
Links: Waldemar Martyniuk, Matthias Makowski & Sonja Neef; Rechts: Ludwig Eichinger, Hatice Akyün & Babak Saed | Foto: Dario Radišić
Ist die Vielzahl von Sprachen, die ‚babylonische Sprachverwirrung’, ein Segen oder ein Fluch? Ist das Deutsche ein guter Sprachnachbar? Gilt es, am kleinsten gemeinsamen Nenner – Englisch – festzuhalten, oder kann und darf die Mühe darum, andere zu verstehen, nicht so kurz greifen? Diese Fragestellungen standen im Zentrum dieses Forums, in dem angeregt unter der Leitung von Matthias Makowski von der Zentrale des Goethe-Instituts in München diskutiert wurde.
Die eigene Sprache als ein Schatz, den es zu hüten gilt, so beschrieb Babak Saed, Bildender Künstler aus Bonn, seine Idealvorstellung der Ursache für die entstandene Sprachenvielfalt. Sonja Neef, Medienkulturwissenschaftlerin an der Bauhaus-Universität Weimar, wies darauf hin, dass das Wort „Babel“ in der Kulturwissenschaft vieldiskutiert sei, da die Bedeutung der Übersetzung aus dem vokallosen Sumerischen (BBL) gegensätzlich sein könne, abhängig davon, welche Vokale man einsetze – so solle man die Paradoxie, die daraus entstehen kann, positiv als Auftrag sehen, die richtige Übersetzung zu finden. Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, hob hervor, dass der Ausdruck Fremdsprache schon auf die Problematik hinweist, andere automatisch als ‚Fremde’ wahrzunehmen, man müsse hier einen respektvolleren Ansatz finden.
Hatice Akyün, Journalistin und Autorin aus Berlin, wies auf die Problematik einer mehrsprachigen Gesellschaft wie der deutschen hin – sie berichtete von der Erfahrung ihrer türkischen Eltern, denen es durch ihren Mangel an deutschen Sprachkenntnissen nicht möglich sei, ausreichend mit den Nachbarn in Duisburg zu kommunizieren. Für sie sei jedoch die Fähigkeit, sich gegenseitig Geschichten vom eigenen Leben zu erzählen, sehr wichtig, und durch ihre eigene Sprachkompetenz wäre sie dazu in der Lage. Deutsch sei zwar ihre ‚Wohlfühlsprache’, das Türkische sei ihr jedoch emotional mindestens ebenso wichtig. Waldemar Martyniuk, Direktor des Europäischen Fremdsprachenzentrums EFSZ des Europarates in Graz, sah durch diese Schilderungen bestätigt, dass die sprachliche Vielfalt nicht ein Problem darstellt, sondern eher eine Chance, wenn sie von den Sprachnutzern bewusst genutzt wird.
Auf die Frage des Moderators, ob das Deutsche ein guter Sprachnachbar sei, beschrieb Ludwig Eichinger zunächst die historische Rolle des Deutschen als Kontaktsprache zwischen westeuropäischen und slawischen Sprachen. So wären sich die europäischen Sprachen ähnlicher, als sie es eigentlich sein sollten. Hatice Akyün wies in diesem Zusammenhang auf die unterschiedliche Wertung von Sprachen hin. Das Französische, das Italienische oder das Spanische würden in Deutschland gemeinhin als ‚elegant’ und ‚schön’ wahrgenommen, im Gegensatz zum Türkischen. Babak Saed bemerkte, dass das Deutsche als Sprache an sich jedoch ‚fremdenfreundlich’ sei, da es offen sei für Begriffe aus anderen Sprachen, wie etwa die Sprachpraxis der Deutschen Bahn bewies, in der viele englische Begriffe benutzt würden.
Aus dem anschließend eröffneten Forum kam die Frage, ob durch die exklusive Kommunikation in anderen Ländern auf Englisch nicht der emotionale Zugang zur Sprache des Nachbarn (etwa Polen) verkümmere. Waldemar Martyniuk und Ludwig Eichinger waren sich darin einig, dass das Englische als dominante Sprache ein Fakt sei und belegten dies mit Beispielen aus polnischer und deutscher Schulpolitik. Sonja Neef entgegnete, dass das Englische eine ‚Nullqualifikation’ sei, da es mittlerweile üblich sei, dass jeder dieses auf einem rudimentärem Niveau spreche. Einen Vorteil etwa in der Wirtschaftswelt könne man eher daraus schlagen, wenn man eine weitere, ‚kleine’ Sprache sprechen könne. Dem stimmte Martyniuk zu, der auch betonte, dass es nicht unbedingt nötig sei, eine Sprache auf einem zertifiziert hohen Niveau zu sprechen, vielmehr benutze man ja auch in der eigenen Muttersprache verschiedene Sprachregister/Soziolekte, deren Niveau nicht gleich hoch sei. Das sah Sonja Neef ähnlich, aber sie betonte, dass man in ernsthaften Diskussionen Sachverhalte nur wirklich auf den Punkt bringen könne, wenn man einer Sprache wirklich mächtig sei – und dies sei oft auch auf Englisch nicht einfach.
Weiterhin wurde von einem ehemaligen Lehrer aus dem Berliner Wedding darauf hingewiesen, dass er teilweise fünf bis sechs verschiedene Sprachen in seinen Schulklassen vertreten hatte, diese Sprachkompetenzen aber als ungenutzte Ressource brachlagen, da sie in diesem Feld in der klassischen Bildungspolitik keinen Raum hätten. Dieser Sicht stimmte Waldemar Martyniuk sehr zu, der außerdem darauf hinwies, dass Nachbarschaft nicht nur durch Grenzen festgesetzte eine Tatsache sei – vielmehr sei gute Nachbarschaft auch die Fertigkeit, auf den Anderen zu- und einzugehen. Diese Bereitschaft und Kompetenz solle als fester Bestandteil in die Bildung einfließen, dann würden auch ‚exotischere’ Sprachen eher geachtet und gefördert werden.
Dario Radišić









