
Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen | Foto: Verena Hütter
Zum Abschluss der Konferenz „Illusion der Nähe?“ spricht Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen. Zu Anfang seiner knapp einstündigen Rede sagt Westerwelle, der Begriff „Nachbarschaft“ sei in seinen Augen für die Konferenz sehr gut gewählt. Er würde der Natur und dem Wesen Europas gerecht.
Westerwelle berichtet daraufhin von einem Besuch in Seattle, als er als Mittzwanziger amerikanischen Schülern von Europa und Deutschland erzählte. Als er die Schüler gefragt habe, warum in Seattle so wenig Fremdsprachen gelernt würden, hätte die Lehrerin dazwischengerufen: „Wenn ihr in Europa drei Tage mit dem Auto fahrt, braucht ihr eine andere Sprache. Wenn wir drei Tage mit dem Auto fahren, sprechen wir immer noch Englisch“. Das zeige die kulturelle Vielfalt Europas, meint Westerwelle. Diese würde Reibungen hervorrufen, die zum einen die Blüte von Wissenschaft und Künsten erst ermögliche und Voraussetzung sei für Erfindungsreichtum und in der Folge Erfolg, auch wirtschaftlichen. Zum anderen könnten diese Reibungen Europa jedoch auch in Abgründe führen, wie im Dritten Reich geschehen: unermessliches Leid, Weltenbrand, Zivilisationsbruch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Westerwelle, sei aus dem erbitterten Gegeneinander ein dynamisches Miteinander in Europa entstanden – eine immense Leistung. Europa, so Westerwelle, sei nicht selbstverständlich, sondern ein kostbares Gut.
In der Folge weist Guido Westerwelle auf Gefahren und heutige Herausforderungen für Europa hin. Er nennt die Finanzkrise, den demografischen Wandel und die Gefahr von Renationalisierung. Das Modell Europa stünde heute auf dem Prüfstand. Das Immunsystem Europas sei gefordert. Westerwelle formuliert drei Linien, wie man diesen Herausforderungen begegnen solle. Diese sind erstens: die innere Einheit vollenden und neue Trennlinien verhindern, zweitens: Lehren aus der Finanzkrise ziehen und ein robustes System schaffen sowie drittens: allen Angriffen mit Toleranz und Weltoffenheit begegnen.
Westerwelle geht dann auf die deutschen Nachbarn Frankreich und Polen ein. Die Nachbarschaft zu Frankreich sei eine Nachbarschaft par excellence, er lobt explizit die Arbeit innerhalb von Städtepartnerschaften, von Kulturmittlern wie dem Goethe-Institut und Jugendprogrammen wie die des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Die Nachbarschaft Deutschlands zu Polen sei so wichtig geworden wie die deutsch-französische. Im Zeichen von Pflege und Ausbau der nachbarschaftlichen Beziehungen zu Polen stünden, so Westerwelle, unter anderem die Veranstaltungen zum 20-jährigen Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag im Sommer 2011. Auf trilateraler Ebene hob der Außenminister das 1991 von Hans-Dietrich Genscher ins Leben gerufene Weimarer Dreieck um Polen, Frankreich und Deutschland heraus.
Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, bezeichnete in seinen Westerwelles Rede vorangehenden Grußworten die Konferenz „Illusion der Nähe?“ als dichte, anregende und, in seinen Augen, wegweisende Veranstaltung. Den Referenten sei es gelungen, die Konferenz sehr lebhaft zu gestalten. Europa, so Lehmann, sei weder Schmelztiegel noch Salatschüssel, sondern ein ganz reich gestaltetes Mosaik. Und er zitiert in dem Zusammenhang Blaise Pascal: „Vielfalt, die sich nicht zur Einheit ordnet, ist Verwirrung. Einheit, die sich nicht zur Vielfalt gliedert, ist Tyrannei.“
Verena Hütter
--> Die Rede von Guido Westerwelle auf den Seiten des Auswärtigen Amtes

Blick in die Haupthalle des Flughafens Tempelhof | Foto: Verena Hütter









