Ein Problem, mit dem wir uns bei unserem Auftrag der Vermittlung der deutschen Kultur in den Vereinigten Staaten immer wieder konfrontiert sehen, ist der Mangel an Übersetzungen aus dem Deutschen. Amerikaner, die keine deutsche Literatur in der Originalsprache lesen können, können sich nur sehr begrenzt ein Bild über die deutsche Literatur verschaffen, da nur sehr wenig übersetzt wird. Von Januar bis Mai dieses Jahr sind z.B. erst knapp eine halbes Dutzend aktueller deutscher Literaturtitel hier in den USA erschienen. (Ein Blick in die Bestsellerlisten des Spiegels zeigt, dass das Bild in Deutschland sich ziemlich anders präsentiert - übersetzte Autoren sind ein fester Bestandteil der Literaturbestseller).
Mit einer Vielzahl von Initiativen informiert das Goethe-Institut daher amerikanische Verlage über deutsche Literatur und unterstützt Übersetzungen – und vor allem auch Übersetzer. Damit ein übersetzter Titel dann auch ein Erfolg wird, ist schließlich die Qualität der Übersetzung von entscheidender Bedeutung. Der ‚Helen und Kurt Wolff Übersetzerpreis‘ des Goethe-Instituts Chicago zeichnet daher schon seit Jahren die beste Übersetzung des vorhergehenden Jahres aus und heute wurde als neue Preisträgerin 2011 die Kanadierin Jean M. Snook bekanntgegeben.
Damit die Branche auch auf neue Übersetzer aufmerksam wird, hat das Goethe-Institut New York einen Nachwuchsübersetzerpreis ins Leben gerufen, den ‚Frederick und Grace Gutekunst Preis für Nachwuchsübersetzer‘, der durch eine großzügige private Spende finanziert wird.
Im Bewerbungszeitraum von November 2010 bis Februar 2011 erreichten das Goethe-Institut New York über 190 Anfragen nach den Bewerbungsunterlagen. Der zu übersetzende Text war der Beginn des Romans Was davor geschah (Hanser Verlag) des Büchnerpreisträgers Martin Mosebach. Insgesamt 51 Übersetzungen des Textes wurden schließlich fristgerecht eingereicht.
Die Jury hat einstimmig Kári Driscoll, Student an der Columbia University als Gewinner ausgewählt. In der Preisbegründung heisst es: „Die als Gewinner ausgewählte Übersetzung hat die Jury durch den Rhythmus der Sprache, die elegante Prosa, die bewundernswerte Präzision und die originelle Neuschöpfung von Martin Mosebachs lyrischen Passagen und Naturbeschreibungen beeindruckt. Ähnlich wie die Nachtigall, die markant in dem ausgewählten Textteil fungiert, zeigt der Übersetzer eine Gabe für melodiösen, natürlichen und ungezwungenen sprachlichen Ausdruck."
In seiner Bewerbung für den Gutekunst Preis schrieb Kári Driscoll:
"In gewisser Weise habe ich ein materiell orientiertes Verhältnis zur Sprache: ich bin fasziniert von ihrem Aufbau, der Etymologie der Wörter und ganz besonders von gewissen Unübersetzbarkeiten, die jede Sprache in sich trägt. Dieser Ansatz der Sprachbetrachtung hat mein Interesse an der deutschen Sprache auf alle Fälle beflügelt, da diese für mich eine einzigartig geometrische Qualität in sich trägt: ihre Sätze sind im besten Fall wie kleine Kathedralen, die perfekt in ihrem komplizierten Aufbau konstruiert sind. Die Herausforderung, diese Strukturen zugänglich und für eine fremdsprachige Leserschaft fasslich zu machen, ist eines der größten Vergnügen bei der Übersetzung und ich hoffe, dass ich diese Herausforderung in diesem Fall meistern konnte. Es war auf jeden Fall sowohl nervenaufreibend als auch bereichernd, Lösungen für die lyrische Prosa von Martin Mosebach zu finden."
Der Nachwuchspreis wird auf dem Symposium des Wolff Preises am 15. Juni 2011 in Chicago verliehen. So hat der Nachwuchsübersetzer Kári Driscoll gleich die Chance, mit den etablierten Übersetzern und anwesenden Verlegern ins Gespräch zu kommen
About the project

Kommentare / Comments