In den letzten zwei Tagen habe ich von einem Kollegen gehört, dass es in Hamburg ein Johannes-Brahms-Museum gibt. Brahms ist ein weltberühmter Komponist, der in einer Hamburger Musikerfamilie geboren wurde, schon sein Vater war Musiker. Ich entschied mich für einen Besuch, da die Öffnungszeiten sehr sind begrenzt sind - nur Dienstag, Donnerstag und Sonntag - musste ich sobald wie möglich gehen. Wenn ich den Donnerstag verpasst hätte, wäre keine Möglichkeit mehr geblieben, es vor Ende meines Hamburg-Aufenthalts zu besichtigen. Also nahm ich mir nach dem Mittagessen kurz zeit und fuhr mit der U-Bahn nach St. Pauli. Nach zehn Minuten zu Fuß war ich in der kleinen, versteckten „Peterstraße“ und entdeckte ein urtümliches Haus. Als die Museumsangestellte Christa hörte, dass ich eine chinesische Journalistin bin, fand sie es ganz unglaublich, dass auch Chinesen Brahms kennen!
Nach einigen Höflichkeitsfloskeln begann ich die Besichtigung. Dieses kleine zweistöckige Haus ist eigentlich gar nicht der ehemalige Wohnsitz von Brahms. Er lebte zwar in der Nähe, aber sein Haus und das ganze umliegende Areal wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Dies ist das einzige erhaltene Haus aus der Zeit. Im zweiten Stock des Museums sah ich zwei Portraits von Brahms aus verschiedenen Zeiten. Als er jung war, war er sehr zart, man könnte sogar hübsch sagen. Doch später ließ er sich einen großen Bart wachsen und wurde recht beleibt. Große Bärte waren zu seiner Zeit in Mode.
Da ich nur wenig Zeit hatte, konnte ich mir die Ausstellungsstücke nicht alle gründlich anschauen und musste das Museum früh wieder verlassen. Hm, mein Deutschland-Aufenthalt ist am Ende angelangt! In diesen Tagen heißt es Abschied nehmen und gemeinsam Essen gehen. Insgesamt mag ich die Deutschen und Deutschland immer noch sehr gerne, mit Ausnahme des deutschen Essens, aber .... Laut „Stern“-Redakteur Steffen ist das Essen im Norden nicht so toll, dafür aber im Süden. Ich hoffe, dass ich später die Gelegenheit haben werde, mich in München und Umgebung länger umzusehen. Im Hinblick auf meine Arbeitserfahrungen und meinen Charakter kann ich sagen, dass die Deutschen ein Volk sind, mit dem man gut kommunizieren kann, ich zumindest kann mich mit ihnen erfolgreich verständigen.
Auf Wiedersehen, Hamburg! Auf Wiedersehen, Deutschland! Diese Monate sind sehr schnell und fröhlich vorbeigegangen. Ich denke, dass ich später wieder einmal die Chance haben werde, nach Deutschland zu kommen, egal ob beruflich oder als Tourist.
Ich danke den Lesern, die in diesen drei Monaten meine detaillierten Ausführungen zugehört und Klatsch, Beobachtungen und Anekdoten verfolgt haben. Vielen Dank an alle! Die Erde ist rund, wenn wir uns auf dieser Seite verabschieden, werden wir uns auf der anderen Seite wiedertreffen!
Freitag, 12. Dezember 2008
Ein flüchtiger Besuch im Brahms-Museum und “Auf Wiedersehen, Deutschland!“
Mittwoch, 10. Dezember 2008
In der Kaifu-Lodge die Fitness-Leidenschaft der Deutschen erleben
Wie die Chinesen achten auch die Deutschen sehr auf ihre Fitness. An der Alster joggen jeden Morgen sehr viele Menschen. Ich dachte immer, dass die Deutschen nur draußen gerne trainieren. In China gehen viele Menschen in der Freizeit gerne ins Fitnesscenter. Die beliebtesten Sportarten sind Yoga, Joggen, Schwimmen usw. Ich bin sehr neugierig, ob die Deutschen Fitnesscenter mögen oder nicht? Falls die Antwort ‚Ja‘ ist, was trainieren sie dann gerne im Studio? Vor zwei Wochen habe ich eines der bekanntesten Fitnessstudios Hamburgs besucht: die Kaifu-Lodge. Meine Erlebnisse dort haben meine Zweifel beseitigt.
Die Fitnessstudios in China befinden sich meistens in Bürogebäuden und Wohnvierteln, sodass Berufstätige nach der Arbeit leicht trainieren gehen können. Dieses deutsche Fitnesscenter liegt hingegen westlich der Außenalster. Als ich aus dem Bus ausstieg, sah ich im Wald auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein hübsches, ruhiges, kleines Gebäude: die besagte „Kaifu-Lodge“. Das Haus erinnerte mich an ein Ferienhaus. Als ich entlang den Lampen folgend immer näher kam, verwandelte sich das nette, zweistöckige Haus im Nu in einen quirligen Ozean. Durch die Fenster sah ich viele Deutsche, die gerade tanzten oder joggten.
Die Fitnesstrainerin Marie gab mir viele Informationen über das Center. Jedes Jahr ab Oktober wird das Wetter in Deutschland kalt. Wegen des Wetters haben daher viele Deutsche angefangen, drinnen zu trainieren. Junge Deutsche sehen das Fitnessstudio als einen Ort, wo sie Freundschaften schließen und sogar ihre Freunde/Freundinnen finden können. Nicht nur junge Leute, auch ältere Menschen gehen gerne ins Fitnessstudio. Der Name Kaifu klingt wie ein chinesisches Wort. Im Chinesischen bedeutet Kaifu „Öffnung“ und „Wiedererwachen“. Marie erzählte mir aber, dass dieser Name gar nichts mit China zu tun hat. Die Kaifu-Lodge ist nach der Straße vor der Tür benannt, dem Kaiser-Friedrich-Ufer. Kaifu ist sozusagen das Kürzel für die Straße.
Die Kaifu-Lodge war voller Menschen. Verglichen mit chinesischen Fitnesscentern werden hier mehr Programme angeboten, jede Woche gibt es bis zu 40 verschiedene Programme in mehr als 200 Kursen. Auf dem Kursplan habe ich viele interessante Programme entdeckt, z.B. Qigong, Iyengar-Yoga, Taiji, Bollywood-Tanz usw. Das zeigt, dass viele asiatische Sportarten in Deutschland sehr beliebt sind. Beispielsweise Qigong. Diese geheimnisvolle Sportart kommt aus China, es handelt sich um eine Art chinesische Meditation, die geistige und körperliche Übungen vereint, um durch körperliches Training den Geist zu fördern. Qigong ist auch ein Teil der traditionellen chinesischen Medizin, die Übungen beinhalten Atemtechnik, Körperertüchtigung und dynamisches Training sowie Meditation und geistige Übungen. Bereits in der Han-Dynastie trainierten die Chinesen Qigong. Hier in Deutschland wird Qigong als effizientes Körpertrainingsprogramm erachtet. Dort in China üben Leute ganz langsam in den Parks Qigong, die meisten Qigong-Anhänger sind alte Menschen.
Das Fitnesscenter umfasst ca. 5800qm. Es gibt nur vier moderne Trainingsräume, unter anderem einen Multimedia-Raum. Jeder Raum ist sehr vollgestellt. Außerdem stehen viele Leute draußen und warten auf ihren Kurs. Auf den Laufbändern laufen die Leute sehr schnell und hören dabei noch Musik oder schauen Fernsehen. Deutsche sind geduldiger als Chinesen. In China mögen die Leute große Studios. Sie denken, dass kleine Center zu laut und voll sind. Je weniger Leute im Fitnessstudio trainieren, desto besser gefällt es ihnen. Nur wenige würden wegen eines Kurses oder eines Geräts warten. In den Umkleideräumen gibt es immer viele leere Fächer. Chinesen legen viel Wert auf die Atmosphäre im Studio. Sie finden im Fitnessstudio die Ruhe außerhalb des Alltags. „Unsere Kurse locken zahlreiche Sportliebhaber an“, erklärt Marie. „Bei den Fitnesscentern gehören wir zur mittleren Kategorie. Die Jahreskarte kostet nur 800 Euro. Die Sportfans wissen, dass wir die professionellsten Programme und Trainer haben. Unsere Trainer unterrichten auch häufig in anderen Ländern. Das ist wirklich toll!“ Deutsche achten ganz besonders auf die Qualität des Fitnesscenters. Ich dachte, Deutsche wären pragmatischer als Chinesen. Denn die geben mehrere tausend Yuan (mehrere hundert Euro) für die Mitgliedschaftskarte aus, nutzen die Karte aber gar nicht effizient aus, da sie selten ins Studio gehen. Falls viele Leute im Studio sind, warten Chinesen nicht, sondern kommen einfach ein anderes Mal wieder.
Die Kaifu-Lodge hat viele Besonderheiten. Außer den Übungsräumen gibt es noch ein 25°C warmes Außenschwimmbecken. Selbst an kalten Wintertagen schwimmen noch Leute im Pool. 15 Plätze stehen für Squash-Fans bereit. Sogar viele Nationalspieler kommen hierher zum Spielen. Hier gibt es auch einen offiziellen Squash-Wettkampfplatz.
Dann habe ich einige Kletterer mit professioneller Ausrüstung gesehen. Das hier ist auch ein Kletterparadies. Noch interessanter sind die Kurse für Säuglinge und werdende Mütter. Die Babies können mit ihren Eltern an Kursen teilnehmen. So etwas gibt es in China selten.
Nach dem Besuch hatte ich das Gefühl, dass beide, Deutsche und Chinesen, leidenschaftlich gerne ins Fitnessstudio gehen. Leben liegt in Bewegung – der Grundsatz gilt für Jedermann.
