
Nachdem ich 10 Jahre in London verbracht hatte, wo die Saisonalität von Obst und Gemüse durch die Ansprüche eines globalen Nahrungsmittelmarktes oft aufgehoben wird, gewöhnte ich mich bald daran, das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse zu bekommen. Sorgfältig beschriftete Schilder wiesen nonchalant die Herkunftsländer aus: Zitronen aus Israel, Tomaten aus Marokko und Kirschen aus Argentinien. Meine Wocheneinkäufe waren international, geschmacklich abwechslungsreich und rasch erledigt. Nach einer Weile gelüstete es meine italienischen Geschmacksknospen allerdings doch (wieder) nach feineren kulinarischen Genüssen, also ging ich zu einer grünen Kiste mit Obst und Gemüse von britischen Biobauernhöfen über. Regional einzukaufen bedeutete auch, das CO2 meiner Lebensmittel „auszugleichen“. Ein kleiner Schritt, aber der Auftakt zu einer größeren Meuterei auf meiner Jagd nach frischem Obst und Gemüse.
Als ich nach Sardinien zurückkehrte, merkte ich, dass meine Optionen für „Fünf Portionen pro Tag“ plötzlich darauf reduziert waren, was gerade Saison hatte und auf dem Wochenmarkt im Dorf angeboten wurde. In dieser Hinsicht hätte der Widerspruch zwischen der Dynamik in der Stadt und der auf dem Dorf nicht überwältigender sein können. Es wäre scheinheilig zu behaupten, mein verändertes Einkaufsverhalten wäre ausschließlich eine Folge meines gesteigerten Bewusstsein für umweltfreundlichere Einkaufsmöglichkeiten gewesen. Natürlich ließ es mich innehalten und überlegen, als ich erfuhr, dass 1 Kilo Kirschen aus Argentinien 16,2 Kilo CO2 „wiegen“ und die italienische Durchschnittsfamilie bis zu 1.000 Kilo CO2 pro Jahr und 100 Euro pro Monat einsparen könnte, würde sie regionale und saisonale Produkte kaufen. Dazu waren in Sardinien natürlich auch kurze Produktions- und Lieferketten weiter verbreitet, was den Einkauf direkt bei den Bauern förderte.
Was den Beginn meines Strategiewechsels jedoch kennzeichnete, war meine Leidenschaft für Thai-Food und der egoistische Wunsch nach dem i-Tüpfelchen auf meinen Gerichten: frischem Koriander, mit vollem Geschmack und aromatisch duftend. Wie Sie sich vorstellen können, spielt Koriander in der sardinischen Küche keine tragende Rolle, und als ich feststellte, dass ich ihn nirgendwo bekam, beschloss ich, selbst welchen anzupflanzen. Eine Stunde Recherche im Internet förderte eine Fülle von Online-Experten und Enthusiasten zu Tage, die gerne ihre Tipps und allerlei Wissenswertes über das Anlegen eines eigenen Kräutergartens teilten. Gemeinschaften von Zeitgenossen, verteilt über den ganzen Globus, verbunden durch den Fachjargon für Pflanzgefäße, Pflanzerdemischungen, Wasser und Lichtquellen. Zu meinem Erstaunen zeigten sich bald kleine grüne Punkte und wuchsen zu gesunden Stängeln, aus denen Blätter sprossen, die schließlich meine grünen Thai-Currys geschmacklich abrundeten. Angespornt von meiner ersten erfolgreichen Erfahrung pflanzte ich danach Salbei, Rosmarin, Thymian, Majoran und Minze. Mein erster Kräutergarten stand in voller Pracht (siehe Bilder unten) und lag nur eine Treppe von meiner Küche entfernt.
Ich stehe mit meinem neu entdeckten Eifer nicht allein. Eine aktuelle Pressemeldung des italienischen Erzeugerverbands Coldiretti kündigte die Einführung eines neuen Schlags von Fachleuten an, die den Italienern, die gerade die Freuden und Vorteile des Gärtnerns entdecken – einem von vier –, bei der Umsetzung mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Art und Weise mag variieren – vertikal, urban, hochgebaut, sozial, pädagogisch –, aber Gärten sind unbestreitbar
in. Bei so vielen Wahlmöglichkeiten kaufen die modernen Anhänger einer der ältesten menschlichen Tätigkeiten zunehmend nicht nur regional, sie bauen auch lokal an.
Übersetzung: Jennyfer Deffland