Chief Chamberlin erzählt diese Geschichte am Rande eines Häuptlingstreffens im "Chief Joe Mathias"-Zentrum in Nord-Vancouver, am Fuße der "Lions Gate"- Brücke. Das Reservat gehört den Sqamish-Nation. Das heisst, eigentlich ist es Eigentum der Crown und ist dem Stamm von der Regierung nur als Nutznießer zur Verfügung gestellt. First Nations sind nicht Eigentümer ihres Landes, und damit hängt vielleicht zusammen, dass die Häuser in den Reservaten so ärmlich wirken und ungepflegt.
Derzeit gibt es eine Debatte um sechs Werbe-Anzeigetafeln, die von der Sqamish-Nation zur Winterolympiade errichtet werden sollen, genau neben der Brücke und vor dem Ozean, elf Meter breit. "Visuelle Umweltverschmutzung", schreibt die "Vancouver Sun" und spricht von Geldscheffelei der Chiefs.

Die konservative Regierung will eigentlich keine Sonderstatus für die Ureinwohner. Sie sollen homini oeconomici werden, brave Bürger, sich assimilieren und Eigentümer werden. Die Stammesgemeinschaft würde zum Condominium. Die Chiefs wehren sich dagegen, bislang erfolgreich, wenn auch mit dem Nebeneffekt, dass die Nations es schwer haben, nicht in den Stand des Almosenempfängers zu fallen.Vor dem "Haus der Älteren" der Sqamish Nation hocken Menschen herum, und es sieht aus, als habe eine Hartz-4-Initiative Anstellung gefunden bei den Bad Segeberger Karl-May-Festspielen. Ein trauriger Anblick. Aufgeschwemmte Körper, graue Zöpfe, bunte Decken.
Bob Chamberlin ist Chief der Kwicksutaineuk-ah-kwa-mish, aus einem Dorf im Norden von Vancouver Island. In seiner Nachbarschaft wohnt auch Alexandra Morton, die Orca-Aktivistin. Chamberlin hat einen tellerflachen Bürstenschnitt und eine Vergangenheit, die er selbst als "Rock'n'Rolling" bezeichnet. "Der Bruch kam, als meine Großeltern mir den Namen Hethlamas gegeben haben. Das heisst: Wer Dinge richtig macht. Sie sahen etwas in mir. Das gab mir zu denken." Dann studierte er Aboriginal Administration und ist inzwischen einer der tonangebenden Indianer-Chiefs. Er habe, sagt er, ein "morbides Vergnügen" an Indianerpolitik.

Das braucht man wohl. Das Summit Meeting ist eines der unzähligen Treffen der Nations, um einen gemeinsamen Willen zu finden. Das Verhandlungszentrum ist mit etwa 50 Delegationen gefüllt. Nacheinander stehen sie auf und sagen, wie geehrt sie sind, da zu sein und dass sie den einladenen Chief und den Ahnen danken möchten. Dann setzen sie sich wieder. Vor jedem liegt ein Arbeitspapier des "First Nations Summit Meeting", es ist gelb und auch so dick wie das Telefonbuch einer Großstadt.
Bob Chamberlin gibt einen kurzen Abriss der Verhandlungen, der beteiligten Subkommissionen, Interessengruppen, der Fundamentalverweigerer und der Kollaborateure. Es klingt wie das Protokoll einer UN-Abrüstungskonferenz. Vermutlich ist das so, wenn über fünfzig Stämme sich einigen sollen, die jede einzelne als Nation auftritt, mit eigener Sprache, eigener langer Geschichte und ebenso endlos viel Zeit zum Palavern. "Das Verhandeln über den Treaty kann noch Jahre dauern", sagt er. "Genau das ist das Interesse der Regierung."
Eine Gruppe von Alten sing einen Anruf an die Geister der Ahnen. Sie tragen die Gewänder ihrer Vorfahren und schlagen die Trommel des Schamanen, bevor es einen Mittags-Snack gibt. Es sei schwer, sagt Chamberlin, einen gemeinsamen Willen zu finden. Auch, was den Lachs betrifft: "Manche Stämme arbeiten für die Fischfarmen. Die leben in der Stadt, kaufen ihren Lachs im Supermarkt. Denen ist ziemlich egal, ob flussaufwärts noch Lachse ankommen oder nicht."
"Okay", sagt Chamberlin. "Wo ist der Sockeye, fragen Sie? Es kann natürlich am Klimawandel liegen. Der Nordpazifik ist wärmer geworden. Aber daran können wir First Nations nichts ändern. Wir können uns aber um die Effekte der Lachszucht kümmern."
Politik heisst, sich das Machbare vorzunehmen.
Ein gutes Dutzend Ämter habe er inne, sagt Chamberlin. Und natürlich sitzt er auch im First Nations Fisheries Council. Er sei nicht gegen Lachszucht generell. "Aber die Zucht muss in getrennten Behältern erfolgen. Es darf keine Infizierung von Wildlachs-Populationen geben, keine Verpestung des Meeresbodens durch faulende Nahrung und Exkremente. Und vor allem keine Vermischung des Atlantik-Lachses mit einheimischen Spezies." Weiss man denn, was passiert, wenn eine fremde Population sich ausbreitet,die Nahrung wegnimmt, Seuchen verbreitet und Krankheiten, denen die Einheimischen schließlich zum Opfer fallen?
Das weiß man. Da haben die First Nations so ihre Erfahrungen gemacht.