Sonntag, 7. Dezember 2008
Reisen macht süchtig
Es gibt recht wenige chinesische Reiseführer, ziemlich gelungen ist der berühmte „Lonely Planet“. Als ich diesmal nach Deutschland kam, hatte ich auch einen „Lonely Planet-Deutschland“ dabei, der sehr nützlich war. Obwohl die chinesische Übersetzung dieses Führers vor kurzem vom „Sanlian Verlag“ veröffentlich wurde, ist das englische Original ziemlich veraltet, einige Infos sind schon überholt. In Europa Reiseführer zu kaufen, ist ziemlich bequem. Außer dem „Lonely Planet“ gibt es noch eine große Auswahl. Beispielsweise in der deutschen Buchkette „Thalia“, dort habe ich auch Reiseführer der amerikanischen Reihe „National Geographic“ gesehen, Marco Polo- und Allianz-Führer usw. Die Reiseliteratur füllt fünf, sechs Regale, angefangen bei Deutschland mit allen Städten und Bundesländern bis hin zu allen Ländern Europas, Asiens usw. Das Angebot ist äußerst umfassend und außerdem sind viele bereits in der Fassung für 2009 herausgekommen. Dazu sind englische und deutschsprachige Ausgaben erhältlich, die Preise reichen von einigen Euro bis in hohe Preislagen und die Druckqualität ist sehr hochwertig.
Wenn Chinesen reisen, dann reisen die älteren Leute gerne mit einer Reisegesellschaft. Viele junge Leute dagegen reisen jetzt gerne allein, überlegen sich eine Route, schlagen im Reiseführer nach und los geht’s. Das ist bei Deutschen, Europäern, genauso, wie zum Bespiel bei meinen deutschen Vermietern. Die zwei 70-Jährige haben noch selbst eine fünfwöchige Indienreise geplant! Das ist wirklich cool! Obwohl der Zeitraum der Reise nicht so günstig war, haben sie die gewalttätigen Ereignisse in Mumbai nicht mitbekommen und sind letzte Woche sicher nach Hamburg zurückgekommen.
Deutschland hat natürlich auch Reisegesellschaften, am Flughafen und den Haltestellen der Fernreisebusse sieht man die Schalter der vielen Reisebüros, die Lang- und Kurzreisen anbieten oder Flugticket- und Hotelreservierungen durchführen. Ich hatte auch mal überlegt, mit „Rainbow Tours“ nach Paris zu fahren. Deren Preise sind sehr niedrig, eine zweieinhalb-tägige Parisreise kostet nur 69 Euro. Und warum ist sie so billig? Weil sie die Reisenden mit einem großen Bus nach Paris bringen, in der Nacht aufbrechen und morgens ankommen und deshalb das Geld für ein Hotel sparen. nachher bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass diese Art des Reisens zu viel Zeit unterwegs verschwendet und außerdem nicht so sicher ist, und habe deshalb darauf verzichtet. Beim Herumreisen in Europa halte ich Billigflüge für die beste Wahl. Ich habe Rückflugtickets von „easyjet“ von Hamburg nach Mailand gefunden, die inklusive Steuer 44 Euro kosten, das ist wirklich total günstig! Zudem kommt man in Europa bequem vom Flughafen in die Stadt. Oder man kann Hin- und Rückreise-Zugtickets zwischen Deutschland und anderen Ländern buchen. Falls man das Flugticket sehr früh bucht, gibt es große Preisnachlässe.
Ich war dieses Jahr vier Monate nicht in Peking, außer den drei Monaten in Deutschland war ich noch fast einen Monat beruflich in Sichuan, Gansu, Jiangsu, Xinjiang und Shanxi. Im Mai und Juni habe ich zweimal eine Dienstreise nach Suzhou gemacht. Das Wetter dort war sehr angenehm, in der Stadt und auf dem Land verging die Zeit im Strudel und ich verliebte mich ins Reisen. Ich bin sehr neugierig und möchte überall hin und alles anschauen. Vielleicht werde ich eines Tages eine Reisejournalistin, schaue mir alle Ecken der Welt an und verfasse einen handlichen Reiseführer. Meine Leser sollten so sein wie ich, die nicht Landkarte verstehen und trotzdem die ganze Welt bereisen! Weil es auf der Welt so viele warmherzige Fremde gibt, die Reisebegeisterten wie Dir und mir in fremden Ländern ein Gefühl von Heimat bieten!
Samstag, 6. Dezember 2008
Und wieder einmal heißt es: "Auf Wiedersehen, Deutschland! "
Heute habe ich mein zweimonatiges Praktikum in der Deutschen Presse-Agentur beendet, was auch bedeutet, dass das dreimonatige Programm „Medienbotschafter China-Deutschland“ für mich heute seinen Abschluss gefunden hat. Punkt. Ich bin einerseits glücklich, weil ich in diesen drei Monaten des Studiums und des Praktikums sehr viel mitgenommen habe, andererseits stimmt es mich auch trübselig, weil ich wieder einmal „Auf Wiedersehen, Deutschland !“ sagen muss.
Ich denke schon die ganze Zeit darüber nach, was für mich die größte Errungenschaft dieser drei Monate darstellt. Und heute Nachmittag, als ich mich von jedem Einzelnen der Kollegen in der Deutschen Presse-Agentur verabschiedete, habe ich plötzlich die Antwort gefunden: die Menschen. Was ich damit meine ist, dass die größte Errungenschaft dieser drei Monate die vielen deutschen Freunde sind, die ich kennengelernt habe, und dieser zwischenmenschliche Austausch ist für mich am wertvollsten. Egal, ob es beim Hören des Unterrichts der Dozenten in den Unterrichtsräumen der Hamburger Media School war, oder beim Austausch mit dem Gegenüber während der verschiedenen Besuche und Ausflüge, oder beim Gespräch mit den Kollegen im Büro der Deutschen Presse-Agentur. Ganz egal, ob wir uns über Nachrichten und Medien oder Gesellschaft und Kultur unterhielten, und auch nur Klatsch und Tratsch, all dies hat mir sehr viel gebracht.
Obwohl ich früher schon oft in Hamburg war, war ich doch jedes Mal in Eile, aber dieses Mal habe ich hier fast drei Monate ganz brav gewohnt und viel mehr von der Stadt kennen gelernt, und dabei ganz von selbst auch eine Zuneigung für diese Stadt entwickelt. Dennoch glaube ich, dass die meisten Erinnerungen, die ich später an diese Stadt haben werde, mit Erlebnissen und den deutschen Bekannten, mit denen ich hier zusammengelebt und -gearbeitet habe, in Verbindung stehen werden. Die Eindrücke, die diese Stadt bei mir hinterlassen wird, sind durch diese Bekannten mit Leben und Atmosphäre erfüllt.
Natürlich, man muss sich ehrlich vor Augen halten, dass der Austausch in diesen drei Monaten selbstverständlich nicht nur aus „Dir geht‘s gut, mir geht’s gut, uns allen geht es gut“ und ähnlichen Oberflächlichkeiten bestand, sondern dass es Momente gab, in denen wir uns einig waren, aber auch Momente gespickt mit Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten. Doch was ich meistens gespürt habe, war eine ehrliche und freundliche Athmospäre beim Austausch. Zwar gab es einige Momente, wo wir nicht alle Probleme aufklären konnten, doch der Dialog ist in jedem Fall der beste Weg, um gegenseitiges Verständnis und Respekt füreinander zu erzielen.
Unsere Welt ist keinesfalls eine einfache, starre Welt, sondern eine Welt voller Unterschiede und Vielfalt. So wie die Deutschen Messer und Gabel benutzen und die Chinesen Stäbchen, in der Frage des „Essens“, die für die gesamte Menschheit die wichtigste Frage darstellt, sind wir auch nicht gezwungen, uns vollständig anzugleichen, alles, was wir tun müssen, ist die Gebräuche des anderen zu verstehen und diese zu respektieren. Ich erinnere mich, dass der Vorsitzende der Robert Bosch Stiftung bei unserem Besuch in der Zentrale der Stiftung sagte, dass das Programm veranstaltet wird, damit wir ein „Verständnis für andere Kulturen zu gewinnen“. Dem stimme ich aus tiefsten Herzen zu.
In den drei Monaten habe ich sehr sehr viel erlebt, unmöglich kann ich hier alles im Einzelnen aufzählen. Die meisten Errungenschaften werden mir vielleicht später bei meiner weiteren Laufbahn in der Medienbranche eine Hilfe sein. Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit in der Medienbranche dazu beitragen kann, das Verständnis und den Respekt der beiden Länder Deutschland und China weiter zu fördern, ich denke, dass dies auch der Grundgedanke des Programms „Medienbotschafter China Deutschland“ ist.
Auf Wiedersehen, Hamburg ! Auf Wiedersehen, Deutschland ! Auf Wiedersehen, liebe Leser!
Ich wünsche allen Fröhliche Weihnachten, ein Gutes Neues Jahr und ein Schönes Frühlingsfest!
Mittwoch, 3. Dezember 2008
Kleine Welt ganz groß – Besuch im Miniatur Wunderland
Die Literaten entfalten in der Science-Fiction gerne ihre Fantasie, mal machen sie aus der Menschheit kleine Zwerge, die von den Ungeheuern anderer Planeten angegriffen werden, mal beschreiben sie die Menschen als Riesen, die versehentlich in eine Art Märchenland eindringen. Heute war ich solch ein Riese und besuchte ein fantastisches Märchenland in der Speicherstadt. In diesem Miniatur-Märchenland ist zwar alles tausendmal verkleinert, aber durch die kleinen Züge, U-Bahnen und Boote, die vorbeifahren, fühlt man sich mitten in eine echte Welt hineinversetzt. Das Märchenland in der Hamburger Speicherstadt ist eigentlich eine sehr große Eisenbahn-Modellausstellung. Die Ausstellung ist in vier Bereiche aufgeteilt: Deutschland, Amerika, Schweiz und Skandinavien.
Zum ersten Mal hörte ich von dieser Ausstellung von einer „Stern“-Redakteurin, die sie besucht hatte, und mir gegenüber wiederholt betonte, dass ich dorthin gehen solle. Mit einem neugierigen Gefühl hatte ich mich für heute Nachmittag angemeldet. Noch bevor ich reingegangen war, sah ich schon viele wartende Leute. Ich dachte, dass das Märchenland hauptsächlich Kinder unter 18 anziehen würde, aber so war es nicht. Am Eingang sah ich viele ältere Leute und Eltern mittleren Alters, mit ihren Kindern. Diese kleinen Modelle lockten so viele Leute an? Waren sie so etwas Besonderes?
