreiwillige Halt. Es rumpelt und pumpelt unter mir, wir müssen links ran. Klare Sache. der Reifen unter mir hat den Geist aufgegeben. Ich denke mir noch nicht viel dabei, wundere mich eher, wie schnell man hier mit einfachsten Mittel einen Reifenwechsel direkt an der Hauptverkehrader zustande bringt.
Auch die Grenzformalitäten gehen schnell. Ich muß meine Sondergenehmigung wieder abgeben und im Pass eine Unterschrift eintragen lassen. Die anderen brauchen nicht lange zu warten.
Schon ein paar Meter weiter in West-Bengalen, auf der anderen Seite des Teesta, ändert sich das. Wir stehen fast eine Stunde und erkennen den Grund erst später: Die marode Straße wird asphaltiert. Mit vorsintflutlichen Geräten. Oder zumindest solchen, die aus der britischen Kolonialzeit stammen. Und deswegen hat die Polizei den Verkehr erst einmal in beide Richtungen dicht gemacht.
Nun haben wir schon ganz schön Zeit auf der Piste gelassen. Umso mehr wundert es mich, daß der Mann am Steuer zwar zuerst tüchtig Gas gibt, nach 20 Minuten aber an einer Straßenküche anhält und eine Pause ausruft. Für die anderen ist das offensichtlich völlig normal. Sie nehmen auch noch in aller Ruhe etwas zu sich, während ich im Dorf auf und ab gehe und den Blick kaum von der Uhr wenden kann.
“Mach Dir keine Sorgen”, sagt der Mann vor mir. Wie sich herausstellt, ein früherer internationaler Fußball-Schiedsrichter (doch davon später). Deswegen glaube auch seinem: “Das reicht noch dicke!”
Wir unterhalten uns blendend. Bis wieder ein verhängnisvolles Geräusch an unsere Ohren dringt. Wieder direkt unter mir. Wieder ein Platter. Ob das an mir liegt? “Oh je, wir haben ein Problem”, raunt mir der junge Lepcha, der zuhause in Sikkim zu Besuch war und zurück nach Calcutta zum Studieren will, zu: “Meinen Bus nach Kolkata, den kann ich jetzt vergessen.” Und auch mir schwant Übles.

Doch während ich die Situation als ziemlich hoffnungslos einschätze, erlebe ich in der Dunkelkeit die positive Seite Indiens. Es dauert keine zehn Minuten, bis ein anderer Jeep anhält und uns bereitwillig sein Ersatzrad überlässt. Unser Fahrer soll ihm halt an beider Ziel, dem Taxi-Stand von Siliguri, wieder eins zurückgeben. Das bedeutet wieder Zeitverlust, auch wenn ich wieder über die Geschwindigkeit des Radwechsels staune. Die Jungs hier hätten Talent für die Formel 1. Eine Viertelstunde später machen wir an der nächsten Werkstatt halt. Bisher habe ich mich immer gewundert, warum es in Indien so viele Reifen-Services gibt. Seit heute frage ich mich nicht mehr, warum dem so ist.
Die Zeit verrinnt unerbittlich. Doch nun lerne ich auch die Flexibilität der Inder kennen. Der Schiri vor mir legt sich für einen jungen Maschinenbauingenieur, der auch nach Calcutta zur Arbeit muß, und mich ins Zeug. Er und der Fahrer finden eine Lösung. auf einem Markt ein paar Kilometer außerhalb von Siliguri werden sie uns absetzen. Von dort geht es dann mit der Auto-Rikscha weiter.
So gut wir uns unterhalten haben, so hektisch muss nun der Abschied sein. Es reicht gerade mal zum Austausch der Visitenkarten (das ist in Indien offensichtlich Ritual und muss ganz einfach sein), alle legen Hand an, um das Gepäck vom Dach des Jeep in das überdachte Dreirad zu hieven, und dann beginnt der große Wettlauf mit der Uhr. “Tuk Tuk” gegen “Tick Tack, Tick, Tack”. Der Blutdruck steigt, der Puls wird schneller – aber am Ende siegt Tuktuk gegen Ticktack. Wir haben es geschafft. In letzter Minute.
Und ich bin um ein indisches Erlebnis reicher.
Um 8 Uhr abends verlässt der Postexpress den Bahnhof von NJP. Da muss es doch dicke reichen, wenn ich das Share-Taxi um 1 mittags nehme. Immerhin sind es gerade mal 113 Kilometer von Sikkims Hauptstadt Gangtok dorthin, und ich mache mir schon Gedanken, wie ich an einen Tipp für ein schönes Lokal mit heimischer Küche komme, wo ich noch mein Nachtmahl zu mir nehmen kann, bevor ich in den Zug steige.
Den Morgen hab ich also noch frei. Ich bekomme mein Frühstück aufs Zimmer serviert, denn das Restaurant im Hotel Tibet hat heute geschlossen. Den Grund dafür bekomme ich quasi auf dem Tablett serviert: Tibetische Neujahrskekse sowie eine Brühe, die ich nicht so recht einordnen kann. “Das ist wie tibetisches Bier”, sagt mir der Kellner: “Das müssen Sie an Neujahr einfach probieren.” Und das um kurz nach 9! Ich tu ihm dennoch den Gefallen. Wie Bier schmeckte es zwar nicht, aber gar nicht so übel. Der Herr Ober freut sich auf jeden Fall über das Lob.
Ich packe meine Sachen und entschließe mich, noch dem Zoo einen Besuch abzustatten. Ein Gemälde tags zuvor beim Mittagessen mit Sundip in Namchi hat mir richtig Lust drauf gemacht. Bis dahin wußte ich nämlich noch gar nicht, daß es auch einen roten Panda gibt. Und der soll dort in Gangtok zu sehen sein.

Da schaut auch der Kuschelbär im Taxi: Tibeter demonstrieren zu Neujahr in Gangtok.
Der Taxifahrer verlangt zwar aus meiner Sicht unverschämt viel (250 Rupien oder 4 Euro oder sechs Kilo Reis für zwei Stunden), aber was soll ich machen? Zudem dachte ich eigentlich, daß der Zoo in der Stadt Gangtok sein muss. Aber es geht Serpentinen um Serpentinen bergauf, einmal mehr wird das Hochfest der Schlaglöcher gefeiert – und dan bremst uns auch noch ein Demonstrationszug aus. Etwa 1000 Tibeter protestieren zu Neujahr gegen die Unterdrückung ihrer Landsleute durch China: “Free Tibet!” Aus Solidarität warte ich natürlich gerne.
Die Kurven-Orgie danach scheint kein Ende zu nehmen, und als wir endlich im Zoo angekommen sind, bleibt im Grunde nur noch eine halbe Stunde. Also heißt es: Im Schweinsgalopp durch den Tiergarten! Gottseidank habe ich ein gutes Orientierungsvermögen und weiß zudem genau, was ich sehen will. Meine Erfahrung aus den Tiroler Bergen hilft mir zudem, die 150 Höhenmeter bis zum Schneeleoparden zügig zu überwinden.
Und da liegt er doch tatsächlich vor mir. Ich muss an das Gespräch ein paar Tage zuvor im Öko-Tourismus-Dorf von Tinchuley denken. “Ein Leopard ist nicht zu vergleichen mit einem bengalischen Tiger”, haben mir Dipendra Gurung und seine beiden Onkel da gesagt: “Ein Tiger frisst auch Menschen. Der Leopard ist aber nicht mehr als eine größere Katze.” Naja, ganz kann ich das nicht glauben. Aber die drei sind ja Gorkha und damit Angehörige eines Kriegervolkes. Denen macht so schnell nichts Angst.

Ein Super-Model: der Schnee-Leopard.
Ich aber gehe schon ein paar Schritte zurück, als sich die große Katze schnell und geschmeidig auf mich zubewegt. Obwohl ich hinter dem Zaun ja eigentlich sicher bin. Doch was ich dann erlebe, bestätigt, die Gorkha-Theorie: Der Leopard schnurrt und reibt sein Haupt dann genauso wohlig auf dem Boden und an einem Pfosten wie früher mein Mohrle und jetzt die Lina. Und dann wirft der Herr oder die Dame (so genau kann ich das auf die Schnelle nicht feststellen) sich auch noch traumhaft in Positur. Ein Super-Model!
Das kann man vom roten Panda nicht gerade behaupten, der ein paar Mezer tiefer in einem Riesen-Gehege träge auf einem hohen Baumstumpf direkt in der Mitte hockt. Da muss das Zoom der Kamera schon alles geben, damit ich auch noch ein bissle davon festhalten kann. Aber immerhin: Aus der Ferne habe ich ihn mal gesehen.

Da ist er doch noch: der rote Panda!
Meine Jogging-Tour auf 2200 Meter Höhe geht wieder in Richtung Parkplatz. Ich bin zehn Minuten vor der Zeit da, also kann ich noch zu den Vögeln, die sich hier in der Natur erstaunlich rar machen. Silber- und Goldfasan defilieren vor mir, und dann höre ich aus einem Gehege um die Ecke komische Laute. Ich sehe nach und vor mir steht – ein roter Panda! Sein Pfleger, ein freundlicher Nepali, lockt ihn mit Futter auch dorthin, wo ich einigermaßen durch den Zaun fotografien kann. Einfach Klasse!
Von diesem Erfolgserlebnis beflügelt lasse ich mich 600 Höhenmeter nach unten zum Taxi-Stand bringen. Ich sitze hinten rechts. Scheint mein Stammplatz in den Bergen zu sein, irgendwie haben sich die Taxifahrer da abgesprochen. Drei junge Leute quetschen sich neben mich, aber diesmal sind wir nur zu neunt – und nicht 21 wie auf der Hinfahrt. Da kommt man sich ja richtig einsam vor!

