Freitag, 17. Mai 2013
Der Ökonom als Superstar
Lars Feld ist ein echter Superstar unter den deutschen Ökonomen. Dank der entscheidenden Kontakte des Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion der „Badischen Zeitung" dürfen wir den Tempel des deutschen Wirtschaftsliberalismus betreten. Felt ist der Leiter des Freiburger Walter Eucken Instituts, einer Einrichtung, die nach einem der Väter des Ordoliberalismus benannt ist, und die in einem vornehmen Wohnviertel der Stadt liegt. Er ist darüber hinaus vor allem einer der fünf Wirtschaftsweisen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sachverständigenrat zur Seite stehen. Inmitten einer Krise, in der Deutschland immer mehr zum Motor Europas wird, sind wir gespannt auf die Ideen eines wichtigen Ökonomen über dieses immer stärker auf Deutschland hin ausgerichtete Europa und auf sein Urteil über die Schwierigkeiten Italiens. Das Gespräch findet in Felds hellem Büro statt, das vollständig mit Büchern angefüllt ist und in dem über dem Eingang ein großes Bild von Walter Eucken hängt. Der freie Ton des Gesprächs führt Feld zu Schlussfolgerungen, die wir möglicherweise erwarteten, vor allem im Hinblick auf Italien. Die Krise wird noch ein oder zwei Jahre dauern. Aber Italien wird dennoch verständlicher Weise so lange unter Beobachtung bleiben, bis es gelingt, tatsächlich einen Weg der Reformen einzuschlagen. Danach diskutiere ich mit Bernd lange über den Inhalt des einstündigen Gesprächs. Ich merke, dass es in Italien kein klares Urteil über mein Land gibt. Lichter und Schatten, wie immer.
Vauban, Wirklichkeit gewordene Utopie
Endlich gelingt es, das französisch ausgesprochene Vauban zu besuchen. In einer ehemaligen französischen Militärbasis ist in Freiburg eine „grüne Stadt" entstanden, eines der wichtigsten Beispiele ökologisch nachhaltigen Bauens, das 2010 sogar bei der Weltausstellung in Shanghai vorgestellt wurde. Bei einem kurzen Besuch in der Mittagszeit entdecke ich die Geheimnisse dieses Ortes, der 1993 geplant wurde und an dem heute 5.000 Menschen wohnen. Zu kurz für ein umfassendes Bild, aber lang genug, um eine Vorstellung zu erhalten. Die Tatsache, dass alles integriert ist, Häuser und Bewohner des Viertels, macht diesen Ort einzigartig, das wird bei einem Blick auf den Stil der Gebäude und auf die Menschen auf den schmalen Straßen im Grünen deutlich. Darunter machen wir das Profil der ersten Pioniere aus, die sich in den Anfangsjahren in diesem überraschenden Viertel ansiedelten, echte Veteranen. Einige wohnen in Häusern, die gut zu einer Kommune von Blumenkindern der 60er Jahre passen würden. Eine Art von Kollektivismus ante litteram, bei dem über alles diskutiert und an allem teilgehabt wurde. Die Kollegen von der „Badischen Zeitung" werden später erklären, dass hier mehr als 92 Häuser mit einem Stromverbrauch von nur 15 Kilowatt pro Quadratmeter errichtet wurden. Im Innern des Viertels entsteht der Eindruck einer Wirklichkeit gewordenen Utopie, bei der die Stromversorgung durch die Nutzung von Abwärme sichergestellt wird. Es gibt hier sogar so genannte „Sonnenschiffe" (Plus Energy House), Häuser, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen. Ein so starkes Augenmerk auf die Umwelt ist im Reich der Green Economy nicht zufällig. Die Wohnungen verfügen über Zentralheizungen, bei denen Holzspäne als Brennstoff eingesetzt wird. Diese Bautechniken sind in Italien nicht unbekannt, aber wir sind noch weit von solchen Energiesparmodellen entfernt. Nicht zufällig organisieren Vereine Führungen für Schulen, denn in Vauban kann man offenbar auch etwas lernen. Erstaunlich der Einsatz des Regenwassers, das gesammelt wird. Der Kollege Karl, der hier in der Nähe wohnt, aber interessanterweise mit dem Wagen zur Arbeit fährt und damit freundlichen Tadel der Zeitung erntet, erklärt, dass es nur außerhalb des Viertels einen Parkplatz gibt, denn alles ist zu Fuß zu erreichen. Dieses Verkehrsmodell wird auch am Freiburger Fußballstadion angewandt, wo es keine Parkplätze gibt, das aber an Spieltagen ununterbrochen von Bussen angefahren wird. Freiburg ist wie geboren für eine Stadt ohne Parkplatz. Jede unter Abgasen leidende Altstadt wäre gern vom Autoverkehr befreit. Hier ist die Utopie Wirklichkeit.