Nach dem Eintritt empfing mich Sebastian, der für Marketing und Medien zuständig ist. Er brachte mich zuerst zur Sonderausstellung, von wo aus ich meine Reise durchs Märchenland begann. Die Sonderausstellung bestand aus etwa sechs Gebäuden und Eisenbahnmodellen in Glaskästen, die den Aufbau der Mauer in Berlin nach dem 2. Weltkrieg darstellten. Obwohl es keine Erklärung gab, konnten die Besucher West- und Ost-Berlin anhand der Häuserformen unterscheiden, praktisch jedes Modell hatte ein deutliches Gegenüber. Die US-Streitkräfte benutzten Fallschirme, um den Kindern Schokolade zu bringen während die Panzer der sowjetischen Armee bedrohlich in Ostberlins Straßen standen. Westberlins Häuser hatten spitze Dächer, in Ostberlin standen Plattenbauten im sowjetischen Stil. Dann wurde die Berliner Mauer gebaut, und die Leute wollten von Ostberlin nach Westberlin flüchten. Schließlich fiel die Mauer, und das deutsche Volk war wiedervereint. Mir wurde klar, dass für die Deutschen die Geschichtserziehung der nächsten Generation allgegenwärtig ist, selbst kleine Modelle werden zum Geschichtsunterricht herangezogen, die Kinder sollen von klein auf die Vergangenheit Deutschland kennen lernen.
Im Anschluss daran bin ich in das Modell der Schweiz gegangen, wobei nichts so interessant war wie die berühmte Schokoladenfabrik von Lindt. Beim Vorbeigehen am Modell kann der Besucher beobachten, wie die einzelnen Schokoladenstücke durch eine Verpackungsmaschine transportiert werden und zum fertigen Produkt wurden. Noch mehr Spaß macht es, dass der Besucher nur auf einen Knopf drücken muss und das betreffende Stück Schokolade vom Fließband in seine Hand fällt. Ich fragte Sebastian, ob es denn echte Schokolade sei, was er bejahte. Allerdings gab es dabei einen Trick: Die unverpackte „Schokolade“ auf dem Fließband ist in Wirklichkeit nicht echt, sie schaut nur echt aus. Die echte Schokolade wird von einer Anlage unter dem Modell hoch befördert, und der Besucher hat nur die Illusion, dass ein unverpacktes Stück Schokolade auf dem Förderband maschinell verpackt worden sei. Dann habe ich mir noch die Alpen und viele Miniaturmenschen angeschaut. In jedem einzelnen Gebäude vollzieht sich eine andere kleine Geschichte. Erst wenn der Besucher nahe ans Modell herangeht und genau hinschaut, erfährt er welche.
Dann habe ich mir die amerikanische Spielerstadt Las Vegas und Hamburg, die Stadt, in der ich gerade wohne, angeschaut. Da diese Ausstellung ja in Hamburg ist, ist der Teil Hamburg äußerst detailliert gestaltet. Ich habe die berühmte St. Michelskirche und den Vergnügungspark erkennen können. Diese spannende Ausstellung hat in diesem Jahr bereits 1 Mio. Besucher anziehen können, 90% davon waren Deutsche. Dieses Jahr waren auch über 5000 chinesische Gäste in dieser Ausstellung. Sehr viele Besucher des „Miniatur-Wunderlandes“ haben Einträge im Gästebuch hinterlassen. Eine Familie aus Korea ist extra fünf Mal nach Hamburg geflogen, um sich das „Miniatur-Wunderland“ anzusehen.
Hier einige erstaunliche Zahlen: Im November 2007 betrug die Ausstellungsfläche für die Modelle hier 1.400 qm. 162 Ingenieure und Techniker investierten über eine halbe Million Stunden, um die Arbeit daran zu vollenden. Die Gesamtlänge der Schienen beträgt 15 km. Das längste Zugmodell ist über 14 m lang. Die Arbeiter verteilten außerdem auf den Flächen eine Viertelmillion Miniaturfiguren, wobei jede einzelne eine unterschiedliche Formen hat und Kleidung in verschieden Farben trägt.
Übrigens hat diese erfolgreiche Ausstellung einen eigenen Laden, in dem Modelle verkauft werden. Ich meinte ursprünglich, diese Ausstellung müsse schon sehr lange in Hamburg sein, sonst könnte sie nie so viele Besucher vorweisen. Ich fragte nach und erfuhr, dass sie erst im Jahr 2000 eröffnet wurde. Der Grund für die Schaffung dieser Ausstellung war auch höchst interessant: Als Herr Braun, einer der Schöpfer des „Miniatur-Wunderlandes“, im Sommer 2000 mit seiner Freundin in Zürich in der Schweiz im Urlaub war, sahen sie in einer Altstadtgasse einen Laden mit Modelleisenbahnen. Dadurch wurden bei Herrn Braun Kindheitserinnerungen an Modelleisenbahnen geweckt und er hatte eine Idee. Sogleich rief er seinen jüngeren Zwillingsbruder an: „Lasst uns doch die größte Modelleisenbahn der Welt schaffen!“ Der recht besonnene und misstrauische Bruder dachte erst, bei Herrn Braun sei wohl etwas nicht richtig im Kopf, aber der „verrückte“ große Zwillingsbruder rief noch sechs Mal an, bis auch der kleine Bruder verstand, dass Herr Braun es ernst meinte. Danach machten sie Recherchen und verwirklichten schließlich ihre Pläne.
Heute ist diese Ausstellung täglich für die Besuchermassen geöffnet. Alle zwei bis drei Monate führen Arbeiter an den Modellen eine komplette Prüfung, Wartungs- und Reinigungsarbeiten durch. Kann man sich das vorstellen? Die Reinigung eines Modells kann sechs Wochen in Anspruch nehmen, wobei zwei Arbeiter nachts gleichzeitig daran sitzen. Sebastian sagte mir, dass es auf der Welt nur ein „Miniatur-Wunderland“ gäbe und dass sie in den nächsten fünf Jahren keinen Plan hätten, ins Ausland zu expandieren. Wenn man es also sehen will, dann muss man nach Hamburg kommen. Aber er stellte mir ihre neuen Pläne vor: Momentan ist ein Flughafenmodell in Arbeit. Danach wollen sie bis 2020 Italien, Afrika, Indien und China modellieren und hoffen, dass die Besucherzahlen bis dahin auf 1,3 bis 1,4 Mio. anwachsen werden. Wer Miniaturchinesen sehen möchte, der kann im Jahr 2020 hier das Miniatur-China bestaunen.
Da der Text allein vielleicht keinen plastischen Eindruck vermitteln kann, kann man bei
Interesse die folgende Internetadresse besuchen: http://www.miniatur-wunderland.com/
Oder man kann bei youtube einfach mal nach „Miniatur Wunderland“ suchen.
Montag, 1. Dezember 2008
Heimatgefühle
Am Sonntag kam ich von einem Tagesausflug nach Husum zurück und fuhr mit den anderen mit der U-Bahn zurück. Als wir am Rathaus vorbeikamen, sah ich einen hellerleuchteten Weihnachtsbaum, der in der Alster steht. An diesem eiskalten Wintertag wirkte der Baum besonders festlich. Birte, unsere Verantwortliche für das Journalistenaustauschprogramm, sagte: „ Jedes Mal, wenn ich von woanders zurückkomme und die Alster erblicke, bin ich sehr froh. Hamburg ist meine Heimatstadt.“ Ich bin seit mehr als zwei Monaten in Hamburg und bin in der Zwischenzeit einige Male verreist. In Frankreich erlebte ich den Pilotenstreik der Air France, den gestrichenen Flug. In Holland traf ich auf Schneegestöber, sodass alle Züge verspätet waren. Jedes Mal, wenn ich nach Hamburg zurückkehre, bin ich irgendwie erleichtert, empfinde ein Gefühl der Heimkehr.
Als ich klein war, gab es kaum Möglichkeiten zu reisen. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, zuhause zu sein, dass mir das Reisen ein Gefühl des Ausgestoßen verursachte und ich mich einfach zuhause am wohlsten fühlte. Nach Abschluss des Studiums musste ich wegen der Arbeit oft Verreisen. Anfangs konnte ich im Hotel überhaupt nicht schlafen, aber später fühlte ich mich überall zuhause. Besonders seit ich aus dem Erdbebengebiet in Sichuan zurückkam und so viele Menschen ohne Heim gesehen habe, bin ich als Mensch mit Zuhause sehr froh. Bevor ich im September nach Deutschland aufbrach, war meine Familie besorgt, ob ich mich an das Essen hier gewöhnen würde. Nachdem nun mehr als zwei Monate vergangen sind, geht es gerade so.
Während meines Aufenthalts in Deutschland wurde ich von Leuten gefragt, ob ich Heimweh habe und ob China oder Deutschland besser sei. Als ich gerade nach Deutschland gekommen war, hatte ich schon sehr Heimweh, weil das deutsche Leben für mich persönlich doch etwas langweilig ist. Danach habe ich mich langsam an den Lebensrhythmus gewöhnt und mich ganz gut gelebt. Letzte Woche saß ich mit meinen chinesischen Journalistenkollegen zusammen und hörte, dass viele Kollegen Heimweh haben. Als alle mich fragten, war meine Antwort eher cool: „Ob man gehen will oder nicht, das Resultat ist doch das Gleiche. Ich könnte nicht wegen meines Heimwehs früher zurück und könnte wahrscheinlich auch nicht aus Liebe zu Deutschland mein Visum verlängern.“
Das europäische Leben ist sehr ruhig und sehr beständig. Ich will nicht sagen, dass es hier schlecht ist, aber für junge Leute ist das chinesische Umfeld im großen und Ganzen doch besser. Gestern Abend war ich im Internet und stieß auf einen Mitschüler aus der Oberstufe, der seit sechs Jahren in England lebt und studiert. Er will in England bleiben und Arbeit suchen. Ich rate ihm immer, doch nach China zurückzugehen und sich dort weiter zu entwickeln. Wir sollten das Land verlassen, um fortschrittliche Kulturen und Techniken zu erlernen, und dann? Natürlich nach China zurückgehen und die eigenen Fähigkeiten entfalten.
Ich genieße das Pekinger Leben, ich mag es, mich im Kneipenviertel am Houhai zu vergnügen, den Rummel der Einkaufsmeile Wangfujing. Ich genieße auch das Hamburger Leben, das ist sehr ruhig. Wenn ich aber wählen müsste, ob ich für länger in Deutschland bleibe oder zurückkehre, dann würde ich das Letztere wählen.
