
Von links nach rechts: Moderator Harry Nutt, Eva Sabine Kuntz, Marek Cichocki, Ulrike Guérot | Foto: Verena Hütter
Eine europäische Integration allein auf der strukturell-politischen Ebene wird, soll die Europäische Union von Dauer sein, nicht ausreichen. Unabdingbar ist auch ein emotionales Zusammenwachsen, die Herausbildung einer kollektiven europäischen Identität. Diese wiederum entsteht primär über die kontinuierliche diskursive Konstruktion von Gemeinsamkeit, über Narrative des Europäischen, die integrative Kraft über das Stiften einer gemeinsamen Identität entwickeln. Welche Narrative der Gemeinsamkeit aber entfalten im Europa des 21. Jahrhunderts noch kollektiv bindende Wirkung? Der bisher dominierende Bezug auf die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und des Mauerfalls hat für die jüngeren Generationen kaum noch eine Bedeutung, da diese Ereignisse keine Relevanz für ihr eigenes Aufwachsen, ihr Alltagserleben haben. Braucht es also neue europäische Narrative der Gemeinsamkeit? Auf welche Inhalte könnten sich diese stützen?
Zu diesen Fragen bezogen drei Diskutanten Stellung: Eva Sabine Kuntz, Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Ulrike Guérot, Leiterin des Berlin-Büros des European Council on Foreign Relations, und Marek Cichocki, Philosoph und Historiker am Centrum Europejskie Natolin in Warschau. Die Moderation übernahm Harry Nutt, Journalist bei der DuMont Redaktiongemeinschaft in Berlin.
Am Beginn des Gesprächs stand die These, dass der Versöhnungsnarrativ, über Jahrzehnte das bestimmende Narrativ zur Begründung der europäischen Integration, seine Plausibilität und damit seine integrative Wirkkraft bei jüngeren Generationen verloren habe. Über das Zutreffen dieser These bestand unter den Diskutanten weitgehend Einigkeit, verschieden eingeschätzt aber wurden die sich daraus ergebenden Implikationen.
So versteht Ulrike Guérot das Aufbrechen des Versöhnungsnarrativs als Chance und konstatiert den Beginn einer Post-Jalta- und Post-Maastricht-Ordnung in Europa. Die bisherigen Paradigmen der „europäischen Integration als Westintegration“ und der „guten transatlantischen Beziehungen“ verlören ihre Bindungskraft. An die Stelle einer ideologisch motivierten europäischen Integration trete nun eine stärker interessengeleitete Integration, eine neue Nüchternheit halte Einzug. Neue Narrative seien nun der Bezug auf Eurasien und das Anstreben guter Beziehungen zu Russland. Hier entstehe, so Guérot weiter, ein „postromantisches Narrativ“.
Marek Cochicki hielt dagegen, dass ein Großteil der Bürger Europas noch an den Narrativen, die sich aus dem Bezug auf eine gemeinsame europäische Geschichte ergeben, festhielten, und diese nicht zu schnell aufgegeben werden sollten. Auch beurteilte er die Bindungskraft eines über gemeinsame Interessen definierten Narrativs skeptisch, gerade auch im Hinblick auf die aktuelle Finanzkrise. So könne die Definition der Europäischen Union als Interessengemeinschaft schnell zu der Forderung führen, die südlichen Länder als finanzielle Belastung für die nördlichen Staaten aus der Union auszuschließen. Nur ein historisch begründetes Narrativ könne einem Zerfall der Union wirksam entgegentreten.
Zudem seien nicht alle Narrative veraltet, ergänzte Eva Sabine Kuntz. Trotz gravierender Unterschiede der jungen Generationen zur Gründungsgeneration der EU gebe es auch gemeinsame, paneuropäische Narrative, die nach wie vor Bestand hätten – dazu zählten der Bezug auf eine immer gesamteuropäisch zu denkende Kunstgeschichte, eine gemeinsam entwickelte Rechtsordnung und die gemeinsamen Traditionen von Humanismus und Aufklärung.
Im Zentrum der Diskussion stand im Folgenden die Frage nach dem Umgang mit verschiedenen religiösen Identitäten in Europa, insbesondere die Frage nach einem „Euroislam“, also eines mit europäischen Werten und europäischer Identität kompatiblen Islam. Gerade in dieser Frage, so Ulrike Guérot, werde sich Europa an seinen eigenen Werten messen lassen müssen. Europa sei eben kein „christlicher Club“, sondern definiere sich über Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Individualismus und Menschenrechte. Damit müsse auch der Türkei ein legitimes Anrecht auf Mitgliedschaft in einem postmodernen Europa zugestanden werden.
Die Frage nach dem Umgang mit verschiedenen religiösen Identitäten werde auch innerhalb der europäischen Staaten kontrovers behandelt, ergänzte Eva Sabine Kuntz. So hätte man im laizistischen Frankreich überwiegend kein Verständnis für Zugeständnisse des Staates an einzelne religiöse Gruppen, wie etwa die gesonderte Öffnung von Schwimmbädern für muslimische Mädchen.
Der Bezug auf gemeinsame Werte wurde zum Abschluss der Diskussion als Kernelement einer europäischen Identität bekräftigt – das Narrativ der Wertegemeinschaft sei somit die grundlegende, vergemeinschaftende Instanz. Dieser Wertekonsens, so führte Marek Cochicki aus, sei Resultat einer langwierigen, konflikthaften innereuropäischen Auseinandersetzung und somit auch einer Streitkultur zu verdanken, die es zu bewahren gelte. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik drohe verloren zu gehen. Europa tendiere dazu, die vielfachen inneren Differenzen zu leugnen, statt sie als Stärke zu erkennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Zukunft Europas läge auch in seiner Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit sich selbst.
Anja Riedeberger











