Poniedziałek, 20. grudzień 2010
Konferenzblog
Ein Team von fünf Bloggern hat die Konferenz „Illusion der Nähe? Ausblicke auf die europäische Nachbarschaft von morgen“ begleitet, die vom 27. bis 29. Oktober 2010 im Flughafen Tempelhof stattgefunden hat. Zu allen Veranstaltungen der Konferenz sind hier Beiträge und Fotos zu finden.
Piątek, 29. październik 2010
Rede des Bundesministers des Auswärtigen Guido Westerwelle

Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen | Foto: Verena Hütter
Zum Abschluss der Konferenz „Illusion der Nähe?“ spricht Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen. Zu Anfang seiner knapp einstündigen Rede sagt Westerwelle, der Begriff „Nachbarschaft“ sei in seinen Augen für die Konferenz sehr gut gewählt. Er würde der Natur und dem Wesen Europas gerecht.
Westerwelle berichtet daraufhin von einem Besuch in Seattle, als er als Mittzwanziger amerikanischen Schülern von Europa und Deutschland erzählte. Als er die Schüler gefragt habe, warum in Seattle so wenig Fremdsprachen gelernt würden, hätte die Lehrerin dazwischengerufen: „Wenn ihr in Europa drei Tage mit dem Auto fahrt, braucht ihr eine andere Sprache. Wenn wir drei Tage mit dem Auto fahren, sprechen wir immer noch Englisch“. Das zeige die kulturelle Vielfalt Europas, meint Westerwelle. Diese würde Reibungen hervorrufen, die zum einen die Blüte von Wissenschaft und Künsten erst ermögliche und Voraussetzung sei für Erfindungsreichtum und in der Folge Erfolg, auch wirtschaftlichen. Zum anderen könnten diese Reibungen Europa jedoch auch in Abgründe führen, wie im Dritten Reich geschehen: unermessliches Leid, Weltenbrand, Zivilisationsbruch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Westerwelle, sei aus dem erbitterten Gegeneinander ein dynamisches Miteinander in Europa entstanden – eine immense Leistung. Europa, so Westerwelle, sei nicht selbstverständlich, sondern ein kostbares Gut.
In der Folge weist Guido Westerwelle auf Gefahren und heutige Herausforderungen für Europa hin. Er nennt die Finanzkrise, den demografischen Wandel und die Gefahr von Renationalisierung. Das Modell Europa stünde heute auf dem Prüfstand. Das Immunsystem Europas sei gefordert. Westerwelle formuliert drei Linien, wie man diesen Herausforderungen begegnen solle. Diese sind erstens: die innere Einheit vollenden und neue Trennlinien verhindern, zweitens: Lehren aus der Finanzkrise ziehen und ein robustes System schaffen sowie drittens: allen Angriffen mit Toleranz und Weltoffenheit begegnen.
Westerwelle geht dann auf die deutschen Nachbarn Frankreich und Polen ein. Die Nachbarschaft zu Frankreich sei eine Nachbarschaft par excellence, er lobt explizit die Arbeit innerhalb von Städtepartnerschaften, von Kulturmittlern wie dem Goethe-Institut und Jugendprogrammen wie die des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Die Nachbarschaft Deutschlands zu Polen sei so wichtig geworden wie die deutsch-französische. Im Zeichen von Pflege und Ausbau der nachbarschaftlichen Beziehungen zu Polen stünden, so Westerwelle, unter anderem die Veranstaltungen zum 20-jährigen Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag im Sommer 2011. Auf trilateraler Ebene hob der Außenminister das 1991 von Hans-Dietrich Genscher ins Leben gerufene Weimarer Dreieck um Polen, Frankreich und Deutschland heraus.
Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, bezeichnete in seinen Westerwelles Rede vorangehenden Grußworten die Konferenz „Illusion der Nähe?“ als dichte, anregende und, in seinen Augen, wegweisende Veranstaltung. Den Referenten sei es gelungen, die Konferenz sehr lebhaft zu gestalten. Europa, so Lehmann, sei weder Schmelztiegel noch Salatschüssel, sondern ein ganz reich gestaltetes Mosaik. Und er zitiert in dem Zusammenhang Blaise Pascal: „Vielfalt, die sich nicht zur Einheit ordnet, ist Verwirrung. Einheit, die sich nicht zur Vielfalt gliedert, ist Tyrannei.“
Verena Hütter
--> Die Rede von Guido Westerwelle auf den Seiten des Auswärtigen Amtes

Blick in die Haupthalle des Flughafens Tempelhof | Foto: Verena Hütter
Rede des Außenministers Guido Westerwelle

Guido Westerwelle im Gespräch mit dem Generalsekretär des Goethe-Instituts Hans-Georg Knopp (Mitte) und Jürgen Maier, Kaufmännischer Direktor am Goethe-Institut (rechts) | Foto: Bernhard Ludewig

Guido Westerwelle bei seiner Rede im Flughafen Tempelhof
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig

Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann im Gespräch mit den Projektleitern der Konferenz „Illusion der Nähe?“ Carola Dürr und Christoph Bartmann | Foto: Bernhard Ludewig
Péter Esterházy: „Donau abwärts“ und neue Texte

