Donnerstag, 28. Oktober 2010
Nachbarschaft ist ein flexibler und prozesshafter Begriff, der immer wieder neu ausgehandelt und definiert werden muss. An keinem Ort wird dies deutlicher als an den Außengrenzen der EU. Die Grenzabsenkung nach innen zieht den Aufbau der äußeren Grenzen nach sich. So oft die dauerhafte Friedenssicherung innerhalb der EU betont wird, so selten wird auf die Folgen für diejenigen aufmerksam gemacht, die außerhalb leben.
Über diese Grenzziehungen und ihre Auswirkungen diskutierten die Soziologin Angelika Poferl, der Autor und Radiojournalist Roman Herzog und die Leiterin des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren Lucie Černohousová unter der Moderation des Ethnologen und Kulturwissenschaftlers Karl Braun.
Eine Nachbarschaft beinhaltet nicht nur Nähe, sondern impliziert ebenso eine Grenzziehung zwischen dem Eigenem und dem Fremden. Dadurch werden Fremdbilder, Selbstbilder und Klischees produziert und eine Identität durch Abgrenzung geschaffen. Die Gleichheit nach innen führt somit zunächst zu einer Abschottung nach außen.
Diese Grenzziehungen sind allerdings größtenteils durchlässig und veränderbar. Auf der europäischen Ebene bedeutet dies, dass eine territoriale und soziale Nähe einerseits die Chance einer friedlichen Nachbarschaft bietet, die auf gemeinsame Symbolformen wie Normen und Werte zurückgreifen kann und dadurch Vergemeinschaftungsprozesse einleitet. Andererseits liegt darin auch die Gefahr, immer wieder die Differenzen zu betonen und in den eigenen Nationalgesellschaften zu verharren.
Die Grenzüberschreitung sollte also in jeder Form von Nachbarschaft mitgedacht werden. Dabei entstehen transnationale, soziale Räume, also Räume, bei denen der Sozial- und Flächenraum nicht mehr notwendigerweise flächendeckend sind, wie zum Beispiel bei der Arbeitsmigration oder im Tourismus. Diese transnationalisierten Verhältnisse müssen in der europäischen Nachbarschaft berücksichtigt werden, denn soziale Landschaften machen nicht vor nationalen Grenzen halt.
Die europäische Nachbarschaft beinhaltet eine ständige Auseinandersetzung mit der Gleichheit und der Differenz, die die Notwendigkeit von Begegnungen herausstellt. Grenzüberschreitungen wie Sprach- und Literaturaustausche müssen stattfinden, da es dabei möglich ist, different zu sein, aber gleichzeitig Gemeinsamkeiten verorten zu können.
Die europäische Nachbarschaft erhält jedoch eine völlig neue Definition, wenn damit nicht die innereuropäische Nachbarschaft gemeint ist, sondern die Nachbarschaft zwischen der Europäischen Union und den Staaten, die in ihr nicht partizipieren können. Deutlich wird dies am Prinzip der sicheren Drittstaaten. Die Verantwortung für Verfolgte und Schutzbedürftige wird an den Rand der EU-Grenzen geschoben oder sogar darüber hinaus. Dies hat auch innerhalb der EU eine Ungleichheit zur Folge, da Grenzstaaten diese Probleme aushandeln müssen, Binnenstaaten aber nicht.
Die EU scheint feste Außengrenzen schaffen zu müssen, um Innengrenzen abbauen zu können. Das Schengener Abkommen gilt noch nicht für alle EU-Mitglieder, es bleibt abzuwarten, ob für die Erweiterung des Abkommens Außengrenzen noch weiter verhärtet werden, um eine vermeintliche innere Sicherheit schaffen zu können.
Nina Szogs
Nachbarschaft im städtischen Kontext bezeichnet zunächst die räumliche Nähe und sagt noch nichts über die sozialen Beziehungen aus. Nachbarschaftliche Verhältnisse können aus Freundschaftlichkeit sowie gegenseitiger Hilfeleistung bestehen, aber Nachbarschaft beinhaltet auch das anonyme Leben Tür an Tür, ohne die Bewohner zu kennen. So ist auch eine durch Migration entstandene neue Nachbarschaft eine individuelle. Inwieweit das Bedürfnis nach sozialer Nähe zu seinem Nachbarn gewünscht ist, hängt mit den Ausgangsvoraussetzungen zusammen. Ein temporärer Arbeitsmigrant hat einen anderen Anspruch an seine Nachbarn als ein dauerhaft in Deutschland lebender Zuwanderer.
Wie also ist Nachbarschaft einerseits im theoretischen Kontext und andererseits am konkreten Beispiel, dem Berliner Stadtteil Neukölln, zu bewerten und wo liegen die Schwierigkeiten? Darüber diskutierten der Soziologe Walter Siebel, die Politologin Manuela Bojadžijev und der Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, unter der Moderation der Journalistin Caroline Fetscher vom Tagesspiegel. Die große Chance der Diskussion bestand darin, dass Menschen aus der theoretischen und praktischen Arbeit aufeinandertrafen.