In der falschen Schlange
Seltsame Alchimie des Schlange-Stehens. Mitten im bunten Schwarzwalt-Markt vor dem imposanten Münster hat sich vor einem Schild mit der Aufschrift "Original Freiburger" eine lange Schlange gebildet. Dort gibt es weiße und andere Wurst in unterschiedlichen Tönungen und Geschmacksrichtungen. Ich bin kein Experte regionaler Spezialitäten, aber aus der Länge der Schlange schließe ich an diesem Feiertag, dass ich dort ein gutes Würstchen bekomme. So beschließe ich, einen Blick ins Münster zu werfen, dann drehe ich mich wieder um und entdecke zu meiner Überraschung, dass die Schlange sich an den benachbarten Stand verlagert hat. Was ist passiert? Hat eine unmerkliche Bodenbewegung die Schlange nach rechts versetzt? Die Leute scheinen die gleichen zu sein. Also stelle ich mir vor, dass es hier ein mir unbekanntes Theorem über das Schlange-Stehen gibt. Die geordnete Bewegung geht vermutlich auf Regeln des zivilen Zusammenlebens zurück, die auf vorgeschichtliche Zeiten zurückgehen. Tatsächlich habe ich mein Würstchen mit Brötchen in Ruhe allein genießen dürfen. Mit dem Verdacht, in der falschen Schlange zu stehen.
Dienstag, 14. Mai 2013
Die Klingeln von Freiburg
Fahrräder. Ein Meer von Fahrrädern. Freiburg lebt auf Zweirädern. Als Lebensphilosophie. Welche die Barrieren der städtischen Mobilität zum Verschwinden bringt, aber auch Probleme schaffen kann, wenn man die Regeln nicht kennt. Die Stadtverwaltung von Freiburg hat überall Fahrradwege angelegt, Wege in die hügelige Landschaft, zu Museen, Kirchen und Denkmälern. Es gibt keinen Ort, keinen Winkel, keine Ecke, die nicht über einen eigenen Fahrradweg verfügt und die langen Fahrradständer, die das Leben im Gegenwind symbolisieren. Die Fahrradkultur äußert sich auch auf phantasievolle Art. Fahrräder mit Kindersitz für Mütter mit Kindern, das Rennrad für den eiligen Studenten, das ruhige mit mehreren Gängen für den Angestellten, der pünktlich ins Büro muss, Nomadenräder für ziellose Streuner, die einen Kasten auf zwei Rädern hinter sich herziehen. Dann sind da noch die Rikscha-Räder wie in der Innenstadt von Bombay und nicht in der Nähe des Schwarzwalds. Auch für das Leben mit dem Fahrrad gelten eigene Regeln. Man hält an der Ampel, schneidet keine Straßenbahn (denn ansonsten oh weh!) und man hält sich von Fußgängerzonen fern. Einem armseligen Fußgänger wie mir, der gern diesem ununterbrochenen Fluss von Zweirädern zuschaut, bleibt nichts anderes übrig, als streng auf den Boden zu blicken, um nicht versehentlich den Fahrradweg zu betreten. Die Klingeln der Freiburger Fahrräder klingeln sehr laut. Unüberhörbar. Also springe ich zur Seite. Fluchend. Aber mit einem Schuss Bewunderung.