Links: Lothar Müller, rechts: Péter Esterházy | Foto: Kerstin Ettlich
Das Abschlussprogramm des Forums „Illusion der Nähe“ wurde eingeleitet von einer Lesung des ungarischen Autors Péter Esterházy, der in Berlin lebt und auch auf Deutsch las.
Den Auszug aus dem bereits 1992 auf Deutsch erschienen Roman „Donau abwärts“ bezeichnete Esterházy als so gut passend für das Forum, als ob er ihn eigens dafür geschrieben hätte. Der ungarische Titel des Romans, wörtlich übersetzt „Der Blick der Gräfin Hahn-Hahn“, wäre übrigens eine Anspielung auf ein bösartiges Zitat des Schriftstellers Heinrich Heine gewesen: Dieser hätte über seine weiblichen Kolleginnen abschätzig geäußert, dass sie stets das eine Auge auf das Papier und das andere auf einen Mann hätten – mit Ausnahme der Gräfin Hahn-Hahn, da diese ja einäugig sei. Die Auszüge aus einem bisher nur auf Ungarisch erschienenen Erzählband, die Esterházy aus „westerwellschen“ Gründen leicht gekürzt vortrug, hatten insbesondere das von Hassliebe geprägte Verhältnis zwei direkter Hausnachbarn zum Gegenstand, was wiederum perfekt zum schwierigen Thema der Nachbarschaft, das auch im Forum ausführlich besprochen worden war, passte.
Im Anschluss an die Lesung stellte Lothar Müller, Literaturkritiker der Süddeutschen Zeitung, Péter Esterházy noch einige Fragen. Zunächst die nach der Figur des Nachbarn in der Literatur – warum tendiere diese zum Abgründigen, dem Unheimlichen (wie etwa bei Franz Kafka) oder zum Hassobjekt, wie ja auch teilweise in dem zuvor gelesenen Ausschnitt? Esterházy betonte, dass die Wurzel des Problems wohl sei, dass der klassische Nachbar fast genauso sei wie man selbst: Er habe fast denselben Garten, fast dasselbe Haus, denselben Postboten, der Unterschied sei extrem gering. Es sei aber ein Fehler, zu glauben, dass der Nachbar ein Freund sei, dies habe sich auch in der Rivalität der ‚Brüderstaaten’ in der ehemaligen Sowjetunion beobachten lassen.
Das Stichwort Brüderlichkeit, so Lothar Müller, wiese auch auf die geschwisterähnliche Beziehung hin, die unter Nachbarn herrschen könne: Zwar nicht unbedingt im Individuellen, da könne man notfalls ja wegziehen, aber im Staatlichen sei die Nachbarschaft ja nicht ‚abwählbar’. Durch Krieg schon, so Péter Esterházy scherzhaft. Nachbarschaft habe im Staatlichen auch immer eine lange Vergangenheit, so erinnere er sich gut daran, wie er 1990/91 mit ungarischen Freunden im slowakischen Bratislawa spazierengegangen sei, und wie sie von einem jungen Slowaken hasserfüllt angesehen worden seien. Diesem jungen Mann habe die problematische Geschichte zwischen Ungarn und der Slowakei nicht unmittelbar bewusst sein können, aber es handele sich um ein nichtpersönliches Wissen, das über die Generationen hinweg weitergegeben würde. Theoretisch gäbe es durch die EU also zwar ein Ende der Nationalstaaten, aber Nationalismen würden in der Praxis auch stellenweise gestärkt.
Welche Rolle hier die Literatur spiele, fragte Lothar Müller zuletzt, inwiefern wäre das Erzählen von Nachbargeschichten relevant? Mit „Donau abwärts“, so Péter Esterházy, wäre er sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zum ersten Mal der Nachbarschaftsrolle Ungarns bewusst geworden – mit diesem Roman habe er erst angefangen, diese auch zu reflektieren und zu verarbeiten. Das reine Erleben von Erfahrungen würde noch lange nicht zum Verstehen derselben führen, es würde Wissen nur durch Verarbeitung von Erlebnissen entstehen. Das Wort ‚Vergangenheitsbewältigung’ etwa gäbe es im Ungarischen nicht, diese würde nicht praktiziert. So wäre das Erzählen von Erinnerungen nicht unbedingt für den öffentlichen Raum relevant, aber für sich selbst – auch wenn dieses oft schmerzhaft, schwierig und belastend sei, sei es dennoch unabdingbar, um das eigene Leben zu verstehen.
Dario Radišić
Péter Esterházy: „Donau abwärts“ und neue Texte

Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy | Foto: Bernhard Ludewig

Lothar Müller, Literaturkritiker bei der Süddeutschen Zeitung, im Gespräch mit Péter Esterházy | Foto: Bernhard Ludewig
Dialog IV: Wo endet Europa?

Berthold Franke, Leiter des Goethe-Instituts Brüssel, im Gespräch mit Günter Verheugen und Ruprecht Polenz | Foto: Bernhard Ludewig

Ruprecht Polenz, Mitglied des Deutschen Bundestages
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig
Europäische Nachbarschaftspolitik, oder: Wo endet Europa?

