In der einwöchigen Reise der sechs Vertreter von verschiedenen amerikanischen Ausbildungsstätten durch Deutschland und bei den Gesprächen mit Kollegen aus insgesamt sieben deutschen Hochschulen sind viele Ideen diskutiert worden. Bei allen zeigte sich ein großes Interesse an weiterer Zusammenarbeit, aber auch ein gesunder Realismus bei der Einschätzung dessen, was wohl möglich ist.
Der wesentliche Unterschied zwischen amerikanischem und deutschem Symsten besteht darin, dass in den USA Bibliothekswesen fast ausschließlich auf dem `graduate`level in Masterkursen angeboten wird. Die amerikanischen Studenten kommen mit dem BA eines beliebigen Fachs und machen einen zusätzlichen zweijährigen MA-Kurs um in einer Bibliothek arbeiten zu können. Bei der Mehrheit der Stellen im Bibliotheksbereich in den USA wird der Master verlangt. In Deutschland dagegen ist ein Bachelor in Bibliothekswesen die Standardausbildung und die meisten Stellen werden auf diesem Niveau vergeben. Ein Master ist nur erforderlich, wenn man eine Leitungsposition anstrebt. Amerikanische Studenten machen einen Auslandsaufenthalt normalerweise während ihrer Undergraduate-Studie. Ein längerer Auslandsaufenthalt wäre für amerikanischen Master Studenten äußerst schwierig in ihrem engen Zeitplan unterzubringen. Einen Austausch für ein ganzes Semester anzustreben wurde daher als eher unrealistisch eingestuft.
Eine Möglichkeit der Zusammenarbeit wurde von allen bei der Veranstaltung von Sommerschulen gesehen, wie sie z.B. von Stuttgart und Hamburg angeboten werden. Wenn die Blockveranstaltungen mindestens sechs `credits` erbringen, wäre es für amerikanischen Studenten auch möglich finanzielle Unterstützung für einen Aufenthalt in Deutschland zu beantragen. Wichtig ist auch, dass die Benotung und Punktevergabe von der jeweiligen Heimathochschule vergeben werden. So kann man die Problematik der unterschiedlichen Gebührenstrukturen in den USA und in Deutschland vermeiden. Eine Vermischung deutschen BA Studenten und amerikanischer MA Studenten im Bibliothekswesen wäre dabei kein Problem, da sie sich inhaltlich nahezu auf demselben Niveau bewegen.
Eine ganze Reihe von Möglichkeiten der Zusammenarbeit sah man auf der Ebene des direkten Kontakts zwischen einzelnen Hochschulen. Sowohl das Pratt Institute in New York als auch die Hochschule in Leipzig haben beispielweise einen Schwerpunkt im Bereich der Musik und schönen Künste. Die Zusammenarbeit, die das Pratt Institute unter anderem mit der New York Public Library for the Performing Arts hat, könnte auch für Leipziger Studenten interessant sein.
On-line Programme und Zusammentreffen von Studenten per Videokonferenz schien ebenfalls allen ein gangbarer Weg. In diesem Zusammenhang wäre es sogar möglich, dass ein Student ins Ausland geht und dort Kurse besucht, während er den Kontakt zu seiner Heimatinstitution per on-line Programm aufrecht erhält. Schließlich gibt es sowohl in den USA als auch in Deutschland komplette Studiengänge die mit minimaler Anwesenheit durchführbar sind.
Auch wenn ein Auslandsaufenthalt für ein Semester oder ein Jahr vermutlich die Ausnahme bleiben wird, wurde doch auf die Fördermöglichkeiten durch DAAD oder Fullbright hingewiesen.
Eine weitere Möglichkeit, die vor allem für Studenten aus Deutschland interessant ist, ist natürlich ein Praktikum in den USA, gerade wenn es sich um ein Praktikum in Verbindung mit einem speziellen Projekt handelt, wie es viele der Hochschulen von ihren Studenten in den höheren Semestern erwarten.
Eine weiteres Thema bildete der Austausch von Fakultätsmitarbeitern. Generell wird es nicht als Problem gesehen, dass Gastvorlesungen in Deutschland auf englisch gehalten werden. Für die deutschen Kollegen wäre es vor allem interessant, wenn an ihren Einrichtungen Veranstaltungen angeboten werden, die normalerweise nicht im Lehrangebot sind. Besonders reizvoll wären natürlich transatlantische Kursthemen, wenn also die Studenten in beiden Ländern sich mit demselben Thema beschäftigen.