So ein Pech: Plattfuß nach 20 Kilometern.
Gut gelaunt geht es nun zu Tale. Aber schon nach 20 Minuten kommt der erste unfreiwillige Halt. Es rumpelt und pumpelt unter mir, wir müssen links ran. Klare Sache. der Reifen unter mir hat den Geist aufgegeben. Ich denke mir noch nicht viel dabei, wundere mich eher, wie schnell man hier mit einfachsten Mittel einen Reifenwechsel direkt an der Hauptverkehrader zustande bringt.
Auch die Grenzformalitäten gehen schnell. Ich muß meine Sondergenehmigung wieder abgeben und im Pass eine Unterschrift eintragen lassen. Die anderen brauchen nicht lange zu warten.
Schon ein paar Meter weiter in West-Bengalen, auf der anderen Seite des Teesta, ändert sich das. Wir stehen fast eine Stunde und erkennen den Grund erst später: Die marode Straße wird asphaltiert. Mit vorsintflutlichen Geräten. Oder zumindest solchen, die aus der britischen Kolonialzeit stammen. Und deswegen hat die Polizei den Verkehr erst einmal in beide Richtungen dicht gemacht.
Nun haben wir schon ganz schön Zeit auf der Piste gelassen. Umso mehr wundert es mich, daß der Mann am Steuer zwar zuerst tüchtig Gas gibt, nach 20 Minuten aber an einer Straßenküche anhält und eine Pause ausruft. Für die anderen ist das offensichtlich völlig normal. Sie nehmen auch noch in aller Ruhe etwas zu sich, während ich im Dorf auf und ab gehe und den Blick kaum von der Uhr wenden kann.
“Mach Dir keine Sorgen”, sagt der Mann vor mir. Wie sich herausstellt, ein früherer internationaler Fußball-Schiedsrichter (doch davon später). Deswegen glaube auch seinem: “Das reicht noch dicke!”
Wir unterhalten uns blendend. Bis wieder ein verhängnisvolles Geräusch an unsere Ohren dringt. Wieder direkt unter mir. Wieder ein Platter. Ob das an mir liegt? “Oh je, wir haben ein Problem”, raunt mir der junge Lepcha, der zuhause in Sikkim zu Besuch war und zurück nach Calcutta zum Studieren will, zu: “Meinen Bus nach Kolkata, den kann ich jetzt vergessen.” Und auch mir schwant Übles.

Kampf gegen den zweiten Plattfuß.
Doch während ich die Situation als ziemlich hoffnungslos einschätze, erlebe ich in der Dunkelkeit die positive Seite Indiens. Es dauert keine zehn Minuten, bis ein anderer Jeep anhält und uns bereitwillig sein Ersatzrad überlässt. Unser Fahrer soll ihm halt an beider Ziel, dem Taxi-Stand von Siliguri, wieder eins zurückgeben. Das bedeutet wieder Zeitverlust, auch wenn ich wieder über die Geschwindigkeit des Radwechsels staune. Die Jungs hier hätten Talent für die Formel 1. Eine Viertelstunde später machen wir an der nächsten Werkstatt halt. Bisher habe ich mich immer gewundert, warum es in Indien so viele Reifen-Services gibt. Seit heute frage ich mich nicht mehr, warum dem so ist.
Die Zeit verrinnt unerbittlich. Doch nun lerne ich auch die Flexibilität der Inder kennen. Der Schiri vor mir legt sich für einen jungen Maschinenbauingenieur, der auch nach Calcutta zur Arbeit muß, und mich ins Zeug. Er und der Fahrer finden eine Lösung. auf einem Markt ein paar Kilometer außerhalb von Siliguri werden sie uns absetzen. Von dort geht es dann mit der Auto-Rikscha weiter.
So gut wir uns unterhalten haben, so hektisch muss nun der Abschied sein. Es reicht gerade mal zum Austausch der Visitenkarten (das ist in Indien offensichtlich Ritual und muss ganz einfach sein), alle legen Hand an, um das Gepäck vom Dach des Jeep in das überdachte Dreirad zu hieven, und dann beginnt der große Wettlauf mit der Uhr. “Tuk Tuk” gegen “Tick Tack, Tick, Tack”. Der Blutdruck steigt, der Puls wird schneller – aber am Ende siegt Tuktuk gegen Ticktack. Wir haben es geschafft. In letzter Minute.
Und ich bin um ein indisches Erlebnis reicher.
Dienstag, 21. Februar 2012
Völkerkunde beim Thungba
Ein Hauch von Al Capone wehte durch den Nebel vom Sikkim: Mein zweiter Ausflug im kleinen indischen Bundesstaat an der Grenze zu China führt mich nach Namchi. Erneut zu (erstaunlich neuen) buddhistischen oder hinduistischen Heiligtümern, aber auch durch herrliche Wälder und einen riesigen Teegarten.
Drei Stunden dauerte die Fahrt durch Dunst und Nebel, der Kanchenzunga gab sich erneut nicht die Ehre. Sundip Rai, der 25jährige Christ am Steuer, hat tapfer durchgehalten und wußte bestens über die Details der Klöster und Tempel Bescheid, setzte aber nie einen Fuß in deren inneren Bezirk, wo man die Schuhe ausziehen muss. Er wartete lieber draußen, bis ich wieder zurückkam.
Auf dem Rückweg vom “hohen Himmel” (so heißt Namchi, das auf 1625 Metern liegt und etwas mehr Einwohner als Aichtal hat, übersetzt) kommen wir durch ein kleines Dorf. Zehn Häuser. Davon fünf mit Läden. “Hast Du schon mal Bambuswein getrunken”, fragt Sundip mich. Ich schüttle den Kopf. “Den mußt Du probieren, warte mal!”
Und jetzt wird es konspirativ. Wie zur Zeiten der Prohibition in Amerika, als die Mafia große Geschäfte machte. Sundip fragt ein Mädchen, das am Eingang eines der Läden steht, etwas auf Nepali. Das schüttelt ganz erschrocken den Kopf. Bei einem jungen Mann hat er mehr Glück. Der zwinkert mit dem linken Auge und deutet auf den Laden gegenüber.
Mein Fahrer steigt aus dem Wagen und flüstert dort einer jungen Frau was ins Ohr. Sie nickt und winkt uns in die kleine Bude, schickt ihre kleine Schwester nach hinten – wohl um bei der Mutter was zu holen.
Etwa fünf Minuten später steht ein erstaunliches Gebräu vor mir. In einem Plastikbecher befindet sich eine Masse, die ich nicht so recht einordnen kann. Drei junge Einheimische betreten den Laden und grinsen breit, als sie mich am roten Plastiktisch sitzen sehen. Und sie recken den Daumen nach oben.
Während die junge Wirtin mir heißes Wasser auf das rot-violette Etwas gießt und sagt, ich müsse nun etwa fünf Minuten warten, bis die Sache zu gären anfange, erklären sie mir, dass vor mir “Thungba” steht. Ihr Nationalgetränk. Sie nennen es sogar “tribal drink”. Stammesgetränk.
Die Maische besteht offensichtlich aus jungen Bambusblätter und Hirse, und langsam fängt sie zu blubbern an. Jetzt darf ich den Strohhalm ansetzen. Die Jungs aus Sikkim machen es spiegelverkehrt. Sie greifen zu Westlich-Hochprozentigem: Whisky. Und zwar so, wie es J.R. und Sue Ellen dereinst in Dallas alle Ehre gemacht hätte. Bei den Buddhisten gibt es offensichtlich kein generelles Alkoholverbot. Mir kommt in den Sinn, was Dipendra Gurung, in dessen Öko-Tourismusprojekt im Darjeeling ich übernachtet habe, mir zwei Tage zuvor sagte: “Wir Gorkha hier sind Krieger. Wir trinken gerne. Aber dann arbeiten wir auch wieder hart.”