Grazie Piccolo, grazie Goethe-Institut
Wieder zurück in Deutschland vermisse ich viel. Eine Stadt, ein Land eben nicht als Tourist zu erleben, sondern eingebettet in eine Redaktion, ist ein riesiger Unterschied. Ich kann deshalb das Projekt Journalistenaustausch des Goethe-Instituts nicht hoch genug loben. Es ist weit mehr als ein Tapetenwechsel, es ist ein kompletter Perspektivwechsel. Mir ist klar geworden, wie wenig man in Deutschland den Frust in Italien über die dortige politische Klasse versteht. Ebenso die sozialen Probleme in dem Land, die im Süden noch deutlich gravierender sein dürften. Und ich war zugegebenermaßen auch etwas erstaunt, wie das Auftreten Deutschlands in der Eurokrise in Italien, das hier vermutlich pars pro toto auch für andere Länder steht, wirkt. Die bei vielen Deutschen offenbar tief sitzende Vorstellung, dass man selber im wesentlichen alles richtig macht, und die anderen lediglich von Deutschland, seinem Denken und Handeln zu lernen hätten, ist eine Rollenverteilung, die Europa nicht gut tun kann. Habermas fragte unlängst in einem Vortrag zu Recht: Wollen wir ein deutsches Europa oder ein Deutschland in Europa? Andere Länder diskutieren die Frage, Deutschland nicht.
Es werden viele Erinnerungen bleiben an diese in vielerlei Hinsicht beeindruckende Stadt. Und natürlich an die wundervollen Menschen, die ich hier kennengelernt habe und mit denen ich in Kontakt bleiben möchte. Die sympathischen Kollegen in der Kulturredaktion des Piccolo haben mir drei Wochen lang ein redaktionelles Zuhause gegeben. Sie waren immer ansprechbar und hatten viel Geduld mit meinem angelernten Italienisch. Molto Grazie! Und ein besonderes Grazie geht natürlich auch an Frau Hagemann, die Leiterin des Goethe-Institits in Triest, die mit vielen Anregungen und Hilfestellungen mir vieles erleichtert hat.
Es werden viele Erinnerungen bleiben an diese in vielerlei Hinsicht beeindruckende Stadt. Und natürlich an die wundervollen Menschen, die ich hier kennengelernt habe und mit denen ich in Kontakt bleiben möchte. Die sympathischen Kollegen in der Kulturredaktion des Piccolo haben mir drei Wochen lang ein redaktionelles Zuhause gegeben. Sie waren immer ansprechbar und hatten viel Geduld mit meinem angelernten Italienisch. Molto Grazie! Und ein besonderes Grazie geht natürlich auch an Frau Hagemann, die Leiterin des Goethe-Institits in Triest, die mit vielen Anregungen und Hilfestellungen mir vieles erleichtert hat.
Ein badischer Abend in Triest
Der deutsche Schriftsteller Veit Heinichen hat Triest Proteo Laurenti geschenkt, diesen sympathischen Kommissar, der sich inzwischen in vielen Ländern großer Beliebtheit erfreut. In zehn Sprachen wurden die Krimis übersetzt und mit Henry Hübchen in der Hauptrolle für die ARD verfilmt. Seit 15 Jahren wohnt er in Triest, inzwischen liiert mit der Triestiner Starköchin Ami Scabar, mit der er zusammen ein Buch über die "Stadt der Winde" herausgegeben hat. In ihrem gleichnamigen Restaurant sitzen wir, draußen auf der Terrasse, genießen den weiten Blick und das feine Essen. Eigentlich ein Abend, an dem ich als Journalist ganz viel hätte erfahren können über einen Mann, der auszog, um zu schreiben, und eine Stadt, die ihn anzog, um in ihr und über sie zu schreiben. Freilich habe ich viel über ihn erfahren, aber das stand irgendwie gar nicht im Vordergrund. Denn da wir aus der gleichen, durchaus etwas eigenwilligen Ecke Südbadens stammen, in der die Menschen auch einen ziemlich eigenwilligen Dialekt sprechen, und da wir auch noch etwa gleich alt sind, wurde der Abend zu einem wunderbaren Erlebnis. Wir haben uns, wie alte Schulfreunde, viel von früher erzählt, obwohl wir uns zum ersten Mal begegnet sind ...