Von links nach rechts: Berthold Franke, Günter Verheugen und Ruprecht Polenz | Foto: Kerstin Ettlich
Der vierte und letzte Dialog fand zwischen zwei hochkarätigen Experten der deutschen Außen- und Europapolitik statt: Es diskutierten Günter Verheugen, ehemaliger EU-Kommissar, mittlerweile Publizist und Honorarprofessor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und Ruprecht Polenz, seit 1994 Mitglied des deutschen Bundestages und seit 2005 auch Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses desselben.
Moderator Berthold Franke vom Goethe-Institut Brüssel stellte zu Beginn die Frage an Günter Verheugen, ob die Kategorie ‚Nachbarschaft’ in Brüssel eine Bedeutung habe, und wie sich diese in der EU-Politik niederschlage. Als „großes Thema“ bezeichnete Verheugen die Nachbarschaft. Insbesondere seit 1990 sei es in der EU eine wichtige Fragestellung gewesen, wie mit der ‚Vicinity’, dem direkten Umfeld der Union, umzugehen sei. Dabei sei wichtig gewesen, den mittel- und osteuropäischen Ländern eine verlässliche Mitgliedschaftsperspektive zu bieten, während gleichzeitig Ländern, die nicht als Mitglieder in Frage kamen, eine besondere Form der Zusammenarbeit angeboten werden sollte. Europäische Integration, so Verheugen, sollte nicht als unbegrenztes Wachstum missverstanden werden, es gäbe verschiedene organisatorische Formen der Zusammenarbeit, wie man am Beispiel der Nachbarschaftspolitik mit Russland sähe.
Auf die Frage des Moderators, ob die deutsche Nachbarschaftspolitik maßgeblich von geografischen Faktoren bestimmt werde – ob etwa das Verhältnis zum nahen Belgien ein anderes sei als das zu Großbritannien, hob Ruprecht Polenz insbesondere hervor, dass die Entstehung der EU nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich zu einer Verbesserung der geostrategischen Position Deutschlands beigetragen habe. Auch hätte auf EU-Ebene das Solana-Papier zur Europäischen Sicherheitsstrategie von 2003 positiv dazu beigetragen, der europäischen Außenpolitik eine klare Linie zu geben, die geprägt sei von dem Gedanken, dass es einem selbst besser geht, wenn es den Nachbarn auch gut geht. Dem fügte Günter Verheugen hinzu, dass die Pflege solcher guter Beziehungen zu EU-Nachbarn in einer verschärften globalisierten Wirtschaftswelt sicherlich nur von Vorteil sei.
Was die Nachbarschaft in der EU selbst stifte, fragte Moderator Berthold Franke als nächstes, ob es etwa eine westliche Wertenachbarschaft gäbe? Von dezidiert ‚westlichen’ Werte wollte Günter Verheugen nichts hören, vielmehr gäbe es universelle Werte, die auch in anderen, ‚nicht-westlichen’ Ländern unter Lebensgefahr erkämpft worden seien. Ruprecht Polenz fügte hinzu, dass diese universellen Werte im Prinzip auch in den Kopenhagener Beitrittskriterien festgeschrieben wären.
Berthold Franke bemerkte zum nächsten, kritischen Themenabschnitt des Türkeibeitritts, dass er ja mit zwei Befürwortern desselben zusammensäße. Was, so lautete die Frage an die Gesprächspartner, sei an der kritischen Bemerkung „Europe fades away“ des Historikers Timothy Garton Ash dran – wie und wo ließen sich immer noch europäische Grenzen ziehen? Geografisch, so Günter Verheugen, jedenfalls nicht: Er beschrieb eine Ortschaft, die er kürzlich besucht hatte, die zehn Autostunden östlich von Moskau läge, ihm jedoch genauso westlich wie eine deutsche Stadt vorkam. Wieder verwies er auf die Beitrittskriterien – wenn ein Volk wie die Türkei entschlossen und willens wäre, die nötigen Reformen für den Beitritt auf sich zu nehmen, teils gegen enormen Widerstand in der eigenen Bevölkerung, warum sollte dies nicht ermöglicht werden? Ruprecht Polenz fügte dem hinzu, dass Deutschland bisher von jeder Erweiterung der EU ausschließlich profitiert hätte. Das Klischee des polnischen Klempners, der heimische Arbeitsplätze strittig macht, hätte sich bereits längst als unrichtig erwiesen; also solle man sich im öffentlichen Diskurs viel mehr auf die breiten positiven Effekte der Erweiterung konzentrieren, dann ließe sich auch eine angstfreie Debatte um den Beitritt der Türkei führen.
Die Frage, ob in einer globalisierten Welt alle mit allen benachbart seien und ob die EU auch als globaler Akteur überzeugend wäre, wurde als nächstes diskutiert. Günter Verheugen sah den Weg zu einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik noch weit, was sich nicht zuletzt 2009 beim gescheiterten UN-Klimagipfel in Kopenhagen gezeigt hätte. Ruprecht Polenz zeigte sich etwas optimistischer, da schließlich gerade ein gemeinsamer europäischer Außendienst aufgebaut würde. Bereits jetzt sei die Vernetzung zwischen den europäischen Außenministerien schon sehr weit fortgeschritten.
Auf die Abschlussfrage von Moderator Berthold Franke nach dem Aussehen der Europäischen Union in 20 Jahren meinte Verheugen, es würde zwar nicht zu den ‚Vereinigten Staaten von Europa’ oder dem Staat Europa kommen, aber er denke auch, dass die Souveränität der Staaten nach wie vor sinnvoll sei. Zudem würde er schätzen, dass es große Fortschritte in der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik geben wird, die auch etwa in einer gemeinsamen Armee kulminieren könnten. Ruprecht Polenz teilte Verheugens Optimismus und fügte hinzu, dass er den nächsten Vertiefungsschritt der EU im Bereich der Energiepolitik sähe, dass Europa zu einem einzigen Versorgungsraum zusammenwachsen würde. Er könne sich nicht vorstellen, dass es zukünftig passieren würde, dass in einem europäischen Land die Lichter ausgingen, während es in einem anderen mollig warm wäre.
Dario Radišić
Dialog III: Das europäische Wir im 21. Jahrhundert

