Jerusalem, der heilige Zankapfel der drei Religionen, das Brennglas des Nahostkonflikts, Mikrokosmos und Meinungslabyrinth. Drei Schreiber – ein Krimiautor, ein Journalist und eine Bloggerin – erzählten bei einer Podiumsdiskussion im Jerusalemer Goethe-Institut, was ihnen die Stadt in die Kladde diktiert, wie und warum sie versuchen, ihr Ausdruck zu geben.
Teil 2 – Was verbindet Sie mit Jerusalem?
ANN-KATHRIN: Bevor ich nach Jerusalem gekommen bin, um darüber zu schreiben, habe ich mich gefragt: Was qualifiziert mich eigentlich für diese Aufgabe, was muss ich mitbringen? Jerusalem hat mit eine Menge Demut beigebracht, denn es ist so eine diverse und fragmentierte Stadt, die sich nicht einfach verstehen lässt. Sicher hat jeder von Ihnen aber eine ganz persönliche Verbindung zu der Stadt.
„ Dieser 92-Jährige mit den Unterhosen um die Knöchel und eine Flasche Jonny Walker in der Hand.“
(Matt Beynon Rees)
Matt Beynon Rees
stammt aus Newport in Wales. 1996 kam er als Korrespondent für The Scotsman nach Jerusalem – der Liebe wegen, wie er sagt. Zuvor hatte er als Wallstreet-Berichterstatter in New York gearbeitet. Von 2002 bis 2006 leitete Rees das Jerusalemer Büro des Times Magazine, 2004 erschien sein erstes Sachbuch “Glaube, Brudermord und Angst im Nahen Osten“. 2007 folgte diesem der mehrfach ausgezeichnete Kriminalroman „Der Verräter von Bethlehem“. Seitdem hat Rees seinen palästinensischen Ermittler Omar Yussuf bereits auf drei weitere Fälle angesetzt. Rees’ Romane sind in 20 Sprachen übersetzt und in 23 Ländern erschienen.
www.mattbeynonrees.com MATT: Als ich hierher kam, dachte ich, ich hätte keine Verbindung zu Jerusalem – abgesehen von der Frau, mit der ich kam. Aber dann begriff ich, dass es sehr wohl etwas gab. Und dieses Etwas gab mir eine interessante Perspektive nicht nur auf den Konflikt, sondern auch wie es ist, Israeli oder Palästinenser zu sein.
Ich hatte zwei Großonkel, die 1917 zusammen mit General Allenby durch diese Gegend kamen. Da sie reiten konnten, wurde ihnen mitgeteilt, dass sie das auch auf dem Kamel tun könnten. Und so kamen sie mit dem Imperialen Britischen Kamelkorps von Abasia in Ägypten nach Palästina, schlugen mehrere desaströse Schlachten bei Gaza und etwas erfolgreichere in Beer Sheva und Ramle.
Einem der beiden, meinem Großonkel Dan, der schon vor meiner Geburt starb, wurde von einem türkischen Soldaten der Finger abgebissen. Der andere, Großonkel Dai, wurde in Bethanien angeschossen als die Briten den Türken die Verstärkung über die Nablus Road abschneiden wollten. Er wurde an einer eher unangenehmen Stelle getroffen – genau in den Arsch. Als ich klein war, war er schon ein alter Mann. An jedem Weihnachtsfest ließ er sich volllaufen, die Hosen runter und zeigte uns seine Narbe. Und deswegen fühle ich mich so zuhause in Jerusalem – wegen dieses 92-Jährigen mit den Unterhosen um die Knöchel und eine Flasche Jonny Walker in der Hand.
Diese Geschichte hat natürlich auch einen ernsten Punkt. Ich kam als Journalist nach Israel und besuchte die vielen britischen Militärfriedhöfe. Sie sind einfach überall: In Jerusalem gibt es einen großen, vier im Gaza-Streifen, in Haifa liegt ein Friedhof mehr oder weniger auf einer Verkehrsinsel. Neben dem Kamelkorps stammte auch die britische Infanterie größtenteils aus Wales. Die Menschen, die auf diesen Friedhöfen begraben liegen, sind also mehr oder weniger aus meiner Gegend.
Ich sah also, wie ähnlich mir diese Menschen sind, aber wie unterschiedlichen ihre Erfahrungen waren. Zu der Zeit, als sie hier waren, begann die Gewalt und dauert bis heute an. Und heute stelle ich mir vor, wie es für die Waliser gewesen wäre, wenn sie nicht die Möglichkeit gehabt hätten, nach Hause zurückzukehren und in den Kohleminen bis zum Ende ihres Lebens zu arbeiten. Wie wäre es heute, wenn sie Israelis oder Palästinenser gewesen wären und keine andere Option gehabt hätten als mit der Gewalt zu leben?