Gleich zu Beginn wurden verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten auf das Thema Segregation und Bildung eröffnet: Segregation sei zunächst aus der theoretischen Perspektive nicht nur negativ zu bewerten, da sie auch aufgrund von Distanz eine Konfliktvermeidung begünstigen könne. Schwierig würde es allerdings dann, wenn in der Praxis ausschließlich bildungsferne Schichten zurückblieben und in einem Stadtteil ausgegrenzt lebten. Dann sei die Gleichheit im Stadtteil zwar gegeben, die zunächst ein Gefühl der Sicherheit erzeugen könne, jedoch könne sie unter Umständen den Einstieg in das Bildungssystem mangels Vorbildern erschweren. Gerade dann käme auch die Frage auf, wie die Tragkraft von Bildung Eltern nahe gebracht werden könne, denen es in Deutschland schwerfällt zu glauben, dass ihre Kinder von einer guten Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt profitieren würden. Es sei schließlich schwer, an eine Chancengleichheit zu glauben, die es in der eigenen Biografie nie gegeben habe.
Im Zusammenhang mit Chancengleichheit wurde der Begriff der „Integration“ einer kritischen Hinterfragung unterzogen. Es wurde herausgestellt, dass das gängige Konzept der Integration allein schon deshalb nicht gemeinschaftsbildend wirken könne, da es die Gesellschaft immer in ein „Wir“ und in ein die „Anderen“ unterteile. Wobei immer die „Anderen“ und nicht das „Wir“ die Integrationsleistung bringen sollten. Integration sei allerdings nur möglich, wenn sie von allen Teilen der Gesellschaft getragen würde. Eine Diskriminierung und Ungleichheit sei damit schon im Begriff selbst vorhanden. Dass eine solche Hinterfragung und Reflexion gängiger Begriffe notwendig ist, um vorhandene Strukturen, gerade da, wo sie konfliktreich sind, hinterfragen zu können, wurde deutlich. Anstatt mit Integrationskonzepten zu arbeiten, sollten klare Demokratiebegriffe geschaffen werden.
Die Diskussion geriet da an ihre Grenzen, wo das Zusammenspiel von Theorie und Praxis keinen Konsens fand. Mit fortschreitender Zeit entwickelte sich der Eindruck, dass alle Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer mehr oder weniger auf den gleichen Punkt hinauswollten, nämlich ein gleichberechtigtes Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen zu schaffen, dass das gegenseitige Verständnis jedoch durch Definitionsfragen erschwert wurde.
Nina Szogs
Die Themen Migration und Integration sind in den letzten Wochen und Monaten kontrovers diskutiert worden. Im Mittelpunkt dieser teils scharf geführten Debatte stand größtenteils die muslimische Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Die kontroverse Wahrnehmungdes Islam in Deutschland ist nicht neu, aber momentan durch Diskussionen geprägt, die an verhärteten Fronten durchgeführt werden. Daraus entsteht die Notwendigkeit, differenziert über das Miteinander von unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu reden. So diskutierten Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge der Universität Münster, und Johann Hinrich Claussen, Theologe, Autor und Probst des Kirchenkreises Hamburg-Ost, über Fragen und Probleme der religiösen Nachbarschaft in Deutschland. Moderiert wurde das Gespräch von Levent Aktoprak, der als Journalist beim Deutschlandfunk tätig ist.
Als zentraler Punkt des Dialogs wurde die Wahrnehmung des Islam in Deutschland thematisiert. Problematisiert wurde, dass die muslimische Glaubensgemeinschaft in der breiten Öffentlichkeit als homogenes Gebilde wahrgenommen wird. Dies wird jedoch der vielfältigen Glaubensgemeinschaft nicht gerecht und verhindert nicht nur vorurteilsfreie Begegnungen, sondern macht es leicht, diskriminierende Fremdzuschreibungen aufrechtzuerhalten.
Die Heterogenität des muslimischen Glaubens in Deutschland ist groß, als solche aber nicht institutionalisiert. Lediglich ein kleiner Teil der muslimischen Gemeinschaft verfügt über eine institutionalisierte Stimme in der Öffentlichkeit. Größtenteils sind es konservative Verbände, die eine offizielle Vertretung haben, wodurch sich die Mehrheit nicht repräsentiert fühlt.
Von Seiten der Regierung werden aber offizielle Ansprechpartner benötigt, um politisch tätig werden zu können. Die Frage ist also, wie eine Plattform für die breite Öffentlichkeit geschaffen werden kann, ohne die bestehenden Verbände auszuschließen und gleichzeitig eine heterogenere Sicht auf den Islam in Deutschland zu erreichen. So wäre es möglich, im bundesdeutschen Diskurs ein differenziertes Bild zu schaffen, dass monolithische Blicke auf den Islam in Deutschland verhindert und den Raum für ein Miteinander im Alltag schafft. Dadurch können öffentliche Begegnungen gefördert werden, die ein gegenseitiges Verstehen fördern und die Islamisierung sozialer Probleme, wie es in der jetzigen Debatte erfolgt, in Zukunft verhindern könnten.
Nina Szogs