Man bedeutet mir, dass der Thumba-Ausschank hier nicht gerade legal ist – ohne dass ich allerdings dahinter komme, warum. Auf jeden Fall besteht einer der Jungs darauf, beim Erinnerungsfoto das Tuch, das hier viele gegen den Smog über dem Mund tragen, hochzuziehen. Ob er wirklich fürchtet, per Internet gefasst zu werden? Sei’s drum. Es sieht auf jeden Fall spektakulärer aus.
Und während Frau Wirtin heißes Wasser nachgießt und damit eine Art Bambus-Hirse-Glühwein zaubert, bekomme ich einen Crashkurs in Sachen Völkerkunde. In Sikkim sind “die Inder” nämlich in der Minderzahl. Die Mehrzahl stellen die Bergvölker.
Der Wortführer der drei ist Nepali (was mir noch am ehesten ein Begriff ist). Seine beiden Kumpels gehören zu den Lepcha, die als Ureinwohner Sikkims gelten – ohne dass man weiß, woher sie denn kamen (Tibet gilt als die wahrscheinlichste Variante). Und Frau Wirtin zählt zu den Bhutia mit Wurzeln in Bhutan. Die Dinge sind eben oft viel differenzierter als man denkt.
Aber nun müssen wir wieder aufbrechen. Sonst kommen wir zu sehr in die Nacht hinein. Sundip (übrigens ein Bengale) drückt mir noch ein Blatt in die Hand, das mit Kardamom und einigen Holzstücken gefüllt ist und auf dem ich herumkauen soll. “Danach ist der Alkohol weg”, sagt er: “Außerdem gibt es frischen Atem.” Wie sich herausstellt, ist beides leicht übertrieben. Aber auch das muss man mal probiert werden.
Die Fahrt zieht sich und zieht sich. Kurve reiht sich an Kurve. Und dann wird Sundip plötzlich ganz persönlich: “Weißt Du, vor einem Jahr war ich sehr traurig. Da ist unser erstes Kind gleich am ersten Tag gestorben. Aber jetzt bin ich glücklich. Meine Frau ist wieder schwanger, und in vier Monaten kommt unser zweites Baby!”
Ob es da nach der Taufe Thungba gibt, weiß ich nicht. Aber daß mir ein 25-jähriger, den ich noch vor Stunden gar nicht kannte, auf einem Bergpass im Himalaya plötzlich sein Herz ausschüttet, das berührt mich schon sehr. Und es zeigt mir die Kraft des Gesprächs von Mensch zu Mensch. Ob mit Thungba oder ohne.
PS: In einer früheren Version des Artikels war noch von “Thumba” die Rede. Mein Freund und Experte Basav Bjattacharya aufgeklärt, was korrekt ist: Thungba.
Drei Stunden dauerte die Fahrt durch Dunst und Nebel, der Kanchenzunga gab sich erneut nicht die Ehre. Sundip Rai, der 25jährige Christ am Steuer, hat tapfer durchgehalten und wußte bestens über die Details der Klöster und Tempel Bescheid, setzte aber nie einen Fuß in deren inneren Bezirk, wo man die Schuhe ausziehen muss. Er wartete lieber draußen, bis ich wieder zurückkam.
Auf dem Rückweg vom “hohen Himmel” (so heißt Namchi, das auf 1625 Metern liegt und etwas mehr Einwohner als Aichtal hat, übersetzt) kommen wir durch ein kleines Dorf. Zehn Häuser. Davon fünf mit Läden. “Hast Du schon mal Bambuswein getrunken”, fragt Sundip mich. Ich schüttle den Kopf. “Den mußt Du probieren, warte mal!”
Und jetzt wird es konspirativ. Wie zur Zeiten der Prohibition in Amerika, als die Mafia große Geschäfte machte. Sundip fragt ein Mädchen, das am Eingang eines der Läden steht, etwas auf Nepali. Das schüttelt ganz erschrocken den Kopf. Bei einem jungen Mann hat er mehr Glück. Der zwinkert mit dem linken Auge und deutet auf den Laden gegenüber.
Mein Fahrer steigt aus dem Wagen und flüstert dort einer jungen Frau was ins Ohr. Sie nickt und winkt uns in die kleine Bude, schickt ihre kleine Schwester nach hinten – wohl um bei der Mutter was zu holen.
Etwa fünf Minuten später steht ein erstaunliches Gebräu vor mir. In einem Plastikbecher befindet sich eine Masse, die ich nicht so recht einordnen kann. Drei junge Einheimische betreten den Laden und grinsen breit, als sie mich am roten Plastiktisch sitzen sehen. Und sie recken den Daumen nach oben.
Während die junge Wirtin mir heißes Wasser auf das rot-violette Etwas gießt und sagt, ich müsse nun etwa fünf Minuten warten, bis die Sache zu gären anfange, erklären sie mir, dass vor mir “Thungba” steht. Ihr Nationalgetränk. Sie nennen es sogar “tribal drink”. Stammesgetränk.
Die Maische besteht offensichtlich aus jungen Bambusblätter und Hirse, und langsam fängt sie zu blubbern an. Jetzt darf ich den Strohhalm ansetzen. Die Jungs aus Sikkim machen es spiegelverkehrt. Sie greifen zu Westlich-Hochprozentigem: Whisky. Und zwar so, wie es J.R. und Sue Ellen dereinst in Dallas alle Ehre gemacht hätte. Bei den Buddhisten gibt es offensichtlich kein generelles Alkoholverbot. Mir kommt in den Sinn, was Dipendra Gurung, in dessen Öko-Tourismusprojekt im Darjeeling ich übernachtet habe, mir zwei Tage zuvor sagte: “Wir Gorkha hier sind Krieger. Wir trinken gerne. Aber dann arbeiten wir auch wieder hart.”

Konspiratives Treffen mit Bambus-Hirse-Wein (im Vordergrund): Thungba-Trinken ist in Sikkim anscheinend nicht ganz legal
Man bedeutet mir, dass der Thumba-Ausschank hier nicht gerade legal ist – ohne dass ich allerdings dahinter komme, warum. Auf jeden Fall besteht einer der Jungs darauf, beim Erinnerungsfoto das Tuch, das hier viele gegen den Smog über dem Mund tragen, hochzuziehen. Ob er wirklich fürchtet, per Internet gefasst zu werden? Sei’s drum. Es sieht auf jeden Fall spektakulärer aus.
Und während Frau Wirtin heißes Wasser nachgießt und damit eine Art Bambus-Hirse-Glühwein zaubert, bekomme ich einen Crashkurs in Sachen Völkerkunde. In Sikkim sind “die Inder” nämlich in der Minderzahl. Die Mehrzahl stellen die Bergvölker.
Der Wortführer der drei ist Nepali (was mir noch am ehesten ein Begriff ist). Seine beiden Kumpels gehören zu den Lepcha, die als Ureinwohner Sikkims gelten – ohne dass man weiß, woher sie denn kamen (Tibet gilt als die wahrscheinlichste Variante). Und Frau Wirtin zählt zu den Bhutia mit Wurzeln in Bhutan. Die Dinge sind eben oft viel differenzierter als man denkt.
Aber nun müssen wir wieder aufbrechen. Sonst kommen wir zu sehr in die Nacht hinein. Sundip (übrigens ein Bengale) drückt mir noch ein Blatt in die Hand, das mit Kardamom und einigen Holzstücken gefüllt ist und auf dem ich herumkauen soll. “Danach ist der Alkohol weg”, sagt er: “Außerdem gibt es frischen Atem.” Wie sich herausstellt, ist beides leicht übertrieben. Aber auch das muss man mal probiert werden.
Die Fahrt zieht sich und zieht sich. Kurve reiht sich an Kurve. Und dann wird Sundip plötzlich ganz persönlich: “Weißt Du, vor einem Jahr war ich sehr traurig. Da ist unser erstes Kind gleich am ersten Tag gestorben. Aber jetzt bin ich glücklich. Meine Frau ist wieder schwanger, und in vier Monaten kommt unser zweites Baby!”
Ob es da nach der Taufe Thungba gibt, weiß ich nicht. Aber daß mir ein 25-jähriger, den ich noch vor Stunden gar nicht kannte, auf einem Bergpass im Himalaya plötzlich sein Herz ausschüttet, das berührt mich schon sehr. Und es zeigt mir die Kraft des Gesprächs von Mensch zu Mensch. Ob mit Thungba oder ohne.
PS: In einer früheren Version des Artikels war noch von “Thumba” die Rede. Mein Freund und Experte Basav Bjattacharya aufgeklärt, was korrekt ist: Thungba.
Montag, 20. Februar 2012
Nebel über Sikkim
Warum hatte ich mir doch gleich diesen Ausflug nach Sikkim vorgenommen? Achja, ich erinnere mich dunkel: Ich wollte die Gipfel des Himalaya sehen. Doch der zickt herum. Vermutlich ist er eingeschnappt, weil er weiß, welch großer Fan der Alpen ich bin. Also verbirgt er sich, seit ich hier bin. Schon beleidigt! Und ich genieße auf meiner Rundfahrt in und um Gangtok vor allen eins: den Ausblick auf den Nebel.
Mein Taxifahrer, der zudem als Stadtführer fungiert (wobei sich diese Eigenschaft darauf beschränkt, daß er mir sagt, wo ich nun hinlaufen soll), ist unerschütterlich, wenn es gilt, das Programm abzuspulen. An der ersten Station, den Wasserfällen von Bakthang, ist zumindest noch ein bißle was zu erkennen. Was mich in der Nebelsuppe richtig freut, obgleich für mich die Uracher Wasserfälle wesentlich spektakulärer sind. Aber auf der anderen Seite zeigt es ja auch, welch hohen Rang in Indien Wasser genießt.

An der dritten Station fühle ich mich indes gewaltig an die Hoch-Zeit des absurden Theaters erinnert. Der junge Mann, erklärter Fan von Manchester United, fährt mich doch tatsächlich zum Tashi-Aussichtspunkt. Von der Straße muß ich noch etwa 30 Höhenmeter überwinden und sehe dann – absolut nichts!
Aber immerhin weiß ich nun, dass ich hinter dem Pavillon Indiens höchsten Berg, den Kangchendzönga (mit 8598 Metern die Nummer 3 auf der Welt) sehen könnte, wenn ich ihn denn sehen könnte. Sehr interessant! Aber Bewegung tut ja auch im Nebel gut.

Dazwischen lag aber ein echter Höhepunkt: Schon auf dem Fußweg zum Gansong Kloster bewundere ich die Malereien an der Mauer. Vor der großen Halle weiß ich nicht so recht, ob ich rein darf. Ich verständige mich per Handzeichen mit einem jungen Klosterschüler, der denn anderen gerade Tee bringen will, er nickt mir freundlich zu, ich ziehe meine Schuhe aus (das hab ich angesichts der vielen Sandalen vor der Tür schon begriffen), gehe hinein – und befinde mich mitten in einer Zeremonie. Eine Trommel wird geschlagen, gewaltige Blasinstrumente ertönen und zugleich rezitieren Mönche und ihr Nachwuchs uralte heilige Texte.
Ich bin unsicher und weiß nicht, ob ich nun fotografieren darf oder nicht. Aber alle sehen die Kamerain meiner Hand, alle schauen mich interessiert an, aber keiner schüttelt den Kopf. Also drücke ich einfach diskret ab. Mein Stadtführer sagt mir nachher, daß das vermutlich strikt verboten gewesen sei. Er könnte recht haben. In den anderen Klöstern, die ich an diesem Tag besuche, finden sich auf jeden Fall deutliche Verbotsschildern.

