
Hélène Miard-Delacroix über die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland | Foto: Verena Hütter
„One world“ oder „global village“ – viele Begriffe drücken aus, was im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung Realität geworden ist: wir rücken aneinander, kommen uns näher. Von Google Earth über Facebook bis hin zu Billigfliegern, es wird immer leichter, sich zu vernetzen und Distanzen zu überwinden. Dennoch gebe es etwas, was nur geographische Nähe wirklich schaffen könne, so Hélène Miard-Delacroix, Historikerin an der Université Sorbonne in Paris: Vertrautheit.
Allerdings ließe sich das nicht auf alle Nachbarschaften weltweit anwenden. So berichtet sie von den Verhältnissen zwischen China, Japan, Nordkorea und Südkorea, die alles andere als nachbarschaftlich seien. Was macht das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich also so normal, ja vertraut?
Seit Ende des Krieges habe sich vieles verändert, so die Historikerin. Das Verhältnis bis 1945 bezeichnete sie als Mittelweg zwischen „Aggression und Annexion“. Dennoch sei es nach dem Krieg gelungen, einen Prozess der Annäherung zu beginnen, der noch lange nicht seinen Idealzustand erreicht habe. „Man bleibt nicht nahe, wenn man sich nicht bemüht, immer näher zu kommen.“ Der Prozess der Annäherung sei also unendlich und gehe immer weiter.
Betrachte man das Verhältnis heute, könne man von Normalität sprechen. Aber was ist das, Normalität? Was ist schon normal? Früher sei häufig erklärt worden, dass ein Krieg undenkbar und materiell unmöglich geworden sei, das Verhältnis habe sich also normalisiert. Heute könne dieses Argument nicht mehr bestehen: Gerade die Generationen, die erst nach dem Krieg geboren seien – aber vor allem deren Kinder – hätten eine vollkommen neue Wahrnehmung angenommen. Grenzen seien nur noch Verwaltungsgrenzen, der Krieg sei aus den Köpfen verschwunden – ebenso die traditionelle Feindschaft.
Die politischen Beziehungen seien das Ergebnis realistischer Einschätzungen gewesen, in der der Verlust der eigenen Souveränität durch die Aussicht auf gemeinsamen Erfolg abgelöst wurde. Die Politik habe begonnen, sich gemeinsam für ein Europa des Friedens zu engagieren. Das Gemeinwohl stehe heute an erster Stelle. Dennoch stehe die Partnerschaft besonders durch Überempfindlichkeiten beider Seiten immer wieder auf dem Prüfstand und müsse ständig erneuert werden.
Wie nah sind sich Deutschland und Frankreich also wirklich? Insbesondere die Unterschiede im politischen System – Zentralismus versus Föderalismus oder auch die (Hoch-)Schulsysteme – zeigten unterschiedliche Ordnungen auf. Beide Partner handelten noch immer nach einer verschiedenen Rationalität. Dennoch, so ihre Erfahrungen, seien insbesondere die Werte und Normen immer mehr einem Prozess der Angleichung unterworfen. Unterschiede in der kulturellen Praxis bestünden allerdings weiter.
Die Historikerin sieht also Bedarf nach weiterem Engagement: Gerade interkulturelle Arbeit könne dazu beitragen, größere Nähe zu schaffen. Es sei also gerade das Goethe-Institut, das durch seinen Auftrag als Kulturmittler den Prozess der Annäherung weiterführen könne.
Matthias Bitzl









