
Links: Lothar Müller, rechts: Péter Esterházy | Foto: Kerstin Ettlich
Das Abschlussprogramm des Forums „Illusion der Nähe“ wurde eingeleitet von einer Lesung des ungarischen Autors Péter Esterházy, der in Berlin lebt und auch auf Deutsch las.
Den Auszug aus dem bereits 1992 auf Deutsch erschienen Roman „Donau abwärts“ bezeichnete Esterházy als so gut passend für das Forum, als ob er ihn eigens dafür geschrieben hätte. Der ungarische Titel des Romans, wörtlich übersetzt „Der Blick der Gräfin Hahn-Hahn“, wäre übrigens eine Anspielung auf ein bösartiges Zitat des Schriftstellers Heinrich Heine gewesen: Dieser hätte über seine weiblichen Kolleginnen abschätzig geäußert, dass sie stets das eine Auge auf das Papier und das andere auf einen Mann hätten – mit Ausnahme der Gräfin Hahn-Hahn, da diese ja einäugig sei. Die Auszüge aus einem bisher nur auf Ungarisch erschienenen Erzählband, die Esterházy aus „westerwellschen“ Gründen leicht gekürzt vortrug, hatten insbesondere das von Hassliebe geprägte Verhältnis zwei direkter Hausnachbarn zum Gegenstand, was wiederum perfekt zum schwierigen Thema der Nachbarschaft, das auch im Forum ausführlich besprochen worden war, passte.
Im Anschluss an die Lesung stellte Lothar Müller, Literaturkritiker der Süddeutschen Zeitung, Péter Esterházy noch einige Fragen. Zunächst die nach der Figur des Nachbarn in der Literatur – warum tendiere diese zum Abgründigen, dem Unheimlichen (wie etwa bei Franz Kafka) oder zum Hassobjekt, wie ja auch teilweise in dem zuvor gelesenen Ausschnitt? Esterházy betonte, dass die Wurzel des Problems wohl sei, dass der klassische Nachbar fast genauso sei wie man selbst: Er habe fast denselben Garten, fast dasselbe Haus, denselben Postboten, der Unterschied sei extrem gering. Es sei aber ein Fehler, zu glauben, dass der Nachbar ein Freund sei, dies habe sich auch in der Rivalität der ‚Brüderstaaten’ in der ehemaligen Sowjetunion beobachten lassen.
Das Stichwort Brüderlichkeit, so Lothar Müller, wiese auch auf die geschwisterähnliche Beziehung hin, die unter Nachbarn herrschen könne: Zwar nicht unbedingt im Individuellen, da könne man notfalls ja wegziehen, aber im Staatlichen sei die Nachbarschaft ja nicht ‚abwählbar’. Durch Krieg schon, so Péter Esterházy scherzhaft. Nachbarschaft habe im Staatlichen auch immer eine lange Vergangenheit, so erinnere er sich gut daran, wie er 1990/91 mit ungarischen Freunden im slowakischen Bratislawa spazierengegangen sei, und wie sie von einem jungen Slowaken hasserfüllt angesehen worden seien. Diesem jungen Mann habe die problematische Geschichte zwischen Ungarn und der Slowakei nicht unmittelbar bewusst sein können, aber es handele sich um ein nichtpersönliches Wissen, das über die Generationen hinweg weitergegeben würde. Theoretisch gäbe es durch die EU also zwar ein Ende der Nationalstaaten, aber Nationalismen würden in der Praxis auch stellenweise gestärkt.
Welche Rolle hier die Literatur spiele, fragte Lothar Müller zuletzt, inwiefern wäre das Erzählen von Nachbargeschichten relevant? Mit „Donau abwärts“, so Péter Esterházy, wäre er sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zum ersten Mal der Nachbarschaftsrolle Ungarns bewusst geworden – mit diesem Roman habe er erst angefangen, diese auch zu reflektieren und zu verarbeiten. Das reine Erleben von Erfahrungen würde noch lange nicht zum Verstehen derselben führen, es würde Wissen nur durch Verarbeitung von Erlebnissen entstehen. Das Wort ‚Vergangenheitsbewältigung’ etwa gäbe es im Ungarischen nicht, diese würde nicht praktiziert. So wäre das Erzählen von Erinnerungen nicht unbedingt für den öffentlichen Raum relevant, aber für sich selbst – auch wenn dieses oft schmerzhaft, schwierig und belastend sei, sei es dennoch unabdingbar, um das eigene Leben zu verstehen.
Dario Radišić