Was das dritte Feld des Austausches betraf, die Zusammenarbeit bei Forschungsvorhaben, herrschte ebenfalls großes Interesse. Hier sollten allerdings die Kolleginnen und Kollegen noch mal genauer die Forschungsschwerpunkte benennen, damit ein `matching` leichter möglich ist.
Zusammenfassend waren sich alle einig, dass es wirklich interessant wäre, solche Aktivitäten in die Wege zu leiten. Ein gewisser zeitlicher Vorlauf muss dabei allerdings gewährleistet sein. Und es ist – wie bei allen guten Vorsätzen - wichtig am Ball zu bleiben. Deswegen wurde als erstes beschlossen, eine Mailingliste einzurichten, über die weiterer Austausch der Beteiligten stattfinden kann und die natürlich auch für Kollegen offen sein soll, die nicht die Gelegenheit hatten an der Reise teilzunehmen. Außerdem wurde beschlossen im Herbst eine Videokonferenz zu organisieren bei der die Teilnehmer der Reise und die deutschen Kollegen sich noch mal darüber austauschen können, was sie – nach Rücksprache mit ihren Institutionen – als erfolgversprechende Schritte weiterverfolgen wollen. Für die nächste Tagung von ALISE, der Association for Library and Information Science Education im Januar 2010 soll ein Vortrag eingereicht werden, um den übrigen Ausbildungsstätten – es waren ja nur 6 der 57 amerikanischen Ausbildungsstätten auf der Reise vertreten – die Überlegungen und Ergebnisse vorzustellen.
Saturday, 30. May 2009
Studienreise Bibliothekarische Ausbildung in Deutschland: Ergebnisse
Studienreise Bibliothekarische Ausbildung in Deutschland: Potsdam
Freitag, der letzte Tag der Studienreise, führte uns zu einer weiteren Ausbildungsstätte. An der Fachhochschule Potsdam, nur eine halbe Stunde entfernt von Berlin, hieß uns Hans-Christoph Hobohm, der Leiter des Ausbildungsprogramms, willkommen. Potsdam hat ebenfalls ein spezielles Unterrichtsangebot zu bieten: hier kann man einen Abschluss als Archivar machen. Besonders erfreut waren die amerikanischen Kollegen, dass sie in Potsdam zum ersten Mal eine detaillierte Auflistung der einzelnen Pflichtmodule für die drei unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen, die Potsdam bietet, gezeigt bekamen. Dies machte die Unterschiede (und Gemeinsamkeit) noch mal sehr viel greifbarer. Generell hatte man den Eindruck, dass man sich bei der deutschen Ausbildung sehr viel früher festlegen muss auf eine, dann sehr wenig `offene`, Richtung. In den USA ist es offensichtlich sehr viel üblicher, dass man sich einen sehr individualisierten Studiengang aus einem breiten Angebot an Lehrveranstaltungen zusammenstellen kann.
Eine wirklich gut Idee war, dass bei der obligatorischen Präsentation der amerikanischen Kollegen nicht nur die Fakultätsmitglieder anwesend waren sondern 25 Studenten eingeladen worden waren, die an einem Austausch mit den USA besonderes Interesse gezeigt hatten. Interessiert fragten die Studenten zum Beispiel, ob sich die finanzielle Krise in den USA negativ auf die Zahl der Einschreibungen auswirkt. Nein, war die generelle Antwort, an manchen Hochschulen wäre es sogar gegenteilig, da viele Studenten davon ausgehen, dass sie mit einem BA Abschluss sowieso keine Stelle bekommen würden und gleich an der Uni bleiben und einen MA anschließen.
Die Potsdamer ließen es sich natürlich nicht nehmen den Gästen die Attraktion ihrer Stadt vorzuführen und so begaben wir uns, begleitet von Kollegen der Hochschule, zu den Parkanlagen von Sanssouci. So ganz wollte man aber den inhaltlichen Aspekt der Reise nicht aufgeben und daher war die Besichtung einer der Bibliotheken von Friedrich dem Großen arrangiert worden. Zunächst legten aber wir noch einen kurzen Stop in der Villa Liegnitz ein, wo dann plötzlich und exemplarisch alte und neue Welt aufeinander stießen: während die amerikanischen Kollegen einige seltene Werke von 1740 aus der Bibliothek des Königs bewunderten - samt in die Bindung aufgenommenen Briefen und Korrekturen aus der Zeit - staunten die deutschen Kollegen über das `Amazon-Kindle` E-Book das eine der amerikanischen Kolleginnen auf die Reise mitgenommen hatte.