Ich, die ich wegen Arbeit, Ausbildung und Leben immer wieder umziehen musste, habe in China schon drei Heimatorte. Nun habe ich nach drei Monaten in Deutschland noch eine vierte Heimat: Hamburg.
Samstag, 29. November 2008
Kanye West-Konzert in Hamburg
Vor einer Woche wartete ich im Hauptbahnhof auf die U-Bahn und sah eine Werbung, dass der amerikanische Hip-Hop-Star Kanye West am 28.11. ein Konzert in Hamburg geben würde. Anschließend recherchierte ich im Internet, eigentlich wurden die Karten nicht öffentlich verkauft. Das Konzert wurde von Vodafone veranstaltet und trug den Namen Vodafone Music Unlimited. Die Fans konnten sich auf einer Website anmelden, mussten ihre Handynummer hinterlassen und hatten dann die Möglichkeit, zwei Eintrittskarten zu erhalten. Ich meldete mich auch an, ohne damit zu rechnen, am Montag eine deutsche SMS mit dem Hinweis zu empfangen, dass ich zwei Tickets erhalten hatte. Um den Konzertbesuch zu bestätigen, sollte ich eine SMS zurückschicken. Keine Ahnung, ob es ein Problem mit dem Handy oder der SIM-Karte war – ich konnte keine SMS an diese Nummer schicken. Ich rief dann einige Male bei der Vodafone-Hotline an, aber die konnten auch nichts zu dem Problem sagen. Später entdeckte ich im Internet die Telefonnummer der Düsseldorfer Geschäftsstelle, die für Medien zuständig ist und rief dort an. Nach all den unglücklichen Zufällen rief ich endlich am richtigen Ort an. Thorsten, der Pressesprecher der Firma, löste mein technisches Problem schnell und lud mich zudem ein, zusammen mit einem Begleiter das Konzert als Medien-VIP zu besuchen.
Am Freitag, den 28., fuhr ich nach der Arbeit mit der U-Bahn zur Color Line-Arena. Obwohl es noch zwei Stunden bis zum Konzertbeginn waren, standen schon tausende Fans am Eingang. Ich sagte scherzend zu meinem Begleiter: „Ich bin schon über zwei Monate in Deutschland, und dies ist das erste Mal, dass ich so viele attraktive deutsche Männer und Frauen sehe. Deutsche Fans unterscheiden sich von chinesischen Fans darin, dass sie keine Plakate und Leuchtstäbe dabeihaben, und ich habe auch keine Fanclubs gesehen. Aber bevor ich in die Arena ging, pfiffen einige Leute in der Schlange, weil sie meinten, Kanye West beim Eintreten zu sehen. Dies lies mich daran glauben, dass die deutschen Fans den chinesischen Jugendlichen in ihrer Verrücktheit nicht nachstehen, obwohl das Fanverhalten unterschiedlich ist.
Wir gingen zum Medieneingang und kamen schnell in die Color-Line-Arena, die ungefähr 15.000 Sitzplätze hat. Da eine richtige Bühne aufgebaut worden war, konnten etwa 6.000 Menschen dem musikalischen Schauspiel zugucken. Im Empfangsbereich für die Medien sah ich den Vodafone-Pressesprecher Thorsten, der am selben Tag aus Düsseldorf hergeflogen war. Er erklärte, dass die Konzertfans über unterschiedliche Kanäle freien Eintritt erhalten hatten. Außerdem veranstaltet Vodafone auch in Köln und München ganz unterschiedliche Konzerte. Es interessierte mich sehr, wer die Entscheidungen über die Konzert-VIPs trifft. , wer Konzert-VIP sein darf. Thorsten erzählte mir, dass eine spezielle Musikagentur herausfindet, wer derzeit beliebt und wer schon wieder out ist. Vodafone sponsert nicht nur Konzerte mit berühmten Popstars, sondern auch mit etablierten klassischen Sängern. Wie bei diesem Kanye West-Konzert am Freitagabend, sind viele deutsche Fans zwischen 15 und 20 Jahre alt. In diesem Lebensabschnitt ist Musik für die Jugendlichen unheimlich wichtig, doch das Problem ist, dass sie sich die teuren, manchmal sogar über hundert Euro kostenden Tickets kaum leisten können. Kostenlos so ein Konzert besuchen zu können, wird für sie ein unvergessliches Erlebnis sein. Wenn sie dann Karriere gemacht und es in der Gesellschaft zu etwas gebracht haben, können sie die Sänger, die sie in ihrer Jugend mochten, unterstützen indem sie Eintritt für solche Konzerte bezahlen. Zugleich trägt das Konzert zum guten Ruf der Sponsoren und zur Bekanntheit der Marke Vodafone bei jungen Leuten bei. Man schlägt sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Leider haben wir in China keine so großartigen Aktionen mit kostenlosen Tickets.
Die zwei Stunden Konzert vergingen sehr schnell, die Zuschauersitze waren bis auf den letzten Platz besetzt. Der Platz in der Mitte war voll mit Fans, die Bier dabei hatten und mit Kanye West im Chor sangen. Plötzlich erfasste mich die Stimmung auch und ich sprang von der Medienbühne auf den Platz, um mit der Masse zu singen. Vielleicht waren die Deutschen früher ein konservatives Volk. Aber in dieser von Sternen erleuchteten Nacht sah ich unzählige junge Deutsche, die sich leidenschaftlich der Musik hingaben. Vielleicht bestätigt das jenen Satz: Musik ist ein Welt ohne Grenzen. Auf jeden Fall erlebte ich eine sehr unbeschwerte Nacht und hatte einen tiefen Eindruck von der hohen Effizienz der Deutschen.
Freitag, 28. November 2008
Impressionen aus Hamburg (6), Hier geht es verrückt zu
Meine erste Reaktion war, in meiner Tasche nach der Monatskarte zu suchen, doch dann konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen, bei einer Fahrkartenkontrolle würde man wohl nicht so großes Aufhebens machen, sicherlich war irgendeine Straftat begangen worden. Doch die Gesichter der Polizisten wirkten ganz entspannt, sie unterhielten sich angeregt miteinander, was mir suspekt war. Ich habe eine Weile gezögert, bin aber nicht stehengeblieben, um mich bei den Polizisten zu erkundigen, sondern habe direkt die Rolltreppe genommen. Aber als ich oben ankam, blieb mir die Luft weg, innerhalb eines Umkreises von zig Metern befanden sich überall Polizisten.
Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich in Deutschland schon einiges an kleineren und größeren Szenarien erlebt, alle möglichen Stufen von Sicherheitsvorkehrungen kennen gelernt habe. Doch das einzige, was mit dem vergleichbar war, was ich dieses Mal sah, war der Besuch Bushs in Berlin während des Irakkriegs. Der Besuch hatte mich sehr stark beeindruckt, man sprach von dem größten deutschen Polizeieinsatz nach dem Krieg, einige hundert Polizeiwagen mit Blaulicht standen kilometerlang in der Straße Unter den Linden. Was ich dieses Mal sah, kam zwar insgesamt nicht an das Ausmaß in Berlin heran, aber allein die Dichte der Polizeigewalt an der U-Bahnstation übertraf Berlin wohl doch. Beide Straßenseiten standen nicht nur voll von Polizeiwagen, sondern wenn ich mich nicht täusche, setzten sich sogar einige große Spezialfahrzeuge der Polizei mit Wasserwerfern in Bewegung.
Aber warum nun eigentlich? Wenn ich so eine Szene sehe, werden sofort die Zellen, die für meine Veranlagung zum Journalisten verantwortlich sind, angeregt und führen nichts Gutes im Schilde. Zunächst pickte ich mir einige Schaulustige, die an der Straßenseite standen, heraus, um Erkundigungen einzuholen, aber niemand wusste Bescheid, sie gaben auf alle meine Fragen „Keine Ahnung“ zur Antwort. Dann fragte ich noch ein paar Leute in den Geschäften an der Straße, auch sie antworteten nur mit einem Kopfschütteln. Es schien, als würde nur das direkte Befragen der Polizisten zu etwas führen, aber diesmal hatte ich meinen deutschen Journalistenausweis nicht dabei… Glücklicherweise sah ich, wie eine Frau mittleren Alters sich anscheinend kurz mit einem Polizisten unterhielt, sich umdrehte und fortging. Ich ging sofort hin um nachzufragen, was eigentlich los sei. „Ach, gar nichts, heute Abend findet nur das Fußballspiel HSV gegen Ajax statt… “
Oh, da ging mir plötzlich ein Licht auf. Ich, der ich vor zwei Jahren über die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland berichtet habe und Interviews während der Weltmeisterschaft und der Europameisterschaft geführt habe, weiß natürlich, dass es schon einiges zu bedeuten hat, wenn zwei Fußballmannschaften aus Deutschland und Holland aufeinander treffen. Die alte Rechnung, die beide Seiten auf dem grünen Spielfeld offen haben, reicht weit über die Grenzen des Fußballs an sich hinaus. Das Nationalgefühl und historische Gründe führen dazu, dass jedes Spiel einem Kampf um Leben und Tod gleicht. Besonders galt dies 1988, als das niederländische Team dank Van Basten in den letzten Spielminuten ein Tor schoss, damit das deutsche Team schlug und in jenem Jahr im Finale der Europameisterschaft stand, schließlich sogar Champion wurde. Der Sieg löste das größte Ausmaß an ausgelassenem Jubel der Niederländer nach dem Krieg aus, die Medien sprachen vom niederländischen Fußball als „Epos Hamburg“. Wenn man das alles weiß, kann man gut nachvollziehen, warum so viele Polizisten vor Ort waren.
