Moderator Karl Braun (mitte) und Leiterin des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren Lucie Černohousová (rechts) | Foto: Nina Szogs
Nachbarschaft ist ein flexibler und prozesshafter Begriff, der immer wieder neu ausgehandelt und definiert werden muss. An keinem Ort wird dies deutlicher als an den Außengrenzen der EU. Die Grenzabsenkung nach innen zieht den Aufbau der äußeren Grenzen nach sich. So oft die dauerhafte Friedenssicherung innerhalb der EU betont wird, so selten wird auf die Folgen für diejenigen aufmerksam gemacht, die außerhalb leben.
Über diese Grenzziehungen und ihre Auswirkungen diskutierten die Soziologin Angelika Poferl, der Autor und Radiojournalist Roman Herzog und die Leiterin des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren Lucie Černohousová unter der Moderation des Ethnologen und Kulturwissenschaftlers Karl Braun.
Eine Nachbarschaft beinhaltet nicht nur Nähe, sondern impliziert ebenso eine Grenzziehung zwischen dem Eigenem und dem Fremden. Dadurch werden Fremdbilder, Selbstbilder und Klischees produziert und eine Identität durch Abgrenzung geschaffen. Die Gleichheit nach innen führt somit zunächst zu einer Abschottung nach außen.
Diese Grenzziehungen sind allerdings größtenteils durchlässig und veränderbar. Auf der europäischen Ebene bedeutet dies, dass eine territoriale und soziale Nähe einerseits die Chance einer friedlichen Nachbarschaft bietet, die auf gemeinsame Symbolformen wie Normen und Werte zurückgreifen kann und dadurch Vergemeinschaftungsprozesse einleitet. Andererseits liegt darin auch die Gefahr, immer wieder die Differenzen zu betonen und in den eigenen Nationalgesellschaften zu verharren.
Die Grenzüberschreitung sollte also in jeder Form von Nachbarschaft mitgedacht werden. Dabei entstehen transnationale, soziale Räume, also Räume, bei denen der Sozial- und Flächenraum nicht mehr notwendigerweise flächendeckend sind, wie zum Beispiel bei der Arbeitsmigration oder im Tourismus. Diese transnationalisierten Verhältnisse müssen in der europäischen Nachbarschaft berücksichtigt werden, denn soziale Landschaften machen nicht vor nationalen Grenzen halt.
Die europäische Nachbarschaft beinhaltet eine ständige Auseinandersetzung mit der Gleichheit und der Differenz, die die Notwendigkeit von Begegnungen herausstellt. Grenzüberschreitungen wie Sprach- und Literaturaustausche müssen stattfinden, da es dabei möglich ist, different zu sein, aber gleichzeitig Gemeinsamkeiten verorten zu können.
Die europäische Nachbarschaft erhält jedoch eine völlig neue Definition, wenn damit nicht die innereuropäische Nachbarschaft gemeint ist, sondern die Nachbarschaft zwischen der Europäischen Union und den Staaten, die in ihr nicht partizipieren können. Deutlich wird dies am Prinzip der sicheren Drittstaaten. Die Verantwortung für Verfolgte und Schutzbedürftige wird an den Rand der EU-Grenzen geschoben oder sogar darüber hinaus. Dies hat auch innerhalb der EU eine Ungleichheit zur Folge, da Grenzstaaten diese Probleme aushandeln müssen, Binnenstaaten aber nicht.
Die EU scheint feste Außengrenzen schaffen zu müssen, um Innengrenzen abbauen zu können. Das Schengener Abkommen gilt noch nicht für alle EU-Mitglieder, es bleibt abzuwarten, ob für die Erweiterung des Abkommens Außengrenzen noch weiter verhärtet werden, um eine vermeintliche innere Sicherheit schaffen zu können.
Nina Szogs