Eine wirklich gut Idee war, dass bei der obligatorischen Präsentation der amerikanischen Kollegen nicht nur die Fakultätsmitglieder anwesend waren sondern 25 Studenten eingeladen worden waren, die an einem Austausch mit den USA besonderes Interesse gezeigt hatten. Interessiert fragten die Studenten zum Beispiel, ob sich die finanzielle Krise in den USA negativ auf die Zahl der Einschreibungen auswirkt. Nein, war die generelle Antwort, an manchen Hochschulen wäre es sogar gegenteilig, da viele Studenten davon ausgehen, dass sie mit einem BA Abschluss sowieso keine Stelle bekommen würden und gleich an der Uni bleiben und einen MA anschließen.
Die Potsdamer ließen es sich natürlich nicht nehmen den Gästen die Attraktion ihrer Stadt vorzuführen und so begaben wir uns, begleitet von Kollegen der Hochschule, zu den Parkanlagen von Sanssouci. So ganz wollte man aber den inhaltlichen Aspekt der Reise nicht aufgeben und daher war die Besichtung einer der Bibliotheken von Friedrich dem Großen arrangiert worden. Zunächst legten aber wir noch einen kurzen Stop in der Villa Liegnitz ein, wo dann plötzlich und exemplarisch alte und neue Welt aufeinander stießen: während die amerikanischen Kollegen einige seltene Werke von 1740 aus der Bibliothek des Königs bewunderten - samt in die Bindung aufgenommenen Briefen und Korrekturen aus der Zeit - staunten die deutschen Kollegen über das `Amazon-Kindle` E-Book das eine der amerikanischen Kolleginnen auf die Reise mitgenommen hatte.
Studienreise Bibliothekarische Ausbildung in Deutschland: Berlin, Teil 2
Am Donnerstag, dem vorletzten Tag der Studienreise durch die bibliothekarischen Ausbildungsstätten in Deutschland ging es zunächst mal zu einer Einrichtung ganz anderer Art: ein Besuch bei amerikanischen Botschaft am Pariser Platz stand auf dem Programm. Nancy Rajzcak vom Information Resource Center hieß die Gäste willkommen, zu denen sich neben den Kollegen aus Berlin auch Vertreter der Fachhochschulen in Leipzig, Hamburg und Hannover gesellt hatten. Nach einem kurzen Rundgang durch das Gebäude, das erst letztes Jahr offiziell seiner Bestimmung übergeben worden war, fand man sich zu einer ersten Besprechungsrunde. Michael Seadle, der das Programm für Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Berlin leitet und seine Mitarbeiterin Elke Greifeneder gaben einen ersten Überblick über das Programm in Berlin – und über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu den Ausbildungen an den Fachhochschulen. Durch seine gute Kenntnis der Ausbildungssysteme in Deutschland und den USA konnte Michael Seadle auch noch ein paar Klärungen herbeiführen, was die Unterschiede in der Angebebotsstruktur betrifft: Module, Kurse, Klassen – was ist denn nun was? Wer hält Vorlesungen und wie sind diese aufgebaut? Sind es Professoren oder deren Assistenten, die Seminare halten? Und was ist der Unterschied zwischen einem Master- und einem Magisterabschluss? Welche Anforderungen werden in den Seminaren gestellt - mündliche Prüfungen, schriftliche Prüfungen oder Hausarbeiten? Mit welchen Voraussetzungen kann man eigentlich an einer Fachhochschule studieren? Und was verbirgt sich hinter dem `Referendariat` das früher zu Leitungspositionen in wissenschaftlichen Bibliotheken führte? Nicht genug damit, dass die Unterschiede zwischen deutschem und amerikanischem System begreiflicherweise zur Verwirrung führen, zusätzlich befindet sich das deutsche System durch die Entwicklungen des `Bologna Prozess` in einer Umorientierung, was eben dazu führt, dass ein `Magister` etwas anderes ist als ein `Master`. Früher war der Magisterabschluß eine Möglichkeit um höhere Positionen im Bibliothekswesen anzustreben. Doch da es nun sehr viel mehr Master-Absolventen gibt als bisherige Magister, da ja auch die Fachhochschulen diesen Abschluss anbieten können, stellt sich die Frage, ob nicht eine generelle Überqualifizierung der Bibliothekare die Folge ist. Nach der Erörterung dieser allgemeinen Fragen, zog man am Nachmittag in den Räumlichkeiten des Fachbereichs in der Dorotheenstraße. Dort stellten – nach der schon obligatorischen Präsentation der amerikanischen Kollegen – Martin Gennis und Ulrike Verch von der Fachhochschule Hamburg den dortigen Studiengang Bibliotheks- und Informationsmanagement vor. Zwei Richtungen für Bachelorstudenten und ein Masterprogramm werden dort angeboten. Das Masterprogramm gibt es erst sein 2008. Ab 2010 soll ein internationaler Studiengang `Digital Information Service` angeboten werden.