Ich seufzte mit einem Lächeln auf, ich weiß nicht, warum mir wieder die Olympischen Spiele in Peking einfielen. Im Zuge der Olympischen Spiele hatte China Maßnahmen gemäß der internationalen Sicherheitskonventionen getroffen, unter anderem Raketengeschosse in der Nähe der Stadien aufgestellt und die Sicherheitskräfte stark aufgestockt, doch dies wurde von den westlichen Medien immer als Schreckensbild aufgezeichnet oder fotografiert. Viele westliche Medien wählten bei der Erstellung ihrer Programme gerne Bilder von bewaffneten Polizisten oder Polizeibeamten als Hintergrund aus. Ich weiß, dass das Fernsehen und der Markt unter Druck stehen, doch es hat auf diese Art und Weise wirklich unmerklich dazu geführt, dass die westliche Öffentlichkeit China immer mehr missversteht. Und das ist auch genau das Problem, um dessen Klärung sich unser Programm „Medienbotschafter“ bemüht!
Donnerstag, 27. November 2008
Dialog im Dunkeln – die eigenartige Erfahrung, einmal nichts zu sehen
Pünktlich um viertel nach drei begann der 90 Minuten lange „Dialog im Dunkeln“. Nachdem unsere Eintrittskarten kontrolliert waren, erklärte man uns den Ablauf des Besuchs.
Die Führerin gab uns zuerst jedem Besucher einen Stock passender Länge und sagte, wenn einer ein mulmiges Gefühl in der Dunkelheit habe, solle er es sofort dem blinden Führer sagen und die Ausstellung verlassen. Ich hatte vorher mit meinen Leuten vom „Stern“-Praktikum über dieses Problem geredet, viele Redakteure waren schon da gewesen und fanden die Ausstellung sehr beeindruckend. Aber Steffen erzählte mir, dass seine Mutter im Dunkeln Probleme hatte und schnell wieder gegangen sei.
Nach der Einweisung betraten wir den dunklen Ozean, in dem man die Hand nicht vor der Nase sah. Mein erstes Gefühl war: Das ist wie Kino, zuerst ist alles pechschwarz. Gelotst von der blinden Führerin Anoma hörten wir zuerst das Geräusch von strömendem Wasser und Vogelgesang. Sie sagte uns, dass wir in einem Park seien. Wir benutzten den Stock, um einerseits den Weg zu ertasten und vorwärts zu kommen. Oh, ich ging zu schnell und stieß plötzlich an einen Baum und konnte zudem mit dem Tastsinn fühlen, dass ich am Rande des Wasserlaufs stand.
Nach der „Natur“ ging es an einen anderen Ort. Anoma sagte uns, dass wir beide Hände benutzen sollten, um diesen Ort zu ertasten, um ihr dann zu erzählen, was wir erfühlt hatten. Ich erfühlte wieder und wieder Jutesäcke, dann war da noch das Geräusch eines Schiffsankers, einen Sirenenton. Im Dunkeln, von der Augenkraft verlassen, wird der Tast- und Hörsinn noch schärfer. Wir befanden uns ja sowieso in der „Speicherstadt“, hier gibt es Kais und Schiffe. Alle gewöhnten sich langsam an das Dunkel und waren nicht mehr nervös, begannen zu sprechen und zu lachen. Immer wenn ich etwas berührte, stellte sich mein Hirn sofort etwas vor. Genau wie ich in einem Bericht gelesen hatte: Blinde sind nicht so wie normale Menschen sie sich vorstellen – dass sie sich nichts vorstellen können, weil sie nichts sehen können. Sie haben tatsächlich ihre eigene Welt, nur ist sie anders als die von normalen Menschen.
Im Anschluss sind wir in den „Supermarkt“ gegangen, in dem ich viele Früchte und auch Autos und Fahrräder befühlte. Interessant war, dass, als uns die blinde Führerin an eine Tür geleitete, jemand aus Versehen an die Türklingel kam und diese laut losläutete, und ich dann die Tür erfühlte. Anoma sagte uns aus Spaß „Ach, wir kennen die Leute hier doch gar nicht und jetzt hat leider jemand bei ihnen geläutet. Na, dann sollten wir wohl am besten von hier verschwinden!“. Also gingen wir alle weiter. Anoma fragte uns: „Wo wollen Sie noch hingehen?“ Eine Frau aus den USA sagte, dass sie nach Afrika gehen wolle. Anoma fragte mich und meine Kollegen, ob wir denn nach China zurückkehren wollten. Danach kamen wir auf ein Schiff, wo wir Rettungskleidung und Rettungsringe erfühlten. Diese Gegenstände wurden für mich dadurch ganz real. Als wir den virtuellen Bootsraum verlassen hatten, kamen wir auf ein echtes Boot, wo ich den Seewind spüren und das Meerwasser schmecken konnte.
Wir verließen das Schiff und hörten Musik. Im normalen Leben habe ich beim Musikhören selten ein wirklich friedliches Gefühl, weil ich immer Musik höre und zugleich lese oder im Internet surfe. Doch jetzt im Dunkeln konnte ich nichts anderes machen. Wir acht saßen, lagen und hockten im Kreis auf dem Boden und ich empfand unerwartet ein einmaliges Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit.
Der Höhepunkt kam, als wir im Dunkeln Getränke kauften und tranken. Unter Anomas Führung kamen wir an eine Theke, an der uns zwei Kellner bedienten. Ich bestellte ein Tetrapak Orangensaft. Am schwersten war es, zu bezahlen. Ich hatte kein Gefühl für die Ein-Euro-Münze. Der Kellner sagte mir, wie viel Geld ich ihm gegeben hatte und gab mir 50 Cent zurück. Kannst Du Dir das vorstellen? Blinde brauchen alltäglich die Hilfe von sehenden Menschen. Doch hier sind die Blinden die Hauptpersonen und wir Normalos brauchen ihre Hilfe.
Zuletzt unterhielten sich alle mit Anoma und erfuhren, dass sie schon seit acht Jahren hier arbeitet und auch für die Ausbildung der anderen blinden Führer zuständig ist. Dann trat ich aus dem „Dialog im Dunklen“ heraus, die Welt war wieder hell und ich gewöhnte mich schnell daran. Bevor ich das Museum verlies, unterhielt ich mich mit der Verantwortlichen, Frau Schmidt. Das Museum ist selbstfinanziert, einige Angestellte sind Gehörlose, den Besuchern wird diese außergewöhnliche Erfahrung geboten, gleichzeitig gibt es Arbeitsplätze für Behinderte. Noch wichtiger ist, dass die Leute, die wir als Behinderte sehen, in dieser dunklen Welt sehr selbstbewusst sind. Zum Beispiel Anoma – sie hat im Dunkeln die ganze Zeit nach mir „Ausschau gehalten“.
Und welch ein Zufall: Nach dem Interview mit Frau Schmidt traf ich in der Eingangshalle auf eine Frau mit Sonnenbrille und Stock. Ich dachte, dass sie meine Führerin von eben sei, ging hin und fragte sie: „Bist Du es? Ich bin die chinesische Journalistin von eben.“ Die Blinde hörte meine Stimme und gab sich als die Führerin zu erkennen. „Kann ich ein Foto von dir machen?“, fragte ich leise. „Ja, natürlich, aber du musst mir zeigen, wo ich stehen soll. Danke.“ Im Dunkeln war sie meine Führerin, meine Orientierung. Aber im Hellen brauchte sie meine Hilfe. Wir haben jeder eine Welt, aber wir können „sehen“ nicht das Gleiche.
Dienstag, 25. November 2008
Impressionen aus Hamburg (5) Unsichtbare Lebenskraft
Da ich nur rausgehen wollte, um das gute Wetter und die bereits still und heimlich angelaufene stimmungsvolle weihnachtliche Atmosphäre zu genießen, lief ich einfach so durch die Straßen, ohne genaues Ziel. Ich schlenderte hierhin und dorthin, schließlich flanierte ich ins Stadtzentrum zu einem Kaufhaus. Plötzlich blieb ich vor Erstaunen stehen, vor mir erblickte ich meinen ehemaligen Mitbewohner Z aus der Unizeit von vor 10 Jahren! Obwohl wir immer noch gelegentlich Kontakt haben, war es doch eine Überraschung, ihm in einem fremden Land weit weg von Zuhause zufällig über den Weg zu laufen. Mein Kommilitone schrie auf: „es gibt 1,7 Millionen Menschen in Hamburg, ich kenne hier nur dich, und treffe ausgerechnet dich zufällig!“
Solche Überraschungen sind natürlich nur zufällig möglich. Allerdings habe ich dieses Mal relativ lange in Hamburg gewohnt, und habe einige Male zufällig Bekannte getroffen, beispielsweise einen Freund, der 8 Jahre in Deutschland studiert hat. Wir waren die ganze Zeit über zu beschäftigt, um uns mal zu sehen, dieses Mal haben wir uns endlich mal wieder getroffen. Und eines Abends fragte ich irgendwo in Hamburg nach dem Weg, und ein Deutscher, der gerade seinen Hund ausführte, öffnete den Mund und sagte in korrektem Chinesisch „Ni hao!“ (Guten Tag)
Daher bin ich gerührt, dass mir diese Stadt so viele Überraschungen schenkt - warum nur habe ich sie früher solange übersehen?
Während meiner früheren Arbeit als Journalist in Deutschland hatte ich viele Möglichkeiten auf Geschäftsreisen zu gehen, doch meistens konzentrierten sie sich auf den Westen oder Süden. Der Grund dafür versteht sich von selbst, hauptsächlich, weil die Wirtschaft im Westen und Süden etwas besser läuft, somit gibt es selbstverständlich viele Veranstaltungen. Wenn die Wirtschaft gut läuft, bedeutet dies – ganz gleich ob für einen Journalisten oder für einen Studenten – dass es relativ leicht ist, einen Job zu finden, es bedeutet, dass das Leben interessanter ist. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich damals sogar während einer Interviewreise gehört, dass in Industriestädten wie Stuttgart jeden Sommer viele Studenten zum Jobben ankommen, was dazu führt, dass die Preise für die Kurzzeit-Vermietungen in die Höhe schnellen.
Als ich dieses Mal nach Hamburg kam, habe ich festgestellt, dass ich früher nur sehr selten für Interviews oder Reportagen hier gewesen war, vielleicht auch, weil ich mit unserer gewohnten Denkweise Hamburg unabsichtlich ignoriert hatte. Ich will zunächst nicht erwähnen, wie viele kulturelle Veranstaltungen oder wie viele chinesische Organisationen es hier gibt, und wieviele Auslandschinesen hier wohnen, sondern allein schon die ganzen Medien, die in Hamburg ansässig sind, sind es wert, uns auf den weiten Weg zu machen, um jeden Einzelnen unserer Medienkollegen einen Besuch abzustatten.