Ulrike Guérot leitet das Büro des European Council on Foreign Relations in Berlin | Foto: Bernhard Ludewig

Marek Cichocki ist Philosoph und Politikhistoriker und arbeitet am Centrum Europejskie Natolin in Warschau | Foto: Bernhard Ludewig

Eva Sabine Kuntz steht dem Deutsch-Französischen Jugendwerk in Berlin als Generalsekretärin vor | Foto: Bernhard Ludewig
Das europäische Wir – Neue Narrative für das 21. Jahrhundert

Von links nach rechts: Moderator Harry Nutt, Eva Sabine Kuntz, Marek Cichocki, Ulrike Guérot | Foto: Verena Hütter
Eine europäische Integration allein auf der strukturell-politischen Ebene wird, soll die Europäische Union von Dauer sein, nicht ausreichen. Unabdingbar ist auch ein emotionales Zusammenwachsen, die Herausbildung einer kollektiven europäischen Identität. Diese wiederum entsteht primär über die kontinuierliche diskursive Konstruktion von Gemeinsamkeit, über Narrative des Europäischen, die integrative Kraft über das Stiften einer gemeinsamen Identität entwickeln. Welche Narrative der Gemeinsamkeit aber entfalten im Europa des 21. Jahrhunderts noch kollektiv bindende Wirkung? Der bisher dominierende Bezug auf die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und des Mauerfalls hat für die jüngeren Generationen kaum noch eine Bedeutung, da diese Ereignisse keine Relevanz für ihr eigenes Aufwachsen, ihr Alltagserleben haben. Braucht es also neue europäische Narrative der Gemeinsamkeit? Auf welche Inhalte könnten sich diese stützen?
Zu diesen Fragen bezogen drei Diskutanten Stellung: Eva Sabine Kuntz, Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Ulrike Guérot, Leiterin des Berlin-Büros des European Council on Foreign Relations, und Marek Cichocki, Philosoph und Historiker am Centrum Europejskie Natolin in Warschau. Die Moderation übernahm Harry Nutt, Journalist bei der DuMont Redaktiongemeinschaft in Berlin.
Am Beginn des Gesprächs stand die These, dass der Versöhnungsnarrativ, über Jahrzehnte das bestimmende Narrativ zur Begründung der europäischen Integration, seine Plausibilität und damit seine integrative Wirkkraft bei jüngeren Generationen verloren habe. Über das Zutreffen dieser These bestand unter den Diskutanten weitgehend Einigkeit, verschieden eingeschätzt aber wurden die sich daraus ergebenden Implikationen.
So versteht Ulrike Guérot das Aufbrechen des Versöhnungsnarrativs als Chance und konstatiert den Beginn einer Post-Jalta- und Post-Maastricht-Ordnung in Europa. Die bisherigen Paradigmen der „europäischen Integration als Westintegration“ und der „guten transatlantischen Beziehungen“ verlören ihre Bindungskraft. An die Stelle einer ideologisch motivierten europäischen Integration trete nun eine stärker interessengeleitete Integration, eine neue Nüchternheit halte Einzug. Neue Narrative seien nun der Bezug auf Eurasien und das Anstreben guter Beziehungen zu Russland. Hier entstehe, so Guérot weiter, ein „postromantisches Narrativ“.
Marek Cochicki hielt dagegen, dass ein Großteil der Bürger Europas noch an den Narrativen, die sich aus dem Bezug auf eine gemeinsame europäische Geschichte ergeben, festhielten, und diese nicht zu schnell aufgegeben werden sollten. Auch beurteilte er die Bindungskraft eines über gemeinsame Interessen definierten Narrativs skeptisch, gerade auch im Hinblick auf die aktuelle Finanzkrise. So könne die Definition der Europäischen Union als Interessengemeinschaft schnell zu der Forderung führen, die südlichen Länder als finanzielle Belastung für die nördlichen Staaten aus der Union auszuschließen. Nur ein historisch begründetes Narrativ könne einem Zerfall der Union wirksam entgegentreten.
Zudem seien nicht alle Narrative veraltet, ergänzte Eva Sabine Kuntz. Trotz gravierender Unterschiede der jungen Generationen zur Gründungsgeneration der EU gebe es auch gemeinsame, paneuropäische Narrative, die nach wie vor Bestand hätten – dazu zählten der Bezug auf eine immer gesamteuropäisch zu denkende Kunstgeschichte, eine gemeinsam entwickelte Rechtsordnung und die gemeinsamen Traditionen von Humanismus und Aufklärung.
Im Zentrum der Diskussion stand im Folgenden die Frage nach dem Umgang mit verschiedenen religiösen Identitäten in Europa, insbesondere die Frage nach einem „Euroislam“, also eines mit europäischen Werten und europäischer Identität kompatiblen Islam. Gerade in dieser Frage, so Ulrike Guérot, werde sich Europa an seinen eigenen Werten messen lassen müssen. Europa sei eben kein „christlicher Club“, sondern definiere sich über Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Individualismus und Menschenrechte. Damit müsse auch der Türkei ein legitimes Anrecht auf Mitgliedschaft in einem postmodernen Europa zugestanden werden.
Die Frage nach dem Umgang mit verschiedenen religiösen Identitäten werde auch innerhalb der europäischen Staaten kontrovers behandelt, ergänzte Eva Sabine Kuntz. So hätte man im laizistischen Frankreich überwiegend kein Verständnis für Zugeständnisse des Staates an einzelne religiöse Gruppen, wie etwa die gesonderte Öffnung von Schwimmbädern für muslimische Mädchen.
Der Bezug auf gemeinsame Werte wurde zum Abschluss der Diskussion als Kernelement einer europäischen Identität bekräftigt – das Narrativ der Wertegemeinschaft sei somit die grundlegende, vergemeinschaftende Instanz. Dieser Wertekonsens, so führte Marek Cochicki aus, sei Resultat einer langwierigen, konflikthaften innereuropäischen Auseinandersetzung und somit auch einer Streitkultur zu verdanken, die es zu bewahren gelte. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik drohe verloren zu gehen. Europa tendiere dazu, die vielfachen inneren Differenzen zu leugnen, statt sie als Stärke zu erkennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Zukunft Europas läge auch in seiner Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit sich selbst.
Anja Riedeberger
Deutsch-polnischer Fatalismus revisited

