Die Explosion in Fukushima löste natürlich nicht nur national, sondern auch auf internationaler Ebene eine immense Schockwelle aus. Inzwischen ist aus den Reaktoren eine große Menge verschmutztes Wasser und radioaktive Strahlung ausgetreten und fast jeden Tag erschüttern kleinere Nachbeben die Erde. Auch 2 Monate nach dem 11. März sind die Ereignisse noch immer nicht geklärt. Angesichts dieser schwierigen Situation stellen sich vor allem zwei Fragen: Warum konnte man zulassen, dass sich die Situation so verschlechtert? Und warum wurde so lange nicht gehandelt? Für die Beantwortung dieser Fragen muss man wohl oder übel auf den Bericht des Unfalluntersuchungsausschusses warten, der offiziell im Mai eingereicht wurde. Ich möchte aber an dieser Stelle kurz zusammenfassen, was in den Medien über die Katastrophe berichtet wurde. Daraus werden bereits Mängel und Versagen bei dem Versuch ihrer Bewältigung deutlich.
Zum Zeitpunkt der Katastrophe waren in Kraftwerk 1 die Reaktoren 1 bis 3 aktiv. Nach dem Erdbeben kam es zu einem automatischen Stillstand der Reaktoren und durch den Riesentsunami zu Überschwemmungen, was wiederum dazu führte, dass fast alle Abkühlungssysteme ausfielen. Eine Erklärung für diesen Ausfall ist der nahezu ungeschützte Zustand der Pumpvorrichtung, die dafür zuständig ist, das Meereswasser hochzupumpen. Außerdem war die Notstromversorgung für den Turbinenraum im Erdgeschoss des Gebäudes installiert und somit für Erdbeben und Tsunamis besonders anfällig. Nachdem um 15.42 Uhr im Kernkraftwerk 1 die Reaktoren 1 bis 3 nicht mehr mit Strom versorgt werden konnten und schließlich auch die Kühlanlage zur Verhinderung einer Kernschmelze ausfiel, rief die japanische Regierung den nuklearen Notstand aus.
Ein Ausfall der Bewässerung des Kernreaktors und der Abkühlung der Kernschmelze war zuvor von der Organisation für sichere Nuklearenergie (JNES) simuliert worden Somit war bekannt, dass es nach einer Stunde und vierzig Minuten zur drastischen Schmelzung atomaren Brennstoffs kommt, der dann nach drei Stunden und vierzig Minuten die Beschädigung des Kernreaktordruckbehälters zu Folge hat und schließlich nach sechs Stunden und fünzig Minuten sämtliche Behälter beschädigt. Man wusste weiterhin, dass wenn der Brennstab aus der Wasseroberfläche dringt, das Isolierungsrohr mit dem Wasserdampf reagiert und sich dadurch Wasserstoff entwickelt, die Gefahr einer Wasserstoffexplosion extrem hoch ist. Es musste also schnell gehandelt werden!
Noch vor der Beschädigung des Brennstabs gab es kaum radioaktive Brennstoffe, daher wäre dies der ideale Moment zur Verringerung des Drucks gewesen. Durch das Öffnen der Ventilklappe hätte der Wasserdampf aus dem Behälter austreten können. Auch mit dem Einlass von Meereswasser hätte man eigentlich sofort beginnen sollen. Doch obwohl die japanische Regierung die TEPCO bereits um 20.30 Uhr zur Verringerung des Drucks in den Behältern aufforderte, zog diese es vor, stattdessen Vorbereitungen zur Wiederherstellung der Stromversorgung aufzunehmen. Erst um 03.05 Uhr und nach mehrmaligen Aufforderungen durch die Regierung setzte TEPCO die Druckverringerung in Gang. Trotz der Verringerung des Drucks in Reaktor 1 kam es um 15.36 Uhr dennoch zu einer Wasserstoffexplosion. Der Befehl des japanischen Premierministers zum Einlass von Meerwasser in den Reaktor erfolgte um 18.00 Uhr, wurde jedoch ebenfalls erst verspätet umgesetzt.
Warum hat TEPCO so spät gehandelt? Offenbar hat sich in der Nacht vom 11. März auf den 12. März niemand im Land eingefunden, um auf die Gefahr einer Wasserstoffexplosion hinzuweisen und zu handeln. Als das Erdbeben ausbrach, befand sich der Generaldirektor der TEPCO in Nara auf einer Besichtigung; der Vorstandsvorsitzende war gerade in Peking und sollte erst am darauffolgenden Tag nach Tokyo zurückkehren. So war zu einer Zeit, in der sich das ganze Land in Gefahr befand, keiner der beiden Männer zur Stelle. Führt man sich vor Augen, dass angesichts eines Erdbebens von solchem Ausmaß die Rettung von Menschenleben höchste Priorität hat, dann tritt das Versagen in puncto Gefahrenbewältigung offen zutage. Man sollte noch einmal darüber nachdenken, dass der Staat bezüglich der nationalen Gefahr einer Kernschmelze keine wirksamen Maßnahmen ergriffen hat. So etwas darf nie wieder vorkommen.