Nun geht es aber erstmal über Ganeshtok (einen Hindu-Tempel) zum botanischen Garten in der Nähe des einstigen Königspalastes (den man nicht besichtigen kann, weil immer noch die Familie des von den Indern abgesetzten Monarchen drin wohnt). Draußen sieht man nun in fast 2000 Meter Höhe natürlich nicht viel, aber in einer Halle weckt ein Meer aus Orchideen und Primeln durchaus Frühlingsgefühle.

Auch im staatlichen Zentrum für Kunsthandwerk stört der Nebel nicht groß. Und hier gerate ich erneut in Konflikt mit einem Fotografierverbot. Das ist zwar nirgends per Plakat kenntlich gemacht, aber eine resolute Aufseherin setzt es dennoch durch. Auch wenn ich da schon ein paar Aufnahmen gemacht habe. Auch da faszinieren mich die buddhistischen Malereien.

Am Heiligtum von Dro-dul Chorten spricht mich danach ein Mönch an, dem aufgefallen ist, wie interessiert ich mich dort in der Nähe der Gebetsmühlen umsehe. Er kommt aus Bhutan, erzählt er mir, und ist seit einer Woche hierher umgezogen. Gerade hat er eine Stunde Pause, bevor die nächsten Zwei-Stunden-Meditation beginnt. Daß sich jemand ganz alleine aus Deutschland nach Indien und speziell nach Sikkim traut, das kann er gar nicht fassen. Dreimal fragt er mich danach, bevor er sich fotografieren lässt. Das Bild gefällt ihm, aber er sagt auch: “Zeig es den anderen nicht!” Ob er das gar nicht gedurft hätte?
Viele Fragen zum Buddhismus beantwortet auch das Tibet-Museum nebenan. Hier spürt man, wie sehr die Buddhisten es schmerzt, dass eine uralte Kultur von der Weltmacht China so brutal unterdrückt wird. Das Gelände dafür hat Sikkims letzter König zur Verfügung gestellt, eingeweiht wurde es dann vom Ministerpräsidenten des Landes, das ebenfalls Gewalt anwendete, um sich das Königreich einzuverleiben: Indiens erstem Regierungschef Jawaharlal Nehru.

Die Wunde Tibet wird auch in Rumtek sichtbar, so prächtig das reichste Kloster Sikkims auch sein mag. Denn es handelt sich dabei um einen Nachbau einer Anlage in Tibet. Der 16. “Schwarzhut-Lama”, einer der höchsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus, dessen Asche nun in einem goldenen Heiligtum verehrt wird (um seine Nachfolge ist ein heftiger Kampf entbrannt), hatte es nachbauen lassen, nachdem er 1959 mit 160 Mönchen und Laien im Gefolge vor den Chinesen über Bhutan nach Sikkim geflüchtet war.
Im “Natacha-Cafe” auf dem Klostergelände trinke ich dann noch einen tibetischen Buttertee. Der junge Mann, der ihn mir serviert, ist in Bhutan als Sohn von Exil-Tibetern geboren worden und vor sechs Jahren nach Sikkim gekommen: “Aber meine Heimat ist Tibet”, erzählt er mir stolz, als er mir erklärt, was ich da gerade zu mir nehme: Tee mit Salz und Yakbutter. Ihn wundert es, daß ein Europäer das probieren will, deswegen fragt er mich auch viermal, ob das mein Ernst ist.
In Tibet trinkt man dieses Gebräu (so übel ist es übrigens nach den ersten beiden Schlücken gar nicht), weil es nährt und optimal erwärmt. Das passt ja. Denn nun muss ich wieder hinaus in den Nebel und die klamme Kälte. Zum Taxi ist es ein Stück, denn das darf nicht aufs Klotergelände. Und dann geht’s wieder zurück nach Gangtok. Für 34 Kilometer brauchen wir eine Stunde.
Mein Taxifahrer, der zudem als Stadtführer fungiert (wobei sich diese Eigenschaft darauf beschränkt, daß er mir sagt, wo ich nun hinlaufen soll), ist unerschütterlich, wenn es gilt, das Programm abzuspulen. An der ersten Station, den Wasserfällen von Bakthang, ist zumindest noch ein bißle was zu erkennen. Was mich in der Nebelsuppe richtig freut, obgleich für mich die Uracher Wasserfälle wesentlich spektakulärer sind. Aber auf der anderen Seite zeigt es ja auch, welch hohen Rang in Indien Wasser genießt.

Hinter dem Pavillon: Herrlicher Ausblick auf Indiens höchsten Berg (sofern es nicht gerade Nebel hat).
An der dritten Station fühle ich mich indes gewaltig an die Hoch-Zeit des absurden Theaters erinnert. Der junge Mann, erklärter Fan von Manchester United, fährt mich doch tatsächlich zum Tashi-Aussichtspunkt. Von der Straße muß ich noch etwa 30 Höhenmeter überwinden und sehe dann – absolut nichts!
Aber immerhin weiß ich nun, dass ich hinter dem Pavillon Indiens höchsten Berg, den Kangchendzönga (mit 8598 Metern die Nummer 3 auf der Welt) sehen könnte, wenn ich ihn denn sehen könnte. Sehr interessant! Aber Bewegung tut ja auch im Nebel gut.

Zeremonie im Gansong Kloster
Dazwischen lag aber ein echter Höhepunkt: Schon auf dem Fußweg zum Gansong Kloster bewundere ich die Malereien an der Mauer. Vor der großen Halle weiß ich nicht so recht, ob ich rein darf. Ich verständige mich per Handzeichen mit einem jungen Klosterschüler, der denn anderen gerade Tee bringen will, er nickt mir freundlich zu, ich ziehe meine Schuhe aus (das hab ich angesichts der vielen Sandalen vor der Tür schon begriffen), gehe hinein – und befinde mich mitten in einer Zeremonie. Eine Trommel wird geschlagen, gewaltige Blasinstrumente ertönen und zugleich rezitieren Mönche und ihr Nachwuchs uralte heilige Texte.
Ich bin unsicher und weiß nicht, ob ich nun fotografieren darf oder nicht. Aber alle sehen die Kamerain meiner Hand, alle schauen mich interessiert an, aber keiner schüttelt den Kopf. Also drücke ich einfach diskret ab. Mein Stadtführer sagt mir nachher, daß das vermutlich strikt verboten gewesen sei. Er könnte recht haben. In den anderen Klöstern, die ich an diesem Tag besuche, finden sich auf jeden Fall deutliche Verbotsschildern.

Orchideenpracht im botanischen Garten von Gangtok.
Nun geht es aber erstmal über Ganeshtok (einen Hindu-Tempel) zum botanischen Garten in der Nähe des einstigen Königspalastes (den man nicht besichtigen kann, weil immer noch die Familie des von den Indern abgesetzten Monarchen drin wohnt). Draußen sieht man nun in fast 2000 Meter Höhe natürlich nicht viel, aber in einer Halle weckt ein Meer aus Orchideen und Primeln durchaus Frühlingsgefühle.

Weiblicher Buddha-Darstellung im Kunsthandwerk-Museum von Gangtok.
Auch im staatlichen Zentrum für Kunsthandwerk stört der Nebel nicht groß. Und hier gerate ich erneut in Konflikt mit einem Fotografierverbot. Das ist zwar nirgends per Plakat kenntlich gemacht, aber eine resolute Aufseherin setzt es dennoch durch. Auch wenn ich da schon ein paar Aufnahmen gemacht habe. Auch da faszinieren mich die buddhistischen Malereien.

Von Bhutan nach Sikkim: buddhistischer Mönch.
Am Heiligtum von Dro-dul Chorten spricht mich danach ein Mönch an, dem aufgefallen ist, wie interessiert ich mich dort in der Nähe der Gebetsmühlen umsehe. Er kommt aus Bhutan, erzählt er mir, und ist seit einer Woche hierher umgezogen. Gerade hat er eine Stunde Pause, bevor die nächsten Zwei-Stunden-Meditation beginnt. Daß sich jemand ganz alleine aus Deutschland nach Indien und speziell nach Sikkim traut, das kann er gar nicht fassen. Dreimal fragt er mich danach, bevor er sich fotografieren lässt. Das Bild gefällt ihm, aber er sagt auch: “Zeig es den anderen nicht!” Ob er das gar nicht gedurft hätte?
Viele Fragen zum Buddhismus beantwortet auch das Tibet-Museum nebenan. Hier spürt man, wie sehr die Buddhisten es schmerzt, dass eine uralte Kultur von der Weltmacht China so brutal unterdrückt wird. Das Gelände dafür hat Sikkims letzter König zur Verfügung gestellt, eingeweiht wurde es dann vom Ministerpräsidenten des Landes, das ebenfalls Gewalt anwendete, um sich das Königreich einzuverleiben: Indiens erstem Regierungschef Jawaharlal Nehru.

