Auf den zweiten Blick jedoch tobt auch nachts das Leben in Hyderabad. Am Bahnhof Secunderabad verkaufen Händler Zigaretten und Chai. In zwei Hauseingänge am Bahnhofsvorplatz gedrängt und mit einer kleinen Funzel beleuchtet, locken sie zahlreiche Nachtschwärmer an. Reisende, die auf den ersten Zug warten, ein paar Junge Männer, die von einer Hochzeit kommen. Eigentlich darf hier um diese Uhrzeit gar nichts mehr verkauft werden. Deshalb wird auch schnell die Glühlampe aus- und die Herdplatte abgedreht als sich ein Polizei-Jeep im Schritttempo nähert. Langsam, unaufgeregt schlendern die Kunden weiter. Die Chai-Pappbecher und die Zigaretten noch in der Hand. Der Zigaretten-Händler kommt noch mal davon. Der Chai-Verkäufer hat weniger Glück. Die Polizisten lassen die Fenster des Jeeps herunter, rufen ihn beim Vornamen und winken ihn an die Heckklappe. Der Chai-Mann steigt ein, die Klappe schließt sich, langsam rollt der Streifenwagen davon. „In einer halben Stunde ist er wieder da, sagt der Zigaretten-Verkäufer. „Die schütteln jetzt 100 Rupien aus ihm heraus und bringen ihn wieder zurück.“ The Chai must go on.
Secunderabad: Der Bahnhofsvorplatz um 2 Uhr nachts
Im Bahnhof warten derweil Hunderte auf den ersten Zug des neuen Tages. Sie schlafen auf dem Boden der Vorhalle oder direkt auf dem Bahnsteig. Ein kleines Restaurant verkauft Frühstück und Abendessen zugleich. Ein Güterzug rollt langsam durch den Bahnhof. 55 leere Kohle-Waggons. Die Passage dauert fast drei Minuten. Dann ist es wieder still am Bahnsteig.
Der Bahnhof Secunderabad. Passagiere warten auf den ersten Zug des neuen Tages
Im Restaurant „Pickles“ gegenüber der „Deccan Chronicle“-Redaktion ist auch um halb drei morgens noch Hochbetrieb. Fast alle Tische sind besetzt. Es wird gegessen und getrunken, als wäre es acht Uhr abends. Stammkunden bekommen sogar noch Bier und harten Alkohol. Die offizielle Sperrstunde ist da schon seit dreieinhalb Stunden Geschichte. Normalerweise ist in Hyderabad um 23 Uhr Schluss mit Alkohol. Normalerweise. Tatsächlich bekommt man natürlich auch in Hyderabad zu jeder Tages- und Nachtzeit Alkohol. In einer kleinen Seitenstraße unweit des „Pickles“ wird aus einer alten Garage heraus Alkohol verkauft. Durch kleine Löcher in der Wand wird das Geld in die Garage und die Flaschen herausgereicht. Vor den Löchern herrscht reger Betrieb. „Wichtig ist nur, nicht mit der Flasche in der Hand in einem der Löcher stecken zu bleiben“, sagt einer. „Erklär das dann mal der Polizei.“
Diese Garage ist ein Getränkeautomat