In München gibt es das Oktoberfest, in Köln den Kölner Dom, in Berlin gibt es lohnenswerte, wichtige historische Stätten und politisch-kulturelle Veranstaltungen. Diese Städte sind für einen Ausländer wie mich leichter wahrzunehmen, ihr Charme ist eher nach außen gerichtet. Aber so eine Stadt wie Hamburg, obwohl sie die zweitgrößte Stadt Deutschlands ist, und obwohl sie als „Deutschlands Tor zur Welt“ gepriesen wird, ist im Vergleich zu Berlin und so weiter trotzdem introvertiert und zurückhaltend. Man muss wissen, dass Hamburg, genau wie ich in der letzten Zeit in diesem Blog geschrieben habe, deutschlandweit, ja sogar weltweit als Medienmetropole gilt, ihre Kraft und ihr Einfluss ist, mit anderen Städten verglichen, beispiellos.
Ich denke hin und her, woher Hamburg seine Atmosphäre schöpft; es sind nicht die Industrieunternehmen mit ihrem widerhallenden Rhythmus, symbolisiert zum Beispiel durch den sich drehenden Mercedes Benz Stern, der von der hohen Decke der Stuttgarter Bahnhofs hängt, oder das anmaßende BMW „Vierzylinder-Hochhaus“ gegenüber dem Olympischen Park in München. Was mich hierher geführt hat, sind die sanften, geräuschlosen Kulturmedien und die ihre Segel hissende Handelslogistik, diese Art – unsichtbare Lebenskraft.
Montag, 24. November 2008
Flüchtiger Einblick in die BILD-Zeitung
Bevor wir das große Gebäude der Hamburger Redaktion der BILD-Zeitung betraten, haben wir alle schon laut mögliche Fragen diskutiert, wie zum Beispiel „Wie kann man die Qualität der Artikel in der BILD-Zeitung verbessern?“; „Warum wird die Zeitung mit der höchsten Auflage seit langer Zeit nicht als wichtiges deutsches Medium betrachtet?“; „Haben die nackten Frauen in der BILD-Zeitung nicht einen schlechten Einfluss auf Kinder und Jugendliche?“ …
Die Hamburger Redaktion der BILD-Zeitung befindet sich in einem großen Bürogebäude im Zentrum der Stadt. Vor dem Eingang steht das Denkmal von Axel Springer, gewiss hat dieses Gebäude seinen Namen von dem nach ihm benannten Konzern bekommen, dies ist ja auch das Territorium des Bosses der BILD-Zeitung. Beim Betreten des Gebäudes muss man durch eine Sicherheitskontrolle, was wirklich übertrieben ist. Wir haben alle im Spaß gesagt, dass sie vielleicht befürchten, dass die Leser wegen des ordinären Stils der Zeitung kommen könnten, um sich zu beschweren?
Herr O., der uns empfing, war sehr freundlich, er trug Freizeitkleidung und dazu passende klassische schwarze Converse (All Star) Sportschuhe, was ziemlich mit meiner Vorstellung des nonchalanten Stils eines Bild-Redakteurs übereinstimmte. Dieser aus der Politikredaktion kommende Journalist und Redakteur führte uns direkt in einen runden Konferenzraum des mehr als zehn Stockwerke hohen Gebäudes, wo wir auf den Beginn der Redaktionssitzung warteten. Wir waren noch beim Smalltalk, als der Mann bereits mit einer witzigen Einführung begann „Meinen Sie nicht auch, dass dieser Konferenzraum sehr schön ist? Schauen Sie, was für ein weiter Ausblick. Dieser Konferenzraum gibt uns oft Inspirationen für unsere Berichte! Zum Beispiel, wenn man von hier hinausblickt, sieht man weit hinten die Kirche wegen des Nebels nicht, also können wir einen Bericht über den Nebel schreiben; wenn man von dieser Seite aus hinausschaut, sieht man am Stadtrand viele Baustellen, also können wir eine Meldung über Baustellen schreiben, blickt man von dieser Seite raus, sieht man heute einen großen Verkehrsstau, also können wir einen Bericht über den Verkehr schreiben.“ Wir waren etwas skeptisch gegenüber seiner Aussage, doch Herr O. hat sich so ins Zeug gelegt, dass sein Gesichtsausdruck uns glauben ließ, dass zumindest ein Teil des Gesagten wahr sein könne.
Punkt 10 Uhr begann die Redaktionssitzung. Vor der Sitzung hieß uns der Chefredakteur herzlich willkommen und als wir uns kurz vorstellten, wurden wir, was nicht überraschte, nochmal zur Unabhängigkeit der Medien und der Internetfreiheit befragt, was sehr beliebte Themen bei den deutschen Medien sind. Jedes Mal, wenn es dazu kommt, werde ich von den Kollegen zum repräsentativen Vertreter für das Beantworten der Frage gewählt, weil ich von einer offiziellen Nachrichten-Agentur komme. Ich tausche mich natürlich auch immer sehr bereitwillig mit den deutschen Kollegen über dieses Thema aus.
Allerdings – kurzum, denke ich persönlich, dass die deutschen Kollegen von der allgemeinen Situation Chinas keine Ahnung haben, die Quelle für ihr Interesse am oben genannten Thema stammt scheinbar meistens vom Hörensagen. Die Personen, die diese Fragen stellen, haben meist keine eigenen Untersuchungen angestellt. Außerdem gründen sie ihre Ansichten auch selten auf die wesentlichen Fakten, wie die unterschiedlichen politischen Systeme in China und Deutschland, die unterschiedlichen Kulturhintergründe, und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungsphasen. Sie zwingen uns ganz einfach ihre eigene Logik auf und das war‘s auch schon.
Viele deutsche Medienkollegen waren sehr überrascht zu erfahren, dass die Xinhua-Nachrichtenagentur auch ausländische Mitarbeiter hat und dass es in China auch unabhängige Reporter gibt; und auch noch das Beispiel, das ich oft anbringe, nämlich dass unabhängige Statistiken zeigen, dass der zweitgrößte Leserkreis der Zeitschrift „Der Spiegel“ bzw. ihrer Webseite, die schon oft beleidigende Artikel über China geschrieben hat und deshalb einige laufende Gerichtsverfahren hat, aus China kommt, womit wohl zur Genügen bewiesen wäre, dass die Internetfreiheit in China weitaus besser ist, als sie sich es sich vorstellen. Beim Anführen solcher und anderer Beispiele sind sie immer sehr überrascht. Offen gestanden führen solche Diskussionen selten zum gegenseitigen Einverständnis, doch wie auch immer, Gelegenheit zum Austausch zu haben ist immer gut.
Die Redaktionssitzung war nichts Ungewöhnliches, zunächst wurde ein Rückblick auf die gestrigen Meldungen geworfen, danach der Inhalt der heute veröffentlichten Zeitung besprochen; anschließend wurde über die heutige Planung für die Beiträge diskutiert, um die morgige Zeitung vorzubereiten. Zum Schluss hatten wir endlich Gelegenheit, Herrn O. unsere Fragen zu stellen.
Nach Ansicht von Herrn O. hat die BILD-Zeitung eine deutliche eigene Ausrichtung. Er gestand offen ein, dass die Artikel im Großen und Ganzen sehr zu Vereinfachung neigen, vom Text bis zu den Bildern zielt man auf die Stoßkraft des Lesens ab. Er machte auch keinen Hehl daraus, dass seit Jahren negative Nachrichten wie Sex, Gewalt, und Katastrophen dominieren, doch nicht alles seien negative Meldungen, zum Beispiel „Meldungen über die deutsche Fussball-Nationalmannschaft zählen doch wohl zu den positiven Meldungen!“ Seiner Meinung nach läuft der größte Teil des Absatzes über den Einzelhandel, auf diese Art und Weise liegt die Entscheidung beim Leser, der „jeden Tag neu entscheidet: ‚Kauf ich oder kauf ich nicht’“. Er war auch nicht der Ansicht, dass die Abbildungen der vielen nackten Frauen in der BILD-Zeitung einen schlechten Einfluss auf Kinder und Jugendliche hätten, denn dies sei in Deutschland dem Gesetz nach nicht verboten, und habe mit dem Jugendschutzgesetz auch nichts zu tun. „Schauen Sie sich doch zum Beispiel mal die Werbung auf der Straße an, dort gibt es auch viele nackte Frauen.“
Ungeachtet dessen, dass wir, die wir einen vollkommen anderen kulturellen Hintergrund haben, viele Antworten von Herrn O. schlecht akzeptieren konnten, ist die BILD-Zeitung dennoch zweifelsohne eine äußerst erfolgreiche Zeitung. Mit einer Auflage von über 3 Millionen ist die BILD-Zeitung in ganz Europa die Zeitung mit der höchsten Auflage, auch gehört sie zu den weltweiten zehn Zeitungen mit der höchsten Auflage, sie übertrifft sogar die chinesische Zeitung mit der größten Auflage „Cankao Nachrichten“. Allein in Hamburg und Umgebung wohnen etwa 3 Millionen Menschen, für diese beträgt die Auflage etwa 300.000, bei so einer hohen Leserrate kann man nur mit der Zunge schnalzen.
Herr O. hat offensichtlich zur Meinung vieler, dass die BILD-Zeitung nicht zu den wichtigsten Medien zählt und sogar als unbedeutend eingestuft wird, wiederholt gesagt, „Die BILD-Zeitung ist ein spezieller Fall…“. Es stimmt, ihre Auflage bestimmt ihre Marktposition und auch ihren Einfluss, dies kann man nicht ändern, wahrscheinlich können wir sie auch wirklich nur als Spezialfall betrachten.
