Ohne Frage gehört der Jom Kippur zu den wichtigsten Feiertagen des Judentums. Doch auch auf Nichtjuden wirkt er einzigartig und interessant, ganz besonders im Kontext unserer heutigen Welt, die uns keine ruhige Sekunde in der unaufhörlichen Betriebsamkeit lässt. Für viele Menschen, darunter Juden genauso wie Nichtjuden, Gläubige und Ungläubige, liegt etwas ganz Spezielles in diesem Tag: Arbeit und Studium fallen aus, die Medien schweigen nach den letzten Nachrichten, Flugzeuge bleiben am Boden, Fahrzeuge stehen, der Mensch wird in eine frühere Zeit versetzt – in eine Zeit, als die Welt noch kein kleines globales Dorf war, sondern eine große Weite. Selbst das winzige Israel wird riesig, wenn das intensive Spiel sich eine Pause von sich selbst gönnt.
Rückblick. 2006 verlasse ich Tel Aviv und ziehe nach Jerusalem. Ein Jahr später kommt Ya’ir nach, mein ehemaliger Mitbewohner, der nach einem weiteren Jahr wieder mein Mitbewohner wird. Ein weiteres Jahr vergeht, und Ya’ir, einst ein linker Antinationalist, beginnt seinen Prozess der Rückkehr zur Religion. 2010 trennen sich unsere Wege – ich stelle Fragen, er sucht die eine Antwort. Sein neues Zuhause findet Ya’ir in einer Wohnung mit fünf anderen Neureligiösen mitten in der Altstadt, an der Grenze zwischen jüdischem, christlichem und muslimischem Viertel. Drei Monate später lädt er mich ein, Jom Kippur bei ihm zu verbringen. Meine Neugier besiegt mein Zögern.
Jom Kippur 2010. Es ist halb vier am Nachmittag – an einem normalen Tag eine schwierige Zeit: Lange Autoschlangen, gefangen im Stau, die Hupen der genervten Autofahrer, die man überall hört, geschäftige Fußgänger, die von einer Aktivität zur nächsten jagen. Heute nicht. Ein besonderer Geruch liegt in der Luft, etwas Einzigartiges erfüllt sie. Außer den chronisch Verspäteten sind die meisten Menschen schon in ihren Häusern, man bereitet die Mahlzeit vor dem Fasten zu, dieses Jahr eine Stunde früher als sonst, da die Uhren schon auf Winterzeit umgestellt wurden. Es gilt, letzte Dinge zu organisieren, bevor die Welt stehenbleibt.
Ich parke das Auto und wandere langsam in Richtung Altstadt, genieße es, die Natur in der Stadt zu spüren. Gleich werde ich das Zionstor durchqueren und mich in den verwinkelten, uralten Gassen des seltsamsten Ortes, den Jerusalem zu bieten hat, wiederfinden. Beim Weitergehen denke ich über meine Gefühle nach: Es liegt ein besonderer Reiz darin, allein durch den Wald zu laufen und den Ursprung der Welt zu spüren, doch die gleiche Ursprünglichkeit erhält einen zusätzlichen Zauber, etwas Magisches, wenn man sie in einer Stadt erlebt, die von etwa 700 000 Menschen bewohnt wird. Es ist, als würde man aus der Nähe die Atemzüge eines schlafenden Riesen betrachten.
Ich erreiche das Zionstor und halte mich in Richtung des Chabad-Hauses, wo ich den nächsten Tag verbringen soll. Ruhe und Frieden spüre ich. Dazu gesellt sich nun langsam noch etwas anderes, anfangs noch sehr körperlich wahrnehmbar: Meine Schritte verändern sich, sie werden schwerer und lassen sich Zeit; mein Körper wird langsam einem der riesigen Steine ähnlich, die alterslos im Schweigen ihre unzähligen Geschichten erzählen. In der Stille kann ich das Pochen meines Herzens vernehmen, und meine Atemzüge fordern mein ganzes Bewusstsein. Vom Körper überträgt sich das Gefühl auf die Gedanken: Ein Teil des bis zum Bersten mit Gottesfurcht angefüllten Geistes dringt in meine Seele ein und rührt sie.
