Dessen Konzept ist einfach und begeisternd zugleich: Bhattacharya hat es keine Ruhe gelassen, dass es gerade im ländlichen Indien herausragende Musiker gibt, die sich aber nicht ihrer wahren Begabung widmen können, sondern niedere Arbeiten verrichten müssen, um ihre Familien überhaupt über die Runden zu bringen.
“Banglanatak” (übersetzt: “Bengalische Trommler”), wie seine Organisation heißt, spürt diese Talente auf, fördert sie, organisiert auch Austauschprogramme mit der westlichen Welt und kümmert sich auch sonst um Auftritte für sie. Mittlerweile hat er schon 3200 Musiker (natürlich nicht nur Solisten, sondern auch in Ensembles) in seiner Kartei. Früher hätten die gerade mal 400 Rupien (6,50 Euro) im Monat zur Verfügung gehabt, bei “Art for Life” – das sich übrigens nicht auf Musik beschränkt, sondern auch Künstlern und Kunsthandwerkern eine Plattform bietet – verdienten sie mittlerweile zwischen 65 und 550 Euro. Das ist schon ein Sprung.

Tanmoy Bose, Amitava Bhattacharya und Ustad Amjad Ali Khan eröffnen die Sufi Sutra 2012.
Die “Sufi Sutra” dient offensichtlich der Eigenwerbung für dieses auch von der Unesco anerkannte Projekt. Im Mohar Kunj einem wunderschönen (und vor allem: sauberen) Park in der Nähe des Victoria Memorials, ist eine große Open Air-Bühne aufgebaut, sind Stühle für etwa 2000 Menschen vorhanden (solange der Abend noch einigermaßen lau ist, sind die bei freiem Eintritt auch fast alle besetzt), noch im entferntesten Winkel des Parks kann man auf Großleinwänden das Geschehen verfolgen. Die Creme de la Creme der bengalischen Volksmusik – wie Ustad Amjad Ali Khan (ein Meister der Sarod, der indischen Laute) oder Tanmoy Bose (ein brillianter Tabla-Spieler) – und sonstige Ehrengäste sitzen in zwei Polsterbank-Reihen ganz vorne.
Sie erleben acht Ensembles aus sechs Ländern, die beim “Sufi Sutra” die Kraft der Humanität und des Friedens feiern wollen – mit spiritueller Musik, aber jenseits konkreter Religionen. Die Melodien sollen nicht trennen, sondern zusammenführen. Denn Calcutta habe immer an die Pluralität der Gedanken geglaubt, heißt es im Programmheft.

Musik aus West-Bengalen: Drei der Bauls and Fakirs from Nadia and Murshidabad
Den Auftakt macht Gastgeber West-Bengalen. Die Bauls und Fakirs aus Nadia und Murshidabad erweisen sich als gute Einheizer. Das Publikum hat gleich was, womit es sich identifizieren kann, und die Gruppe begeistert auch dadurch, dass jeder sowohl im Hintergrund spielt als auch als Solist vorne agieren darf.

Weltmusik aus Ungarn: Söndörgö
Söndörgö, die Gäste aus Ungarn, lassen freilich daran zweifeln, ob sie in ein spirituelles Konzept hineinpassen. Was sie spielen, ist Balkan-Folklore vom Feinsten – was aber dadurch ins Sufi Sutra-Schema hineingepresst wird, dass sich die Gruppe auch musikalisch für eine Versöhnung von Serben und Kroaten einsetzen wolle. Klasse Weltmusik zweifelsohne, selbst Anklänge an den Sirtaki sind dabei, und das Publikum spendet auch (für indische Verhältnisse) enormen Applaus. Gut also, dass die Veranstalter ihr Motto nicht allzu ernst genommen haben.

Lobpreis Allahs: Marouane Hajj aus Marokko
Beim-Schluss-Act des ersten Tages passt es wiederum ganz genau: Marouane Hajj und sein Ensemble Akhawane zelebrieren den Lobpreis Allahs überaus beeindruckend. Das Mantra zu ehren des Schöpfers kann zugleich beruhigen und unter die Haut gehen. Aber dann wird es dann doch zu kalt. Immer mehr Menschen (darunter ich im kurzärmeligen Hemd) verlassen kurz nach 22 Uhr den Mohar Kunj. An Marouane Hajj und seiner Musik lag dies freilich garantiert nicht.

Musik verbindet Juden, Moslems und Christen: der Orient West Choir aus Dänemark
Europas zweiter Vertreter ist am nächsten Abend der Orient West Choir – aus Dänemark. Ein höchst bemerkenswertes Ensemble ist da aus Skandinavien angereist. Es versucht, die musikalischen Verbindungen zwischen den drei monotheistischen Religionen dieser Erde aufzuspüren und leben zu lassen – und schafft es, mit der Musik eine Brücke zwischen Juden, Moslems und Christen zu schlagen. Vielleicht noch darüber hinaus, denn den Bengalen hier gefällt nicht zuletzt der von einer Tänzerin auch optisch umgesetzte Loblied auf die Bäume.

Tolle Kostüme: das Staatsensemble für alte Musikinstrumente aus Aserbaidschan
European Song-Contest Aserbaidschan verblüfft einmal mehr: Das Staatsensemble für alte Musikinstrumente entführt in einer Klangwelt, die zunächst uralt scheint, aber einfach zeitlos klingt und mitunter auf Instrumenten gespielt wird, die ich noch nie gesehen, geschweige denn gehört habe. Und die Kostüme dazu sind auch einfach herrlich. Kein Wunder, dass die Menschen hier ebenso begeistert sind wie das Publikum in Stuttgart, wo die Truppe 2008 ein Konzert gab.
Dann muss ich aber heim. Denn am nächsten Morgen geht es früh raus. Der Bus in den Nationalpark Sundarbans wartet nicht.
Und so verpasse ich die Ägypter der der El Kawmeya Folklore Music Troupe sowie die Nizami Khusro Bandhu aus Delhi und die Kashmir Music Society.
Aber auch so war es schön, mal in andere musikalische einzutauchen, die man in Deutschland kaum kennt. Ich bin gespannt, ob Amitava Bhattacharyas Traum von Calcutta als Welthauptstaft der spirituellen Musik in Erfüllung geht (wobei es der Ausfruck “Weltmusik” auch täte).
Ich drücke ihm auf den jeden Fall die Daumen.





