Die Frau fragte mich auf Englisch:
„Sind Sie jüdisch?“
„Nein“, antworte ich.
„Sind sie ganz sicher?“ Die Frau bestand drauf.
„Ganz sicher: Ich bin kein Jude.“
Schon wollte ich einen Witz machen, als die Frau mich bat: „Könnten sie mal kurz mitkommen?“
Jetzt wundere ich mich doch ein wenig: „Was wollen Sie von mir?“
Die Frau sagte schnell: „You will see“, drehte sich um und war schon durch die Haustür verschwunden. Ich lief hinter ihr her und befand mich plötzlich in der Küche. Ich zögerte ein wenig, als ich am Tisch eine versammelte Gesellschaft orthodoxer Juden vorfand, die vor leer gegessenen Tellern saß. Wie ein Eindringling kam ich mir vor. Ich wurde aber herzlich begrüßt. Mehr Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht, winkte mich die Frau doch schon an den Herd.
Als ich dort stand, wusste ich sofort, was sie und letztlich die versammelte Gesellschaft von mir wollte: Ich sollte den lärmenden Ofen abschalten.
Schlagartig wurde mir bewusst, dass es strenggläubigen Juden untersagt ist, Feuer an- oder auszumachen, weil Samstag war. Das gesamte Essen wird schon einen Tag vorher zubereitet und dann langsam im Ofen gekocht. Und zwar so langsam, dass am Samstag zur Mittagszeit lediglich jemand Nichtjüdisches den Ofen ausschaltet. So war es zumindest früher. Die meisten Familien besitzen heute dafür längst Zeitschaltuhren, diese anscheinend nicht.
Ausdrücklich um Hilfe bitten dürfen Juden einen Nichtjuden am Schabbat dennoch nicht, denn das Gebot der Schabbatruhe gilt im Prinzip auch für ihn. Er ist jedoch im Gegensatz zu den Juden, die dem Religionsgesetz folgen, frei in seiner Entscheidung. Somit blickte mich die Frau einfach fragend an, und ich hatte verstanden.
Bei Säkularen, die mich zu Schabbat eingeladen hatten, hatte ich bis dahin immer wieder den Witz gehört, „Miguel, der Goj (Nichtjude) vom Schabbat“, ist da. In der Regel bin ich aber immer bekocht worden und mein größter Beitrag war: die Flasche Wein öffnen.
Jetzt war ich also auf eine orthodoxe Familie gestoßen und fand mich tatsächlich in der Schabbes-Goj-Rolle wieder. Ich hätte laut lachen können. Stattdessen drehte ich am Schalter, der Ofen war aus und ich vernahm ein leises, glückliches Aufseufzen: „Endlich.“ Die Leute bedankten sich herzlich bei mir. Ich eilte weiter zur Demo.
Nun werde ich gefragt: „Warum hast Du nicht ein Foto davon gemacht?“ „Zum Glück bin ich nicht auf diese Idee gekommen“, antworte ich dann. Denn das wäre ein Sakrileg meinerseits gewesen, darf man doch am Schabbat keine Bilder machen.
Zurzeit befindet sich Israel, vor allem die Regierung, in einem Zustand anhaltender Hysterie. Im Inneren sorgen sich viele um die Überfremdung im Land, zu viele Ausländer gebe es. Einige Rabbis haben deshalb vor kurzem die Vermietung von Grund und Boden an Nichtjuden verboten. In dieser unüberschaubaren Gemengelage von Angst und Unsicherheit kommt ein Impuls zum Vorschein, den vermutliche die Jeckes mitgebracht haben: Ein Gesetz muss her! Sofort!
Ich frage mich, ob die Regierung die Sorgen der gläubigen Leute im Blick hat. Wer soll am Shabbat den Ofen ausschalten?
Miguel A. Zamorano, Absolvent der Deutschen Journalistenschule, lebt zur Zeit als freier Journalist in Jerusalem.