In der von Kolonialarchitektur ebenso wie von modernem Städtebau geprägten Altstadt ist die Atmosphäre alles andere als gelassen. Vor allem bei denjenigen, die nahe der Küste wohnen und nachts das Wellenrauschen des Atlantiks hören. Über ihnen schwebt ständig die Gefahr …
»Nachts passiert etwas Unerklärliches. Man hört ein seltsames Geräusch, dann kommt das Wasser bis ins Innere des Hotels«, erzählt Alpha Touré, Besitzer des Koral Beach.
»Meine Strohhütte, die zehn Meter lang war, hat das Meer schon mitgenommen, obwohl die Hütte mindestens elf Meter vom Meer entfernt war. Darum gibt es auch keinen Zaun mehr, auch vom Wasser mitgenommen«.
Die Einwohner von Grand-Bassam und insbesondere von Azuretti geben offen zu, dass sie kaum noch schlafen. Der Gedanke, selbst irgendwann vom Meer »verschluckt« zu werden, treibt sie ständig um.
»Wir sind beunruhigt. Wir können nichts für diese Situation. Das, was wir tun, hat unserer Ansicht nach nie dazu beigetragen, dass das Meer immer näher kommt. Der Staat muss uns helfen, eine Lösung zu finden, sonst reißt das Wasser uns alle mit sich«, fordert Monsieur Bognan Kouassi aus Azuretti deutlich ergriffen. Auch der im selben Dorf geborene Koblan Atchine spricht offen über seine Angst. Jean-Baptiste Mockey, der mittlerweile verstorbene allererste Bürgermeister von Grand-Bassam, hatte ihm vor mehr als dreißig Jahren etwas anvertraut.
»Er hat mir gesagt, dass das Meer eines Tages bis zum Dorf kommen würde«, erinnert sich Koblan Atchine, dem davor graut, dass diese »Prophezeiung« Wirklichkeit wird. Und er ergänzt:
»Für uns ist dieses Phänomen nicht neu. Wir sind beunruhigt, und die Behörden müssen etwas tun, damit wir unser Dorf nicht verlassen.« Doch eine Evakuierung der Bevölkerung von Grand-Bassam ist für ihn nicht ohne Weiteres denkbar.
»Abidjan wird von Tag zu Tag größer und grenzt mittlerweile fast an Grand-Bassam. Wenn wir das Dorf wegen des näher kommenden Meeres verlassen, wissen wir nicht mehr, wohin«, gibt er zu bedenken.
Das Meer kommt näher – Lösungsvorschläge und die alltägliche Angst
Für die Ozeanologen besteht die Lösung im Moment nicht in der Evakuierung von Grand-Bassam, sondern vielmehr in der Errichtung von Befestigungsanlagen in großem Umfang.
»Das, was in Grand-Bassam passiert, ist einem Sedimenttransport entlang der Küste geschuldet. Man muss also überlegen, einen Großteil dieser Sedimente, die vor der Stadt entlanggeführt werden, aufzuhalten. Es müssen Befestigungsanlagen gebaut werden, um den Sedimenttransport parallel zur Küste abzufangen«, empfiehlt Dr. Koffi Koffi Philibert. Ihm zufolge würde die Öffnung der Flussmündung eine Entlastung der Wasserflächen der Lagunen von Bassam erlauben und wirtschaftliche Aktivitäten befördern, vor allem den Fischfang.
»Durch die Schließung der Flussmündung fließt das Wasser des Comoé (eines der längsten Flüsse der Elfenbeinküste) auf etwa 35 bis 40 km auf Abidjan zu, bevor es auf Höhe des Kanals abfließt. Bei allem, was getan wird, müssen der Canal de Vridi und die Flussmündung von Bassam gemeinsam berücksichtigt werden«, merkt er an.
Auch der König der N’Zima Kotoko, des ursprünglichen Volkes von Grand-Bassam, Seine Majestät Tanoé Amon, zeigt deutlich seine Besorgnis angesichts der Überschwemmungen durch das näher kommende Meer.
»Grand-Bassam könnte verschwinden, wenn nichts getan wird. Und wenn die Stadt tatsächlich verschwinden würde, dann wäre das ein herber Verlust für Afrika«, sagte er kürzlich im Hof des Dorfältesten von Azuretti, Nanan Bognan. Anlass war der Besuch verschiedener Umweltexperten und des Ex-Gouverneurs des Bezirks Yamoussoukro, des Ministers Jean Konan Banny, vor Ort. Für Seine Majestät Tanoé ist
»Grand-Bassam ein Schatz«. Darum empfiehlt er, dass sich die Elfenbeinküste
»ernsthaft um das Problem kümmert«. Umso mehr, als Grand-Bassam gerade auf dem Weg ist, in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen zu werden. Für den König der N’Zima Kotoko ist die Öffnung der Flussmündung von Grand-Bassam eine der nachhaltigen Lösungen für das näher rückende Meer.
»Wir wollen eine Öffnung der Flussmündung in Form eines ständigen Kanals und keine künstliche oder provisorische Öffnung«, fügt er hinzu.
Während die umfangreichen Baumaßnahmen noch auf sich warten lassen, fürchten die Hotelbesitzer und Gastwirte von Grand-Bassam unterdessen um das Überleben ihrer Geschäfte. »Die Bedrohung durch das Meer hält unsere Kunden bereits jetzt davon ab, zu kommen. Und wenn das so bleibt, sind wir dazu gezwungen, unsere Hotels und Restaurants zu schließen. Dadurch würden mehrere Hundert junge Menschen arbeitslos werden«, warnt einer von ihnen.
Das Meer bedroht also nicht nur Wohnungen, sondern auch Arbeitsplätze. In Grand-Bassam ist die Angst ein alltägliches Gefühl geworden …
Übersetzung: Kirsten Gleinig