Warum ist das Ordinäre so beliebt? Besuch bei der „BILD“-Zeitung
Weil der letzte Berlin-Aufenthalt zu kurz war, konnte ich dort die „BILD“-Zeitung nicht besichtigen; aber alle meinen, dass die „BILD“ ein sehr interessantes Medium ist, das man gesehen haben muss. Also haben wir uns als Gruppe heute aufgemacht, um die Hamburger Redaktion der „BILD“ zu besichtigen. Während meines Praktikums beim „Stern“ sehe ich jeden Tag die „BILD“, weil die Redakteure sie täglich lesen, obwohl sie diese Boulevardzeitung im Grunde nicht anerkennen. Nachdem ich von der „BILD“ zurück zur „Stern“-Redaktion gekommen war, fragte ich den Redaktionsleiter Peter etwas genauer aus. Er sagte, dass er die Zeitung für seine Arbeit jeden Tag lesen müsse. Als er jung war habe er allerdings an Demonstrationen gegen die „BILD“-Zeitung teilgenommen. Ich erinnerte mich sogleich an eine Filmszene aus „Der Baader Meinhof Komplex“, in der Studenten zur „BILD“-Redaktion gehen, Steinen werfen und Autos umschmeißen. Unter den heißblütigen jungen Leuten war der Ruf der „BILD“-Zeitung ziemlich mies.
Beim Praktikum blättere ich täglich die „BILD“ durch und denke: Wenn man die Zeitung in die Hand nimmt, sieht man zuerst die „BILD Girls“, also die nackten Frauen auf der Titelseite. Außerdem besteht der Inhalt aus pornographischem Zeug, Gewalt und Klatsch über Promis. Die Artikel sind kurz, mit vielen Bildern. Die ganze Aufmachung ist verworren, überall gibt es große Schlagzeilen. Doch ich muss zugeben, der Schwierigkeitsgrad ist gering, sehr gut verständlich, einige Inhalte kann man anhand der Bilder schon ungefähr erraten. Man kann sie an jedem Kiosk kaufen, die „BILD“ ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Boulevardzeitung.
Als ich heute zur Hamburger Redaktion der „BILD“ ging, war mein erster Eindruck, dass ihr Bürogebäude wirklich Stil hat. Die „BILD“ gehört zur Axel-Springer-Verlagsgruppe. Beim Betreten des Gebäudes werden die Gäste und alle Dinge, die sie bei sich tragen, sorgsam untersucht. Kein Wunder, denn der beißende Sarkasmus der „BILD“ ruft häufig Widerspruch bei den Lesern hervor, so dass Sicherheitsvorkehrungen nötig sind. Wir wurden von einem politischen Redakteur betreut und konnten an der Morgenkonferenz der „BILD“ und an der folgenden Telefonkonferenz mit dem Berliner Stammhaus teilnehmen. Das Selbstverständnis der BILD-Redakteure ist durchweg sehr gut, auch wenn sie für viele andere Leute überhaupt nicht Zeitungsleute sind, sondern mehr für Unterhaltung stehen. Als ich die Konferenzteilnehmer beobachtete, fiel mir auf, dass von den über zehn Leuten nur drei Frauen waren. Was das Alter angeht, hatte ich den Eindruck, dass die Mehrheit der Redakteure schon etwas älter ist. Auf unsere Fragen antworteten die Redakteure, dass sie als Boulevardzeitung so große Schlagzeilen und nackte Frauen brauchen, um die Leser anzulocken, gleichzeitig sind sie nicht der Ansicht, dass solche Inhalte schlecht wären.
In China gibt es auch einige Medien, die etwas Boulevardcharakter haben, die aber nicht mit so viel nackten Tatsachen und Übertreibungen arbeiten, und sie haben keine so riesige Leserschaft. Eigentlich gibt es in China für Boulevardblätter genauso einen Markt, aber der Staat würde solche Medien überwachen und kontrollieren. Ihre Existenz wäre aber vernünftig. Nach dem Besuch der „BILD“ dachte auch ich nicht, dass sie dort exzessiv übertreiben. Die BILD-Redakteure sind zwar sehr selbstsicher, egal ob sie nun elitär oder bodenständig sind, aber letztendlich kommt es nur auf das Absatzvolumen an. Vielleicht ist es eben das Ordinäre, was zu der großen Beliebtheit bei den Massen führt.
Freitag, 21. November 2008
Eindrücke von Vorstellungsgesprächen
Von klein auf habe ich an vielen Vorstellungsgesprächen teilgenommen. In den meisten Fällen in der Rolle des Befragte - erst nachdem ich einige Jahre gearbeitet hatte, hatte ich Gelegenheit, auf dem Stuhl des Interviewers den jungen Studenten gegenüber zu sitzen, die sich bei der Xinhua Nachrichten-Agentur bewarben. Diese Woche hatte ich auf Einladung von Herrn Bermann, dem Verantwortlichen des China-Programms der Robert-Bosch-Stiftung, und Frau Klemm, der Verantwortlichen für das Programm „Medienbotschafter China-Deutschland“ von der Hamburger Media School, zusammen mit Tan Lei von Radio China International das Glück, als Juror für die Vorstellungsgespräche der deutschen Stipendiaten für das Programm „Medienbotschafter China-Deutschland“ zu wirken. Ich saß den Kollegen von der deutschen Presse gegenüber und konnte Fragen zu stellen.
Der Ablauf der Bewerbungsgespräche soll hier nicht im Einzelnen beschrieben werden, doch gab es in den Vorstellungsgesprächen trotz unterschiedlicher Programme und verschiedener Situationen einige Gemeinsamkeiten, nicht nur bei der Selbstvorstellung, der Begründung für die Bewerbung und bei einigen konkreten Fragen und Antworten zum Programm, etc. Die Interviews verliefen reibungslos, die Ansichten von uns allen waren im Wesentlichen übereinstimmend, aber darüber möchte ich im Moment nicht sprechen. Ich möchte nur von den Eindrücken berichten, die ich von den deutschen Bewerbern habe.
Mein stärkster Eindruck war die Direktheit. Vielleicht passt das auch zu der traditionellen „Steifheit“ des deutschen Volkes. Von einem chinesischen Standpunkt aus betrachtet könnte man viele Befragte ganz einfach mit dem Wort „blasiert“ beschreiben. Zum Beispiel haben nicht wenige offen gesagt: „Ich habe mich zwar beworben und komme auch zum Interview, aber ich muss erst noch schauen, ob das Programm am Ende zeitlich mit meinen privaten Plänen zusammen passt. Wenn nicht, nehme ich auch nicht daran teil.“ – Solch eine Antwort hätte ich mir nie vorstellen können. Ich glaube, dass die überwiegende Mehrheit der Chinesen sich beim Vorstellungsgespräch um jeden Preis darum bemühen würden, sich bei den Juroren „einzuschmeicheln“. Dieses Einschmeicheln ist kein Speichellecken, sondern eine natürliche Logik: Da ich mich für die Teilnahme beworben habe, hoffe ich selbstverständlich auch inständig, dass ich diese Chance erhalten werde; wenn dies ein paar Unpässlichkeiten für meine anderen Pläne mit sich bringt, werde ich diese Probleme persönlich in den Griff bekommen. Viele Interviewte haben zum Ausdruck gebracht, dass sie noch mal ihren Terminplan überprüfen müssten, sollten sie angenommen werden, sie müssten sich eine Zusage reiflich überlegen. Diese Antwort hat mich wirklich ein bisschen verwundert und deprimiert.
Ehrlichkeit ist ein weiterer Punkt, der mich besonders stark beeindruckt hat. Viele Leute haben sich schon darauf eingestellt, wie man kniffligen Fragen bei Vorstellungsgesprächen geschickt ausweicht. Besonders in der heutigen Zeit - mit der Verbreitung des Internets - geben viele Chinesen im Internet wertvolle Hinweise und Tipps für die Jahr für Jahr ähnlich ablaufenden Jobinterviews, um ja bei Vorstellungsgesprächen ja keine Leere entstehen zu lassen. Allerdings habe ich in diesen zwei Tagen bei den Vorstellungsgesprächen zu viel Ehrlichkeit erlebt, es war wirklich genau wie „Was man weiß, als Wissen gelten lassen, was man nicht weiß, als Unwissen gelten lassen.“ (Anm: Zitat von Konfuzius) Wenn die Bewerber still waren und angestrengt nachdachten, warteten die Interviewer die ganze Zeit über geduldig; bei der Bewertung am Schluss wurde diese Stille und das Nachsinnen meist als Ehrlichkeit ausgelegt, und nicht als Unwissen. Mir fällt eine Szene ein, die ich bei einem Einstellungsgespräch der Xinhua-Nachrichtenagentur erlebt habe. „Wie gut kennen Sie sich mit Nachrichten-Agenturen aus? Wie viele Nachrichten-Agenturen gibt es in China?“ Jemand antwortete ganz schnell: „Es gibt viele Nachrichtenagenturen in China, auf der ganzen Welt gibt es auch sehr viele, natürlich ist die Xinhua-Nachrichtenagentur eine der wichtigsten…“ So eine Antwort ist selbstverständlich so, als würde man sich ein Etikett mit der Aufschrift „Heuchelei“ auf die Stirn kleben. Dass man damit in hohem Bogen rausgeschmissen wird, ist überhaupt kein Wunder.
Gleichberechtigung war ein weiterer Eindruck, den ich über die gesamte Zeit der Vorstellungsgespräche hatte. Herr Bermann und Frau Klemm haben jedem Interviewten mitgeteilt, dass er nach dem Beantworten der Fragen auch eigenen Fragen stellen könne. Auf alle Fragen, angefangen bei Uhrzeit, und Ort, bis hin zur Unterrichtsplanung und der Entwicklung des Programminhalts antworteten die beiden deutschen Prüfer detailliert und geduldig. Nachdem das Interview beendet war, fragten sie noch einmal, ob die Kandidaten noch irgendwelche Fragen hätten. Diese Art von gleichberechtigter Behandlung habe ich in keinem einzigen Vorstellungsgespräch in China erlebt – natürlich, ich erinnere mich vage daran, wie ich vor einem halben Jahr in Peking das Interview für dasselbe Programm durchlaufen habe. Damals haben mir Herr Bermann und Frau Klemm auch diese Gelegenheit geboten, aber soweit ich mich erinnere habe ich diese Chance nicht wie die deutschen Befragten in vollem Maße ausgenutzt.
