
Piotr Buras: „Deutsch-polnischer Fatalismus revisited“ | Foto: Verena Hütter
Was wurde aus dem Traum der Neunzigerjahre, Polen solle Deutschlands „Frankreich im Osten“ werden? „Wenig“, konstatiert Piotr Buras, in Berlin lebender Politologe und Journalist bei der Gazeta Wyborcza. Zwar sei „die gefühlte politische Nähe keine Illusion mehr“, so Buras mit Verweis auf den Konferenz-Titel „Illusion der Nähe?“, aber deshalb „noch keineswegs perfekt“.
Die deutsch-polnische Beziehung, hebt Buras hervor, könne niemals lauwarm sein. Sie dürfe, meint er, nie gewöhnlich werden, müsse immer besonders sein und in die Tiefe gehen. Diesem Wunsch hätten lange Zeit Fatalismen entgegengestanden, wie sie etwa die „pseudowissenschaftliche Riege“ um Bismarck und Hitler geschürt habe. Zwar seien diese fatalistischen Sichtweisen inzwischen überwunden, an eine solche Logik der Geschichtsschreibung würde nicht länger geglaubt. Doch sei damit die Gefahr, dass neue Fatalismen entstünden, nicht gebannt. Buras nennt den Begriff „Determinismus der Peripherie“ als neue Form von Fatalismus. Dazu gehöre etwa, dass Deutschland Polen nach dessen EU-Beitritt einen eher peripheren Standort zugewiesen habe, was die Wirtschaft anbelangt. Damit einher sei das Gefühl Polens gegangen, von Deutschland nicht ernstgenommen zu werden.
Auch sei nach dem polnischen EU-Beitritt vor sechs Jahren der deutsch-polnische Motor nicht automatisch angesprungen. Vielmehr habe Berlin erwartet, so Buras, dass sich Polen stärker um die Partnerschaft kümmere. Polen indes habe den Eindruck bekommen, Deutschland wolle außenpolitisch eigene Wege gehen. Beide hätten aneinander vorbei geredet.
Abschließend wirft Buras einen Blick in die Zukunft, auf das kommende Jahrzehnt. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung sei dafür ein geeigneter Moment und das Jubiläum ein guter Anlass, den Nachbarn genauer unter die Lupe zu nehmen.
Was wird die Zukunft bringen? Ein neues „Fatalimus“-Kapitel? Reden wir wieder aneinander vorbei? „Nein“, meint Buras. Die politische Charta habe sich unwiderruflich geändert. Ein Ost-West-Europa, bei dem der Osten wirtschaftlich immer ein Stück hinterherhinke, gäbe es nicht mehr. Polen habe trotz der Finanzkrise positive Wachstumszahlen geschrieben. Der Fatalismus der Peripherie würde damit überwunden.
In Europa müsse man sich nun auf die Suche nach einem neuen Narrativ begeben. Denn Europas Friedenskonzept als das Werteziel für ein europäisches Miteinander schlechthin greife nicht länger. Dieses Narrativ könne den Jungen, die den Krieg nurmehr aus Geschichtsbüchern und Erzählungen kennen, nicht mehr vermittelt werden. Buras bedauert, dass eine solche Narrativ-Suche bislang nur in Eliten diskutiert würde und nicht in der breiten Öffentlichkeit.
Hier sei unter anderem, so Buras mit Blick auf den deutschen Nachbarn jenseits der Oder, dessen „Hang zur Selbstreflektion“ gefragt.
Verena Hütter

Anschließende Diskussion, von links nach rechts: Christoph Mücher, Hélène Miard-Delacroix und Piotr Buras | Foto: Verena Hütter