Rumtek: Sikkims bedeutendstes Kloster.
Die Wunde Tibet wird auch in Rumtek sichtbar, so prächtig das reichste Kloster Sikkims auch sein mag. Denn es handelt sich dabei um einen Nachbau einer Anlage in Tibet. Der 16. “Schwarzhut-Lama”, einer der höchsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus, dessen Asche nun in einem goldenen Heiligtum verehrt wird (um seine Nachfolge ist ein heftiger Kampf entbrannt), hatte es nachbauen lassen, nachdem er 1959 mit 160 Mönchen und Laien im Gefolge vor den Chinesen über Bhutan nach Sikkim geflüchtet war.
Im “Natacha-Cafe” auf dem Klostergelände trinke ich dann noch einen tibetischen Buttertee. Der junge Mann, der ihn mir serviert, ist in Bhutan als Sohn von Exil-Tibetern geboren worden und vor sechs Jahren nach Sikkim gekommen: “Aber meine Heimat ist Tibet”, erzählt er mir stolz, als er mir erklärt, was ich da gerade zu mir nehme: Tee mit Salz und Yakbutter. Ihn wundert es, daß ein Europäer das probieren will, deswegen fragt er mich auch viermal, ob das mein Ernst ist.
In Tibet trinkt man dieses Gebräu (so übel ist es übrigens nach den ersten beiden Schlücken gar nicht), weil es nährt und optimal erwärmt. Das passt ja. Denn nun muss ich wieder hinaus in den Nebel und die klamme Kälte. Zum Taxi ist es ein Stück, denn das darf nicht aufs Klotergelände. Und dann geht’s wieder zurück nach Gangtok. Für 34 Kilometer brauchen wir eine Stunde.
Sonntag, 19. Februar 2012
Der Ritt nach Gangtok
Nun bin ich wieder raus au dem Funkloch. Drei Tage war ich im Darjeeling abgetaucht, die Berichte darüber folgen peu a peu.
Nun will ich die Blog-Leser erst mal wieder auf den aktuellen Stand bringen.
Heute ist Sonntag. Mein letzter Sonntag in Indien, wie mir vorhin beim Abendesssen im Hotel Tibet in Gangtok ein- und aufgefallen ist. Kaum zu glauben, daß die sieben Wochen in und um Calcutta so schnell vorüber gegangen sind.
Gestern Nacht hab ich noch in einem 17-Häuser Dorf im Darjeeling (oder wie die Einheimischen sagen: “Gorkhaland”) geschlafen. Doch davon später. Heute mußte ich im Grunde nur 60 Kilometer weiter. Aber mit einstündigem Warten beim Taxi-Umsteigen hab ich dazu mehr als sechs Stunden gebraucht. So schnell geht es in Indien eben nicht voran.
Aber dafür warten immer wieder ganz besondere Erlebnisse auf einen. Heute hatte ich zum Beispiel das erste Mal das Vergnügen, in einem Jeep einer von 21 Insassen zu sein. Doch halt! Das stimmt nicht ganz: einer saß ja auf dem Dach. Und einer stand auf dem Trittbrett an der geöffneten Hintertür. Fünf drängten sich im Kofferraum, fünf auf der Bank davor (darunter ich), nochmal eine Handvoll in der Reihe vor mir und vier dann am Armaturenbrett. Sinnigerweie hatte der Fahrer auf dem Schoß eines Mitreisenden Platz genommen. Schön gemütlich also!

Von Kalimpong, dem Verkehrsknotenpunkt im Darjeeling Richtung Norden, muss ich zwei Stunden lang einen wilden Ritt durchhalten. Zuvor war es geradezu luxuriös: Zwar ging es auch holterdipolter über miserable Straßen, aber von Tinchuley, wo ich in einem Ökotourismus-Projekt des WWF einen Tag lang herrlich ausspannen konnte, war ich ganz allein mit meinem Fahrer. Und der hatte während der ebenfalls zwei Stunden (für 34 Kilometer) auch Gelegenheit, mal anzuhalten und mir Sehenswürdigkeiten zu zeigen – zum Beispiel den Blick aufs ehemalige “Dreiländereck” Sikkim/Bhutan/Bengalen am Zusammenfluss zweier Flüsse, die von den Gletschern des Himalaya gespeist werden.
Aber auch der unbequemsten Tour kan man hier noch was abgewinnen. Zum Beispiel das Staunen darüber, was in Indien so alles noch als Hauptverkehrsader gilt – zum Beispiel eine Trasse, die von der Breite her der von Neckartailfingen nach Schlaitdorf ähnelt und die jene in puncto Schlaglöcher im Vergleich zu deren übelster Zeit noch mindestens um das Zehnfache übertrifft. Für wohligen Nervenkitzel sorgen Gefällstrecken, deren Neigung wohl jeder Achterbahn zur Ehre gereichen würde – gottlob sind die dann aber nur zwischen 10 und 20 Meter lang.

Und manchmal geht es auch nicht weiter, weil ein liegengebliebenes Fahrzeug die Gegenfahrbahn blockiert und erstmal durch Schieben rückwärts und zur Seite rangiert werden muss. Unter der Motorhaube scheint da nachgerade eine Ölquelle zu sprudeln, von des Fahrers Armen tropft es ebenfalls. Den Kampf mit der Panne hat er bislang verloren, obwohl eine Menge Ratgeber um ihn herum Tips und Anweisungen geben. Ob er sein Vehikel bis zum Abend wieder flott bekommen hat.
In Rangpo muss ich den Jeep leider verlassen. Was werden meine Mitreisenden nur ohne mich machen? Denen wird sicher was fehlen, wenn sie nur noch zu 20 unterwegs sein müssen…
Warum ich ausgestiegen bin? Nun, zum ersten Mal, seit ich hier bin, verlasse ich West-Bengalen. Ich möchte nach Sikkim, das ein selbständiges Königreich war, bevor es vor 39 Jahren von Indien gewaltsam annektiert wurde. Nun ist es zwar einer von 27 Bundesstaaten dieses riesigen Landes, aber dennoch nicht so wie alle anderen: Man braucht nämlich als Ausländer eine spezielle Erlaubnis, es zu bereisen.
Dieses “Permit” muss ich mir erst an der einstigen Grenze am Fluss Teesta holen. Es ist zwar viel viel weniger aufwändig und viel viel viel schneller, als ehedem an der innerdeutschen Grenze, die Leute sind auch alle sehr freundlich. Ich brauche für den Passierschein auch keine fünf Passbilder, wie man mir in Calcutta sagte, sondern nur ein einziges. Und ich muß auch (entgegen der Auskünfte in West-Bengalens Metropole) keine 100 Rupien zahlen, sondern bekomme Pass und Papiere einfach so in die Hand gedrückt.
Aber ich muß eben in dem Grenzstädtchen ein neues Taxi suchen. Das geht relativ schnell. Aber es ist fast schon enttäuschend: Diesmal sind wir in drei Reihen nur ganze zwölf Leutchen! Da kommt man sich während der letzten beiden Stunden ja regelrecht einsam vor…
Gehen 16 Uhr bin ich dann in Gangtok, Sikkims Hauptstadt, angekommen. Schon auf der Fahrt sind mir hier die vielen buddhistischen Gebetsfahnen aufgefallen. Kein Wunder, denn Tibet ist ganz nah, und allüberall sieht man Solidaritätsbekundungen für die Menschen, die unter dem Joch Chinas zurechtkommen müssen. Auch viele Klöster führen dazu, daß Gangtok zu den Zentren des Buddhismus zählt.

Auf der anderen Seite kommt mir die Stadt, die ungefähr so viele Einwohner wie Nürtingen hat, sich aber über 400 Höhenmeter erstreckt, auch sehr weltlich-westlich vor. So meine ich fast, daß die relative Dichte der Alkohol-Shops (in Indien gibt es Bier, Wein und Schnaps nicht im Supermarkt, sondern nur in lizensierten Läden) die Calcuttas weit übertrifft. Und auf dem Marktplatz gibt es beim Sikkim Snow and Culture Festival (von Schnee ist übrigens weit und breit nichts zu sehen) tänzerische Darbietungen, die mit Himalaya-Folklore wohl in etwa so viel wie der Hohenneuffen mit dem Mount Everest zu tun haben, aber dennoch kräftig beklatscht werden.
So weit mein erster Eindruck. Für morgen hab ich eine Stadtführung gebucht. Bin mal gespannt, welches Bild sich dann bietet.
Nun will ich die Blog-Leser erst mal wieder auf den aktuellen Stand bringen.
Heute ist Sonntag. Mein letzter Sonntag in Indien, wie mir vorhin beim Abendesssen im Hotel Tibet in Gangtok ein- und aufgefallen ist. Kaum zu glauben, daß die sieben Wochen in und um Calcutta so schnell vorüber gegangen sind.
Gestern Nacht hab ich noch in einem 17-Häuser Dorf im Darjeeling (oder wie die Einheimischen sagen: “Gorkhaland”) geschlafen. Doch davon später. Heute mußte ich im Grunde nur 60 Kilometer weiter. Aber mit einstündigem Warten beim Taxi-Umsteigen hab ich dazu mehr als sechs Stunden gebraucht. So schnell geht es in Indien eben nicht voran.
Aber dafür warten immer wieder ganz besondere Erlebnisse auf einen. Heute hatte ich zum Beispiel das erste Mal das Vergnügen, in einem Jeep einer von 21 Insassen zu sein. Doch halt! Das stimmt nicht ganz: einer saß ja auf dem Dach. Und einer stand auf dem Trittbrett an der geöffneten Hintertür. Fünf drängten sich im Kofferraum, fünf auf der Bank davor (darunter ich), nochmal eine Handvoll in der Reihe vor mir und vier dann am Armaturenbrett. Sinnigerweie hatte der Fahrer auf dem Schoß eines Mitreisenden Platz genommen. Schön gemütlich also!

