2010 ist das Internationale Jahr der Biodiversität - im japanischen Nagoya tagt gerade die 10. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt. Aber - sind wir Menschen wirklich bereit, der Natur wieder Raum zu geben? Schließlich müssen wir dann zurückstecken. Als vor mehr als 20 Jahren in der Eifel die Biber wieder eingebürgert wurden, begleiteten das Proteste. Und die Aufregung kann immer wieder aufflackern, wenn sich einer der großen Nager einen neuen Bach als Lebensraum sucht. Von den Konflikten mit Bären (ach ja, der gute Bruno) gar nicht zu reden.
Wir sind es nicht mehr gewöhnt, mit Wildtieren zusammenzuleben. Und wenn ein Bauer zum Schutz seines Viehs gegen die einwandernden Wölfe große, wehrhafte Herdenschutzhunde einsetzt, bekommt er Ärger mit Joggern, Radfahrern und Spaziergängern.
Akzeptanzschwierigkeiten sind jedoch nicht nur ein europäisches Phänomen, sie gibt es auch hier an der Westküste Kanadas, wo die Menschen noch Seite an Seite mit sehr vielen Wildtieren leben. Bären gibt es hier, Pumas, Wölfe und und und. Sie waren immer da und sind wie Nachbarn. Aber jetzt kehrt der See-Otter zurück, nachdem Pelzjäger ihn bis zum Beginn des 20. Jahrhundert ausgerottet hatte. Und plötzlich gibt es Probleme.
In den 1970er Jahren waren die Otter von den Alëuten her zurückgeholt worden. Es brauchte ein paar Anläufe, aber inzwischen geht es den ebenso possierlichen wie intelligenten Raubtieren richtig gut: Sie erobern Bucht um Bucht. „Seeotter gehören zu den Schlüsselarten eines Ökosystems“, erklärt Kai Chan vom Institute für Ressourcen, Umwelt und Nachhaltigkeit an der University of British Columbia in Vancouver: „Wo sie auftauchen, verändern sie die Struktur ihrer Umwelt.“
Der Grund: Bei einem Körpergewicht von bis zu 40 Kilogramm verspeisen sie mehr als zehn Kilo Muscheln, Seeigel, Krabben und was sie sonst so erwischen können: täglich. Sie fressen sich ihr Ökosystem zurecht. Das freut Artenschützer, denn dank der Otter wachsen plötzlich die Kelpwälder wieder, das untermeerische Gegenstück der Regenwälder. Und wo der Tang zu wuchern beginnt, entsteht ein ungeheuer vielfältiger Lebensraum, der ausstrahlt und benachbarte Meeresgebiete fruchtbarer macht.
Die ungeliebten Beschützer der Kelpwälder

Seeotter schützen Kelpwälder und fördern ihr Wachstum. Ihr „gärtnerisches“ Erfolgskonzept liegt darin, dass sie Massen an Seeigel vertilgen, schließlich sind die es, die den Kelpwäldern den Garaus machen und durch ihren Fraßdruck verhindern, dass der Tang sich erholt. Super, sollte man denken. Aber genau da kommt das Akzeptanzproblem ins Spiel: Nicht nur für den Seeotter sind Seeigel eine Delikatesse. Und dann liebt er auch noch Muscheln mindestens ebenso wie der Mensch. Kai Chan: „Dass die Otter-Populationen aufblühen, ist toll für den Artenschutz, aber nicht so toll für die Bevölkerung, die nicht mehr daran gewöhnt ist, Muscheln und Meeresschnecken und Seeigel mit jemandem zu teilen - und zwar mit jemandem, der einen Riesenappetit hat.“
Kein Wunder, dass den See-Otter der Kormoran-Fluch trifft: Unter den Fischern, Anglern, Muschelzüchtern und auch der indigenen Bevölkerung der Westküste ist er oft nicht sonderlich beliebt. „Aus Sicht vieler Menschen verursachen Otter Kosten, indem sie Tiere verspeisen, die einen Marktwert haben“, erklärt Kai Chan. Eine der Folgen: Obwohl nur die Angehörigen der First Nations Sonderrechte haben und allen anderen das Töten von Ottern verboten ist, wird der eine oder andere Otter still und heimlich getötet. Manche Menschen wären ihn am liebsten wieder los - oder sähen ihn zumindest zahlenmäßig gerne stark reduziert.
