
Von links nach rechts: Thomas Wagmann, Krystzof Pomian, Étienne François und Norbert Frei | Foto: Verena Hütter
Unter der Moderation des Journalisten Thomas Wagmann diskutierten der polnische Historiker und Leiter des Europamuseums in Brüssel Krystzof Pomian, der in Frankreich geborene und an der FU Berlin lehrende Historiker Étienne François und der in Jena lehrende Historiker Norbert Frei über den Prozess und gegenwärtigen Stand der Herausbildung eines europäischen Gedächtnisses.
Das Gespräch konzentrierte sich zunächst auf Formen und Methoden der Vermittlung von Geschichte, vor allem in Hinblick auf sich verändernde Lern- und Rezeptionsweisen. Krzysztof Pomian sieht eine zunehmende Reduzierung des Stellenwerts des Geschichtsunterrichts in den Lehrplänen gegeben und konstatiert eine fortschreitende Fragmentarisierung des historischen Wissens. Noch entscheidender sei aber ein Bedeutungszuwachs des Bildes gegenüber textgebundenen Medien, insbesondere, so ergänzend Étienne François, der bewegten Bilder. Beide betonten die dadurch entstehende Illusion der Zeitzeugenschaft, das scheinbare Näherrücken des Vergangenen. Norbert Frei relativierte diese Positionen und verwies auf die umfangreiche Nutzung von Begleittexten in Ausstellungen des Deutschen Historischen Museums. Texte, so Frei weiter, seien und blieben der primäre Zugang zu vertieftem historischen Wissen, Bilder könnten nicht mehr als einen Einstieg bieten.
Im Anschluss führte Moderator Thomas Wagmann das Gespräch auf die Frage nach den Anfängen einer als europäisch zu definierenden Erinnerung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zitierte einleitend Egon Bahr: „Wir versöhnen uns eher mit unseren Nachbarn als mit uns selbst“. Dieses Zitat aufgreifend benannte Norbert Frei die zwischenstaatliche Versöhnung in Europa als die damals drängendere Aufgabe. Den innerdeutschen Konflikten, dem Verhältnis zwischen Tätern, Mitläufern und Opfern sei zunächst mit Schweigen begegnet worden, innerhalb dessen sich aber dennoch vielfache innergesellschaftliche Annäherungsprozesse vollzogen hätten.
Frei verwies weiter auf die innereuropäischen Migrationsbewegungen nach 1945 und die damit verbundenen Herausforderungen an die Mechanismen der Gedächtniskonstruktion. Es sei gerade auch ein Verzicht auf Erinnerung und eine Verständigung auf die Notwendigkeit des Vergessens gewesen, die einen Neuanfang damals möglich gemacht hätten. Die in den 1970er- und 1980er-Jahren verstärkt einsetzende Beschäftigung mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und die Dekonstruktion von Geschichtsmythen sei dann Auslöser einer weiteren Annäherung der europäischen Staaten gewesen.
Das Gespräch konzentrierte sich im Anschluss auf die Chancen und Möglichkeiten eines europäischen Gedächtnisses und einer europäischen Geschichtsschreibung. Zentrale Aufgabe der Historiker sei es, so Krzystzof Pomian, die Geschichtsschreibung aus dem bisher vorherrschenden nationalen Rahmen herauszulösen und Nationalgeschichte unter einer europäischen Perspektive neu zu denken. Ein positives Beispiel für solch eine Ausweitung der nationalen Perspektive sei die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums. Frei stimmte zu, dass es nicht um eine Addierung der einzelnen europäischen Nationalgeschichten zu einer europäischen Geschichte gehen könne, sondern um die Ausweitung der eigenen Geschichtserzählung.
Abschließend diskutierten die Historiker die Frage nach der Bedeutung des eigenen Bekenntnisses zu einer europäischen Identität im Gegensatz zu einer national definierten Identität. Krysztof Pomian verbindet mit europäischer Identität primär das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Kultur, die Vertrautheit von Architektur und Kunst unabhängig von der Kenntnis der Landessprache. Norbert Frei erfährt europäische Identität vor allem auch in der Zuschreibung von außen, und für Étienne François ist Europäer sein eine selbstverständliche Tatsache und fester Bestandteil seiner Identität.
Als Fazit der Diskussion steht ein Konsens der Diskutanten in zwei Punkten: Ausgangspunkt eines europäischen Gedächtnisses ist die Kenntnis der Geschichte der jeweils anderen Länder und daran anschließend die Fähigkeit, die eigene Geschichte in diesen anderen Geschichtserzählungen wiederzufinden. Darüber hinaus ist europäische Identität auch mit der Übernahme von Verantwortung verbunden: Jeder muss sich die Frage stellen, wie das Europa der Zukunft aussehen soll und wie man sich selbst für dieses Europa einsetzen kann.
Anja Riedeberger









