Caroline Fetscher und Manuela Bojadžijev | Foto: Nina Szogs
Nachbarschaft im städtischen Kontext bezeichnet zunächst die räumliche Nähe und sagt noch nichts über die sozialen Beziehungen aus. Nachbarschaftliche Verhältnisse können aus Freundschaftlichkeit sowie gegenseitiger Hilfeleistung bestehen, aber Nachbarschaft beinhaltet auch das anonyme Leben Tür an Tür, ohne die Bewohner zu kennen. So ist auch eine durch Migration entstandene neue Nachbarschaft eine individuelle. Inwieweit das Bedürfnis nach sozialer Nähe zu seinem Nachbarn gewünscht ist, hängt mit den Ausgangsvoraussetzungen zusammen. Ein temporärer Arbeitsmigrant hat einen anderen Anspruch an seine Nachbarn als ein dauerhaft in Deutschland lebender Zuwanderer.
Wie also ist Nachbarschaft einerseits im theoretischen Kontext und andererseits am konkreten Beispiel, dem Berliner Stadtteil Neukölln, zu bewerten und wo liegen die Schwierigkeiten? Darüber diskutierten der Soziologe Walter Siebel, die Politologin Manuela Bojadžijev und der Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, unter der Moderation der Journalistin Caroline Fetscher vom Tagesspiegel. Die große Chance der Diskussion bestand darin, dass Menschen aus der theoretischen und praktischen Arbeit aufeinandertrafen.
Gleich zu Beginn wurden verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten auf das Thema Segregation und Bildung eröffnet: Segregation sei zunächst aus der theoretischen Perspektive nicht nur negativ zu bewerten, da sie auch aufgrund von Distanz eine Konfliktvermeidung begünstigen könne. Schwierig würde es allerdings dann, wenn in der Praxis ausschließlich bildungsferne Schichten zurückblieben und in einem Stadtteil ausgegrenzt lebten. Dann sei die Gleichheit im Stadtteil zwar gegeben, die zunächst ein Gefühl der Sicherheit erzeugen könne, jedoch könne sie unter Umständen den Einstieg in das Bildungssystem mangels Vorbildern erschweren. Gerade dann käme auch die Frage auf, wie die Tragkraft von Bildung Eltern nahe gebracht werden könne, denen es in Deutschland schwerfällt zu glauben, dass ihre Kinder von einer guten Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt profitieren würden. Es sei schließlich schwer, an eine Chancengleichheit zu glauben, die es in der eigenen Biografie nie gegeben habe.
Im Zusammenhang mit Chancengleichheit wurde der Begriff der „Integration“ einer kritischen Hinterfragung unterzogen. Es wurde herausgestellt, dass das gängige Konzept der Integration allein schon deshalb nicht gemeinschaftsbildend wirken könne, da es die Gesellschaft immer in ein „Wir“ und in ein die „Anderen“ unterteile. Wobei immer die „Anderen“ und nicht das „Wir“ die Integrationsleistung bringen sollten. Integration sei allerdings nur möglich, wenn sie von allen Teilen der Gesellschaft getragen würde. Eine Diskriminierung und Ungleichheit sei damit schon im Begriff selbst vorhanden. Dass eine solche Hinterfragung und Reflexion gängiger Begriffe notwendig ist, um vorhandene Strukturen, gerade da, wo sie konfliktreich sind, hinterfragen zu können, wurde deutlich. Anstatt mit Integrationskonzepten zu arbeiten, sollten klare Demokratiebegriffe geschaffen werden.
Die Diskussion geriet da an ihre Grenzen, wo das Zusammenspiel von Theorie und Praxis keinen Konsens fand. Mit fortschreitender Zeit entwickelte sich der Eindruck, dass alle Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer mehr oder weniger auf den gleichen Punkt hinauswollten, nämlich ein gleichberechtigtes Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen zu schaffen, dass das gegenseitige Verständnis jedoch durch Definitionsfragen erschwert wurde.
Nina Szogs









