Drei Stunden dauerte die Fahrt durch Dunst und Nebel, der Kanchenzunga gab sich erneut nicht die Ehre. Sundip Rai, der 25jährige Christ am Steuer, hat tapfer durchgehalten und wußte bestens über die Details der Klöster und Tempel Bescheid, setzte aber nie einen Fuß in deren inneren Bezirk, wo man die Schuhe ausziehen muss. Er wartete lieber draußen, bis ich wieder zurückkam.
Auf dem Rückweg vom “hohen Himmel” (so heißt Namchi, das auf 1625 Metern liegt und etwas mehr Einwohner als Aichtal hat, übersetzt) kommen wir durch ein kleines Dorf. Zehn Häuser. Davon fünf mit Läden. “Hast Du schon mal Bambuswein getrunken”, fragt Sundip mich. Ich schüttle den Kopf. “Den mußt Du probieren, warte mal!”
Und jetzt wird es konspirativ. Wie zur Zeiten der Prohibition in Amerika, als die Mafia große Geschäfte machte. Sundip fragt ein Mädchen, das am Eingang eines der Läden steht, etwas auf Nepali. Das schüttelt ganz erschrocken den Kopf. Bei einem jungen Mann hat er mehr Glück. Der zwinkert mit dem linken Auge und deutet auf den Laden gegenüber.
Mein Fahrer steigt aus dem Wagen und flüstert dort einer jungen Frau was ins Ohr. Sie nickt und winkt uns in die kleine Bude, schickt ihre kleine Schwester nach hinten – wohl um bei der Mutter was zu holen.
Etwa fünf Minuten später steht ein erstaunliches Gebräu vor mir. In einem Plastikbecher befindet sich eine Masse, die ich nicht so recht einordnen kann. Drei junge Einheimische betreten den Laden und grinsen breit, als sie mich am roten Plastiktisch sitzen sehen. Und sie recken den Daumen nach oben.
Während die junge Wirtin mir heißes Wasser auf das rot-violette Etwas gießt und sagt, ich müsse nun etwa fünf Minuten warten, bis die Sache zu gären anfange, erklären sie mir, dass vor mir “Thungba” steht. Ihr Nationalgetränk. Sie nennen es sogar “tribal drink”. Stammesgetränk.
Die Maische besteht offensichtlich aus jungen Bambusblätter und Hirse, und langsam fängt sie zu blubbern an. Jetzt darf ich den Strohhalm ansetzen. Die Jungs aus Sikkim machen es spiegelverkehrt. Sie greifen zu Westlich-Hochprozentigem: Whisky. Und zwar so, wie es J.R. und Sue Ellen dereinst in Dallas alle Ehre gemacht hätte. Bei den Buddhisten gibt es offensichtlich kein generelles Alkoholverbot. Mir kommt in den Sinn, was Dipendra Gurung, in dessen Öko-Tourismusprojekt im Darjeeling ich übernachtet habe, mir zwei Tage zuvor sagte: “Wir Gorkha hier sind Krieger. Wir trinken gerne. Aber dann arbeiten wir auch wieder hart.”

Konspiratives Treffen mit Bambus-Hirse-Wein (im Vordergrund): Thungba-Trinken ist in Sikkim anscheinend nicht ganz legal
Man bedeutet mir, dass der Thumba-Ausschank hier nicht gerade legal ist – ohne dass ich allerdings dahinter komme, warum. Auf jeden Fall besteht einer der Jungs darauf, beim Erinnerungsfoto das Tuch, das hier viele gegen den Smog über dem Mund tragen, hochzuziehen. Ob er wirklich fürchtet, per Internet gefasst zu werden? Sei’s drum. Es sieht auf jeden Fall spektakulärer aus.
Und während Frau Wirtin heißes Wasser nachgießt und damit eine Art Bambus-Hirse-Glühwein zaubert, bekomme ich einen Crashkurs in Sachen Völkerkunde. In Sikkim sind “die Inder” nämlich in der Minderzahl. Die Mehrzahl stellen die Bergvölker.
Der Wortführer der drei ist Nepali (was mir noch am ehesten ein Begriff ist). Seine beiden Kumpels gehören zu den Lepcha, die als Ureinwohner Sikkims gelten – ohne dass man weiß, woher sie denn kamen (Tibet gilt als die wahrscheinlichste Variante). Und Frau Wirtin zählt zu den Bhutia mit Wurzeln in Bhutan. Die Dinge sind eben oft viel differenzierter als man denkt.
Aber nun müssen wir wieder aufbrechen. Sonst kommen wir zu sehr in die Nacht hinein. Sundip (übrigens ein Bengale) drückt mir noch ein Blatt in die Hand, das mit Kardamom und einigen Holzstücken gefüllt ist und auf dem ich herumkauen soll. “Danach ist der Alkohol weg”, sagt er: “Außerdem gibt es frischen Atem.” Wie sich herausstellt, ist beides leicht übertrieben. Aber auch das muss man mal probiert werden.
Die Fahrt zieht sich und zieht sich. Kurve reiht sich an Kurve. Und dann wird Sundip plötzlich ganz persönlich: “Weißt Du, vor einem Jahr war ich sehr traurig. Da ist unser erstes Kind gleich am ersten Tag gestorben. Aber jetzt bin ich glücklich. Meine Frau ist wieder schwanger, und in vier Monaten kommt unser zweites Baby!”
Ob es da nach der Taufe Thungba gibt, weiß ich nicht. Aber daß mir ein 25-jähriger, den ich noch vor Stunden gar nicht kannte, auf einem Bergpass im Himalaya plötzlich sein Herz ausschüttet, das berührt mich schon sehr. Und es zeigt mir die Kraft des Gesprächs von Mensch zu Mensch. Ob mit Thungba oder ohne.
PS: In einer früheren Version des Artikels war noch von “Thumba” die Rede. Mein Freund und Experte Basav Bjattacharya aufgeklärt, was korrekt ist: Thungba.
