Bei Letzterem konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Medien größtenteils auf das Wahlkampfversprechen Gillards, keine Kohlenstoffsteuer einzuführen. Die einfache Erklärung dafür würde keine Kommentarseite einer großen Tageszeitung füllen und wird daher weitgehend ignoriert: Zur Zeit der Wahl bemühte sich die Regierung ziemlich vehement um ein Emissionshandelsgesetz, und Gillard konnte mit gutem Grund davon ausgehen, dass es in der einen oder anderen Form letztendlich zustande kommen würde. Das mysteriöse Verschwinden des Emissionshandelsgesetzes von den Verhandlungstischen nach der Wahl hinterließ ein recht bequemes Klimawandelvakuum, in dem keine echten Entscheidungen getroffen werden mussten und die Australier es sich wieder vorm Flachbildfernseher gemütlich machen konnten. Doch trotz seines Nischendaseins blieb das leidige Thema bestehen, dass wir immer noch tonnenweise Ignoranz in den Himmel pusten und uns im Übrigen auch die Kohle ausgeht. Und so beginnt nun alles von vorn. Die Lobbyvertretung der Bergbauunternehmen hat sich für den Kampf gerüstet, die Regierung verfolgt keine klare politische Linie, und Australiens Mittelstand ist empört darüber, nun die „wirklichen“ Kosten des verbrauchten Stroms bezahlen zu müssen.
Die Mehrzahl der Australier scheint hingegen bereitwillig eine „Mateship“-Steuer zu entrichten. Das ist eine einmalige, zusätzlich zu den diesjährigen Steuern anfallende Abgabe, um Hilfsmaßnahmen in den überschwemmten Gebieten zu finanzieren. Dabei geht es natürlich um einen Betrag in einer Höhe, der mit der Kohlenstoffsteuer nicht vergleichbar ist. Aber im Prinzip greifen die Australier also gern in die Tasche, um einem unverschuldet in Bedrängnis geratenen Landsmann zu helfen. Und falls doch nicht, sind sie sicher nicht so „unaustralisch“, das offen auszusprechen. Konfrontiert man sie jedoch damit, was die Versorgung einer modernen westlichen Gesellschaft mit Energie auf der Grundlage von Kohle und Öl – sowohl im Hinblick auf die Erzeugung als auch auf die Auswirkungen – tatsächlich kostet, sind sie absolut entrüstet (Hatte ich erwähnt, dass uns beide Rohstoffe ausgehen?). Dabei wird die Kohlenstoffsteuer den real anfallenden Kosten bei Weitem nicht gerecht werden, die Industrie wird stark subventioniert werden und die tatsächlichen Auswirkungen werden zumindest anfangs äußerst gering sein. Aber der Disput um das Thema konzentriert sich auf die finanzielle Belastung für australische Familien (Ich warte immer noch auf eine Diskussion über die Auswirkungen einer politischen Entscheidung auf alleinstehende Australier, die ja ebenfalls Steuern zahlen, vielen Dank auch, aber das ist eine andere Geschichte) und die Unverfrorenheit der Regierung, sie zu bitten, sich in ihrem unantastbaren Recht, dem australischen Lebensstil, einzuschränken.
Keiner redet darüber, warum die Steuer notwendig ist. Sie ist im Grunde genommen der Preis dafür, um weiterhin ohne Nachzudenken Kohlenstoff ausstoßen zu können. Anstatt darüber zu sprechen, wie wir zu einem nachhaltigeren Lebensweg finden und so unseren Bedarf an fossilen Brennstoffen senken können, wollen wir lieber über die steigenden Lebenshaltungskosten jammern (man hat’s schon schwer in einer Industrienation) und die neue Kohlenstoffsteuer gedankenlos in die Schublade der Dinge, für die wir lieber nicht bezahlen möchten, stecken.
Dass die australischen Medien und die sie konsumierende Wählerschaft die Problematik des
Verbrauchs immer noch nicht anschneiden (vom Mangel an proaktiven Maßnahmen zur Einschränkung des Klimawandels ganz zu Schweigen), zeigt, dass wir weiterhin am Kern der Sache vorbeigehen. Es geht nicht um die Steuer, es geht um die Notwendigkeit, nach Alternativen der Energiegewinnung zu suchen. Der Zusammenhang zwischen einer überdurchschnittlich hohen Meerestemperatur und der Zunahme des auf dieser Hälfte der Erdkugel so bekannten El Niño-/La Niña-Phänomens liegt auf der Hand – die Überschwemmungen und Stürme sind keine Launen der Natur, für die es keine Ursache gäbe, sondern Resultat messbarer Witterungsabläufe, und zu den messbaren Werten gehört auch die Meerestemperatur. Aber das ist nicht so brisant, wie die Wahlkampfäußerungen einer Premierministerin vor einem zunehmend komplexen politischen Handlungsrahmen auseinander zu nehmen. Setz dich wieder vor den Flachbildfernseher, Australien.
Übersetzung: Christiane Wagler