Irgendwie bis heute auch Österreich
Im gut gefüllten Autobus bin ich Richtung Redaktion unterwegs. Zwei Frauen neben mir plaudern eher leise, ebenso drei Jugendliche. Da ertönt die österreichische Nationalhymne, recht laut, sodass alle für einen Augenblick verstummen. Ein Mann mittleren Alters beginnt etwas hektisch in der Innenseite seines Jacketts nach dem Handy zu gramen. Es dauert eine Weile, bis er die Hymne verstummen lässt und "pronto" zum Telefonieren ist. Er spricht Italienisch, ist von hier. Und wahrscheinlich einer der vielen, die auch heute noch lieber zu Österreich als zu Italien gehören würden. Anfangs habe ich es nicht wirklich geglaubt, dass viele Triestiner sich heute noch schwer tun mit der italienischen Staatsbürgerschaft. 500 Jahre Österreich hinterlassen in Triest viele Spuren. Die Stadt ist bis heute ein Stück Mitteleuropas geblieben.
Samstag, 11. Mai 2013
Ein Espresso für drei Euro
„Deutschland hat nicht unter der Krise gelitten.“ „Man hätte Griechenland nie in die Eurozone aufnehmen sollen.“ „Angela Merkel hat das Ihre getan, wir begreifen nicht, warum sie in Italien so verhasst ist.“ In den Alltagsgesprächen geht es in Freiburg vielfach um die Krise und die Preise. Wenn man eine Runde durch die Läden der Innenstadt von Freiburg dreht, merkt man, dass Verwirrung über den Wert vieler Dinge herrscht. Nichts besonderes, wenn ein Espresso drei Euro kostet. Dreimal so viel wie in Italien. Nicht einmal auf dem kleinen Markt am Münster sind die Produkte besonders preiswert. Wenn Deutschland auch immun gegen die Rezession ist, die Italien und Griechenland erfasst hat, wird dadurch auf einmal klar, dass die steigenden Lebenshaltungskosten als überhöhter Preis gesehen werden, den es auf dem Altar der Krise zu zahlen gilt. Auch in Baden-Württemberg sind die Immobilienpreise offenbar stark angestiegen. Italien und Spanien trifft natürlich nicht die Schuld dafür. Die Preiserhöhungen sind die Folge eines starken Euro, und eine starken Wirtschaft wie die deutsche erlebt eine Verteuerung ihrer Güter, die sie in den Markt einspeist. Angela Merkel muss sich aber auch über die Lage im eigenen Land Sorgen machen und darf bestimmte Anzeichen nicht ignorieren. Auch weil es bald Wahlen gibt.