Piotr Buras: „Deutsch-polnischer Fatalismus revisited“ | Foto: Verena Hütter
Was wurde aus dem Traum der Neunzigerjahre, Polen solle Deutschlands „Frankreich im Osten“ werden? „Wenig“, konstatiert Piotr Buras, in Berlin lebender Politologe und Journalist bei der Gazeta Wyborcza. Zwar sei „die gefühlte politische Nähe keine Illusion mehr“, so Buras mit Verweis auf den Konferenz-Titel „Illusion der Nähe?“, aber deshalb „noch keineswegs perfekt“.
Die deutsch-polnische Beziehung, hebt Buras hervor, könne niemals lauwarm sein. Sie dürfe, meint er, nie gewöhnlich werden, müsse immer besonders sein und in die Tiefe gehen. Diesem Wunsch hätten lange Zeit Fatalismen entgegengestanden, wie sie etwa die „pseudowissenschaftliche Riege“ um Bismarck und Hitler geschürt habe. Zwar seien diese fatalistischen Sichtweisen inzwischen überwunden, an eine solche Logik der Geschichtsschreibung würde nicht länger geglaubt. Doch sei damit die Gefahr, dass neue Fatalismen entstünden, nicht gebannt. Buras nennt den Begriff „Determinismus der Peripherie“ als neue Form von Fatalismus. Dazu gehöre etwa, dass Deutschland Polen nach dessen EU-Beitritt einen eher peripheren Standort zugewiesen habe, was die Wirtschaft anbelangt. Damit einher sei das Gefühl Polens gegangen, von Deutschland nicht ernstgenommen zu werden.
Auch sei nach dem polnischen EU-Beitritt vor sechs Jahren der deutsch-polnische Motor nicht automatisch angesprungen. Vielmehr habe Berlin erwartet, so Buras, dass sich Polen stärker um die Partnerschaft kümmere. Polen indes habe den Eindruck bekommen, Deutschland wolle außenpolitisch eigene Wege gehen. Beide hätten aneinander vorbei geredet.
Abschließend wirft Buras einen Blick in die Zukunft, auf das kommende Jahrzehnt. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung sei dafür ein geeigneter Moment und das Jubiläum ein guter Anlass, den Nachbarn genauer unter die Lupe zu nehmen.
Was wird die Zukunft bringen? Ein neues „Fatalimus“-Kapitel? Reden wir wieder aneinander vorbei? „Nein“, meint Buras. Die politische Charta habe sich unwiderruflich geändert. Ein Ost-West-Europa, bei dem der Osten wirtschaftlich immer ein Stück hinterherhinke, gäbe es nicht mehr. Polen habe trotz der Finanzkrise positive Wachstumszahlen geschrieben. Der Fatalismus der Peripherie würde damit überwunden.
In Europa müsse man sich nun auf die Suche nach einem neuen Narrativ begeben. Denn Europas Friedenskonzept als das Werteziel für ein europäisches Miteinander schlechthin greife nicht länger. Dieses Narrativ könne den Jungen, die den Krieg nurmehr aus Geschichtsbüchern und Erzählungen kennen, nicht mehr vermittelt werden. Buras bedauert, dass eine solche Narrativ-Suche bislang nur in Eliten diskutiert würde und nicht in der breiten Öffentlichkeit.
Hier sei unter anderem, so Buras mit Blick auf den deutschen Nachbarn jenseits der Oder, dessen „Hang zur Selbstreflektion“ gefragt.
Verena Hütter

