Ca. 100 Gäste aus Europa nahmen an der ALA in Washington teil. Bei ca. 23.000 Teilnehmern ist das natürlich nicht viel. Aber es kommt bekanntlich nicht auf die Masse an, sondern auf die Klasse. Von daher war ich besonders neugierig dass Camila Alire, die diesjährige ALA-Präsidentin zu ihrem speziellen `president`s program` einen Europäer als Sprecher eingeladen hat: den Holländer Eppo van Nispen tot Sevenaer, Leiter der DOK Bibliothek in Delft hielt einen Vortrag mit dem Titel: "Libraries Wanted: Dead of Alive". Die Bibliothek in Delft ist übrigens die modernsten Bibliothek der Niederlande und gilt sogar als die modernste und innovativste Bibliothek der Welt. Kein Wunder, dass die Holländer Eppo van Nispen gerade zum Präsidenten des Bibliotheksverbands gewählt haben. Eppo war in seinem früheren Leben übrigens Leiter einer der wichtigsten Fernsehanstalten der Niederlande. Ein erstaunlicher Karrierewechsel und das sicherste Zeichen, dass Eppo Bibliotheken als lebendig und wichtig ansieht. Dabei sieht er die Lage der Bibliotheken durchaus nicht unkritisch. In seinem Vortrag führte eine ganz Reihe von Herausforderungen an, denen sich Bibliotheken heute ausgesetzt sehen.
Bibliotheken waren für lange Zeit die Nummer eins in der Informationsvermittlung. Doch die Entwicklungen der letzten zehn Jahre haben Bibliotheken im Informationsgeschäft jedoch fast völlig ins Abseits getrieben. Auf die Frage, wem man im Informationsbereich am meisten vertraut, nennen die meisten - wenig überraschend - Google. Die DOK in Delft hat man sich daher vorgenommen, dass man nicht nur die beste Bibliothek der Welt schaffen wollte, sondern diese Bibliothek sollte auch ein besserer Freund als Google sein und einen `added value` einen zusätzlichen Mehrwert bieten.
Wie sehen eigentlich unsere Kunden die Bibliothek? Eppo nahm die Gelegenheit seines Besuchs in Washington gleich wahr zu einer schnellen, informellen und recht amüsanten Meinungsumfrage mit Leuten von der Strasse, die er fragte: Würden Sie Bibliothekar werden wollen? Nein, das wollte keiner. Einer sagte sogar: also ehrlich gesagt, Bibliotheken - das ist doch wie Steinzeit. Offensichtlich eine Meinung, die einige der anwesenden Bibliothekare sehr verunsicherte, denn als Eppo die Frage an das Publikum hinterherschickte, wer von den Anwesenden heute Bibliotheken erfinden würde, wenn es sie nicht schon gäbe, hoben sich nur wenige Hände. Eppo selbst ist aber offensichtlich anderer Meinung. Bibliotheken haben einen großen Wert - allerdings nur, wenn sie sich verändern. Sie müssen sich beispielsweise dem veränderten Rezeptionsverhalten der Nutzer anpassen. In einer Zeit der zunehmenden Visualisierung sind Bibliotheken sind textlastig geblieben. Nur 17 Bibliotheksapplikationen für i-phone gibt es zur Zeit. Bibliotheken beschäftigen sich außerdem immer noch viel mehr mit ihren Sammlungen statt mit den Nutzern und deren Bedürfnissen und Gewohnheiten. Als Beispiel führte Eppo die Regel an, dass man in vielen Bibliotheken nicht essen und trinken darf. Was für ein Unsinn! Schließlich sind die meisten Materialien der Bibliothek ausleihbar und zu Hause könnten die Leute natürlich Pizza und Cola zu sich nehmen während sie lesen.
Was den Bibliotheken fehlen würde, so konstatiert Eppo, wäre der Spaßfaktor. Vielleicht brauchen wir in unseren Bibliotheken einfach mehr Leute wie Eppo van Nispen. Ob es in seiner Bibliothek immer lustig zugeht weiss ich natürlich nicht. Sein Vortrag hat jedenfalls nicht nur Spaß gemacht, sondern auch motiviert. Die Flughafenbibliothek, die in Amsterdam eröffnen wird ist übrigens auch ein Projekt von Eppo van Nispen. Genau wie TANK U , eine Downloadstation für e-Materialien.
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