Montag, 20. Dezember 2010
Konferenzblog
Ein Team von fünf Bloggern hat die Konferenz „Illusion der Nähe? Ausblicke auf die europäische Nachbarschaft von morgen“ begleitet, die vom 27. bis 29. Oktober 2010 im Flughafen Tempelhof stattgefunden hat. Zu allen Veranstaltungen der Konferenz sind hier Beiträge und Fotos zu finden.
Freitag, 29. Oktober 2010
Rede des Bundesministers des Auswärtigen Guido Westerwelle

Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen | Foto: Verena Hütter
Zum Abschluss der Konferenz „Illusion der Nähe?“ spricht Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen. Zu Anfang seiner knapp einstündigen Rede sagt Westerwelle, der Begriff „Nachbarschaft“ sei in seinen Augen für die Konferenz sehr gut gewählt. Er würde der Natur und dem Wesen Europas gerecht.
Westerwelle berichtet daraufhin von einem Besuch in Seattle, als er als Mittzwanziger amerikanischen Schülern von Europa und Deutschland erzählte. Als er die Schüler gefragt habe, warum in Seattle so wenig Fremdsprachen gelernt würden, hätte die Lehrerin dazwischengerufen: „Wenn ihr in Europa drei Tage mit dem Auto fahrt, braucht ihr eine andere Sprache. Wenn wir drei Tage mit dem Auto fahren, sprechen wir immer noch Englisch“. Das zeige die kulturelle Vielfalt Europas, meint Westerwelle. Diese würde Reibungen hervorrufen, die zum einen die Blüte von Wissenschaft und Künsten erst ermögliche und Voraussetzung sei für Erfindungsreichtum und in der Folge Erfolg, auch wirtschaftlichen. Zum anderen könnten diese Reibungen Europa jedoch auch in Abgründe führen, wie im Dritten Reich geschehen: unermessliches Leid, Weltenbrand, Zivilisationsbruch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Westerwelle, sei aus dem erbitterten Gegeneinander ein dynamisches Miteinander in Europa entstanden – eine immense Leistung. Europa, so Westerwelle, sei nicht selbstverständlich, sondern ein kostbares Gut.
In der Folge weist Guido Westerwelle auf Gefahren und heutige Herausforderungen für Europa hin. Er nennt die Finanzkrise, den demografischen Wandel und die Gefahr von Renationalisierung. Das Modell Europa stünde heute auf dem Prüfstand. Das Immunsystem Europas sei gefordert. Westerwelle formuliert drei Linien, wie man diesen Herausforderungen begegnen solle. Diese sind erstens: die innere Einheit vollenden und neue Trennlinien verhindern, zweitens: Lehren aus der Finanzkrise ziehen und ein robustes System schaffen sowie drittens: allen Angriffen mit Toleranz und Weltoffenheit begegnen.
Westerwelle geht dann auf die deutschen Nachbarn Frankreich und Polen ein. Die Nachbarschaft zu Frankreich sei eine Nachbarschaft par excellence, er lobt explizit die Arbeit innerhalb von Städtepartnerschaften, von Kulturmittlern wie dem Goethe-Institut und Jugendprogrammen wie die des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Die Nachbarschaft Deutschlands zu Polen sei so wichtig geworden wie die deutsch-französische. Im Zeichen von Pflege und Ausbau der nachbarschaftlichen Beziehungen zu Polen stünden, so Westerwelle, unter anderem die Veranstaltungen zum 20-jährigen Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag im Sommer 2011. Auf trilateraler Ebene hob der Außenminister das 1991 von Hans-Dietrich Genscher ins Leben gerufene Weimarer Dreieck um Polen, Frankreich und Deutschland heraus.
Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, bezeichnete in seinen Westerwelles Rede vorangehenden Grußworten die Konferenz „Illusion der Nähe?“ als dichte, anregende und, in seinen Augen, wegweisende Veranstaltung. Den Referenten sei es gelungen, die Konferenz sehr lebhaft zu gestalten. Europa, so Lehmann, sei weder Schmelztiegel noch Salatschüssel, sondern ein ganz reich gestaltetes Mosaik. Und er zitiert in dem Zusammenhang Blaise Pascal: „Vielfalt, die sich nicht zur Einheit ordnet, ist Verwirrung. Einheit, die sich nicht zur Vielfalt gliedert, ist Tyrannei.“
Verena Hütter
--> Die Rede von Guido Westerwelle auf den Seiten des Auswärtigen Amtes