Anschließende Diskussion, von links nach rechts: Christoph Mücher, Hélène Miard-Delacroix und Piotr Buras | Foto: Verena Hütter
Von der Normalität einer außerordentlichen Nachbarschaft: Deutschland und Frankreich

Hélène Miard-Delacroix über die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland | Foto: Verena Hütter
„One world“ oder „global village“ – viele Begriffe drücken aus, was im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung Realität geworden ist: wir rücken aneinander, kommen uns näher. Von Google Earth über Facebook bis hin zu Billigfliegern, es wird immer leichter, sich zu vernetzen und Distanzen zu überwinden. Dennoch gebe es etwas, was nur geographische Nähe wirklich schaffen könne, so Hélène Miard-Delacroix, Historikerin an der Université Sorbonne in Paris: Vertrautheit.
Allerdings ließe sich das nicht auf alle Nachbarschaften weltweit anwenden. So berichtet sie von den Verhältnissen zwischen China, Japan, Nordkorea und Südkorea, die alles andere als nachbarschaftlich seien. Was macht das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich also so normal, ja vertraut?
Seit Ende des Krieges habe sich vieles verändert, so die Historikerin. Das Verhältnis bis 1945 bezeichnete sie als Mittelweg zwischen „Aggression und Annexion“. Dennoch sei es nach dem Krieg gelungen, einen Prozess der Annäherung zu beginnen, der noch lange nicht seinen Idealzustand erreicht habe. „Man bleibt nicht nahe, wenn man sich nicht bemüht, immer näher zu kommen.“ Der Prozess der Annäherung sei also unendlich und gehe immer weiter.
Betrachte man das Verhältnis heute, könne man von Normalität sprechen. Aber was ist das, Normalität? Was ist schon normal? Früher sei häufig erklärt worden, dass ein Krieg undenkbar und materiell unmöglich geworden sei, das Verhältnis habe sich also normalisiert. Heute könne dieses Argument nicht mehr bestehen: Gerade die Generationen, die erst nach dem Krieg geboren seien – aber vor allem deren Kinder – hätten eine vollkommen neue Wahrnehmung angenommen. Grenzen seien nur noch Verwaltungsgrenzen, der Krieg sei aus den Köpfen verschwunden – ebenso die traditionelle Feindschaft.
Die politischen Beziehungen seien das Ergebnis realistischer Einschätzungen gewesen, in der der Verlust der eigenen Souveränität durch die Aussicht auf gemeinsamen Erfolg abgelöst wurde. Die Politik habe begonnen, sich gemeinsam für ein Europa des Friedens zu engagieren. Das Gemeinwohl stehe heute an erster Stelle. Dennoch stehe die Partnerschaft besonders durch Überempfindlichkeiten beider Seiten immer wieder auf dem Prüfstand und müsse ständig erneuert werden.
Wie nah sind sich Deutschland und Frankreich also wirklich? Insbesondere die Unterschiede im politischen System – Zentralismus versus Föderalismus oder auch die (Hoch-)Schulsysteme – zeigten unterschiedliche Ordnungen auf. Beide Partner handelten noch immer nach einer verschiedenen Rationalität. Dennoch, so ihre Erfahrungen, seien insbesondere die Werte und Normen immer mehr einem Prozess der Angleichung unterworfen. Unterschiede in der kulturellen Praxis bestünden allerdings weiter.
Die Historikerin sieht also Bedarf nach weiterem Engagement: Gerade interkulturelle Arbeit könne dazu beitragen, größere Nähe zu schaffen. Es sei also gerade das Goethe-Institut, das durch seinen Auftrag als Kulturmittler den Prozess der Annäherung weiterführen könne.
Matthias Bitzl
Hélène Miard-Delacroix und Piotr Buras

Hélène Miard-Delacroix, Historikerin an der Sorbonne, mit Piotr Buras, Journalist bei der Gazeta Wyborcza | Foto: Bernhard Ludewig
Czwartek, 28. październik 2010
Für eine Kulturpolitik der Nachbarschaft

