Nun will ich die Blog-Leser erst mal wieder auf den aktuellen Stand bringen.
Heute ist Sonntag. Mein letzter Sonntag in Indien, wie mir vorhin beim Abendesssen im Hotel Tibet in Gangtok ein- und aufgefallen ist. Kaum zu glauben, daß die sieben Wochen in und um Calcutta so schnell vorüber gegangen sind.
Gestern Nacht hab ich noch in einem 17-Häuser Dorf im Darjeeling (oder wie die Einheimischen sagen: “Gorkhaland”) geschlafen. Doch davon später. Heute mußte ich im Grunde nur 60 Kilometer weiter. Aber mit einstündigem Warten beim Taxi-Umsteigen hab ich dazu mehr als sechs Stunden gebraucht. So schnell geht es in Indien eben nicht voran.
Aber dafür warten immer wieder ganz besondere Erlebnisse auf einen. Heute hatte ich zum Beispiel das erste Mal das Vergnügen, in einem Jeep einer von 21 Insassen zu sein. Doch halt! Das stimmt nicht ganz: einer saß ja auf dem Dach. Und einer stand auf dem Trittbrett an der geöffneten Hintertür. Fünf drängten sich im Kofferraum, fünf auf der Bank davor (darunter ich), nochmal eine Handvoll in der Reihe vor mir und vier dann am Armaturenbrett. Sinnigerweie hatte der Fahrer auf dem Schoß eines Mitreisenden Platz genommen. Schön gemütlich also!

So richtig gemütlich: zu 22 im Jeep (vorne rechts: der Fahrer).
Von Kalimpong, dem Verkehrsknotenpunkt im Darjeeling Richtung Norden, muss ich zwei Stunden lang einen wilden Ritt durchhalten. Zuvor war es geradezu luxuriös: Zwar ging es auch holterdipolter über miserable Straßen, aber von Tinchuley, wo ich in einem Ökotourismus-Projekt des WWF einen Tag lang herrlich ausspannen konnte, war ich ganz allein mit meinem Fahrer. Und der hatte während der ebenfalls zwei Stunden (für 34 Kilometer) auch Gelegenheit, mal anzuhalten und mir Sehenswürdigkeiten zu zeigen – zum Beispiel den Blick aufs ehemalige “Dreiländereck” Sikkim/Bhutan/Bengalen am Zusammenfluss zweier Flüsse, die von den Gletschern des Himalaya gespeist werden.
Aber auch der unbequemsten Tour kan man hier noch was abgewinnen. Zum Beispiel das Staunen darüber, was in Indien so alles noch als Hauptverkehrsader gilt – zum Beispiel eine Trasse, die von der Breite her der von Neckartailfingen nach Schlaitdorf ähnelt und die jene in puncto Schlaglöcher im Vergleich zu deren übelster Zeit noch mindestens um das Zehnfache übertrifft. Für wohligen Nervenkitzel sorgen Gefällstrecken, deren Neigung wohl jeder Achterbahn zur Ehre gereichen würde – gottlob sind die dann aber nur zwischen 10 und 20 Meter lang.

Ob das noch was wird? Eine Panne erfordert in Indien viel persönliches Knowhow.
Und manchmal geht es auch nicht weiter, weil ein liegengebliebenes Fahrzeug die Gegenfahrbahn blockiert und erstmal durch Schieben rückwärts und zur Seite rangiert werden muss. Unter der Motorhaube scheint da nachgerade eine Ölquelle zu sprudeln, von des Fahrers Armen tropft es ebenfalls. Den Kampf mit der Panne hat er bislang verloren, obwohl eine Menge Ratgeber um ihn herum Tips und Anweisungen geben. Ob er sein Vehikel bis zum Abend wieder flott bekommen hat.
In Rangpo muss ich den Jeep leider verlassen. Was werden meine Mitreisenden nur ohne mich machen? Denen wird sicher was fehlen, wenn sie nur noch zu 20 unterwegs sein müssen…
Warum ich ausgestiegen bin? Nun, zum ersten Mal, seit ich hier bin, verlasse ich West-Bengalen. Ich möchte nach Sikkim, das ein selbständiges Königreich war, bevor es vor 39 Jahren von Indien gewaltsam annektiert wurde. Nun ist es zwar einer von 27 Bundesstaaten dieses riesigen Landes, aber dennoch nicht so wie alle anderen: Man braucht nämlich als Ausländer eine spezielle Erlaubnis, es zu bereisen.
Dieses “Permit” muss ich mir erst an der einstigen Grenze am Fluss Teesta holen. Es ist zwar viel viel weniger aufwändig und viel viel viel schneller, als ehedem an der innerdeutschen Grenze, die Leute sind auch alle sehr freundlich. Ich brauche für den Passierschein auch keine fünf Passbilder, wie man mir in Calcutta sagte, sondern nur ein einziges. Und ich muß auch (entgegen der Auskünfte in West-Bengalens Metropole) keine 100 Rupien zahlen, sondern bekomme Pass und Papiere einfach so in die Hand gedrückt.
Aber ich muß eben in dem Grenzstädtchen ein neues Taxi suchen. Das geht relativ schnell. Aber es ist fast schon enttäuschend: Diesmal sind wir in drei Reihen nur ganze zwölf Leutchen! Da kommt man sich während der letzten beiden Stunden ja regelrecht einsam vor…
Gehen 16 Uhr bin ich dann in Gangtok, Sikkims Hauptstadt, angekommen. Schon auf der Fahrt sind mir hier die vielen buddhistischen Gebetsfahnen aufgefallen. Kein Wunder, denn Tibet ist ganz nah, und allüberall sieht man Solidaritätsbekundungen für die Menschen, die unter dem Joch Chinas zurechtkommen müssen. Auch viele Klöster führen dazu, daß Gangtok zu den Zentren des Buddhismus zählt.

Westliche Tänze auf dem kalten Marktplatz von Gangtok
Auf der anderen Seite kommt mir die Stadt, die ungefähr so viele Einwohner wie Nürtingen hat, sich aber über 400 Höhenmeter erstreckt, auch sehr weltlich-westlich vor. So meine ich fast, daß die relative Dichte der Alkohol-Shops (in Indien gibt es Bier, Wein und Schnaps nicht im Supermarkt, sondern nur in lizensierten Läden) die Calcuttas weit übertrifft. Und auf dem Marktplatz gibt es beim Sikkim Snow and Culture Festival (von Schnee ist übrigens weit und breit nichts zu sehen) tänzerische Darbietungen, die mit Himalaya-Folklore wohl in etwa so viel wie der Hohenneuffen mit dem Mount Everest zu tun haben, aber dennoch kräftig beklatscht werden.
So weit mein erster Eindruck. Für morgen hab ich eine Stadtführung gebucht. Bin mal gespannt, welches Bild sich dann bietet.