Blick in die Haupthalle des Flughafens Tempelhof | Foto: Verena Hütter
Rede des Außenministers Guido Westerwelle

Guido Westerwelle im Gespräch mit dem Generalsekretär des Goethe-Instituts Hans-Georg Knopp (Mitte) und Jürgen Maier, Kaufmännischer Direktor am Goethe-Institut (rechts) | Foto: Bernhard Ludewig

Guido Westerwelle bei seiner Rede im Flughafen Tempelhof
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig

Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann im Gespräch mit den Projektleitern der Konferenz „Illusion der Nähe?“ Carola Dürr und Christoph Bartmann | Foto: Bernhard Ludewig
Péter Esterházy: „Donau abwärts“ und neue Texte

Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy | Foto: Bernhard Ludewig

Lothar Müller, Literaturkritiker bei der Süddeutschen Zeitung, im Gespräch mit Péter Esterházy | Foto: Bernhard Ludewig
Dialog IV: Wo endet Europa?

Berthold Franke, Leiter des Goethe-Instituts Brüssel, im Gespräch mit Günter Verheugen und Ruprecht Polenz | Foto: Bernhard Ludewig

Ruprecht Polenz, Mitglied des Deutschen Bundestages
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig
Dialog III: Das europäische Wir im 21. Jahrhundert

Ulrike Guérot leitet das Büro des European Council on Foreign Relations in Berlin | Foto: Bernhard Ludewig

Marek Cichocki ist Philosoph und Politikhistoriker und arbeitet am Centrum Europejskie Natolin in Warschau | Foto: Bernhard Ludewig

Eva Sabine Kuntz steht dem Deutsch-Französischen Jugendwerk in Berlin als Generalsekretärin vor | Foto: Bernhard Ludewig
Deutsch-polnischer Fatalismus revisited

Piotr Buras: „Deutsch-polnischer Fatalismus revisited“ | Foto: Verena Hütter
Was wurde aus dem Traum der Neunzigerjahre, Polen solle Deutschlands „Frankreich im Osten“ werden? „Wenig“, konstatiert Piotr Buras, in Berlin lebender Politologe und Journalist bei der Gazeta Wyborcza. Zwar sei „die gefühlte politische Nähe keine Illusion mehr“, so Buras mit Verweis auf den Konferenz-Titel „Illusion der Nähe?“, aber deshalb „noch keineswegs perfekt“.
Die deutsch-polnische Beziehung, hebt Buras hervor, könne niemals lauwarm sein. Sie dürfe, meint er, nie gewöhnlich werden, müsse immer besonders sein und in die Tiefe gehen. Diesem Wunsch hätten lange Zeit Fatalismen entgegengestanden, wie sie etwa die „pseudowissenschaftliche Riege“ um Bismarck und Hitler geschürt habe. Zwar seien diese fatalistischen Sichtweisen inzwischen überwunden, an eine solche Logik der Geschichtsschreibung würde nicht länger geglaubt. Doch sei damit die Gefahr, dass neue Fatalismen entstünden, nicht gebannt. Buras nennt den Begriff „Determinismus der Peripherie“ als neue Form von Fatalismus. Dazu gehöre etwa, dass Deutschland Polen nach dessen EU-Beitritt einen eher peripheren Standort zugewiesen habe, was die Wirtschaft anbelangt. Damit einher sei das Gefühl Polens gegangen, von Deutschland nicht ernstgenommen zu werden.
Auch sei nach dem polnischen EU-Beitritt vor sechs Jahren der deutsch-polnische Motor nicht automatisch angesprungen. Vielmehr habe Berlin erwartet, so Buras, dass sich Polen stärker um die Partnerschaft kümmere. Polen indes habe den Eindruck bekommen, Deutschland wolle außenpolitisch eigene Wege gehen. Beide hätten aneinander vorbei geredet.
Abschließend wirft Buras einen Blick in die Zukunft, auf das kommende Jahrzehnt. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung sei dafür ein geeigneter Moment und das Jubiläum ein guter Anlass, den Nachbarn genauer unter die Lupe zu nehmen.
Was wird die Zukunft bringen? Ein neues „Fatalimus“-Kapitel? Reden wir wieder aneinander vorbei? „Nein“, meint Buras. Die politische Charta habe sich unwiderruflich geändert. Ein Ost-West-Europa, bei dem der Osten wirtschaftlich immer ein Stück hinterherhinke, gäbe es nicht mehr. Polen habe trotz der Finanzkrise positive Wachstumszahlen geschrieben. Der Fatalismus der Peripherie würde damit überwunden.
In Europa müsse man sich nun auf die Suche nach einem neuen Narrativ begeben. Denn Europas Friedenskonzept als das Werteziel für ein europäisches Miteinander schlechthin greife nicht länger. Dieses Narrativ könne den Jungen, die den Krieg nurmehr aus Geschichtsbüchern und Erzählungen kennen, nicht mehr vermittelt werden. Buras bedauert, dass eine solche Narrativ-Suche bislang nur in Eliten diskutiert würde und nicht in der breiten Öffentlichkeit.
Hier sei unter anderem, so Buras mit Blick auf den deutschen Nachbarn jenseits der Oder, dessen „Hang zur Selbstreflektion“ gefragt.
Verena Hütter

