In diesem Jahr gedenkt die Welt des 25. Jahrestags des berüchtigten Reaktorunglücks von Tschernobyl. Dass ebendieses Jahr im Zeichen einer weiteren nuklearen Katastrophe steht, dieses Mal im japanischen Fukushima, ist ein unglücklicher Zufall.
Der Atomunfall von Fukushima gilt als zweitgrößter nach Tschernobyl. Einem Artikel der New York Times vom 6. Juni 2011
1 zufolge gaben die japanischen Behörden an, dass mehr als doppelt so viel radioaktive Strahlung aus dem Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi entwichen sein könne, wie vorher angenommen. Das entspräche ungefähr 40 % der in Tschernobyl ausgetretenen radioaktiven Strahlung. Ebenso wie ihre Vorgänger in der ehemaligen UdSSR scheint die japanische Regierung die Situation geheim und Informationen zurückhalten zu wollen. Russische Umweltgruppen äußerten ernste Bedenken und wiesen darauf hin, dass die mit Verzögerung an die Öffentlichkeit gelangten Berichte die bereits widersprüchlichen Daten und Analysen der japanischen Behörden nur noch unklarer erscheinen ließen. Meines Erachtens können Katastrophen derartigen Ausmaßes, die sich auf große Teile der Welt auswirken, nicht allein auf nationaler Ebene bewältigt werden. Die internationale Gemeinschaft muss einbezogen werden, um zu vermeiden, dass durch mangelnde Informationen weitere Schäden entstehen.
Aufgrund ihrer Gefährlichkeit ist Atomkraft kaum eine umweltfreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen, die für die vom Menschen verursachten CO2-Emissionen und den derzeitigen Klimawandel verantwortlich sind. Deshalb wendet die internationale Gemeinschaft ihre Aufmerksamkeit erneuerbaren Energien zu, die laut der aktuellen Studie des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen IPCC bis 2050 bis zu 77 % des weltweiten Energiebedarfs decken könnten.
Nach der Katastrophe in Fukushima gaben die japanischen Behörden ihre Pläne zur Erbauung neuer Atomkraftwerke auf und suchen nach neuen „grünen“ Energieressourcen, die das Land ausreichend mit Strom versorgen können. Auch Singapur, Thailand, die Schweiz und ein paar andere Länder sehen nun von einem vorher angestrebten weiteren Ausbau der Atomenergie ab.
Ende Mai erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Deutschland bis 2022 aus der Atomenergie aussteigen werde. Strom müsse künftig immer ausreichend verfügbar, sicher, wirtschaftlich und umweltfreundlich sein, sagte Merkel
2. Umgehend begrüßte das staatseigene russische Unternehmen Gazprom, einer der Hauptexporteure von Erdgas in Europa, offiziell die Entscheidung der deutschen Regierung. Das entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie. Derzeit deckt Russland 32 % des deutschen Bedarfs an Erdgas, und Gazprom reibt sich bereits in Vorfreude auf steigende Exporte die Hände.
Zudem will Russland dem Ministerium für Industrie und Energie der Russischen Förderation zufolge weitere Kernkraftwerke errichten und damit den Anteil von Atomstrom an der gesamten erzeugten Energie auf 20-25 % steigern. Dieses Vorhaben erregt bei russischen und internationalen Umweltgruppen ernsthafte Besorgnis. China und Südkorea verfolgen die gleiche Politik wie Russland. Aufgrund der hohen Preise für Brennstoff und erneuerbare Energien sagen Wissenschaftler trotz des Reaktorunglücks in Fukushima einen Anstieg der Atomenergie in den kommenden Jahrzehnten voraus.
Natürlich fühlen die Russen mit den Japanern und können deren Leid nachempfinden. Durch Tschernobyl verstehen wir wie kein anderes Volk das Ausmaß der japanischen Tragödie. Trotz der Kriege und selbst trotz des derzeitigen Streits der beiden Regierungen um die Kurilen hat Russland Japan immer mit großem Respekt behandelt und die Intelligenz, den Fleiß, das Durchhaltevermögen, den Anstand, das Zusammengehörigkeitsgefühl und das außergewöhnliche kulturelle Erbe des japanischen Volkes bewundert. Durch diese Eigenschaften gelang es den Japanern, eine höchst moderne, hoch technologisierte Gesellschaft zu errichten, die trotzdem fest in der Tradition verwurzelt ist und ihre Vorfahren ehrt. Mit einer schnellen und nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung ging Japan mit einem gutem Beispiel voran, dem andere Länder hätten folgen können. Katastrophen wie in Fukushima oder Tschernobyl sollten einer solch nachhaltigen Entwicklung nicht im Weg stehen …
Übersetzung: Christiane Wagler
1 http://topics.nytimes.com/top/news/international/countriesandterritories/japan/index.html
2 http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/angela-merkel-energiewende-ist-eine-riesige-chance-fuer-deutschland_aid_632558.html