Leipzig, vertreten durch Gerhard Hacker, den Leiter des Bereiches, wurde als nächstes vorgestellt. Die Studenten aus Leipzig bestätigen eifrig das Vorurteil, dass die Sachsen äußerst reiselustig sind: 35% machen ihre Praktika außerhalb Deutschlands und 10% finden dann auch einen Job in einem anderen Land. Leipzig bietet zur Zeit noch keinen Masterabschluß an. Erst am 2010 wird Leipzig – als letzte Hochschule in Deutschland - diesen Schritt zur Umsetzung des Bologna Prozess vollziehen. Leipzig hat somit den Vorteil, dass es von den Erfahrungen der anderen Fachhochschulen, die den Schritt bereits vollzogen haben profitieren kann. Eine dieser Erfahrungen ist, dass es sich lohnt spezielle Nischen anzubieten, die andere Hochschulen nicht in gleichem Maße anbieten. Leipzig hat z.B. einen besonderen Schwerpunkt auf Angebote für Kinder und Jugendliche, Musik, historische Sammlungen und Bibliothekspädagogik (teaching library). Eine Besonderheit ist übrigens, dass die Bachelor-Ausbildung in Leipzig nur 7 Semester dauert und auch den Mastern wird man bereits nach 3 Semestern erreichen können.
Dieser Umstand bildet die Verbindung zur Ausbildung an der Fachhochschule Hannover deren Angebot anschließend von Christa-Rose Huthloff noch abschließend vorgestellt wurde.
Die Ausbildung, die an der Humboldt Universität angeboten wird, ist verständlicherweise etwas anders gelagert, da es sich um die einzige Universitätsausbildung zum Bibliothekar in Deutschland handelt und somit ist es auch nur in Berlin möglich in Bibliothekswissenschaft zu promovieren. 70 Dissertationen werden z.Zt. von Michael Seadle und seinen Kollegen betreut.
Leipzig, vertreten durch Gerhard Hacker, den Leiter des Bereiches, wurde als nächstes vorgestellt. Die Studenten aus Leipzig bestätigen eifrig das Vorurteil, dass die Sachsen äußerst reiselustig sind: 35% machen ihre Praktika außerhalb Deutschlands und 10% finden dann auch einen Job in einem anderen Land. Leipzig bietet zur Zeit noch keinen Masterabschluß an. Erst am 2010 wird Leipzig – als letzte Hochschule in Deutschland - diesen Schritt zur Umsetzung des Bologna Prozess vollziehen. Leipzig hat somit den Vorteil, dass es von den Erfahrungen der anderen Fachhochschulen, die den Schritt bereits vollzogen haben profitieren kann. Eine dieser Erfahrungen ist, dass es sich lohnt spezielle Nischen anzubieten, die andere Hochschulen nicht in gleichem Maße anbieten. Leipzig hat z.B. einen besonderen Schwerpunkt auf Angebote für Kinder und Jugendliche, Musik, historische Sammlungen und Bibliothekspädagogik (teaching library). Eine Besonderheit ist übrigens, dass die Bachelor-Ausbildung in Leipzig nur 7 Semester dauert und auch den Mastern wird man bereits nach 3 Semestern erreichen können.
Dieser Umstand bildet die Verbindung zur Ausbildung an der Fachhochschule Hannover deren Angebot anschließend von Christa-Rose Huthloff noch abschließend vorgestellt wurde.
Die Ausbildung, die an der Humboldt Universität angeboten wird, ist verständlicherweise etwas anders gelagert, da es sich um die einzige Universitätsausbildung zum Bibliothekar in Deutschland handelt und somit ist es auch nur in Berlin möglich in Bibliothekswissenschaft zu promovieren. 70 Dissertationen werden z.Zt. von Michael Seadle und seinen Kollegen betreut.
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