Vor einigen Jahren war ich in Damaskus und führte ein Interview mit Ahmed Jibril, dem Kopf des Generalkommandos der Volksfront zur Befreiung Palästinas, der verantwortlich für viele Anschläge in Israel und für den Lockerbie-Anschlag 1988 ist. Jede seiner Antworten setzte 1917 an – egal, was ich ihn fragte. Er war ein sehr langatmiger Terrorist, und es war schon sehr spät, eigentlich schon früher Morgen. Und als er wieder einmal mit 1917 ansetzt, sagt ich: ‚Wissen Sie, ich hatte zwei Großonkel, die dort mit General Allenby waren.‘ Und er sagte: ‚Ach, dann ist das alles Ihre Schuld.‘
Vielleicht schreibe ich also heute über Jerusalem, weil ich eine besondere Verbindung durch die Friedhöfe spüre, vielleicht will versuche ich aber auch nur, mich bei Ahmed Jibril zu entschuldigen.
„ Meine Großtante erzählte diese Geschichten auf eine so faszinierende Art und Weise, weil sie alle aus erster Hand kannte.“
(Gil Yaron)
Gil Yaron
wurde 1973 in Haifa geboren, wuchs in Düsseldorf, Deutschland auf und studierte in den USA und Israel Medizin. Während seines Studiums begann er zu schreiben – eine Entscheidung, die seine berufliche Karriere langsam, aber stetig in eine komplett andere Richtung lenkte. Heute ist er gefragter Nahost-Analyst für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Er berichtet unter anderem für die Deutsche Welle und für über 20 deutsche Zeitungen, darunter Der Spiegel. 2007 veröffentlichte Yaron sein Buch “Jerusalem. Ein historisch-politischer Stadtführer”. 2010 erschien dessen Gegenspieler “Jeckes und Templer. Deutsche Spuren in Tel Aviv.
www.info-middle-east.com GIL: Am Anfang dachte ich, dass meine Verbindung zur Stadt meine Großtante ist – oder wie ein Jerusalemer einem anderen Jerusalemer erklären würde: ,Meine Großmutter, ihr Bruder, dessen Frau‘. Meine Großtante lebte in der deutschen Kolonie, und als ich einwanderte, lebte ich einige Monate bei ihr. Sie war eine erstaunliche Frau, eine Holocaustüberlebende, die aus eigener Kraft überlebt hatte, allein nach Israel kam, ihren Mann heiratete, in der Knesset arbeitete und alle großen Nummern der israelischen Politik persönlich kannte.
Sie war diejenige, die mich mit dem Verlangen infizierte, alles über Jerusalem wissen zu wollen. Wenn ich mit ihr einkaufen ging, konnte sie eine Geschichte über jedes Haus erzählen, an dem wir vorbeikamen. Sie war eine lebende Enzyklopädie. Sie erzählte diese Geschichten auf eine so faszinierende Art und Weise, weil sie alle aus erster Hand kannte. Das war meine erste Liebe zu Jerusalem.
Während ich noch über meine Antwort nachdachte, fiel mir auf, dass meine Verbindung zu Jerusalem aber eigentlich schon viel älter ist. Für jeden Juden beginnt sie schon, wenn er aufwächst – auch wenn das, wie in meinem Fall, in einem eher traditionellen Elternhaus ist. Jerusalem liegt immer in der Luft, auch wenn dies nicht wortwörtlich von den Eltern ausgedrückt wird. Es fängt schon an, wenn man sich unterhält und nebenbei die Nachrichten schaut. In dem Moment, wenn die Wörter ‚Israel‘ oder ‚Jerusalem‘ fallen, sind plötzlich alle still. Als Kind verstehst du intuitiv, dass Jerusalem und Israel wichtig sind.
Ich bin mit meinem Großvater jeden Freitag und Samstag in die Synagoge gegangen, und natürlich betet man auch dort über Jerusalem. ,Yerushalayim‘ ist wahrscheinlich das wichtigste Wort in den Gebeten. Außerdem musst du ja, jedes Mal, bevor du betest, erst deine Orientierung finden – also feststellen, wo der Orient ist. Deine Richtung zu finden, bedeutet also, Jerusalem zu finden, zumindest für einen Juden.
Und dann gibt es noch einen dritten Aspekt, weswegen ich von Jerusalem so fasziniert bin – und das war der Wunsch meines Vaters. Ich war 19 und mitten in der Rebellion gegen meine Eltern und sollte in die USA gehen und dort Doktor werden. Ich aber wollte nach Israel. Meine Vater sagte: ,Du kannst nach Jerusalem gehen, du hast meinen Segen, aber versprich mir, niemals die Altstadt und die östlichen Stadtteile zu betreten.‘
Drei Jahre lang hielt ich mich an mein Versprechen. Aber dann begannen die klinischen Jahre im Hadassah-Krankenhaus, und ich behandelte zunehmend arabische Patienten. Und da entdeckte ich, dass sie nicht diese langen kanaanäischen Zähne besaßen, um mich in Stücke zu reißen. Also begann ich, die Altstadt und Ostjerusalem zu erkunden – mit einer Erregung, die die meisten Israelis fühlen, zumindest jene, die nicht aus Jerusalem stammen. Ich glaube daran, dass Angst existiert, um besiegt zu werden – und genau das trägt entscheidend zu meiner Faszination an Jerusalem bei.