Die Welt mit und ohne Otter
Seeotter greifen tief ins Ökosystem ein. „Wo die See-Otter heimisch werden, verändert sich das Verhalten ihrer Beutetiere wie Seeigel oder Abalone-Schnecken. Sie werden selten und sind dann auch noch schwer zu finden, weil sie sich in Felsspalten verstecken.“ Auch die Muschel bleiben in ihrer Gegenwart sehr viel kleiner als in otterlosen Ökosystemen. Aber dafür geht es Fischen, Krabben und den vielen anderen Organismen der Kelpwälder sehr gut. Der Übergang von einer „Welt“ ohne Otter in eine mit ihnen und mit Kelpwäldern geht sehr schnell: Nach fünf Jahren ist das neue Regime fest etabliert.
Wir sitzen im Büro von Kai Chan. Draußen scheint die Herbstsonne auf
Beautifuil British Columbia. Das Laub der Bäume hat sich verfärbt. Indian Summer in all‘ seiner Pracht. Und dann fällt auch der Blick auf das riesige Walskelett im neu eröffneten Beaty Biodiversity Museum. Unten am Strand, müsste man Vancouver Island sehen können, wie es sich sich zart im blauen Dunst abzeichnet. Die Insel wirkt so nah, aber die Fahrt zu den Buchten an der Westküste, wo die Otter leben, nimmt einen ganzen Tag in Anspruch. Das ist ein Punkt im Konflikt: Während in Kalifornien die Kosten, die der Otter verursacht, durch die Touristen, die er anzieht, mehr als wettgemacht werden, bleiben hier vor allem die isoliert lebenden Stämme der
First Nations sozusagen alleine darauf sitzen. Welche Touristengruppe fährt schon stundenlang über nicht geteerte Straßen?
Damit trotzdem alle eines Tages mit den Veränderungen in den Ökosystemen - nicht nur durch den Otter - leben können, wurde das
Aquatic Management Board ins Leben gerufen. In diese Einrichtung bringt sich die Bevölkerung ebenso ein wie Umweltgruppen, wie Regierung, Verwaltung, Fischer oder Angler. Auch Wissenschafter wie Kai Chan arbeiten mit. Er und seine Kollegen möchten durch die Erforschung der Ökosysteme Lösungen entwickeln und Entscheidungshilfen bieten. Etwa wenn es um die Otter-Management-Pläne geht, die manche Stämme erarbeiten.
Im Frühjahr hatten Kai Chan und seine Mitarbeiter die
Kyuquot-Checleseht besucht. Wer in diesem abgelegenen Teil von Vancouver Island lebt, ist auf das Meer als Nahrungsquelle angewiesen. Also hielt man gleich mehrere Treffen ab, um die Wünsche der Menschen besser zu verstehen: „Sie erzählten uns sehr eindringlich, wie sehr sie die Seeigel vermissen, die einen großen Teil ihrer traditionellen Ernährung ausmachten und außerdem als Delikatesse gelten. Früher waren sie häufig und einfach zu bekommen, heute ist es fast unmöglich, sie zu finden.“ Immer wieder kamen die Kyuquot-Checleseht im Gespräch darauf zurück: Eine Seeigelmahlzeit war und ist ein wichtiger Teil ihrer Kultur, vielleicht vergleichbar mit dem Bier für einen Bayern. Und das haben die See-Otter ihnen „weggenommen“.
Auf der Suche nach Lösungen
Archäologische Daten vermitteln einen Eindruck darüber, wie es früher war, als First Nations und Otter noch gewohnheitsmäßig zusammenlebten. Küchenabfälle sind da sehr verräterisch, und die Mülldeponien des 20. Jahrhundert werden wohl einmal Fundgruben für künftige Forschergenerationen sein. Aber zurück zum Thema. Die historischen Daten belegen, dass es über Jahrtausende hinweg im Ökosystem immer ein Hin und Her gab zwischen mehr Seeottern und mehr Seeigel gab. Und dass die Menschen es damals schafften, Muschelbänke anzulegen und auch selbst abzuernten - nicht die cleveren kleinen Räuber. Was auch immer damals der Trick gewesen sein mag, um sich ein paar Buchten otterfrei zu halten: Heute wäre es ideal, wieder passende Maßnahmen dafür zu entwickeln. Das ist nicht so ganz einfach, erklärt Kai Chan: „Seeotter sind erschreckend intelligent, und wenn es irgendwo ein abgesperrtes Gebiet gibt, in dem Mengen an leicht verfügbarem Essen locken, werden sie einen Weg hinein finden. Wir überlegen also, wie man ein System von abschreckenden Maßnahmen wie Lärm oder auch Schmerz schaffen kann, dass sie aus einzelnen Buchten heraushält.“ Dort könnten die Menschen dann züchten, was sie brauchen, ohne mit der Konkurrenz teilen zu messen - und das Meer, das würde den Ottern gehören, zum Teil jedenfalls, falls die Muschelfischer sie lassen.
Linktipp:
Dagmar Röhrlich auf Deutsche Welle