So richtig gemütlich: zu 22 im Jeep (vorne rechts: der Fahrer).
Von Kalimpong, dem Verkehrsknotenpunkt im Darjeeling Richtung Norden, muss ich zwei Stunden lang einen wilden Ritt durchhalten. Zuvor war es geradezu luxuriös: Zwar ging es auch holterdipolter über miserable Straßen, aber von Tinchuley, wo ich in einem Ökotourismus-Projekt des WWF einen Tag lang herrlich ausspannen konnte, war ich ganz allein mit meinem Fahrer. Und der hatte während der ebenfalls zwei Stunden (für 34 Kilometer) auch Gelegenheit, mal anzuhalten und mir Sehenswürdigkeiten zu zeigen – zum Beispiel den Blick aufs ehemalige “Dreiländereck” Sikkim/Bhutan/Bengalen am Zusammenfluss zweier Flüsse, die von den Gletschern des Himalaya gespeist werden.
Aber auch der unbequemsten Tour kan man hier noch was abgewinnen. Zum Beispiel das Staunen darüber, was in Indien so alles noch als Hauptverkehrsader gilt – zum Beispiel eine Trasse, die von der Breite her der von Neckartailfingen nach Schlaitdorf ähnelt und die jene in puncto Schlaglöcher im Vergleich zu deren übelster Zeit noch mindestens um das Zehnfache übertrifft. Für wohligen Nervenkitzel sorgen Gefällstrecken, deren Neigung wohl jeder Achterbahn zur Ehre gereichen würde – gottlob sind die dann aber nur zwischen 10 und 20 Meter lang.

Ob das noch was wird? Eine Panne erfordert in Indien viel persönliches Knowhow.
Und manchmal geht es auch nicht weiter, weil ein liegengebliebenes Fahrzeug die Gegenfahrbahn blockiert und erstmal durch Schieben rückwärts und zur Seite rangiert werden muss. Unter der Motorhaube scheint da nachgerade eine Ölquelle zu sprudeln, von des Fahrers Armen tropft es ebenfalls. Den Kampf mit der Panne hat er bislang verloren, obwohl eine Menge Ratgeber um ihn herum Tips und Anweisungen geben. Ob er sein Vehikel bis zum Abend wieder flott bekommen hat.
In Rangpo muss ich den Jeep leider verlassen. Was werden meine Mitreisenden nur ohne mich machen? Denen wird sicher was fehlen, wenn sie nur noch zu 20 unterwegs sein müssen…
Warum ich ausgestiegen bin? Nun, zum ersten Mal, seit ich hier bin, verlasse ich West-Bengalen. Ich möchte nach Sikkim, das ein selbständiges Königreich war, bevor es vor 39 Jahren von Indien gewaltsam annektiert wurde. Nun ist es zwar einer von 27 Bundesstaaten dieses riesigen Landes, aber dennoch nicht so wie alle anderen: Man braucht nämlich als Ausländer eine spezielle Erlaubnis, es zu bereisen.
Dieses “Permit” muss ich mir erst an der einstigen Grenze am Fluss Teesta holen. Es ist zwar viel viel weniger aufwändig und viel viel viel schneller, als ehedem an der innerdeutschen Grenze, die Leute sind auch alle sehr freundlich. Ich brauche für den Passierschein auch keine fünf Passbilder, wie man mir in Calcutta sagte, sondern nur ein einziges. Und ich muß auch (entgegen der Auskünfte in West-Bengalens Metropole) keine 100 Rupien zahlen, sondern bekomme Pass und Papiere einfach so in die Hand gedrückt.
Aber ich muß eben in dem Grenzstädtchen ein neues Taxi suchen. Das geht relativ schnell. Aber es ist fast schon enttäuschend: Diesmal sind wir in drei Reihen nur ganze zwölf Leutchen! Da kommt man sich während der letzten beiden Stunden ja regelrecht einsam vor…
Gehen 16 Uhr bin ich dann in Gangtok, Sikkims Hauptstadt, angekommen. Schon auf der Fahrt sind mir hier die vielen buddhistischen Gebetsfahnen aufgefallen. Kein Wunder, denn Tibet ist ganz nah, und allüberall sieht man Solidaritätsbekundungen für die Menschen, die unter dem Joch Chinas zurechtkommen müssen. Auch viele Klöster führen dazu, daß Gangtok zu den Zentren des Buddhismus zählt.

Westliche Tänze auf dem kalten Marktplatz von Gangtok
Auf der anderen Seite kommt mir die Stadt, die ungefähr so viele Einwohner wie Nürtingen hat, sich aber über 400 Höhenmeter erstreckt, auch sehr weltlich-westlich vor. So meine ich fast, daß die relative Dichte der Alkohol-Shops (in Indien gibt es Bier, Wein und Schnaps nicht im Supermarkt, sondern nur in lizensierten Läden) die Calcuttas weit übertrifft. Und auf dem Marktplatz gibt es beim Sikkim Snow and Culture Festival (von Schnee ist übrigens weit und breit nichts zu sehen) tänzerische Darbietungen, die mit Himalaya-Folklore wohl in etwa so viel wie der Hohenneuffen mit dem Mount Everest zu tun haben, aber dennoch kräftig beklatscht werden.
So weit mein erster Eindruck. Für morgen hab ich eine Stadtführung gebucht. Bin mal gespannt, welches Bild sich dann bietet.
Morgens so, abends so
„Heute so, morgen so“ – mit diesem Schlager hat Roberto Blanco dereinst Dieter Thomas Hecks Hitparade gestürmt. In Calcutta freilich geht es noch rasanter zu. Auch und gerade auf den riesigen Aus- und Einfallstraßen, auf denen sich die Menschen zur Arbeit und dann wieder nach Hause kämpfen.

In Calcutta wird die Richtung vieler Einbahnstraße mitten am Tag gedreht - selbst auf der Park Street, einer Hauptverkehrsader. Da hat das Ganze sogar System. Vielleicht geht es ja gar nicht anders. Auf jeden Fall werden viele Einbahnstraßen buchstäblich mitten am Tag gedreht. Dorthin, wo die meisten wollen, geht es dann lang.
Ich male mir aus, wie es wohl wäre, wenn man dieses System zum Beispiel auf die Neuffener Straße anwendete: Morgens nur rein in die Stadt, abends nur raus ins Täle. Ob dieses funktionierte? Ich glaube eher an ein heilloses Durcheinander im Schwabenland. Oder sollte es tatsächlich der Königsweg auch zur Lösung der Nürtinger Verkehrsprobleme sein? Selbst in Richtung Autobahn?
In Calcutta allerdings funktioniert das erstaunlich gut. Mir ist noch kein Geisterfahrer aufgefallen. Wobei ich schon meine Probleme habe: Muss ich morgens den Spruch, den ich als Schulbub gelernt habe, wegen des Linksverkehrs nach britischem Muster umdrehen und mir innerlich sagen: „Erst rechts, dann links, dann grade aus, dann kommst Du sicher gut nach Haus!“, so gilt abends wieder die deutsche Variante. Aber was soll’s: Bisher hat mich noch keiner auf die Hörner genommen. Obwohl die Autofahrer hier nicht bremsen, wenn die einen Fußgänger auf der Fahrbahn sehen. Im Gegenteil: Sie halten eher noch draufzu , damit dessen erhöhter Pulsschlag den Kreislauf in Schwung bringt.
So hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