Donnerstag, 9. Mai 2013
Himmelfahrt
Eine Frau mit einem leuchtend roten Kleid führt eine Touristengruppe mit einer roten Laterne durch das Münster. Eine andere trägt einen indischen Sari. Zwei Beispiele für Multikulti in Freiburg. Das erste steht für die Identität der Gemeinschaft, die an ihren Traditionen festhält; das zweite erinnert uns daran, dass ein vereintes Europa nicht nur eine Einheitswährung bedeutet. Frei schwebende Gedanken am Himmelfahrtstag. Ein Feiertag, den es in Italien nicht gibt und den ich ohne Zögern ehren will. Wie die ca. 49.000 Italiener, die in Baden-Württemberg wohnen, wie der italienische Konsul in Freiburg, Filippo Romano sagt, mit dem ich ein wenig geplaudert habe. Er hat mir erklärt, dass auch Freiburg Ziel vieler junger Italiener geworden ist, etwa tausend im Jahr, die in Deutschland Arbeit suchen. Zwischen 25 und 40 Jahre alt, häufig mit Studienabschluss und guter Zusatzausbildung. Das hat mit der Wirtschaftskrise und der großen Arbeitslosigkeit in Italien zu tun. Vielleicht, und das hoffen wir, auch damit, dass Europa trotz Rezession noch Arbeitsmöglichkeiten für viele junge Menschen bietet, die Lust auf neue Erfahrungen haben. Freiburg, wichtige Universitätsstadt in Deutschland und Hauptstadt der Green Economy, ist dabei ein begehrtes Ziel.
Mittwoch, 8. Mai 2013
Blickpunkt
Der Fremde findet in jeder Stadt sofort seinen Bezugspunt. Dies kann ein Ort sein, eine Bushaltestelle oder ein Ausblick auf die Landschaft. Ich habe wohl in der prächtigen Kaiser-Joseph-Straße meinen Blickpunkt auf Freiburg entdeckt. Du bist mitten im Herzen einer wunderbar restaurierten Altstadt, im ständigen Fluss. Sehr viel mehr Fahrräder als Autos, die Straßenbahn fährt ständig mit ihrer perfekten Geometrie. Darüber thront der Glockenturm des Münsters: 116 Meter gotisches Wunder, das dich unablässig anblickt. Wir sind im Herzen der „grünsten“ Stadt Deutschlands. Aber auch in der am meisten kosmopolitischen, vielleicht weil sie in unmittelbarer Nähe zur schweizerischen und zur französischen Grenze liegt. Auch in der Kaiser-Straße finden sich alle Symbole der Globalisierung, von McDonald’s bis zu Starbucks. Der Blick fällt unweigerlich auf Schaufenster mit Produkten, die italienisch wirken sollen. Wie die Kaffeemaschine „Perfektissima“. Da gibt es nichts zu Lachen. Zwei Haltestellen weiter drehen sich viele Gespräche in der Redaktion der „Badischen Zeitung“ eben um das Verhältnis zwischen der italienischen und der deutschen Wirtschaft in Krisenzeiten.
Montag, 6. Mai 2013
Eine überraschende Nachricht
Ein Journalist im Ausland nimmt vor allem dann, wenn er die Landessprache nicht beherrscht, den ersten Kontakt mit dem Taxifahrer auf, der ihn vom Flughafen abholt. In diesem Moment stehen die Eindrücke noch auf null. Wenn du in Freiburg im Breisgau anzukommen, landest du an einem Dreiländereck: Schweiz (Basel), Frankreich (Mühlhausen) und Deutschland (Freiburg). Nichts könnte symbolträchtiger für ein Europa auf der schwierigen Suche nach Identität sein, in dem die Wirtschaftskrise alle bekannten Fortschritts- und Wohlstandsmodelle des Westens zerstört hat. Natürlich erzählt der Taxifahrer von seinem Land, dem Iran, und davon, wie er sich seit über zwanzig Jahren perfekt in Deutschland integriert hat. Leider seien Arbeitsangebote für Einwanderer rar und meist auf die Gastronomie beschränkt, beklagt er. Auf der Fahrt nach Freiburg taucht eine fast schon strahlende süddeutsche Stadt auf, die rund um die Gleise der Stadtbahn und die Fahrradwege errichtet zu sein scheint. Die deutsche Großindustrie