Charles Malinas, Leiter der Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Berlin (Mitte) und Joachim Umlauf, Leiter des Goethe-Instituts Paris (rechts)
Foto: Verena Hütter
Foto: Verena Hütter
65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind die alten Konfliktlinien scheinbar beseitigt, die Gefahr eines Rückfalls in kriegerische Konflikte weitgehend ausgeräumt. Ist eine auf Annäherung und Aussöhnung zielende Kulturpolitik innerhalb Europas damit obsolet geworden? Wenn nein, wie soll und muss die Kulturpolitik der Zukunft dann gestaltet werden? Welche Ziele hat sie, und wie kann sie diese erreichen?
Antworten auf diese Fragen für die Kulturpolitik Polens, Frankreichs und Deutschlands suchten gemeinsam Tomasz Dąbrowski, Direktor des Polnischen Instituts Berlin, Charles Malinas, Leiter der Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Berlin, und Rainer Seider, Leiter des Europa- und Außenwirtschaftsreferats in der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft. Das Gespräch moderierte Joachim Umlauf, Leiter des Goethe-Instituts Paris.
Der gegenwärtige Stand der Beziehungen zwischen den drei Staaten bildete einen ersten Schwerpunkt des Gesprächs: Während es ein sehr dichtes Netz von institutionellen Kooperationen zwischen Frankreich und Deutschland gibt, sind die deutsch-polnischen Beziehungen weit weniger institutionell gefestigt und von großen Assymetrien auch in Bezug auf das Interesse aneinander geprägt.
Deutlich wird dies an einem Vergleich: Während 40 Prozent der Polen Deutsch lernen, haben weniger als 0,1 Prozent der Deutschen Interesse am Erlernen der polnischen Sprache. Tomasz Dąbrowski sieht hier eine nach innen gerichtete deutsche Kulturpolitik gefordert, die stärker als bisher Interesse an der polnischen Kultur und Sprache fördern muss, gleichwohl dies durch die föderale Struktur in Deutschland erschwert würde.
Das Potenzial der deutsch-polnischen Beziehungen, so Dąbrowski weiter, sei bei weitem nicht ausgeschöpft. Dabei, so entgegnete Rainer Seidel, seien die Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland weitaus größer als zwischen Deutschland und Polen. Frankophilie in Deutschland sei möglicherweise gerade auf den Reiz dieser Unterschiede zurückzuführen, das wenig verbreitete Interesse an Polen auch Resultat der kulturellen Nähe.
Die hohe Bedeutung von Sprache war ein weiteres zentrales Thema der Diskussionen: Ohne die Möglichkeit, miteinander weitgehend problemlos zu kommunizieren, könne auch keine Kooperation gelingen. Charles Malinas plädierte daher für einen verstärkten Fremdsprachenerwerb als aktuelle und auch zukünftige zentrale Aufgabe der Kulturpolitik.
Ein dritter Schwerpunkt lag auf der Fokussierung der Kulturpolitik auf den Ausbau bilateraler Beziehungen – stärker als bisher sollten auch tri- und multilaterale Kooperationen angestrebt werden. Versuche in diese Richtung, wie sie beispielsweise mit der Initiierung des „Weimarer Dreiecks“ unternommen wurden, müssten weiter ausgebaut und vor allem mit praktischen, konkreten Projektvorhaben belebt werden. Dazu zählt auch die Initiierung von Kooperationsprojekten auf europäischer Ebene, bei der allerdings die kulturelle Diversität Europas bewahrt und gefördert werden müsse. Diese Pluralität, so Charles Malinas, sei Europas Reichtum, die Annäherung über nationale Spezifika hinweg die nach wie vor aktuelle Aufgabe der Kulturpolitik.
Am Ende des Gesprächs stand eine klare Bejahung der Notwendigkeit der auswärtigen Kulturpolitik, schon allein, weil gute nachbarschaftliche Beziehungen mitnichten selbstverständlich, sondern ein Resultat langjähriger Bemühungen seien. Das fortgesetzte Bemühen um einen nachbarschaftlichen Dialog sei alternativlos, so Tomasz Dąbrowski.
Anja Riedeberger
Forum IV: Für eine Kulturpolitik der Nachbarschaft

Rainer Seider, Leiter des Europa- und Außenwirtschaftsreferats in der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft | Foto: Bernhard Ludewig

Tomasz Dąbrowski, Direktor des Polnischen Instituts Berlin | Foto: Bernhard Ludewig
Die Macht der Sprachen in nachbarschaftlichen Beziehungen