In Calcutta wird die Richtung vieler Einbahnstraße mitten am Tag gedreht - selbst auf der Park Street, einer Hauptverkehrsader
In Calcutta wird die Richtung vieler Einbahnstraße mitten am Tag gedreht - selbst auf der Park Street, einer Hauptverkehrsader. Da hat das Ganze sogar System. Vielleicht geht es ja gar nicht anders. Auf jeden Fall werden viele Einbahnstraßen buchstäblich mitten am Tag gedreht. Dorthin, wo die meisten wollen, geht es dann lang.
Ich male mir aus, wie es wohl wäre, wenn man dieses System zum Beispiel auf die Neuffener Straße anwendete: Morgens nur rein in die Stadt, abends nur raus ins Täle. Ob dieses funktionierte? Ich glaube eher an ein heilloses Durcheinander im Schwabenland. Oder sollte es tatsächlich der Königsweg auch zur Lösung der Nürtinger Verkehrsprobleme sein? Selbst in Richtung Autobahn?
In Calcutta allerdings funktioniert das erstaunlich gut. Mir ist noch kein Geisterfahrer aufgefallen. Wobei ich schon meine Probleme habe: Muss ich morgens den Spruch, den ich als Schulbub gelernt habe, wegen des Linksverkehrs nach britischem Muster umdrehen und mir innerlich sagen: „Erst rechts, dann links, dann grade aus, dann kommst Du sicher gut nach Haus!“, so gilt abends wieder die deutsche Variante. Aber was soll’s: Bisher hat mich noch keiner auf die Hörner genommen. Obwohl die Autofahrer hier nicht bremsen, wenn die einen Fußgänger auf der Fahrbahn sehen. Im Gegenteil: Sie halten eher noch draufzu , damit dessen erhöhter Pulsschlag den Kreislauf in Schwung bringt.
So hat eben alles seine Vor- und Nachteile.
Freitag, 17. Februar 2012
Das Lied zum Tage
Deim einen sitzt meine Nase zu weit links im Gesicht,
Zu weit rechts erscheint sie dem anderen
und das gefällt ihm nicht.
Und flugs ergreift das Wort der Dritte
Und der bemerkt alsdann:
Sie sitzt zu sehr in der Mitte
Und ich sollt was ändern daran.
Und ich bedenk, was ein jeder zu sagen hat,
Und schweig fein still,
Und setz mich auf mein achtel Lorbeerblatt
Und mache, was ich will.
Die eine hör ich sagen,
Ich sei der alte nicht mehr,
Und andere wieder sich beklagen,
Daß ich noch der alte wär.
Dann sagt ein noch ein Kritiker,
Dems an Argumenten gebricht:
“Sie warn doch früher einmal dicker”
Da widersprech ich ihm nicht.
Und ich bedenk, was ein jeder zu sagen hat,
Und schweig fein still,
Und setz mich auf mein achtel Lorbeerblatt
Und mache, was ich will.
Mit großer Freude sägen
Die einen an meinem Ast,
Die andern sind noch beim Überlegen,
Was ihnen an mir nicht paßt,
Doch was immer ich tuen würde,
Ihre Gunst hätte ich schon verpatzt,
Also tu ich, was ein Baum tun würde,
Wenn ein Schwein sich an ihm kratzt.
Und ich bedenk was ein jeder zu sagen hat,
Und schweig fein still,
Und setz mich auf mein achtel Lorbeerblatt
Und mache, was ich will.
Es gibt noch ein paar Leute,
Und an die hab ich gedacht,
Für die hab ich meine Artikel
So gut es geht gemacht,
Die beim großen Kesseltreiben
Nicht unter den Treibern sind.
Solang mir ein paar Freunde bleiben,
Hängt meine Fahne nicht im Wind.
Und ich scher mich den Teufel um Goliath,
Und schweig fein still.
Habt Dank für das achtel Lorbeerblatt,
Auf dem ich tun kann, was ich will!
(Reinhard Mey)
Meiner Familie, all meinen Freundinnen und Freunden und allen, die sich mir im Herzen verbunden fühlen, sag ich heute von Herzen Dank!
Zu weit rechts erscheint sie dem anderen
und das gefällt ihm nicht.
Und flugs ergreift das Wort der Dritte
Und der bemerkt alsdann:
Sie sitzt zu sehr in der Mitte
Und ich sollt was ändern daran.
Und ich bedenk, was ein jeder zu sagen hat,
Und schweig fein still,
Und setz mich auf mein achtel Lorbeerblatt
Und mache, was ich will.
Die eine hör ich sagen,
Ich sei der alte nicht mehr,
Und andere wieder sich beklagen,
Daß ich noch der alte wär.
Dann sagt ein noch ein Kritiker,
Dems an Argumenten gebricht:
“Sie warn doch früher einmal dicker”
Da widersprech ich ihm nicht.
Und ich bedenk, was ein jeder zu sagen hat,
Und schweig fein still,
Und setz mich auf mein achtel Lorbeerblatt
Und mache, was ich will.
Mit großer Freude sägen
Die einen an meinem Ast,
Die andern sind noch beim Überlegen,
Was ihnen an mir nicht paßt,
Doch was immer ich tuen würde,
Ihre Gunst hätte ich schon verpatzt,
Also tu ich, was ein Baum tun würde,
Wenn ein Schwein sich an ihm kratzt.
Und ich bedenk was ein jeder zu sagen hat,
Und schweig fein still,
Und setz mich auf mein achtel Lorbeerblatt
Und mache, was ich will.
Es gibt noch ein paar Leute,
Und an die hab ich gedacht,
Für die hab ich meine Artikel
So gut es geht gemacht,
Die beim großen Kesseltreiben
Nicht unter den Treibern sind.
Solang mir ein paar Freunde bleiben,
Hängt meine Fahne nicht im Wind.
Und ich scher mich den Teufel um Goliath,
Und schweig fein still.
Habt Dank für das achtel Lorbeerblatt,
Auf dem ich tun kann, was ich will!
(Reinhard Mey)
Meiner Familie, all meinen Freundinnen und Freunden und allen, die sich mir im Herzen verbunden fühlen, sag ich heute von Herzen Dank!
Mittwoch, 15. Februar 2012
Wo das Herz von Alt-Calcutta schlägt
Pulsierendes Leben herrscht in Kalighat (dort wo viele Hindus von Calcutta ihre Identität und die ihrer Stadt spüren können) auch noch, wenn die Nacht hereingebrochen ist, und sich die Bettler schon auf den Straßen zum Schlafen legen. Die Devonotalienhändler halten freilich noch ihre Waren feil, denn der große Kali-Tempel schließt erst um 8. Und die Menschen strömen auch noch kurz zuvor dorthin, um ihre Sorgen los zu werden.
“Wenn Du Calcutta und auch uns verstehen willst, mußt Du mit mir dorthin!”, hat mit Basav Bhattacharya, mit dem ich in den letzten Wochen so oft unterwegs war, gesagt. Und das will und werde ich ihm natürlich nicht abschlagen. Mit Mandira Mitra, der Mitarbeiterin in seiner PR-Agentur und seiner Organisation “Sporsho”, mit der Basav schon einige Sozialprojekte verwirklicht hat, gehen wir also in dieses Viertel von South Calcutta. Dort verbrachte Basav seine Jugend, und auch die neue Ministerpräsidentin West-Bengalens, Mamata Banerjee, wohnt dort.
Die Häuser, die ich bei diesem Abendspaziergang sehe, machen indes nicht gerade den Eindruck, als seien sie die optimale Residenz der Prominenz. Aber Basav klärt mich auf, daß dies hier durchaus noch zu den besseren Vierteln Calcuttas zählt: “Hier in Kalighat wohnt der Mittelstand.”
Was mir noch auffällt: Mit Ausnahme der je 200 Meter links und rechts des Konsulats der USA (sinnigerweise in der Ho-Chi-Minh-Straße gelegen), ist dies der einzige Platz, den ich bisher in ganz Calcutta gesehen habe, der für Autos tabu ist. Vor Kali, der Kolkata seinen Namen verdankt, müssen also auch die sonst allgegenwärtigen Blechkarossen weichen.
An den Buden entlang der Straße herrscht noch Hochbetrieb. Nicht nur, dass viele Hindus hier Räucherstäbchen oder Blumenketten kaufen, um sie im Tempel als Opfer darzubringen, nicht nur, daß sie nach Götterfiguren für zuhause suchen – auffallend viele sind auch festlich gekleidet. Es sind Brautpaare mit ihren Familien: “In diesen Läden kann man auch heiraten”, sagt Basav: “Das ist das billigste und schnellste Verfahren. In fünf Minuten ist alles erledigt.”
Die, die nicht so viel Geld ausgeben können wie die Mittel- und Oberschicht, die mit einem großen Büfett in schöner Umgebung feiern, gehen danach zum Festmahl. Nicht ins Gourmet-Lokal, sondern zu den Imbiss-Buden im Tempel-Bezirk, an die sich wohl kaum ein Deutscher traut (ich zumindest nicht) und die gleichwohl auch als ”Restaurant” firmieren.
Dass wir uns dem Tempel nähern, merke ich zunächst mal an der immer größer werdenden Zahl von Bettlern. Die meisten sind behindert. Aber der Hungertod droht ihnen nicht. Sie haben es besser als ihre Leidensgenossen in den Slums: “Jeder bekommt vom Tempel zwei Mahlzeiten am Tag”, sagt Basav.
Und dann ertönt plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm, bei dem es uns schwer fällt, uns noch zu unterhalten. An einem kleinen Radha-Krishna-Tempel an der Straßenecke vor dem großen Heiligtum beginnt das Abendritual. Und jung und alt macht es wohl riesigen Spaß.
Langsam kriege ich trotz des Lärms mit, was Basav mir nahe bringt: Schon in uralter Zeit stand hier wohl ein kleiner Tempel aus Holz, Stroh und Schlamm – der Kombination, die heute auch noch für die Götterfiguren verwendet wird. Ein bengalisches Buch aus dem 15. Jahrhundert, das Mansar Bhasan, berichtet darüber. Ein reicher indischer Landadliger, Srabonya Choudhuri, ließ dann den prächtigen Kuppelbau errichten. Die grüß-weißen Kacheln, die ihn zieren, stammen übrigens aus Arabien und der Türkei, erzählt mein Begleiter. Vorher habe man so was in Indien nie beim Tempelbau verwendet. Und Schlamm und Stroh mussten mit den Jahren auch Zement weichen.