Nun bin ich schon eine ganze Weile in Deutschland, habe viele Menschen getroffen und viele Sachen erlebt. Dabei habe ich ganz selbstverständlich festgestellt, dass es in den beiden Ländern China und Deutschland, egal ob es sich um große Fragen wie die Außenpolitik oder um kleine Fragen wie Kleidung, Ernährung, Wohnen und Transport handelt, ganz unterschiedliche Logiken gibt, wie zum Beispiel die oben beschriebene Logik beim Vorstellungsgespräch. Einige kann man auf die Kulturunterschiede zurückführen, einige auf die unterschiedlichen Mentalitäten, und einige kann man nicht erklären. Trotzdem bin ich der Meinung, dass, wie dem auch sei, unsere Welt bunt und vielfältig ist und wir nicht für alles den selben Maßstab ansetzen können. Farbenfülle ist wunderschön, eine einfarbige Welt wäre doch langweilig.
Notizen vom Praktikum beim “Stern” (Teil 4): Die Unterschiede von „Brigitte“ und „Rayli“
Letztes Wochenende habe ich von der Chefredakteurin Frau Niu eine Novemberausgabe der chinesischen Zeitschrift „Rayli“ mitgenommen, und danach gab mir eine chinesische Praktikantin der Abteilung für Internationales noch einige „Rayli“-Ausgaben. Ich legte sie ins Büro, hatte aber noch keine Zeit, sie anzuschauen. Bettina, die beim „Stern“ für die osteuropäischen Länder zuständig ist, kam in mein Büro, um einige Sachen zu kopieren. Sie bemerkte die „Rayli“ und fragte mich, was das sei. Hier unser Gespräch:
Bettina: Was ist das für ein Heft? Eine chinesische Zeitschrift?
Lu: Ja. Sie heißt „Rayli“. Sie ist eine der beliebtesten chinesischen Frauenzeitschriften. Gruner+Jahr hat auch schon in diese Zeitschrift investiert, deshalb wird das Heft aus Peking jeden Monat an unsere internationale Redaktion hier geschickt.
Bettina: Aber in dieser Zeitschrift gibt es kaum Text, eigentlich sind da nur Bilder.
Lu: Sie ist in China sehr erfolgreich. Viele Frauen kaufen genau die gleichen Kleider wie in den Tipps empfohlen.
Bettina: Oh, sie sieht gar nicht wie eine Zeitschrift, sondern wie ein Katalog aus, nur Bilder und Preisschilder. Hast Du die von Gruner+Jahr publizierte „Brigitte“ gesehen? Die ist auch eine Frauenzeitschrift, aber mit viel mehr Textberichten. Außerdem hat sie nicht so viele große, Hochglanzanzeigen.
Lu: Die kenne ich, ich finde die Brigitte ziemlich einfach und schlicht.
Bettina: Ich lese solche Zeitschriften gerne in der U-Bahn. Wann lesen Chinesinnen denn solche Magazine? Dieses ist so schwer und dick.
Lu: Wir lesen die Zeitschriften zu Hause.
(Bei mir dachte ich: In der chinesischen U-Bahn sind sowieso zu viele Leute, man sollte besser nicht lesen, viel zu anstrengend.
Bettina: Mein Gott, die Zeitschrift hat 400 Seiten. Ich glaube, nur die Jahresausgabe der Brigitte ist so dick!
Dieser interessante Vergleich lies mich laut auflachen. Deutsche finden chinesische Frauenzeitschriften zu dick und bunt. Chinesinnen finden deutsche Frauenzeitschriften dafür zu langweilig. Tatsächlich: Andere Länder, andere Sitten! Die Länder, die Sitten und sogar die Lesegewohnheiten sind unterschiedlich. Ich weiß nicht, ob der Chef von Gruner+Jahr die finanzierte chinesische Zeitschrift auch zu bunt findet, die in eine schlichte „Brigitte“ verwandelt werden sollte.
Dienstag, 18. November 2008
Deutsche, Franzosen, Chinesen
Am zweiten Tag meiner Rückkehr aus Paris habe ich mir einige Antworten zurechtgelegt. Falls Freunde mich fragen: ‚Wie war Paris?’ ‚Sind Franzosen attraktiv?’, werde ich sagen: Paris ist interessant, hübscher als Deutschland, und das Essen ist auch lecker. Falls die Freunde weiterfragen: ‚Wie findest Du das französische Volk?’ ‚Wie sind die Pariser?’, werde ich sagen: Air France ist nicht sehr zuverlässig, es gab einen Streik, mein Rückflug nach Hamburg wurde abgesagt, ich musste in Frankfurt in ein Lufthansa-Flugzeug umsteigen. Die Pariser sprechen alle kein Englisch, einige wollen nicht sprechen, andere können kein Englisch. Als ich in Hamburg landete, entfuhr mir: Endlich zurück in Deutschland, mit Franzosen verglichen sind die Deutschen echt zuverlässig.
Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich gehofft, einmal von Deutschland aus Paris zu besuchen. Ich hatte zwei Gründe: Frankreich zählt zu den herausragenden Ländern Europas. Und ich habe im Unterricht und in Zeitschriften immer viel über Frankreich gelesen, habe viele Kleider und Taschen französischer Marken gekauft und wollte mich diesmal am Herkunftsort umschauen. Über Frankreich und Paris weiß ich alles vom Hörensagen und dachte mir, das ist unzuverlässig, ich muss das unbedingt mit eigenen Augen und Ohren erfahren.
Da ich Deutsch sprechen kann, gibt es beim Leben in Deutschland nicht viele Sprachbarrieren. Wenn ich etwas Deutsches nicht klar verstehe, dann kann ich immerhin auf Englisch mit den Deutschen kommunizieren, die meisten Deutschen sprechen flüssiges Englisch und sind sehr hilfsbereit. Wenn man beispielsweise mit einem Stadtplan in der Hand verloren auf einer großen Straße steht, kommen sie näher, begrüßen einen auf Englisch und fragen, ob man Hilfe bracht. Aber in Paris sind englische Wegweiser etwas Neues und als ich nach dem Weg fragte, verstanden die meisten Einheimischen kein oder nur wenig Englisch, sprechen konnten sie es gar nicht. Am Interessantesten war es, als ich mit einer Freundin die U-Bahn wechselte. Weil die Richtungen nicht deutlich ausgewiesen waren, hielten wir zögernd an und schauten auf den Stadtplan. Ein etwas älterer Herr sah uns und begrüßte uns auf Englisch. Wir waren natürlich sehr erfreut und zeigten ihm auf der Karte, wo wir hinwollten. Der Franzose zeigte, dass er verstanden hatte und nachdem er mit uns einen Satz Englisch gesprochen hatte, sprach er nur noch Französisch, er konnte wirklich nicht richtig Englisch sprechen. Deshalb sagt mir meine persönliche Erfahrung: Franzosen sind nicht ungewillt, Englisch zu sprechen, sie können es wirklich nicht.
Franzosen erledigen alles relativ langsam. Einen Tag vor der Parisreise erst sah ich auf die Website der Air France eine Mitteilung über den Pilotenstreik. Glücklicherweise hatte der Flug laut der Mitteilung nur 20 Minuten Verspätung. Mit dem Rückflug hatte ich nicht so viel Glück. Diesmal betraf der Streik 50% der Kurzstreckenflüge. Mein Rückflug wurde gnadenlos gestrichen. Air France buchte meine Freundin und mich auf einen Flug von Paris nach Frankfurt um, wo wir dann in einen Lufthansa-Flug Richtung Hamburg umsteigen sollten. Als wir am Flugschalter warteten, wurde unerwartet auch der Flug nach Frankfurt auf unbestimmte Zeit verschoben, ohne die Möglichkeit einer Streichung auszuschließen. Sofort sammelte sich eine Menschenmenge am Schalter, allerdings sind Europäer ziemlich kultiviert und fragten das Personal nur nach den Umständen. Wenn das in China passiert wäre, ursprünglicher Flug gestrichen, und der umgebuchte Flug ohne Abflugzeit, dann wären viele Leute stressig geworden. Wir ließen uns am Schalter beraten. Eine Maschine flog noch nach Frankfurt, also buchten wir wieder um. Wir hatten schon am Check-in-Schalter Sorge, dass unser aufgegebenes Gepäck vertauscht werden würde. Aber Air France versprach, dass es keine Probleme geben und das Gepäck mit dem neuen Flug nach Frankfurt gelangen werde. Also schritten wir voran. Nach der Ankunft in Frankfurt, beim Warten aufs Umsteigen, entdeckten wir erst, dass das Gepäck tatsächlich vertauscht und noch in Frankreich war. Erst gestern Morgen kam das Gepäck mit einem Lufthansa-Flug nach Hamburg und wurde uns direkt gebracht.
Diesmal hatte ich bei der Parisreise ein abenteuerliches Gefühl. Ich glaube, hinter diesen Phänomenen gibt es noch mehr essentielle Dinge, über die ich nachdenken muss. Ich habe das Gefühl, dass die Franzosen ein großartiges Volk sind. Sie verstehen sich darauf, ihre eigene Kultur zu bewahren. Ich finde, dass Französisch die bewegendste Sprache der Welt ist. Sie können ihre Exportprodukte in vielen Sprachen vermarkten, auf Englisch, Chinesisch. Weil die Chinesen französische Waren leidenschaftlich lieben, sieht man in Luxus- und Kosmetikläden sehr viele Chinesen, die auffallend viel Geld ausgeben. Aber Pariser sollten Englisch lernen, wie soll Paris sonst als internationale Großstadt und Touristenort bestehen? Die Deutschen sind gut im Denken und der Selbstreflektion, sie begrenzen ihr Gesichtsfeld nicht. Und Chinesen? Chinesen lernen Englisch, Französisch, Deutsch usw..Chinesen akzeptieren diese und jene Werte, haben aber ihr eigenes Wertesystem noch nicht in die Welt getragen. Vielleicht sollten wir auch langsamer werden, über die Kultur unseres Volkes nachdenken, anstatt einfach vom Westen zu lernen? Wenn wir doch nur ein wenig mehr nachdenken würden, der Außenwelt mit einer fragenden Haltung begegnen und nicht einfach etwas hören, es bereitwillig lernen, nachahmen und akzeptieren würden.
Unsere Vorfahren haben das Land schon einmal isoliert, zum Nachteil des Staats. Heutzutage lernt das ganze Volk eifrig Fremdsprachen und vergisst wieder den eigenen Kulturschatz. Zu weit zu gehen, ist genau so schlecht, wie nicht weit genug zu gehen – das ist die Wahrheit.