Meine Augen blicken auf den trägen arabischen Händler in seinem trägen Laden, der Schutz vor der Hitze sucht, ich kann nicht sagen, wie lange ich ihn ansehe, bis sich unsere Blicke treffen. In seinem Blick liegt etwas, das mich meinen Kopf beschämt abwenden und weitergehen lässt. Durch die Gassen rennen jüdische Kinder in Festtagskleidung wie kleine Geister. Einen Augenblick lang kann ich sie sehen, und im Handumdrehen verschwinden sie in einer anderen Gasse oder in einer Haustür, deren Existenz ich erst dadurch bemerke, dass sie darin verschwinden. Durch die Gasse bewegen sich langsam zwei Priester; den Blick gesenkt, den Rücken gebeugt, die Hände darauf verschränkt, sind sie in eine unhörbare Unterhaltung vertieft. Sie bedenken mich mit einem gemächlichen Kopfnicken, das so wirkt, als sei es in Echtzeit gedreht und würde mir nun in Zeitlupe vorgespielt. Die Dissonanz zwischen der Leichtigkeit der Kinder und der Ernsthaftigkeit der Erwachsenen bringt mich zum Nachdenken, doch mir scheint, dass nur ich dieses Missverhältnis wahrnehme. Für einen Moment blicke ich zurück, auf den Laden des arabischen Händlers. Wegen der Mauer kann ich ihn nicht sehen, doch die in die Luft geblasenen Rauchringe künden von seiner Anwesenheit.
Mein Blick kehrt zurück, und ich entdecke einen einsamen asiatischen Tourist, der aussieht, als sei er an einem der unendlichen Treppenabgänge festgewachsen, seine mandelförmigen Augen scrollen verwirrt über einen vor ihnen ausgebreiteten Stadtplan, wo sie für einen Augenblick verharren, ehe sie wieder nach oben blicken und versuchen, das auf dem Papier Eingezeichnete und die Wirklichkeit miteinander in Einklang zu bringen. Erneut senkt er die Augen, und da verstehe ich: Er gehört nicht hierher, genau wie ich nicht hierher gehöre. Die Dissonanz, die ich an ihm spürte, bin eigentlich ich selbst. Der arabische Händler wusste das, ebenso wie die jüdischen Kinder und die Priester. Alle wissen das. Ich versuche, das unangenehme Gefühl, das mich umgibt, mit einem innerlichen Kichern zu abzuschütteln, aber scheinbar hat meine Furcht bereits Gestalt angenommen, ist aus meinem Körper herausgelaufen und gehört schon nicht mehr zu mir. Ein anderes Wesen ist sie geworden, das mir voller Sarkasmus von oben zusieht, mich höhnisch in den Nacken zwickt und seine spöttische Stimme überall erklingen lässt. Ich kann sie hören und sehe mich um, als würde ich den Besitzer dieser Stimme suchen.
Bin ich etwa wahnsinnig geworden? An dem Ort, wo ich so selbstverständlich umhergehe, ist ein Mensch schon zum Himmel aufgestiegen, ein anderer wurde gekreuzigt und ist auferstanden, der erste Adam wurde hier begraben, und zusammen mit ihnen wurden hier Millionen Menschen verrückt. Überall kann man sie spüren: In den Steinen, in den schmalen, verwinkelten Gassen, in den sich ziellos nach oben und unten windenden Treppen, in den Kuppeln, die die Häuser hier bedecken, in den Säulenruinen, Gräbern, Haustüren, den vergitterten Luken, aus denen man herausgucken kann, im Zwitschern der Vögel und im Ruf der Raben, die ihre Geschichte erzählen – überall, selbst in der Luft.
Ich gehe weiter, und um mich herum wandeln alle möglichen geisterhaften Bewohner der Altstadt: Flüchtige Skizzen, die man nicht genau sehen kann, weil sie außerhalb meiner Sinneswahrnehmung liegen. In eine wäre ich beinahe hineingelaufen. Überrascht blieb ich stehen und murmelte eine Entschuldigung, doch bis der Klang meinem Mund entfliehen kann, bleibt von ihr nicht viel mehr übrig als ein flüchtiger Schatten eines von einem Tallit bedeckten Rückens. Ich bin den Grenzen der Zeit entronnen, meinem Körper entflohen, der wie versteinert stehengeblieben ist, ich breite meine Flügel aus und fliege gen Himmel, der die Altstadt bedeckt. Dort atme ich einmal tief ein, und sofort stürzt meine Illusion ab, meine Seele kehrt auf die Erde zurück und vereinigt sich wieder mit dem schäbigen Fleisch. Ich bin wie verzaubert, geblendet, und fühle mich, als hätte ich die Grenze zu einem verbotenen Ort überquert, der mich zurückweist.
Ein winziges Stück Erde, das alles Heilige in der Welt läutert, eine winzige Flasche, in die man Gott und Teufel zusammen gequetscht hat, dazu Myriaden von Begebenheiten und Geschichten der Menschheit, bevor sie mit einem Korken verschlossen wurde: Von außen kann man sie nicht ansehen, ohne geblendet zu werden. Man kann sie nicht öffnen, ohne in sie hinein gesogen zu werden. Völlig blind nehme ich einen tiefen Atemzug, halte die Luft einen Augenblick in der Brust und atme dann aus, und während die Luft meinem Körper entweicht, löse ich den Korken und tauche klaren Bewusstseins tief in die Flasche hinein.
Aus dem Hebräischen: Alice Meroz
Fotografie: Ann-Kathrin Seidel