Ich dachte anfangs, es handle sich um einen Witz. Jeden Morgen fahre ich vorbei an der Baustelle der neuen U-Bahn auf der Hsin-Yi-Straße, genau gegenüber vom Eingang des Wahrzeichens Taipeis, dem 500 Meter hohen Bürogebäude „101“. An dem Bauzaun waren einige mickrige Topfpflanzen lieblos befestigt worden; der Begrünungsversuch war derart fehlgeschlagen, dass die Baustelle eigentlich noch trostloser aussah als vorher. Man konnte richtig Mitleid haben mit den kleinen Pflänzchen: Was für ein Dasein; bestaubt durch das ewige Graben der U-Bahn-Schächte, verdorrt von der gnadenlosen Mittagshitze und ständig umnebelt durch die Abgase des vorbeirauschenden Verkehrs. Wer hatte sich das wohl ausgedacht? Der Baustellenleiter? Das Bauunternehmen?
Ich konnte mir lange keinen Reim darauf machen, und täglich sah ich beim Vorbeifahren, wie die Pflanzen ein bisschen mehr verkümmerten.
Dann kam ich an einer anderen Baustelle vorbei. Hier hingen nun schmutzige Plastikblumen (es gibt nichts furchtbareres als verstaubte graue Plastikpflanzen). Am gleichen Tag an einer weiteren Baustelle sah ich plötzlich eine grüne Wand mit saftig grünen Pflanzen und Bewässerungsanlage!! Hier war eindeutig etwas im Busche. Plötzlich waren sie überall. An jeder Straßenecke grünte es, als ob die Natur sich langsam zurückkämpfe in die graue Stadt. Man spürte förmlich die reinigende und kühlende Wirkung - echte „flower power“! Die grünen Pflanzenwände waren nun nicht nur an Baustellen jeder Größe anzutreffen, sondern verzierten Wände und Fassaden an vielen öffentlich Gebäuden, Krankenhäusern und Bürohochhäusern, und das teilweise bis zur 3 oder 4. Etage.
Schließlich konnte ich das Rätsel lösen; ein Bekannter klärte mich darüber auf, dass es sich bei den Begrünungsanstrengungen um eine Anordnung der Stadtregierung Taipei handelt - als Vorbereitung der Taipei International Flora Show (das ist so was wie eine Blumen-Olympiade).
Außer der Zwangsbegrünung der Baustellen werden nun auch Baulücken und brachliegende Grundstücke über Nacht zu temporären Gärten und Mini-Parks.
Grundsätzlich ist jede Art der Verschönerung und Begrünung Taipei zu begrüßen. Ich frage mich nur manchmal, was eigentlich nach der Blumenausstellung mit ihnen passiert. Landen dann alle Pflanzen auf dem Müll, werden die in Mini-Community-Parks abgewickelt? Verschwindet das Grün wieder aus der Stadt?
Schön wäre eine nachhaltige Veränderung des Stadtbildes, schön wären urbane Obst- und Gemüseplantagen, schön wären Gründächer, lokale Kompostanlagen und eine Art „Guerilla-Gardening light” (zumindest eine aktivere Teilnahme der Bevölkerung und der vielen Umweltorganisationen). In Deutschland kann man die „Saatbomben“ für die „grüne Revolution“ schon im Designhaus Manufactum kaufen oder an Automaten ziehen. So viel Anarchie könnte sich auch Taipei leisten.