Anschließende Diskussion, von links nach rechts: Christoph Mücher, Hélène Miard-Delacroix und Piotr Buras | Foto: Verena Hütter
Hélène Miard-Delacroix und Piotr Buras

Hélène Miard-Delacroix, Historikerin an der Sorbonne, mit Piotr Buras, Journalist bei der Gazeta Wyborcza | Foto: Bernhard Ludewig
Donnerstag, 28. Oktober 2010
Forum IV: Für eine Kulturpolitik der Nachbarschaft

Rainer Seider, Leiter des Europa- und Außenwirtschaftsreferats in der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft | Foto: Bernhard Ludewig

Tomasz Dąbrowski, Direktor des Polnischen Instituts Berlin | Foto: Bernhard Ludewig
Forum VI: Nachbarschaft und Sprache

Matthias Makowski, Leiter der Abteilung Sprache der Zentrale des Goethe-Instituts in München | Foto: Bernhard Ludewig

Sonja Neef, Medienkulturwissenschaftlerin an der Bauhaus-Universität Weimar | Foto: Bernhard Ludewig

Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim | Foto: Bernhard Ludewig

Hatice Akyün, Journalistin und Autorin aus Berlin | Foto: Bernhard Ludewig
Forum V: Kleine Theorie der Nachbarschaft

Jurko Prochasko, Autor, Literaturwissenschaftler und Übersetzer aus Lwiw | Foto: Bernhard Ludewig

Andrzej Mencwel, Essayist und Kulturwissenschaftler an der Universität Warschau, und Angelika Eder | Foto: Bernhard Ludewig

Bloggerin Nina Szogs bei der Arbeit | Foto: Bernhard Ludewig
Forum III: Die Stadt als transnationaler Raum

Der Weg zur BFG-Kantine im Flughafen Tempelhof: Blick aufs verlassene Rollfeld | Foto: Bernhard Ludewig

Der Soziologe Walter Siebel (links) mit Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Berlin-Neukölln (Mitte) | Foto: Bernhard Ludewig

Manuela Bojadžijev, Politologin an der Freien Universität Berlin (rechts im Bild) | Foto: Bernhard Ludewig
Forum I: Wie Polen seine Nachbarn neu entdeckt

„Architekten der Nachbarschaft: Wie Polen seine Nachbarn neu entdeckt“, Diskussionsrunde im Restaurant des Flughafen Tempelhof
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig

Von rechts nach links: Jurko Prochasko, Autor, Literaturwissenschaftler und Übersetzer aus Lwiw, Angelika Eder, Leiterin des Goethe-Instituts Prag, und Stefanie Peter | Foto: Bernhard Ludewig

Stefanie Peter (rechts) lebt als Kulturwissenschaftlerin in Berlin und Warschau (Foto: Bernhard Ludewig) --> Stefanie Peter im Interview
Geschrieben von Verena Hütter
um
22:04
Empfang auf französische und polnische Einladung

Empfang auf französische und polnische Einladung | Foto: Verena Hütter
Einige der Blogger (von links nach rechts: Anja Riedeberger, Matthias Bitzl, Jennifer Endro und Dario Radišić) stärken sich auf dem Empfang, den das Polnische Institut Berlin und die Französische Botschaft ausgerichtet haben.
Forum II: Gelebte Nachbarschaft in den deutsch-französischen Grenzregionen

Maurice Zimmerlé, Bürgermeister a. D. der Communauté de Communes Essor du Rhin, Fessenheim (Mitte)
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig

Frank Baasner, Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig

Diskussion um pragmatische Wege gelebter Nachbarschaft in den deutsch-französischen Grenzregionen in der Deutschen Kantine im Flughafen Tempelhof
Foto: Bernhard Ludewig
Foto: Bernhard Ludewig
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