Übers Mitschreiben habe ich gar nicht so richtig mitbekommen, daß wir jetzt schon an einem der Eingänge zum Tempel angelangt sind. Auch hier herrscht (wie an so vielen Plätzen in Indien) höchste Sicherheitsstufe. Inclusive Mtalldetektor. Meinen Rucksack mit Laptop und Foto darf ich gar nicht mit reinnehmen. Mandira bleibt draußen vor der Tür und passt auf meine Habseligkeiten auf.
Der innere Tempelbezirk ist weitgehend in roter Farbe gehalten – wie das Menstruationsblut der Frau. Denn Kali ist bei den Hindus im Tantra auch für die Sexualität zuständig. “Nur wenn man gerne mit seinem Partner schläft und Erfüllung findet, entsteht neues Leben und ein schöner Mensch”, gibt Basav die Überzeugung wieder.
Kali sei auch Shivas Gattin. Dieser Gott werde auch Kal genannt: “Zeit”. Seine Frau symbolisiere als Göttin der Zerstörung also auch die Endzeit – und damit den Kreislauf des Lebens: Alle Lebensformen müssten einmal sterben, damit neues Leben entstehen könne. Und Kali werde auch als “Mutter” bezeichnet: “Denn nach dem Tod gibt es eine neue Geburt”, sagt Basav, legt aber Wert darauf, daß dies ein großer Unterschied zu der im Westen immer populärer werdenden Theorie von der Reinkarnation ist. Von der hält er gar nichts.
Nun sind wir im Innersten des Tempels angelangt, wo sich viele Menschen drängen. Schnell muss es gehen, und so kann ich nur kurz einen Blick auf die Figur der Göttin Kali werfen – das Ziel der Sehnsucht von Millionen Menschen hier in Calcutta und Abermillionen in ganz Indien.
Laut Basav bestand auch die früher aus Stroh und Schlamm, nun bildet ein schwarzer Stein den Körper. Es soll der große Zeh der Göttin Sati sein. Die eine Legende besagt, man habe ihm im Wasser des nahen Flusses Bhagirathi gefunden, die andere, er sei aus der Erde gewachsen.
Sicher aber ist, daß das Gesicht aus einem Silberblock und die Zunge aus purem Gold besteht. Und Kali trägt auch 15 Kilo feinsten Schmucks: Gold, Diamanten, Perlen und Edelsteine.
Die Tempelwächter (ihr Oberkörper ist übrigens nackt) wissen gar nicht, wohin so schnell mit den Blumenketten, Geldscheinen und anderen Devonotialien. Hektisch reichen sie die Opfern in einen Nebenraum. Sie malen auch mir das Tika, ein Segenszeichen, auf die Stirn (wo es das als “drittes Auge” bezeichnete Energiezentrum schützen soll), gehen mich dann aber ziemlich offensiv (und nicht gerade dezent) um Geld an.
Basav zeigt sich als Diplomat von Rang: Er schubst mich einfach durch. Wenn schon, will er das erledigen.
Zuflucht für kranke Obdachlose: eines von Mutter Teresas Häusern in Kalighat.
Und als wir wieder draußen sind und zum Abendessen schlendern, merke ich, daß Huren und Heilige Kalis Nachbarn sind: Nur ein paar Schritte entfernt findet man Har Kata Goli, das Rotlichtviertel Calcuttas – aber auch zwei Häuser Mutter Teresas, die dort alte sterbende Obdachlose aufgenommen und gepflegt hat. Und das geschieht heute noch.
“Wenn Du Calcutta und auch uns verstehen willst, mußt Du mit mir dorthin!”, hat mit Basav Bhattacharya, mit dem ich in den letzten Wochen so oft unterwegs war, gesagt. Und das will und werde ich ihm natürlich nicht abschlagen. Mit Mandira Mitra, der Mitarbeiterin in seiner PR-Agentur und seiner Organisation “Sporsho”, mit der Basav schon einige Sozialprojekte verwirklicht hat, gehen wir also in dieses Viertel von South Calcutta. Dort verbrachte Basav seine Jugend, und auch die neue Ministerpräsidentin West-Bengalens, Mamata Banerjee, wohnt dort.
Die Häuser, die ich bei diesem Abendspaziergang sehe, machen indes nicht gerade den Eindruck, als seien sie die optimale Residenz der Prominenz. Aber Basav klärt mich auf, daß dies hier durchaus noch zu den besseren Vierteln Calcuttas zählt: “Hier in Kalighat wohnt der Mittelstand.”
Was mir noch auffällt: Mit Ausnahme der je 200 Meter links und rechts des Konsulats der USA (sinnigerweise in der Ho-Chi-Minh-Straße gelegen), ist dies der einzige Platz, den ich bisher in ganz Calcutta gesehen habe, der für Autos tabu ist. Vor Kali, der Kolkata seinen Namen verdankt, müssen also auch die sonst allgegenwärtigen Blechkarossen weichen.
An den Buden entlang der Straße herrscht noch Hochbetrieb. Nicht nur, dass viele Hindus hier Räucherstäbchen oder Blumenketten kaufen, um sie im Tempel als Opfer darzubringen, nicht nur, daß sie nach Götterfiguren für zuhause suchen – auffallend viele sind auch festlich gekleidet. Es sind Brautpaare mit ihren Familien: “In diesen Läden kann man auch heiraten”, sagt Basav: “Das ist das billigste und schnellste Verfahren. In fünf Minuten ist alles erledigt.”
Die, die nicht so viel Geld ausgeben können wie die Mittel- und Oberschicht, die mit einem großen Büfett in schöner Umgebung feiern, gehen danach zum Festmahl. Nicht ins Gourmet-Lokal, sondern zu den Imbiss-Buden im Tempel-Bezirk, an die sich wohl kaum ein Deutscher traut (ich zumindest nicht) und die gleichwohl auch als ”Restaurant” firmieren.
Dass wir uns dem Tempel nähern, merke ich zunächst mal an der immer größer werdenden Zahl von Bettlern. Die meisten sind behindert. Aber der Hungertod droht ihnen nicht. Sie haben es besser als ihre Leidensgenossen in den Slums: “Jeder bekommt vom Tempel zwei Mahlzeiten am Tag”, sagt Basav.
Und dann ertönt plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm, bei dem es uns schwer fällt, uns noch zu unterhalten. An einem kleinen Radha-Krishna-Tempel an der Straßenecke vor dem großen Heiligtum beginnt das Abendritual. Und jung und alt macht es wohl riesigen Spaß.
Langsam kriege ich trotz des Lärms mit, was Basav mir nahe bringt: Schon in uralter Zeit stand hier wohl ein kleiner Tempel aus Holz, Stroh und Schlamm – der Kombination, die heute auch noch für die Götterfiguren verwendet wird. Ein bengalisches Buch aus dem 15. Jahrhundert, das Mansar Bhasan, berichtet darüber. Ein reicher indischer Landadliger, Srabonya Choudhuri, ließ dann den prächtigen Kuppelbau errichten. Die grüß-weißen Kacheln, die ihn zieren, stammen übrigens aus Arabien und der Türkei, erzählt mein Begleiter. Vorher habe man so was in Indien nie beim Tempelbau verwendet. Und Schlamm und Stroh mussten mit den Jahren auch Zement weichen.

Abend am Tempel von Kalighat.
Übers Mitschreiben habe ich gar nicht so richtig mitbekommen, daß wir jetzt schon an einem der Eingänge zum Tempel angelangt sind. Auch hier herrscht (wie an so vielen Plätzen in Indien) höchste Sicherheitsstufe. Inclusive Mtalldetektor. Meinen Rucksack mit Laptop und Foto darf ich gar nicht mit reinnehmen. Mandira bleibt draußen vor der Tür und passt auf meine Habseligkeiten auf.
Der innere Tempelbezirk ist weitgehend in roter Farbe gehalten – wie das Menstruationsblut der Frau. Denn Kali ist bei den Hindus im Tantra auch für die Sexualität zuständig. “Nur wenn man gerne mit seinem Partner schläft und Erfüllung findet, entsteht neues Leben und ein schöner Mensch”, gibt Basav die Überzeugung wieder.
Kali sei auch Shivas Gattin. Dieser Gott werde auch Kal genannt: “Zeit”. Seine Frau symbolisiere als Göttin der Zerstörung also auch die Endzeit – und damit den Kreislauf des Lebens: Alle Lebensformen müssten einmal sterben, damit neues Leben entstehen könne. Und Kali werde auch als “Mutter” bezeichnet: “Denn nach dem Tod gibt es eine neue Geburt”, sagt Basav, legt aber Wert darauf, daß dies ein großer Unterschied zu der im Westen immer populärer werdenden Theorie von der Reinkarnation ist. Von der hält er gar nichts.
Nun sind wir im Innersten des Tempels angelangt, wo sich viele Menschen drängen. Schnell muss es gehen, und so kann ich nur kurz einen Blick auf die Figur der Göttin Kali werfen – das Ziel der Sehnsucht von Millionen Menschen hier in Calcutta und Abermillionen in ganz Indien.
Laut Basav bestand auch die früher aus Stroh und Schlamm, nun bildet ein schwarzer Stein den Körper. Es soll der große Zeh der Göttin Sati sein. Die eine Legende besagt, man habe ihm im Wasser des nahen Flusses Bhagirathi gefunden, die andere, er sei aus der Erde gewachsen.
Sicher aber ist, daß das Gesicht aus einem Silberblock und die Zunge aus purem Gold besteht. Und Kali trägt auch 15 Kilo feinsten Schmucks: Gold, Diamanten, Perlen und Edelsteine.

Nach dem Besuch bei Kali: das Tika (ein Segenszeichen) auf der Stirn.
Die Tempelwächter (ihr Oberkörper ist übrigens nackt) wissen gar nicht, wohin so schnell mit den Blumenketten, Geldscheinen und anderen Devonotialien. Hektisch reichen sie die Opfern in einen Nebenraum. Sie malen auch mir das Tika, ein Segenszeichen, auf die Stirn (wo es das als “drittes Auge” bezeichnete Energiezentrum schützen soll), gehen mich dann aber ziemlich offensiv (und nicht gerade dezent) um Geld an.
Basav zeigt sich als Diplomat von Rang: Er schubst mich einfach durch. Wenn schon, will er das erledigen.
Zuflucht für kranke Obdachlose: eines von Mutter Teresas Häusern in Kalighat.
Und als wir wieder draußen sind und zum Abendessen schlendern, merke ich, daß Huren und Heilige Kalis Nachbarn sind: Nur ein paar Schritte entfernt findet man Har Kata Goli, das Rotlichtviertel Calcuttas – aber auch zwei Häuser Mutter Teresas, die dort alte sterbende Obdachlose aufgenommen und gepflegt hat. Und das geschieht heute noch.
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