Links: Waldemar Martyniuk, Matthias Makowski & Sonja Neef; Rechts: Ludwig Eichinger, Hatice Akyün & Babak Saed | Foto: Dario Radišić
Ist die Vielzahl von Sprachen, die ‚babylonische Sprachverwirrung’, ein Segen oder ein Fluch? Ist das Deutsche ein guter Sprachnachbar? Gilt es, am kleinsten gemeinsamen Nenner – Englisch – festzuhalten, oder kann und darf die Mühe darum, andere zu verstehen, nicht so kurz greifen? Diese Fragestellungen standen im Zentrum dieses Forums, in dem angeregt unter der Leitung von Matthias Makowski von der Zentrale des Goethe-Instituts in München diskutiert wurde.
Die eigene Sprache als ein Schatz, den es zu hüten gilt, so beschrieb Babak Saed, Bildender Künstler aus Bonn, seine Idealvorstellung der Ursache für die entstandene Sprachenvielfalt. Sonja Neef, Medienkulturwissenschaftlerin an der Bauhaus-Universität Weimar, wies darauf hin, dass das Wort „Babel“ in der Kulturwissenschaft vieldiskutiert sei, da die Bedeutung der Übersetzung aus dem vokallosen Sumerischen (BBL) gegensätzlich sein könne, abhängig davon, welche Vokale man einsetze – so solle man die Paradoxie, die daraus entstehen kann, positiv als Auftrag sehen, die richtige Übersetzung zu finden. Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, hob hervor, dass der Ausdruck Fremdsprache schon auf die Problematik hinweist, andere automatisch als ‚Fremde’ wahrzunehmen, man müsse hier einen respektvolleren Ansatz finden.
Hatice Akyün, Journalistin und Autorin aus Berlin, wies auf die Problematik einer mehrsprachigen Gesellschaft wie der deutschen hin – sie berichtete von der Erfahrung ihrer türkischen Eltern, denen es durch ihren Mangel an deutschen Sprachkenntnissen nicht möglich sei, ausreichend mit den Nachbarn in Duisburg zu kommunizieren. Für sie sei jedoch die Fähigkeit, sich gegenseitig Geschichten vom eigenen Leben zu erzählen, sehr wichtig, und durch ihre eigene Sprachkompetenz wäre sie dazu in der Lage. Deutsch sei zwar ihre ‚Wohlfühlsprache’, das Türkische sei ihr jedoch emotional mindestens ebenso wichtig. Waldemar Martyniuk, Direktor des Europäischen Fremdsprachenzentrums EFSZ des Europarates in Graz, sah durch diese Schilderungen bestätigt, dass die sprachliche Vielfalt nicht ein Problem darstellt, sondern eher eine Chance, wenn sie von den Sprachnutzern bewusst genutzt wird.
Auf die Frage des Moderators, ob das Deutsche ein guter Sprachnachbar sei, beschrieb Ludwig Eichinger zunächst die historische Rolle des Deutschen als Kontaktsprache zwischen westeuropäischen und slawischen Sprachen. So wären sich die europäischen Sprachen ähnlicher, als sie es eigentlich sein sollten. Hatice Akyün wies in diesem Zusammenhang auf die unterschiedliche Wertung von Sprachen hin. Das Französische, das Italienische oder das Spanische würden in Deutschland gemeinhin als ‚elegant’ und ‚schön’ wahrgenommen, im Gegensatz zum Türkischen. Babak Saed bemerkte, dass das Deutsche als Sprache an sich jedoch ‚fremdenfreundlich’ sei, da es offen sei für Begriffe aus anderen Sprachen, wie etwa die Sprachpraxis der Deutschen Bahn bewies, in der viele englische Begriffe benutzt würden.
Aus dem anschließend eröffneten Forum kam die Frage, ob durch die exklusive Kommunikation in anderen Ländern auf Englisch nicht der emotionale Zugang zur Sprache des Nachbarn (etwa Polen) verkümmere. Waldemar Martyniuk und Ludwig Eichinger waren sich darin einig, dass das Englische als dominante Sprache ein Fakt sei und belegten dies mit Beispielen aus polnischer und deutscher Schulpolitik. Sonja Neef entgegnete, dass das Englische eine ‚Nullqualifikation’ sei, da es mittlerweile üblich sei, dass jeder dieses auf einem rudimentärem Niveau spreche. Einen Vorteil etwa in der Wirtschaftswelt könne man eher daraus schlagen, wenn man eine weitere, ‚kleine’ Sprache sprechen könne. Dem stimmte Martyniuk zu, der auch betonte, dass es nicht unbedingt nötig sei, eine Sprache auf einem zertifiziert hohen Niveau zu sprechen, vielmehr benutze man ja auch in der eigenen Muttersprache verschiedene Sprachregister/Soziolekte, deren Niveau nicht gleich hoch sei. Das sah Sonja Neef ähnlich, aber sie betonte, dass man in ernsthaften Diskussionen Sachverhalte nur wirklich auf den Punkt bringen könne, wenn man einer Sprache wirklich mächtig sei – und dies sei oft auch auf Englisch nicht einfach.
Weiterhin wurde von einem ehemaligen Lehrer aus dem Berliner Wedding darauf hingewiesen, dass er teilweise fünf bis sechs verschiedene Sprachen in seinen Schulklassen vertreten hatte, diese Sprachkompetenzen aber als ungenutzte Ressource brachlagen, da sie in diesem Feld in der klassischen Bildungspolitik keinen Raum hätten. Dieser Sicht stimmte Waldemar Martyniuk sehr zu, der außerdem darauf hinwies, dass Nachbarschaft nicht nur durch Grenzen festgesetzte eine Tatsache sei – vielmehr sei gute Nachbarschaft auch die Fertigkeit, auf den Anderen zu- und einzugehen. Diese Bereitschaft und Kompetenz solle als fester Bestandteil in die Bildung einfließen, dann würden auch ‚exotischere’ Sprachen eher geachtet und gefördert werden.
Dario Radišić
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