ist meilenweit weg. Hier lässt sich das Gefühl einer wirtschaftlichen Supermacht kaum nachfühlen, die sich weigert, von der Schuldenkrise betroffenen Ländern wie Italien und Spanien als Amme zu dienen. Wir würden dem iranischen Taxifahrer gern antworten, dass Italien nicht Griechenland, und dass seine Wirtschaft solide ist. Wenig später suchen wir den Kontakt zu den Kollegen von der „Badischen Zeitung", bei der wir jetzt dank des schönen Projekts des Goethe-Instituts arbeiten werden. Die baden-württembergische Zeitung ist an zwei Orten präsent. Die Reporter arbeiten in einem schönen Gebäude in der Altstadt mit einem öffentlichen Newsroom, der eine gute Idee für Besucher ist. Der Hauptsitz der Zeitung liegt weniger zentral in einem modernen und repräsentativen Gebäude. Der Freund und Kollege Karl, der gerade nach einer Erfahrung beim „Piccolo" aus Triest zurück ist, stellt uns einen Schreibtisch in der Nähe der Wirtschaftsredaktion zur Verfügung. Wenig später teilt er mir eine Nachricht mit, die mich auffahren lässt und die offenbar auch die Kollegen von der „Badischen Zeitung" betrifft. Unglaublich, Giulio Andreotti ist gestorben. Karl fragt mich zu meiner Überraschung, ob ich etwas schreiben will. Und wenig später sitze ich plötzlich da und zerbreche mir den Kopf, um den Freiburger Lesern mit einem gewissen Maß an Kühnhiet die umstrittenste Persönlichkeit der italienischen Politik aller Zeiten verständlich zu machen. "All the news that’s fit to print”, sagen die von der „New York Times".
Freitag, 26. April 2013
Der Macho ist tot
In Deutschland, glaube ich, gibt es immer noch das Vorurteil, viele italienische Männer seien Machos. Ich habe deshalb mal meine Kollegin Arianna gefragt, ob das so noch stimmt. "Nein", lächelt sie, "der Macho ist tot. Es gibt nur noch Ex-Machos." Arianna, eine Frau, die in der Mitte des Lebens steht, muss es wissen, denke ich. Sie arbeitet in der immer noch von Männern dominierten Welt des Piccolo und kann sich da, wie mir scheint, ganz gut behaupten. Die Männer in Italien hätten sich komplett geändert, sagt sie. Laute, dominant auftretende und muskelbepackte Männer könnten heute bei vielen italienischen Frauen, deren Rolle sich in den vergangenen Jahren stark verändert habe, nicht mehr landen. Und im Süden Italiens? Naja, lächelt sie wieder, da mag es teilweise noch ein bisschen anders sein. Aber Berlusconi ist doch ein Macho, oder etwa nicht? "Nein", sagt Arianna und amüsiert sich über meinen etwas verduzten Blick. "Berlusconi ist ein Narzisst." Freilich seien Frauen für ihn nur Objekte. Sie dienten ihm aber nur dazu, sich in ihnen selbst zu bespiegeln. Da mir Lucia, eine andere Kollegin, wimpernhärchengenau die gleiche Antwort gegeben hat, wird es so sein.
Donnerstag, 25. April 2013
Luftwechsel
Es gibt Menschen, die brauchen, um Grundsätzliches im Leben zu ändern, dazu einen besonderen Ort und eine besondere Zeit. Ich habe mir dafür meinen Aufenthalt in Triest ausgesucht. Auch den genauen Ort hatte ich nach meinen ersten Rundgängen durch die Stadt schnell gefunden: den Molo Audace, diesen weit ins Meer ragenden Kai. Ich habe einem Kollegen des Kulturressorts von meinem Vorhaben erzählt. Der lächelte milde und erzählte mir, dass der in Italien sehr verehrte Triestiner Schriftsteller Italo Svevo das Gleiche am gleichen Ort vorhatte. Er habe es mehrmals versucht, es sei ihm aber nie gelungen. Ist das nun ein schlechtes Vorzeichen? Nein, dachte ich mir. Wenn ich schon nicht so schreiben kann wie Italo Svevo, dann gelingt mir vielleicht wenigstens dies besser.
Keiner mag Merkel
Egal, mit wem ich rede: Keiner mag Merkel. Ob das Leute sind, die sich im linken, rechten, grünen, grillen oder gar keinem politischem Spektrum verorten, ist völlig unerheblich. Merkel ist bei den Italienern unten durch. Sie personifiziert das Spardiktat. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die meisten Italiener Politik sehr stark personifizieren. Auch im eigenen Land. Manchmal kommt es mir vor, als ob mehr über die Köpfe als über Inhalte und mögliche inhaltliche Schnittflächen von Parteien diskutiert wird. Die italienische Politik funktioniert anders als die eher konsensorientierte in Deutschland.
Obwohl mir eigentlich egal sein kann, was Italiener über Merkel denken, ertappe ich mich dabei, wie ich die Kanzlerin verteidige, auf ihre Fähigkeit zuzuhören, zu moderieren und Kompromisse zu schmieden hinweise. Und dass ein Kanzler Steinbrück weniger Verständnis für die Anliegen Italiens hätte, wie er ja mit seinen überheblichen Clown-Äußerungen schon unter Beweis gestellt hat. Einerseits kann ich ja erleichtert sein, dass die Italiener sich über Merkel beklagen und nicht über die Deutschen. Andererseits befürchte ich, dass sie zwar Merkel sagen, aber die Deutschen meinen. Die Euro-Krise ist eben nicht nur in erster Linie eine Staatsschuldenkrise, wie man in Deutschland annimmt, sondern auch eine politische Krise Europas. Das nehmen viele in Deutschland nur nicht wahr.
Obwohl mir eigentlich egal sein kann, was Italiener über Merkel denken, ertappe ich mich dabei, wie ich die Kanzlerin verteidige, auf ihre Fähigkeit zuzuhören, zu moderieren und Kompromisse zu schmieden hinweise. Und dass ein Kanzler Steinbrück weniger Verständnis für die Anliegen Italiens hätte, wie er ja mit seinen überheblichen Clown-Äußerungen schon unter Beweis gestellt hat. Einerseits kann ich ja erleichtert sein, dass die Italiener sich über Merkel beklagen und nicht über die Deutschen. Andererseits befürchte ich, dass sie zwar Merkel sagen, aber die Deutschen meinen. Die Euro-Krise ist eben nicht nur in erster Linie eine Staatsschuldenkrise, wie man in Deutschland annimmt, sondern auch eine politische Krise Europas. Das nehmen viele in Deutschland nur nicht wahr.
Mittwoch, 24. April 2013
Der Tag nach der Wahl
Die Kollegen, die schon in der Redaktion sind, haben eher kleine Augen. Kein Wunder, denn sie haben bis nachts um 2 gearbeitet. Lange war offen, wer die Wahlen in der Region Friaul Julisch Venetien für sich entscheidet. Am Ende siegte die Kandidatin des PD im "Foto-Finish", wie der Piccolo am nächsten Tag titelte. Das bedeutet Machtwechsel in der Region, in der die Berlusconi-Partei PdL bisher das Sagen hatte. Das Kulturressort war vollzählig, um wie auch andere Ressorts den Kollegen der Politik zuzuarbeiten. Überhaupt: Die Krise der Politik hält Italien noch immer in Atem. Im Piccolo sind die Politikseiten seit nunmehr zwei Monaten jeden Tag mit dem Stichwort "La crisi politica" überschrieben - in roten Lettern, so als sollte man sie als Mahnmal verstehen. Enden wird diese alltägliche Aufmachung erst, wenn Italien endlich eine Regierung hat, sagte mir ein Kollege. Wie es aussieht, könnte sie jetzt vielleicht zustandekommen. Wie lange sie hält, ist eine andere Frage. Ob dann wieder eine Zeit mit roten Lettern kommt?
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